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Denglisch auf der Berlinale "You know I have a Sprachfehler"

Wiz grietings from Pforzheim: Berlinale-Chef Dieter Kosslick Zur Großansicht
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Wiz grietings from Pforzheim: Berlinale-Chef Dieter Kosslick

Es ist Berlinale, in der Hauptstadt herrscht eine ausgelassene Anglophonie. Mittendrin: Direktor Dieter Kosslick. Sein kauzig-kreatives Englisch erinnert an Oscar-Gewinner Emil Jannings - und an das erste "Tu bie or not tu bie" der deutschen Filmgeschichte.

Berlinale-Zeit ist Englisch-Zeit. So viele Gäste, ständig Partys und dazwischen die stolzen Gastgeber. Kein Wunder, dass sie am liebsten über ihre gute Stimmung sprechen - und das stets in unserer Lieblingsfremdsprache:

Deutscher: You know, I am living in Böhhlin because everyone is so relaxed.
Amerikaner: I know.
Deutscher: Oh look, there is a shooting. (Wirklich? Eine Schießerei?)
Amerikaner: Errr - really?

Wie schwierig es ist, im Englischen oder auch im Deutschen die richtigen Worte zu finden, beweist ja gerade das Kino. Als ich neulich "The Wolf of Wall Street" in der Originalfassung ansah, musste ich staunen: Da stand im deutschen Untertitel "Wir sind Junkies", doch Leonardo DiCaprio sagte: "We are addicts." Später las ich "Wir führen einen Small Talk", doch gesagt wurde: "We are having a chitchat."

Falsch ist das nicht, aber es ist offensichtlich: Viele englische Worte, die wir gerne verwenden, sind überhaupt nicht mehr in. Besonders gefährlich sind natürlich immer "false friends", Vokabeln also, die nur vermeintlich gleiche Bedeutungen haben. Wer zum Beispiel auf der Berlinale kundtun möchte, wie "genial" alle und alles sind, der darf das Wort nicht leichtfertig ins Englische übertragen - es bedeutet nämlich "warmherzig" und "freundlich":

Deutscher: Here in Böhhlin you can touch the stars, you know.
Amerikaner: The movie stars?
Deutscher: Of course. It's genial, you know.
Amerikaner: That's right.

Mitten in dieser ausgelassenen Anglophonie fällt auch Dieter Kosslick auf. Er ist der Direktor der Berlinale, und er lässt es sich seit 13 Jahren nicht nehmen, neben dem filmischen Hauptteil seines Festivals ein eigenes Unterhaltungsprogramm aufzuführen: die Dieter-Kosslick-Show.

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Fester Bestandteil dieser Show ist sein burleskes Englisch. Der gebürtige Pforzheimer hat selbst schon einmal spontan - und recht Schäuble-mäßig - über sich geurteilt: "You know I have a Sprachfehler." Damals brach er sich mit dem Satz "The digital distribution is disregarded" beinahe die Zunge.

Dieses Jahr fällt Kosslick vor allem damit auf, dass er den Film "Monuments Men" unentwegt in "Monument Mans" umtitelt - und ihn gewissermaßen an Wim Wenders vorbei in eine Art "Himmel über Paris" umdeutet, in dem die Bösen zu Engeln werden: "… before the monument mans came and the Nazis had to fly".

Wäre "Monuments Mans" Kosslicks eigenes Werk - man könnte begeistert "Bingo!" rufen. Denn sein Grad künstlerischer Freiheit erinnert mich an Quentin Tarantino, der den Titel seines Films "Inglorious Basterds" auch bewusst falsch geschrieben hatte. Brad Pitt nannte solche sprachlichen Grenzgänge auch mal "Tarantino-isms".

What watch? - Ten watch. - Such much?

In Berlin dominieren die "Kosslick-ismen". Und wenn man will, kann man in ihnen viele geniale Zitate finden - so "genial", dass wir uns zum Beispiel an den "freundlichen" und "warmherzigen" Herrn Leuchtag im Film "Casablanca" erinnert fühlen dürfen. Herr Leuchtag war ein deutscher Emigrant, der vor seiner Ausreise nach Amerika in "Rick's Café Américain" saß und dort mit seiner Frau den wohl berühmtesten aller denglischen Filmdialoge fabrizierte:

Herr Leuchtag: Liebchen - Sweetnessheart. What watch?
Frau Leuchtag: Ten watch.
Herr Leuchtag: Such much!

Und das ist es, was mich am meisten verblüfft: Kosslicks Ähnlichkeit mit dem deutschen Kauz im internationalen Kino. Im Englischen nennt man einen Kauz einen "fogey" - und einer, an den ich besonders denken muss, ist Professor Rath im Film "Der Blaue Engel". Heinrich Mann hatte sich die Rolle ausgedacht ("Professor Unrath"), gespielt wurde sie von Emil Jannings. Er war es, am Rande bemerkt, der 1929 den ersten Oscar für die beste Hauptrolle gewann.

Der Film entstand 1930, der mehrsprachige Versionenfilm erlebte damals eine Blüte. Meistens mussten dieselben Schauspieler verschiedene Versionen in unterschiedlichen Fremdsprachen sprechen, obwohl sie diese oft gar nicht beherrschten. Gewisse Titelvarianten machen einen im Nachhinein stutzig: "Halfway to Heaven" hieß "Der Sprung ins Nichts". "The Letter" wurde "Weib im Dschungel". Und ein Film mit dem unheimlichen Titel "Manslaughter" war für das deutsche Publikum "Leichtsinnige Jugend".

