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Azubi in Hongkong "Hausmeister, warum piekst du mich?"

Kulturschock in Hongkong: Ausbildung auf Kantonesisch Fotos

Eine WG im 24. Stock, Klimaanlagen-Probleme auf Kantonesisch und Hühnerfüße als Mittagessen: Kai Naujoks, 22, kämpft sich in Hongkong zum Berufszertifikat. Er macht in der asiatischen Metropole eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel.

"Der erste Sommer in Hongkong war hart: Über 30 Grad und 100 Prozent Luftfeuchtigkeit. Ich habe mich aber schnell eingelebt. Es ist ziemlich westlich hier und im Supermarkt gibt es alles zu kaufen, was es auch in Deutschland gibt - und noch mehr. Nur an die Hühnerfüße als Mittagessen kann ich mich nicht gewöhnen!

Ich bin jetzt seit gut einem Jahr in Hongkong und mache eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel bei der MGB Metro Group Buying. Wir koordinieren hier die Importe des deutschen Metro-Konzerns aus Asien für so genannte Non-Food-Artikel, also alles außer Lebensmitteln, und organisieren auch Lieferungen aus Ländern wie der Türkei oder Ägypten.

Wir nehmen die Bestellungen entgegen, etwa für Porzellan, da wird viel in China produziert, wir kümmern uns um die Verpackung, die Qualitätskontrolle und den Versand, zum Beispiel nach Portugal oder Spanien.

Ich sitze dreieinhalb Tage pro Woche im Büro und eineinhalb Tage bin ich in der German Swiss International School. Im Büro sprechen alle Englisch, der Unterricht ist aber auf Deutsch und die Prüfungsaufgaben sind die gleichen wie bei einer Ausbildung in Deutschland. Am Ende bekomme ich dann ein Berufszertifikat, das auch in Deutschland anerkannt ist.

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Hongkong: Uferblick und Bruce-Lee-Kick
Für die Ausbildung habe ich mich bei der Deutschen Außenhandelskammer beworben, die hat die Bewerbung dann weitergeleitet. Ich hatte mehrere Telefoninterviews, auch auf Englisch, und das hat dann geklappt.

Auf meinem Stundenplan steht auch Mandarin, obwohl in Hongkong alle Kantonesisch sprechen. Für die Arbeit ist Mandarin aber wichtig, denn das sprechen ja die meisten Geschäftspartner in China.

Neun Euro für ein Bier

Nach dem Abitur wollte ich nicht direkt studieren, sondern erst mal Praxiserfahrungen sammeln. Ich habe ein Freiwilliges Soziales Jahr in Paraguay verbracht und das hat mir so gut gefallen, dass ich unbedingt wieder ins Ausland wollte. Meine Eltern unterstützen mich dabei. Ohne sie ginge es auch nicht, denn Miete und Lebenshaltungskosten sind sehr teuer in Hongkong. Hier kostet ein Bier schon mal bis zu neun Euro. Und die Schule kostet 2800 Hongkong-Dollar pro Monat, das sind rund 255 Euro.

Als Gehalt bekomme ich umgerechnet 550 Euro, das ist nicht viel, aber dafür kann ich auch viel reisen. Ich war zum Beispiel schon in mehreren Porzellanfabriken in Südchina und habe die Produktion kontrolliert. Bald geht es nach Indonesien und Vietnam, um dort Fabriken und eine Messe zu besuchen. Eine Ausbildung in Deutschland könnte mir das sicher nicht bieten.

Ich wohne im Bezirk Wan Chai, direkt im Zentrum der Stadt, im 24. Stock. Es gibt hier gar keine Häuser unter 25 Stockwerken. Ich teile mir die Wohnung mit einem Mitschüler. Jeder hat 15 Quadratmeter, das ist hier recht viel Platz. Ein normales Zimmer hat in Hongkong oft nur vier Quadratmeter.

Der Hausmeister wird handgreiflich

Eines Abends stand der Hausmeister, der kein Wort Englisch kann, vor der Wohnungstür und machte Zeichen, dass ich mal mitkommen soll. Er hat mich dann in die Wohnung einer älteren Dame gebracht, die schräg über uns wohnt. Beide haben auf das Wohnzimmerfenster und die Klimaanlage gezeigt und wild auf Kantonesisch auf mich eingeredet. Irgendwann haben sie angefangen, mich leicht in den Arm zu pieksen.

Ich habe nichts verstanden und die ganze Zeit auf Kantonesisch "Danke" gesagt. Irgendwann bin ich einfach gegangen. Als ich dann später noch mal runter bin, um etwas zu essen, hat der Hausmeister mich abgefangen.

