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Kulturschock in Chile Ich bin dann mal Unternehmerin

Gründerin Lena im Glück: 40.000 Dollar vom Staat Chile? Hier bleib ich! Fotos

Eine Deutsche und ein indischer Neuseeländer machen "irgendwas mit Internet", gewinnen in Chile einen Gründerpreis, starten mit 40.000 Dollar durch. Lena Steinmeier hat das selbst am meisten verblüfft. Nach dem Studium wollte sie ein Jahr um die Welt reisen. Dann kam alles ganz anders.

"Alles fing damit an, dass ich nach meinem Lehramtsstudium durch Australien und Südostasien gereist bin. Dort habe ich Pravin kennengelernt. Ihm gehört in Auckland eine Marketingagentur, die sich auf Webdesign und -entwicklung spezialisiert hat. Was daraus wurde: Eine Deutsche gründet zusammen mit einem Inder aus Neuseeland in Chile ein Start-up und bekommt dafür von der chilenischen Regierung 40.000 Dollar. Das mag sich kurios anhören, ist aber die Kurzfassung meiner Geschichte.

Pravin bekam immer wieder Anfragen von Kunden, ob er nicht Leute vermitteln könnte, die für ihre Online-Magazine schreiben. So kam die Idee zu unserem Projekt: Ich habe Webdesigner, Blogger und freie Journalisten in Neuseeland, Australien und den USA angeschrieben und sie gefragt, ob sie Artikel schreiben könnten. Die meisten hatten tatsächlich Lust auf den Job, so ist in kurzer Zeit ein echter Geschäftszweig entstanden.

Wir haben so viele Anfragen von Agenturen und Schreibern bekommen, dass wir den Ansturm gar nicht mehr bewältigen konnten. Verdient haben wir damit auch nicht schlecht, denn für jede Vermittlung gab es Provision. So kam die Idee, die Sache Ganze größer aufzuziehen und eine Online-Plattform zu gründen, auf der wir Auftraggeber und Schreiber aus aller Welt zusammenbringen.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Nach vier Monaten bin ich aber erst einmal weitergezogen - nach Santiago de Chile. Dort habe ich ein halbes Jahr lang als Assistenzlehrerin gearbeitet. Auf die Stelle hatte ich mich schon während des Studiums beworben, ausgeschrieben war sie von 'Kulturweit', dem Freiwilligendienst des Auswärtigen Amtes. Danach wollte ich in Deutschland mein Referendariat als Grundschullehrerin für Deutsch und Mathe anfangen. Das habe ich jetzt erst mal verschoben.

Denn während meines Freiwilligendienstes habe ich eher zufällig von 'Start-up Chile' gehört. Bei diesem englischsprachigen Gründerwettbewerb der chilenischen Regierung dürfen auch Ausländer mitmachen. Wir mussten nicht lange überlegen und haben uns mit unserem Konzept und einem Vorstellungsvideo beworben. Ich war gerade wieder in Deutschland angekommen, als die Zusage kam. Aus 1500 Bewerbungen sind tatsächlich wir ausgewählt worden! Also habe ich mein Referendariat abgesagt, meine Sachen gepackt und bin wieder nach Santiago gezogen.

Programmierer aus Indien und Venezuela

Ich mag vieles hier: das Wetter, die Menschen, das Essen, die Stadt - nur die U-Bahn ist oft schrecklich überfüllt. Was mich jeden Tag verwundert, sind die Straßenhunde. Eigentlich sind es zahme Wesen, aber beim Anblick eines Taxis verwandeln sie sich regelmäßig in wilde Tiere und beißen in die Reifen. Dabei verhalten sie sich Menschen und auch anderen Autos gegenüber total gutmütig.

Als Gewinnerin des Start-up-Wettbewerbs habe ich ein Visum für ein Jahr bekommen. Der Beamte bei der Einwanderungsbehörde hat mir schon vorgeschlagen, dass ich danach die permanente Aufenthaltsgenehmigung beantragen könnte. Aber damit warte ich. Obwohl ich mich hier sehr wohl fühle, ist es auf längere Sicht bestimmt sinnvoller, in ein englischsprachiges Land zu ziehen. Unsere Plattform wollen wir erst mal auf Englisch starten, und mein Spanisch ist auch noch nicht so gut, dass ich mich fließend unterhalten könnte.

'Start-up Chile' fördert insgesamt 100 Jungfirmen sechs Monate lang - mit maximal 40.000 Dollar, mit Vorträgen und Workshops auf Englisch. Das Geld für die laufenden Kosten muss man vorstrecken und bekommt es dann jeden Monat erstattet. Weil Pravin mit seiner Marketingfirma schon Geld verdient, ist das zum Glück kein Problem, und Bürokosten haben wir keine: Mit den anderen Gründern teilen wir uns Gemeinschaftsbüros, wie in einem Coworking Space. Wer da ist, ist da. Feste Schreibtische gibt es nicht. Und die Atmosphäre ist toll, alle sind hoch motiviert.

