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Auswanderer in Peru Der Biobäcker und die sieben Zwerge

Auswanderer in Peru: Mit vollem Korn voraus Fotos
Jonas Nonnenmann

In Ulm rackerte Norbert Bloch bis zum Burnout. Seine Therapie: ein One-Way-Ticket nach Lima. Jetzt versucht der Biobäcker, Peruanern sein Brot schmackhaft zu machen. Denn Vollkorn, das ist bisher eher etwas für Gringos - und die Europäer in Perus Hauptstadt schätzen die kleine, tapfere Bäckerei.

Wie ein Jongleur wirft Bäckermeister Norbert Bloch den Teig von einer Hand in die andere. Ein abschätzender Blick, dann klatscht er die Masse auf das Backblech, grummelt auf Schwäbisch und rennt zu seinem Lehrling Ricardo Padilla, 18, der gemütlich Nussschnitten schneidet. "Ricardo, ven!", ruft Bloch und schüttelt den Kopf. "Komm her - so wirschd ja nie fertig."

Norbert Bloch, 49, ist keiner, der Arbeit gern abgibt. Während Lima schläft, schiebt er morgens um sieben Brot in den Ofen. "Siete enanos" heißt seine Bäckerei im Süden der peruanischen Hauptstadt - "Sieben Zwerge". Blochs Mission: Biovollkornbrot für eine Stadt, in der er den meisten erst erklären muss, was Vollkorn ist. Dass er nicht das gefärbte Weißbrot meint, ein paar Gramm Weizen mit Zucker, von denen ein ganzer Eimer voll weniger wiegt als eines von seinen Broten.

Für 500 Euro im Monat hat der Schwabe eine Backstube gemietet, mit Lampenschirmen aus Blecheimern und einem rostigen Ofen, Typ Nova Max 1000, am Rande eines Viertels, in dem Reiche ungern aus dem Auto steigen. Schräg gegenüber: der Markt Santa Rosa, ein Durcheinander aus Hühnern, Raubkopien und Bastlern, die für ein, zwei Euro den Discman reparieren. Bloch arbeitet an diesem Ort vor allem, weil die Mieten in einem besseren Viertel zu hoch sind.

Backkurse im Frauenknast

In Deutschland war Bloch 20 Jahre lang Leiter einer Ulmer Backstube, verkaufte Biobrot an Ökos in Zeiten, als die noch krumme Möhren in der Papiertüte kauften. Mitte der neunziger Jahre kam er dann über einen Weltladen nach Lima und gab Backkurse in einem Kinderheim. Bloch kam, ging, kam. Verdiente in Deutschland und arbeitete während der Ferien in Peru, wieder im Kinderheim und in einem Frauengefängnis. Dort richtete er mit ehemaligen Terroristinnen eine Backstube ein.

Waren die Ferien vorbei, schuftete Bloch wieder in der Ulmer "Kornmühle". Dort lief das Geschäft immer besser; dass sein Brot gut war, hatte sich bis nach Stuttgart herumgesprochen. Für Bloch bedeutete das: Stress, vom Morgengrauen bis in den späten Abend. Dazu kamen Probleme in der Ehe, zusammen war alles zu viel. Bloch brach zusammen.

Als er im Krankenhaus zu sich kam, erkannten die Ärzte Burnout und schickten ihn für vier Wochen in Kur, ins Glottertal bei Freiburg, einst Kulisse für die Fernsehserie "Die Schwarzwaldklinik". Dort kam Bloch zum Lesen, endlich, machte Sport und dachte über sein Leben nach. Ich muss weg von hier, sagte er sich. Endgültig. Raus aus der Arbeit, raus aus der Ehe. Am besten nach Peru, sein Synonym für Ferien und Raus-aus-dem-Scheiß.