Er hat wieder auf mich eingeredet und hat dann etwas auf ein Blatt gemalt, was wie ein Vogel aussah. Nach ein paar Minuten wildem Kantonesisch und noch mehr Vögeln kam ein Nachbar vorbei, der Englisch konnte und hat mich endlich aufgeklärt: In der Klimaanlage vor unserem Wohnzimmer hatte sich Wasser gesammelt, das hatte Mücken angezogen und die waren durch die Klimaanlage der älteren Dame in ihre Wohnung gelangt und hatten sie gestochen - deswegen das Pieksen in den Arm. Mit einem Anruf beim Vermieter war alles schnell geklärt - und die Klimaanlage wurde repariert.

Ende Juni bin ich mit der Ausbildung fertig, dann möchte ich gerne studieren, vielleicht in Dänemark. In Wan Chai zu bleiben, kann ich mir nicht so gut vorstellen. Auf die Dauer ist es mir dann doch zu laut, zu voll und zu teuer. Dass ich irgendwann einmal nach Hongkong zurückkehre, will ich aber nicht ausschließen."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Verena Töpper

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insgesamt 7 Beiträge
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    Seite 1    
1. Hehe
Layer_8 14.11.2011
Zitat von sysopEine WG im 24. Stock, Klimaanlagen-Probleme auf Kantonesisch und Hühnerfüße als Mittagessen: Kai Naujoks, 22, kämpft sich in Hongkong zum Berufszertifikat. Er macht in der asiatischen Metropole eine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/0,1518,797191,00.html
So ist halt Asien :) Ich persönlich würde aber Singapur bevorzugen. Das liegt sowas von zentral zwischen Indien und Australien und fürs Wochenende kann man mit dem Speedboat auf ne Trauminsel fahren, z.B. Pulau Tioman. OK, OK, ist mittlerweile schon 15 Jahre her bei mir. * seufz *
2. ...
justaguy85 14.11.2011
Hmmm, wann kommen denn die ganzen Leute die ihn jetzt hinterrücks niedermachen, so wie sie Markus Beck niedergemacht haben, nur weil er sich was traut und nicht langweilig in Deutschland hockenbleibt? Btw....find toll was der Kerl macht, Respekt vor seiner Abenteurlust und seinem Mut! Weiter so!
3. finanzielle Freiheit
Power_Shifter 14.11.2011
Der Mann kann sich wirklich glücklich schätzen. Zuerst ein soziales Jahr in Paraquay und nun eine Ausbildung im Ausland, die ebenfalls von den Eltern gesponsort wird. Das schmälert meinen Respekt für diese Aktion doch etwas. Dies ist eher ein großes Abenteuer ohne das sonst nicht geringfügige finanzielle Risiko. Achso, und dann wird ja noch in Dänemark studiert. Mal sehen wer das finanziert ;-)
4. Neid
quabah 15.11.2011
Zitat von Power_ShifterDer Mann kann sich wirklich glücklich schätzen. Zuerst ein soziales Jahr in Paraquay und nun eine Ausbildung im Ausland, die ebenfalls von den Eltern gesponsort wird. Das schmälert meinen Respekt für diese Aktion doch etwas. Dies ist eher ein großes Abenteuer ohne das sonst nicht geringfügige finanzielle Risiko. Achso, und dann wird ja noch in Dänemark studiert. Mal sehen wer das finanziert ;-)
Klar, ein Abiturient aus mittleren oder einfachen Verhältnissen kann sich sowas nicht leisten. Aber man kann Leuten ja nun nicht vorwerfen, dass sie aus gut situierten Verhältnissen stammen, Wenn jmd die Möglichkeit hat, soll er es so machen!
5. -
PZF85J 15.11.2011
Zitat von Power_ShifterDer Mann kann sich wirklich glücklich schätzen. Zuerst ein soziales Jahr in Paraquay und nun eine Ausbildung im Ausland, die ebenfalls von den Eltern gesponsort wird. Das schmälert meinen Respekt für diese Aktion doch etwas. Dies ist eher ein großes Abenteuer ohne das sonst nicht geringfügige finanzielle Risiko. Achso, und dann wird ja noch in Dänemark studiert. Mal sehen wer das finanziert ;-)
Auch wenn das in Deutschland recht unüblich sein mag, schliesslich ist doch der Staat für alles verantwortlich, gehört es m. E. zu den vornehmsten Aufgaben der Eltern dafür zu sorgen, dass die Kids eine sehr gute Ausbildung erhalten. Das dürfte dem jungen Mann, ebenso wie mir, reichlich gleichültig sein. Vermutlich gehören Sie zu den Leuten, die die paar popeligen Euro Studiengebühren in Deutschland rigoros abgelehnt haben.
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