Berufs-Aussteiger Vom Gutverdiener zum Weltreisenden
Von einer Tour rund um den Globus oder einem Sabbatical träumen viele. Christoph Pokrandt hat es getan. Der Ingenieur kündigte seinen immergleichen Job. Er warf alle Sicherheit über Bord, flog nach Südamerika, lebte vom Ersparten. Heute weiß er: Es war eine gute Entscheidung.
Da saß er nun in seinem Auto, die Uhr tickte, und er wusste: Gleich wirst du durch das große Tor gehen, wie alle anderen. Er wusste: Sobald der Zeiger auf 7.30 Uhr vorrückt, schluckt dich das Tor, dann gehst du an deinen Arbeitsplatz und funktionierst als das kleine, austauschbare Rädchen, das du in dieser riesigen Firma bist. Mittags sagst du "Mahlzeit", später erledigst du Papierkram und wartest, bis der Zeiger auf 15.30 Uhr steht.
Und er wusste auch: Irgendwann machst du das nicht mehr mit.
Wie vielen Menschen solche Gedanken wohl durch den Kopf gehen? Eine Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2009 besagt, dass 38 Prozent aller Deutschen sich gern eine Zeitlang aus dem Job verabschieden würden. So ein Sabbatical, denken viele, das wäre doch mal was!
Christoph Pokrandt aber, der morgens vor dem Firmengebäude seines Arbeitgebers Ford saß und sich wie gelähmt fühlte, dachte an viel mehr: Er dachte an die Kündigung. Ein weiterer Unterschied zu den 38 Prozent, von denen die meisten nur in der Theorie aussteigen - er hat es wirklich getan.
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Kurz bekam er Angst vor seiner eigenen Courage, fragte sich: Bist du wahnsinnig? Hätte es nicht eine Auszeit von drei Monaten sein können? Musstest du wirklich alle Zelte abbrechen? Dann stieg er in Südamerika aus dem Flugzeug - "und das fühlte sich großartig an."
In den folgenden zwei Jahren reiste Pokrandt durch die Welt. Ohne das gewohnte feste Einkommen von 5000 Euro im Monat. "Aber ich kam ja auch mit viel weniger aus", sagt er. Auch deshalb, weil er sein eigenes Leben in Relation zu dem setzte, was er sah.
Er habe in dieser Zeit vieles dazu gelernt, sagt Pokrandt heute. Zum Beispiel, dass es auf Dauer auch nicht glücklich macht, nur in den Tag hinein zu leben. "Irgendwann merkte ich: Ich will weder ganz aussteigen noch ständig arbeiten. Ich will in der Mitte glücklich werden. Und dafür brauche ich Projekte."
Mittlerweile ist Christoph Pokrandt 46 Jahre alt und längst wieder sesshaft in Köln - allerdings reist er noch immer viel. Einen festen Job hat er nicht wieder angenommen. Klar muss er mehr auf Preise gucken als früher. Und er muss mit der Unsicherheit leben, nicht zu wissen, wie er im nächsten Monat sein Geld verdienen wird.
Ein Polster verschafft Sicherheit
"Wenn mal ein halbes Jahr gar kein Projekt in Aussicht ist, wenn dauerhaft mehr rausgeht als reinkommt, dann werde ich schon unruhig. Vor allem, weil ich mittlerweile einen Sohn habe. Damit habe ich mehr Verantwortung und natürlich auch höhere Kosten", sagt er. Aber das Gute daran, nicht mehr in der Mühle namens Angestelltenverhältnis gefangen zu sein, sei ja: Man habe Zeit zum Nachdenken. Zeit dafür, Neues auszuprobieren.
Während er auf sein kleines Kind aufpasste, las sich Christoph Pokrandt beispielsweise in das Thema Aktien-Anlage ein. Nach der Lehman-Pleite, als der Dax im Keller war, investierte er. Und konnte dem Geld danach beim Wachsen zusehen.
Er kaufte heruntergekommene Wohnungen, sanierte und verkaufte sie danach wieder. Außerdem hat er ein Buch über seine Weltreise geschrieben - noch so eine ganz neue Erfahrung. Und zur Not, das hat er immer im Hinterkopf, würde er irgendwie auch mit seinen Renteneinnahmen hinkommen. Zwar müsste er dafür sehr sparsam leben, sagt Christoph Pokrandt. Aber als Beruhigung wirke das ganz gut. "Tatsächlich ist es aber so, dass es immer irgendwie weiter geht, irgendein Projekt sich immer ergibt."
Ob er wieder wie früher als Ingenieur arbeiten würde? "Ja", sagt Pokrandt, "aber nur, wenn es nicht wieder Montag bis Freitag, von halb acht bis halb vier ist."

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