Von Sebastian Moll, New York
Jens Döbbelin, 23, ist schwer genervt. Immer dieses Gerede in Deutschland, der Arbeitsmarkt USA sei inzwischen irrelevant! "Die Leute wissen doch oft gar nicht, wovon sie reden", sagt der Austauschstudent aus Bremen. Er hat ein Semester an der American University studiert hat und macht derzeit in Washington ein Praktikum bei der amerikanischen Tochter der deutschen Frachtfirma DHL.
Für ein Praktikum, einen befristeten oder auch unbefristeten Arbeitsaufenthalt in die USA zu gehen, davon ist Döbbelin überzeugt, ist nach wie vor eine blendende Idee: "Es prägt einen für das ganze weitere Berufsleben, wenn man mitbekommt, wie in amerikanischen Betrieben Probleme angegangen werden." Die deutsche Arbeitswelt hat er auch schon kennengelernt, vor seinem Studium arbeitete Döbbelin in Deutschland als Steuerfachgehilfe.
Die USA mögen nicht mehr das Maß aller Dinge in der Weltwirtschaft sein. Hinter der Wachstumsstory Chinas fallen sie zurück - und seit der Finanzkrise droht ab und an die Zahlungsunfähigkeit des amerikanischen Staates.
Dennoch: "Das weltwirtschaftliche Geschehen wird nach wie vor stark durch die USA geprägt", hält Ariane Kristof dagegen. Sie ist Personalerin mit langjähriger internationaler Erfahrung und derzeit Business-Partnerin in Personalfragen von O2. Das Land habe eine überragende Bedeutung, ein Aufenthalt in den USA noch immer seinen Wert im Lebenslauf: "Das ist mittlerweile eine notwendige, wenn auch keine hinreichende Bedingung mehr, um aufzufallen."
"Die Arbeitskultur hat sich ja nicht verschlechtert"
Die USA zu vernachlässigen würde Ariane Kristof für einen Riesenfehler halten. "Die Wahrnehmung der USA hat sich vielleicht ein wenig geändert", sagt sie. Teilweise sei das eine Mode, "die Firmen in den USA und ihre Arbeitskultur haben sich ja nicht verschlechtert. Und das weiß man in der Wirtschaft auch." Deshalb empfiehlt sie allen, die mit ihrem Lebenslauf interkulturelle Kompetenz nachweisen möchten, in jedem Fall in die USA zu gehen - und dann einen zweiten Auslandsaufenthalt hinzuzufügen, zum Beispiel in China.
Ein offensichtlicher Grund spricht besonders für eine Zeit in einem amerikanischen Unternehmen: die Sprache. Christine Wichert, Geschäftsführerin der schweizerischen Branding-Firma Logi-Brand, hat in den USA studiert. "Ich profitiere noch heute von meinem 'near native English' und werde bei Konzernpräsentationen immer gelobt", sagt sie. Wer die Sprache fast wie ein Einheimischer beherrsche, sei der Liebling der US-Töchter. "In den Filialen ist immer die Sorge groß, dass deutschsprachige Headquarters sie nicht verstehen. So aber funken wir schnell auf einer Wellenlänge."
Excuse me, what means "Ich bin in die Lehre gegangen"?
Wer ein USA-Praktikum absolvieren oder einige Berufsjahre bei einem amerikanischen Konzern arbeiten will, muss sich allerdings anstrengen. Deutsche sind für US-Unternehmen Außenseiter. Die Schwierigkeiten beginnen damit, dass Amerikaner mit den Namen von deutschen Hochschulen und den Noten wenig verbinden. Deutsche Zeugnisse und Empfehlungen sagen ihnen wenig, selbst wenn Übersetzungen vorliegen. Mit einer Lehre etwa kann ein amerikanischer Personaler in der Regel überhaupt nichts anfangen, das duale Bildungssystem ist in den USA unbekannt.
Vor allem aber muss man einen US-Betrieb davon überzeugen, dass es sich lohnt, den bürokratischen Aufwand zu betreiben, einem Deutschen ein Visum zu beschaffen. Eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt als Deutscher nur, wer man einen Arbeitgeber vorweisen kann, der einen unterstützt.
Für Praktika können Organisationen wie die Agentur CDS einspringen. Für die Bearbeitung des sogenannten J-1-Visumsantrages erheben sie aber eine beträchtliche Gebühr. In den 725 Dollar bei CDS ist immerhin ein Sprachkurs, eine erste Orientierung bei der Ankunft und eine rudimentäre Krankenversicherung schon mit drin.
Deutsche: Exoten, aber ausgezeichnete Techniker
Der Außenseiterstatus von Deutschen auf dem US-Arbeitsmarkt wird zumindest teilweise dadurch aufgewogen, dass sie einen guten Ruf genießen. Deutsche gelten dort als zuverlässig, fleißig, verantwortungsbewusst. Und die deutsche Ausbildung, insbesondere in technischen Berufen, gilt als erstklassig.
Vor allem in der Umwelttechnologie, in den letzten Jahren in den USA immer stärker im Kommen, werden gern Deutsche eingestellt. "Deutschland hat auf diesem Gebiet gegenüber den USA mindestens fünf Jahre Vorsprung", sagt Martin Kolb, Recruitment Manager bei der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in New York.
Der zweite Weg, um den Ausländernachteil wett zu machen, ist das Netzwerken. Auch innerhalb der USA ist Networking bei der Jobsuche das A und O - eine Empfehlung eines Bekannten oder Kollegen lässt die Bewerbungsmail in der Inbox nach oben wandern. Für Ausländer gilt das umso mehr.
"Sagen Sie jedem in ihrem Bekanntenkreis, dass Sie vorhaben, in die USA zu gehen", empfiehlt deshalb Robert Fenstermacher von CDS. "Ihren Eltern, Ihrem Professor, Ihren Kollegen, Ihren Freunden. Verbreiten Sie es auf Xing, Facebook und LinkedIn." Jeder direkte oder indirekte Kontakt in eine US-Firma ist ein großer Schritt zu einem Vorstellungsgespräch.
Der Aufwand kann sich lohnen. "Wenn man in Deutschland etwas bewegen will, gibt es immer zuerst tausend Gründe, warum das nicht geht", sagt Ulrich Fluhme. Er hat bis zum vergangenen Jahr als Anwalt an der Wall Street gearbeitet und führt nun seine eigene Sportmarketing-Firma. "Hier dagegen wird man von allen Seiten ermutigt, ein Risiko einzugehen."
Krisen und Rückschläge deutet man in den USA gern als Chancen. So bleibt der sprichwörtliche amerikanische Optimismus ungebrochen. Auch, wenn Uncle Sam mal seine Konten einfrieren muss.

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