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Bauingenieur in Moskau "Für 1000 Rubel wurde der Polizist freundlich"

Bauingenieur in Moskau: Wo haben die bloß das Geld her? Fotos

Die Russischlehrerin vergleicht ihn mit einem Hund, und der Nachbar sammelt mitten in der Nacht Unterschriften für den Erhalt der Werbetafel auf dem Dach. Wolf-Rüdiger Wichmann hat es beruflich nach Moskau verschlagen - und er wundert sich über nichts mehr.

"Ich habe noch nirgendwo so viele Luxusautos im Stau stehen sehen wie auf den Straßen von Moskau. Es ist zwar ein gutes Gefühl, wenn der Rolls Royce neben einem auch nicht schneller ist als man selbst, aber für den Arbeitsweg lohnt sich das Auto nicht. Da quetsche ich mich lieber in die überfüllte U-Bahn. Mein Vorteil ist, dass ich nicht sehr groß bin, so kann ich mich gut in die verbleibenden Lücken drücken.

Seit fast vier Jahren arbeite ich als Bauingenieur in Moskau und seit knapp drei Jahren bin ich Geschäftsführer der TPA Gesellschaft für Qualitätssicherung und Innovation. Das ist eine russische GmbH mit 28 russischen und zwei deutschen Mitarbeitern, die zum Verbund des Baukonzerns Strabag gehört. Wir betreiben Prüflabore und beraten in Material- und Qualitätsfragen, zum Beispiel beim Bau von Einkaufszentren, Wohnquartieren oder Hotels. Inzwischen erhalten wir nicht nur innerhalb des Konzerns Aufträge, sondern auch von russischen Unternehmen.

Ich habe schon auf Baustellen in Indien, Nepal, Thailand und Äthiopien gearbeitet. Als mir der Job in Russland angeboten wurde, war ich gerade in China. Ich bin in der DDR aufgewachsen und damals quer durch die Sowjetunion gereist - das war nicht legal, aber spannend. Ich war neugierig, wie sich alles verändert hat. Wenn ich gewusst hätte, dass zwei Monate später jemand für ein Tunnelprojekt im indischen Himalaja gesucht werden würde, hätte ich vielleicht anders entschieden.

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Kulturschock in Russland: Aus Berliner Studentin wird Moskauer Dozentin
Aus China war ich es gewohnt, immer mit einer Übersetzerin unterwegs zu sein. In Russland ist das keine Option. Um einen guten Kontakt zu Mitarbeitern und Geschäftspartnern zu bekommen, muss man die Sprache sprechen. Während meines Studiums an der TU Dresden habe ich zwar Russisch gelernt, aber das ist 30 Jahre her. Ein Kollege vermittelte mir eine Lehrerin, die mich nach den ersten Lektionen mit einem Hund verglich: Du verstehst fast alles, aber sprichst nicht.

Tatjana wollte mir nicht nur die Sprache, sondern auch die Kultur vermitteln. Als Lückentexte nahm sie Biografien russischer Persönlichkeiten, sie zeigte mir Gedichte und alte sowjetische Filme. Auch Kindertrickfilme musste ich mir ansehen. Auf einmal konnte ich mit meinen Moskauer Freunden und Kollegen auf einer anderen Ebene kommunizieren. Ich kannte ihre Redewendungen, die Filme und Bücher, die sie geprägt hatten.

Badehose bitte anbehalten

Der wichtigste russische Satz ist 'Alles wird gut'. Er passt immer: In der langen Schlange vor dem Einwohneramt, beim Arzt oder wenn man sich über die vereisten Bürgersteige ärgert. Nur beim russischen Fernsehprogramm finde ich ihn unpassend, denn das ist katastrophal: auf allen Sendern immer nur Seifenopern oder schlechte, amerikanische Filme. Diese laufen in Originalsprache, ohne Untertitel - übertönt von einer weiblichen und einer männlichen Stimme, die auf Russisch das Geschehen erläutern.

Ich wohne in einer Zweizimmerwohnung in einem zwölfstöckigen Haus aus der Stalin-Zeit. Meine Wohnungstür ist aus Stahl und hat unzählige Schlösser; wenn mich meine Frau oder meine erwachsenen Kinder besuchen, werden sie beim Auf- und Zuschließen immer ganz ungeduldig. Das Hauskollektiv wacht über alles, und wenn die Mitglieder eine Unterschrift für eine Kampagne wollen, schrecken sie auch nicht davor zurück, um 23 Uhr zu klingeln.