"Ich habe mit Deutschland abgeschlossen"

2008 kaufte Bloch ein One-Way-Ticket nach Lima, fort aus Deutschland, hin zu einer neuen Liebe. Die Liebe heißt Arelis, ist 20 Jahre jünger und heute seine Frau. Mit Ende 40 wurde Bloch zum ersten Mal Vater.

"Ich habe mit Deutschland abgeschlossen", sagt er im Laufen durch die Bäckerei. Deutschland erinnere ihn an lästige Gespräche über Altersvorsorge und an Menschen, die sich ständig beklagen. Zurück wolle er höchstens, um seine Eltern zu besuchen. Sonst würde ihn eines Tages vielleicht nur noch die eigene Mentalität an Deutschland erinnern: das Pochen auf Pünktlichkeit, die Hetze, der Ärger darüber, dass es in diesem Viertel keine richtig ausgebildeten Elektriker gibt. "Irgendwann fällt mir vor lauter Improvisation noch das Dach auf den Kopf", flucht er und zeigt auf den jungen Mann, der gerade die Stromkabel zusammenflickt.

An der Kasse im Verkaufsraum klingelt es, Ding-Dong, wie im deutschen Tante-Emma-Laden. Ein Peruaner um die 50 zeigt auf eins der winzigen Brötchen, seinem Bauch nach kennt er sich mit Essen aus. "Que es eso - was ist das?", fragt er skeptisch. "Alles Vollkorn", sagt Bloch und rudert mit den Armen, "alles aus Peru."

In einem Dorf bei Huaraz kauft der Bäcker Getreide für zweieinhalb Soles das Kilo (etwa 60 Cent). Im Laden kostet das Mehl nur die Hälfte; weil es billiger ist und weil die peruanischen Kleinbauern nur im kleinen Stil produzieren, kaufen die meisten Großhändler im Ausland. Peruanischer Roggen sei besonders schwer zu besorgen, so Bloch.

"Ich verschenke mein Getreide schon als Saatgut, in der Hoffnung, dass ich nach der nächsten Ernte mehr kaufen kann", sagt er und zeigt auf zwei kümmerliche Säcke. Die konnte er nur kaufen, weil er sich schon vor einem Jahr darum kümmerte.

Peruaner assoziieren Vollkorn mit Armut

Der Mangel ist kurios in einem Land, in dem alles wächst und die Gastronomie einer der Motoren der Wirtschaft ist. Hier sind die Menschen so stolz auf ihr Fischgericht Ceviche wie die Deutschen auf ihre Autos: Die peruanische Esskultur, da ist man sich einig, wird die Welt erobern - an das Frühstück denkt dabei allerdings keiner.

Bloch hat vor, das zu ändern. Mit schwäbischen Backrezepten will er das Monopol der Weizenbrötchen brechen, Roggen und Quinoa ("Inkareis") ins Brot bringen. Wegen des Geschmacks, für die Gesundheit. Letztlich führt er die Limanesen damit zurück zu ihren Wurzeln, denn seine Rezepte sind zwar deutsch, aber das Backen mit Vollkorn hat auch in Peru Tradition. "In Huaraz gibt es leckere Vollkornbrötchen", sagt Bloch, "aber das assoziieren die hier mit Armut."

Knapp eineinhalb Jahre nach der Gründung, findet der Bäckermeister, laufe das Geschäft trotzdem besser als erwartet. Die Tageszeitung "El Comercio" hat mehrfach über die Bäckerei berichtet, bei einer Gastronomiemesse kam Präsident Alan García persönlich zum Stand.

Allerdings sind immer noch 90 der rund 100 Stammkunden Ausländer: Angestellte der Deutschen Botschaft, Entwicklungshelfer, Gringos, wie der Volksmund sagt. Leute wie die adrette Französin, die im neuen Geländewagen durch die halbe Stadt fährt für ein paar Vollkornbrote, von denen jedes so viel kostet wie drei Mittagsmenüs auf dem Markt. Am meisten verkaufen die "Sieben Zwerge" auf dem Biomarkt in Surco, einem besser situierten Viertel.