Tu bie or not tu bie

Der "Blaue Engel" war aus Berliner Sicht der Versionenfilm, der alle anderen überragt. Regisseur Josef von Sternberg - eine Art Tarantino mit einem Schuss Klaus Kinski - schuf ihn in einer englischen und einer deutschen Version.

Die Geschichte: Professor Rath verliebt sich in die Tänzerin Lola Lola alias Marlene Dietrich, gibt dafür seine preußisch-strenge Existenz als Schullehrer auf. Daran geht das "Professorchen", wie ihn Lola Lola nennt, zugrunde. In einer der ersten deutschen Tonfilmszenen überhaupt unterrichtet der Professor eine Klasse junger Herren in Englisch, Thema Hamlet. Und hier muss ich an Dieter Kosslick denken. "Tu bie or not tu bie - zat is ze kwestschon", sagt Janning in bestem Kosslick-Denglisch. Als ein Schüler die berühmte Zeile nicht flüssig genug zitiert, fährt er ihn an: "Halt, rong. Jua äffidäntalli diss-satisfait wiz ze akzeptet prononziäischn of ze word ze."

Der Journalist Philip Oltermann hat die Szene ausführlich in seinem Buch beschrieben: "Dichter und Denker. Spinner und Banker. Eine deutsch-englische Beziehungsgeschichte". Oltermann, der heute für den "Guardian" aus Berlin berichtet, schreibt: "Diese Szene war sinnbildlich für das Deutschland der zwanziger Jahre: Sein Bemühen, sich selbst als welterfahren (worldly-wise) und kosmopolitisch darzustellen, und sein komplettes Versagen in diesem Anliegen."

PS: Eine Frage, die ich mir schon seit vielen Jahren stelle: Warum betonen viele Deutsche "Berlin" auf der ersten Silbe anstatt auf der letzten? Sie sagen immer "Böhhlin" statt "Bölinn". Ist es auch künstlerische Freiheit oder ein Versuch, kosmopolitisch zu sein?

  • KarriereSPIEGEL-Autor Peter Littger sammelt in seiner "Fluent English"-Kolumne die schönsten Englisch-Patzer und Beispiele für sprachliche Kreativität. Ihn beschäftigt seit der Schulzeit, wie wir Deutschen im Ausland ankommen und mit fremden Sprachen und Sitten umgehen. Er ist Co-Herausgeber des soeben in englischer Sprache bei KE7.NET erschienenen Buchs "Common Destiny vs. Marriage of Convenience. What do Britons and Germans want from Europe?" 28 Essays, unter anderem mit Roman Herzog, Jim O'Neill, Wolfgang Ischinger, Nikolaus Blome, Philip Oltermann, Will Straw, Trevor Kavanagh.
  • Das Buch bei Amazon.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 45 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ich empfehle ordentliche Schulbildung und
spmc-122226439819235 11.02.2014
ein längeren Aufenthalt in anglophonen Ländern ,dies ist gut für die Sprache ,es erspart den Mitbürgern beinliches Dummsprech und auch sonst tut dies dem Geist gut ,aber dann paßt man nicht mehr zur Wowi und ähnlichem Partygesocks.
2. Lang ist's her
noalk 11.02.2014
Vor Jahren habe ich mir mal überlegt, dem Spiegel eine Kolumne anzubieten, in der ich über die deutschsprachlichen Unzulänglichkeiten anglophoner Erdenbewohner doziere. Ich habe es dann gelassen - es wäre der Arbeit zu viel geworden.
3. Nix neues
Benko 11.02.2014
Das der gemeine Deutsche ein fürchterliches Englisch spricht und sich dabei noch professionelle Kenntnisse attestiert ist ja nun weithin bekannt. Allerdings ist mir das bei einem Kosslick schnuppe. Richtig peinlich wirds bei unseren Politikern mit ihrem radebrechenden Grundschulenglisch, erwähnt sei Hape Friedrich oder Schäuble, Merkel, Westerwave, eigentlich fast alle. Der einzige der mir spontan einfällt bei dem kein Fremdschämen einsetzte wenn er auf öffentlicher Bühne englisch sprach, war Fischer. Warum beschränken alle anderen dieser Figuren sich nicht aufs deutsche, frage ich mich jedesmal? Im übrigen sagt der Deutsche nicht Böhhlin sondern Börlin, betont auf der ersten Silbe. Gruselig.
4. Der Fußballer Beinlich?
skell100 11.02.2014
Zitat von spmc-122226439819235ein längeren Aufenthalt in anglophonen Ländern ,dies ist gut für die Sprache ,es erspart den Mitbürgern beinliches Dummsprech und auch sonst tut dies dem Geist gut ,aber dann paßt man nicht mehr zur Wowi und ähnlichem Partygesocks.
Schönes Eigentor! So richtig peinlich, bzw. beinlich - wie Sie es schreiben.
5. Naja...
madicus 11.02.2014
Bevor man sich ueber mangelhafte Englischkenntnisse echauffiert, sollte man erst einmal lernen richtig Deutsch zu schreiben. Und das muesst Ihr Euch nun von einem Amerikaner sagen lassen. Peinlich. (Oder lieber "beinlich"?)
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