Zurzeit läuft eine Kampagne für den Erhalt der Werbung auf dem Dach unseres Hauses. Mit den Einnahmen werden die Gastarbeiter bezahlt, die im Hinterhof beständig räumen, säubern und nach dem Rechten sehen. Der neue Moskauer Oberbürgermeister hat beschlossen, dass großflächige Werbung aus dem Stadtzentrum verschwinden soll. Ein leuchtender Mercedes-Stern musste bereits umziehen, aber das Hauskollektiv will sich so schnell nicht geschlagen geben.

Sich durchzusetzen, gehört zum Leben in Moskau dazu. Im Fitnessclub verteidige ich inzwischen mein Schwimmrevier, wenn die Aqua-Gruppe mit den Pool-Nudeln zu früh antritt. Schwieriger wird es, wenn der Schwimmkurs für selbstbewusste Oligarchenkinder verlegt wird. Dann gebe ich auf. Akzeptiert habe ich auch, dass man in Moskau in der Sauna und unter der Dusche die Badehose anbehält.

Für 1000 Rubel wird der Polizist nett

Länger gedauert hat es, bis ich mich an die permanente Unlust des Servicepersonals gewöhnt hatte. Im 24-Stunden-Laden neben meinen Wohnhaus bin ich Stammkunde, nett ist die Verkäuferin deswegen nicht. Oder vielleicht doch, auf ihre Art? Wochenlang hat sie mich nach der Bonuskarte gefragt, irgendwann konnte sie wohl nicht länger mit ansehen, dass ich immer draufzahle, und gab mir ihre eigene. Trotzdem bekomme ich nach 23 Uhr leider kein Bier. Seit dem 1. Januar ist das gesetzlich verboten.

Eigenartig ist hier der Umgang mit Gesetzeshütern. Nach einem Theaterbesuch war mein Auto weg. Wie alle anderen hatte ich im Halteverbot geparkt. Während ich noch umherirrte, sprach mich ein Mann an, ob mir der VW Passat mit dem Strabag-Aufkleber gehöre? Er wisse, wo das Auto stehe, und für 2000 Rubel, etwa 50 Euro, könne er mir helfen, es auszulösen.

Ich stimmte zu, und er fuhr mich zum Polizeirevier. Dort seufzte der Polizist, als er meinen internationalen Führerschein sah: Wo denn die Übersetzung sei? Mein Begleiter sagte, ich solle in den Führerschein 1000 Rubel stecken und ihn noch einmal überreichen. Tatsächlich wurde der Polizist daraufhin sehr freundlich. Inzwischen weiß ich, dass mich das Auslösen des Autos nur 300 Rubel, also 7,50 Euro, gekostet hätte, wenn ich den regulären Amtsweg gegangen wäre. So habe ich 75 Euro gezahlt."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Peter Chemnitz