Eine Schule verdient mit

Den Gewinn teilt Bloch mit einer Waldorfschule für behinderte Kinder, die als Teilhaber des Geschäfts die Hälfte der Einnahmen erhält. Montags bis Mittwochs bekommt Bloch Besuch von Schülern und Betreuern, die bei ihm backen. Bloch betreut die Kinder selbst.

Für ihn bleiben 1000 Euro im Monat, etwa das Vierfache des peruanischen Durchschnittseinkommens. "Für mich allein würde das Geld hier gut reichen", sagt Bloch, "aber mit der Familie wird es eng." Die Miete für die Vierzimmerwohnung, die Arztkosten, da komme eine Menge zusammen.

Gegen zwölf Uhr sind alle Bestellungen erledigt, Ricardo fegt die Teigreste zusammen. "Viel zu wenig los heute", brummt Bloch. Hätte das Dreirad keinen Platten, könnte er heute damit losziehen. Das Dreirad hat das Hinterteil eines Fahrrads, das einen Verkaufstisch vor sich herschiebt - angemalt in den Farben der Bäckerei. Manche verkaufen Obst mit so einem Gefährt, andere transportieren Schrott. "Wenn Norbert durchdreht, weil er zu wenig Arbeit hat, fährt er damit auf die Straße und verkauft Brot", erzählt Ricardo.

"Man muss halt kämpfen", sagt Bloch. Gerade in Lima.

Jonas Nonnenmann (Jahrgang 1986) arbeitet als freier Journalist in Reutlingen. Zuvor besuchte er die Zeitenspiegel-Reportageschule.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Biobäcker Norbert Bloch sollte Entwicklungshilfegelder erhalten
ulli7 09.05.2011
Diese gute Idee sollte aus Deutschland unterstützt werden. Aber in Deutschland könnte das vermutlich die mögliche Meinung von Ministerialbeamten verhindern, dass ein selbständiger deutscher Biobäcker in Peru die armen Peruaner ausbeuten und sich ungerechtfertigt bereichern will.
2. .
rohfleischesser 09.05.2011
Zitat von ulli7Diese gute Idee sollte aus Deutschland unterstützt werden. Aber in Deutschland könnte das vermutlich die mögliche Meinung von Ministerialbeamten verhindern, dass ein selbständiger deutscher Biobäcker in Peru die armen Peruaner ausbeuten und sich ungerechtfertigt bereichern will.
Von meinen Steuergeldern soll dieser Bäcker, bei aller Sympathie, bitte keine Entwicklungshilfegelder bekommen. Ein wenig fiskalische Vernunft wäre angebracht.
3. Mir könnet älles!
AKI CHIBA 09.05.2011
Sogar peruanisch! Ond ob dees Brötchen heißt oder doch Wecken, dees ischd au egal! Mir müsset ja koi Hochdeitsch könne. En Ulm ond om Ulm ond om Ulm rom hend halt Weltbirgr ihr Heimat - sogar dr Einschdein!
4. Mir könnet älles!
AKI CHIBA 09.05.2011
Sogar peruanisch! Ond ob dees Brötchen heißt oder doch Wecken, dees ischd au egal! Mir müsset ja koi Hochdeitsch könne. En Ulm ond om Ulm ond om Ulm rom hend halt Weltbirgr ihr Heimat - sogar dr Einschdein!
5. Panaderia
carsonlau 10.05.2011
Also es würde mich wirklich sehr verwundern, wenn das die erste deutsche Bäckerei in Lima wäre .... (keinen Bock, da jetzt einen "Faktencheck" zu machen) Und wenn der gute Mann nicht total auf den Kopf gefallen ist, hat er schon eine Kleinprojekt bei der GTZ oder der Deutschen Botschaft vor Ort beantragt oder am Laufen.
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