Weihnachten bei 30 Grad Celsius

Die meisten anderen Gründer sind Chilenen, es sind aber auch Leute aus Sri Lanka, Aserbaidschan oder Frankreich dabei. Abends sitzen wir oft zusammen auf der Dachterrasse. Über dieses Netzwerk haben wir auch unseren Programmierer gefunden, er wohnt in Venezuela. Zusammen mit einem Inder baut er gerade unsere Website. Dank Internet ist so eine weltweite Kooperation ja zum Glück kein Problem.

Dass viele Gründer nach den sechs Monaten wieder in ihre Heimat ziehen werden, ist den Initiatoren des Wettbewerbs bewusst. Uns permanent hier zu behalten, ist auch nicht das Ziel. Wir sollen vor allem dabei helfen, in Chile eine Gründerszene aufzubauen, und unser Wissen an chilenische Gründer weitergeben. Für Vorträge, Mentorenprogramme oder Workshops an Schulen und Unis bekommen wir Punkte, und eine bestimmte Anzahl muss man sammeln, um im Programm zu bleiben. Ehrlich gesagt wäre diese Vorgabe aber gar nicht nötig. Diese Termine machen so viel Spaß, dass wir das auch freiwillig machen würden.

Im Februar gibt es einen großen Präsentationstag, da sitzen dann auch potentielle Investoren im Publikum. Ich bin schon gespannt, wie unsere Idee ankommen wird - und wohin es mich danach verschlägt. Mehr als einen PC und Internet brauche ich ja nicht.

Aber erst einmal genieße ich noch das Leben in Santiago de Chile und freue mich darauf, Weihnachten bei 30 Grad zu feiern. Im Supermarkt gibt es sogar Lebkuchen und deutschen Schinken zu kaufen. Und Erdbeerkuchen, der auf Spanisch tatsächlich 'Kuchen' heißt. Nur Schwarzbrot vermisse ich sehr. Eine Brotbackform habe ich aber schon gekauft, jetzt muss ich nur noch backen."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Verena Töpper

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insgesamt 11 Beiträge
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1.
Sleeper_in_Metropolis 18.12.2012
---Zitat--- Pravin bekam immer wieder Anfragen von Kunden, ob er nicht Leute vermitteln könnte, die für ihre Online-Magazine schreiben. So kam die Idee zu unserem Projekt: Ich habe Webdesigner, Blogger und freie Journalisten in Neuseeland, Australien und den USA angeschrieben und sie gefragt, ob sie Artikel schreiben könnten. Die meisten hatten tatsächlich Lust auf den Job, so ist in kurzer Zeit ein echter Geschäftszweig entstanden. Wir haben so viele Anfragen von Agenturen und Schreibern bekommen, dass wir den Ansturm gar nicht mehr bewältigen konnten ---Zitatende--- Mich wundert es sehr, das man damit ernsthaft Geld verdienen kann, und dann auch noch in der Größenordnung. Ich meine, alleine halb Berlin ist voll von kreativen Zwangsselbstständigen, die "Irgendwas mit Medien" machen wollen und ständig jammern, das sie permanent am Hungertuch nagen und sich um die wenigen, schlecht bezahlten Aufträge prügeln. Und nun wird der Laden der Dame aus dem Artikel von Agenturen die Tür eingerannt auf der Suche nach Leuten, die schreiben können&wollen ? Das passt doch irgendwie nicht zusammen.
2. textbroker
deutschlandquovadis 18.12.2012
Das Ganze gibt es schon jahrelang in Deutschland - es nennt sich Textbroker.... Eine Online-Plattform fuer Autoren und Kunden, die Texte suchen. Also keine neue Idee ......
3. So ist es...
scharfrichter1 18.12.2012
Freiwilligenzeiten im Ausland scheinen sich auf Gründer sehr positiv auszuwirken. Auch die Idee zu VORanwalt.de entstand wohl auf diese Art und Weise. So ist es mit den Gründungen oft: Im Ausland gelobt - in Deuschland selbstverständlich ohne Gründerpreise.
4. Schwarzbrot
conni77 18.12.2012
Liebe Lena, komisch, dass Sie das wirklich akzeptable Schwarzbrot in Chile noch nicht entdeckt haben, es wird im "Jumbo", aber auch in anderen Supermärkten angeboten, von der Firma "Fuchs" (besonders gut: "Centeno linaza" und "Centeno-avena" sowie verschiedene Sorten von "Villa Baviera". Daran soll's nicht liegen!
5. Kulturignorant ...
hasimen 18.12.2012
"Erdbeerkuchen, der auf Spanisch tatsächlich 'Kuchen' heißt." ... vielleicht ist Ihnen tatsächlich entgangen, das Chile mit tatkräftiger Deutscher Immigration mitgestaltet wurde. Bereits 1842 gab es die ersten Deutschen Einwanderer, die sich vorwiegend in der X. Region ( Pt.Varas / Pt. Montt / Frutillar / ... ) ansiedelten und schon damals viel mehr für Chile geleistet haben als so mancher andere heute - nur mit Läptopf ! Der Begriff Kuchen ist im Süden ( Lagunadeutsch ) gebräuchlich - aber nun wirklich nicht Spanisch.
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