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insgesamt 19 Beiträge
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1. ***
keyoz 03.04.2013
Zitat von sysopDie Russischlehrerin vergleicht ihn mit einem Hund und der Nachbar sammelt mitten in der Nacht Unterschriften für den Erhalt der Werbetafel auf dem Dach. Wolf-Rüdiger Wichmann hat es beruflich nach Moskau verschlagen - und er wundert sich über nichts mehr. Auswanderer in Russland: Ein Bauingenieur aus Moskau erzählt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/auswanderer-in-russland-ein-bauingenieur-aus-moskau-erzaehlt-a-891077.html)
tja, da muss man sich seinen humor bewahren. ich denke, je länger man dort ist, desto mehr nervt es auch irgendwann, weil man sich zwar an vieles gewöhnt, aber im gegensatz zu den einheimschen auch weiss, dass es diese verhältnisse woanders nicht gibt. oder aber man mag als 'alter ossi' dieses heimelige, korrupte überwachungsgefühl. mch zieht dort absolut nichts hin.
2.
athrejou 03.04.2013
immer wieder verblüffend,wie bei solchen artikeln immer dieses "hach,ist das witzig,die welt ist ja so bunt,und so sind sie halt hier und dort" mitschwingt,sobald es um bar auf tatze geht. nur weil das nicht deutschland ist,heisst das nicht,dass das nicht das allerletzte ist,dass es sich um lupenreine korruption und damit um kriminelle polizisten handelt. das ist keine folklore,und diese korrupten arschl... ruinieren leben von menschen,die sich recht nicht erkaufen können,oder im krankenhaus nicht mal eben ein paar tausender hinblättern können,um operiert zu werden.
3.
Tostan 03.04.2013
Zitat von athrejounur weil das nicht deutschland ist,heisst das nicht,dass das nicht das allerletzte ist,dass es sich um lupenreine korruption und damit um kriminelle polizisten handelt. das ist keine folklore,und diese korrupten arschl... ruinieren leben von menschen,die sich recht nicht erkaufen können
Ähm, falsch.... Also die Beschriebene Abschleppsituation hat nix mit normaler Korruption zu tun sondern ist einfache (Ausländer)abzocke. Normale Korruption bei der Verkehrspolizei ist, wenn man für ein tatsächlich begangenes Vergehen(Geschwindigkeitsübertretung etc.) die Hälfte des offiziellen Bußgelds ohne Quittung bezahlt(bzw. das Geld im Polizeiauto "vergisst"). Erstens ruiniert die Polizei mit solchen Methoden niemanden, sie ist immer noch wesentlich preiswerter als der Monopolist in dieser Branche(also der Staat, das offizielle Bußgeld). Zweitens, wenn man die Gehälter der Verkehrspolizei in Russland sieht, dann sind diese Nebeneinkünfte auch vom Arbeitgeber eingeplant und geduldet. Ok, von einem oder Zwei Jahren gab es eine Wende .... Korruption soll bekämpft werden und die regulären Gehälter steigen .... obs tatsächlich passiert ,weiss ich aber nicht.
4.
niska 03.04.2013
Zitat von athrejoudas ist keine folklore,und diese korrupten arschl... ruinieren leben von menschen,die sich recht nicht erkaufen können,oder im krankenhaus nicht mal eben ein paar tausender hinblättern können,um operiert zu werden.
Die sind wenigstens konsequent was die Korruption angeht und in diesem Sinne sogar demokratischer als wir. Bei uns darf man als kleiner Mitarbeiter im ÖD z.B. keine Geldgeschenke annehmen und Blumen und Pralinen auch nur, wenn weniger als 10€ teuer. In der Politik, also im Big Business ist Korruption bei uns hingegen völlig legal. Nennt sich Lobbyismus. In der Privatwirtschaft ist Schmieren auch nach wie vor eine weit verbreitete Kunstform. Und auch in unseren Krankenhäusern bekommt der das Organ, der die Kohle hat (vgl. Krankenhausskandale der letzten Zeit).
5. Erfahrungen in Russland
calimer26 03.04.2013
Ich war selber mehrmals in Russland als Praktikant und konnte die gleichen Erfahrungen in Moskau machen. Einmal im Monat haben wir Moskau besucht, ich habe allerdings festgestellt Moskau ist nicht Russland. Für mich war Moskau immer nur groß , dreckig und ein einziger Stau. Ich war ca. 200 km südlich von Moskau "stationiert" und konnte dort das "wirkliche" Russische Leben erfahren. Erschreckend ist wie reich dieses Land an Rohstoffen eigentlich ist und wie wenig dort bei der Bevölkerung tatsächlich ankommt. Wenn Lehrerinnen nur ca. 300,-€ pro Monat verdienen und Facharbeiter auch nicht wirklich mehr, wird es sehr schwer für diese Leute zu eigenem Wohlstand zu kommen. Gerade die ländlichen Gebiete sehen zum Teil erschreckend aus. Kaputte Schulen, Straßen, kaum Infrastruktur etc.. Die Bewohner dieser Gegenden sind nicht sehr gut auf die „Moskauer“ zu sprechen. Beispielhaft sind die riesigen Kolonnen die am Freitagmittag fluchtartig Moskau verlassen. Ansonsten kann ich fast nur positives über Russland sagen das auch sehr, sehr schöne Ecken besitzt. Diese unglaubliche Weite ist faszinierend und die Leute vom Land sind sehr herzlich wenn sie ihre Scheu verloren haben.
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