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Bewerben in den USA Amerika, trotzdem

Bewerben in den USA: Amerika, trotzdem Fotos
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Für Arbeitsnomaden aus aller Welt waren die USA stets ein Magnet. Krise, Rekordverschuldung, Bedeutungsverlust - jetzt wackelt ihr Nimbus als Land der unbegrenzten Job-Möglichkeiten. Dennoch zieht es weiter viele Deutsche zu amerikanischen Firmen, der Karriere wegen. Und sie haben gute Gründe.

Jens Döbbelin, 23, ist schwer genervt. Immer dieses Gerede in Deutschland, der Arbeitsmarkt USA sei inzwischen irrelevant! "Die Leute wissen doch oft gar nicht, wovon sie reden", sagt der Austauschstudent aus Bremen. Er hat ein Semester an der American University studiert hat und macht derzeit in Washington ein Praktikum bei der amerikanischen Tochter der deutschen Frachtfirma DHL.

Für ein Praktikum, einen befristeten oder auch unbefristeten Arbeitsaufenthalt in die USA zu gehen, davon ist Döbbelin überzeugt, ist nach wie vor eine blendende Idee: "Es prägt einen für das ganze weitere Berufsleben, wenn man mitbekommt, wie in amerikanischen Betrieben Probleme angegangen werden." Die deutsche Arbeitswelt hat er auch schon kennengelernt, vor seinem Studium arbeitete Döbbelin in Deutschland als Steuerfachgehilfe.

Die USA mögen nicht mehr das Maß aller Dinge in der Weltwirtschaft sein. Hinter der Wachstumsstory Chinas fallen sie zurück - und seit der Finanzkrise droht ab und an die Zahlungsunfähigkeit des amerikanischen Staates.

Dennoch: "Das weltwirtschaftliche Geschehen wird nach wie vor stark durch die USA geprägt", hält Ariane Kristof dagegen. Sie ist Personalerin mit langjähriger internationaler Erfahrung und derzeit Business-Partnerin in Personalfragen von O2. Das Land habe eine überragende Bedeutung, ein Aufenthalt in den USA noch immer seinen Wert im Lebenslauf: "Das ist mittlerweile eine notwendige, wenn auch keine hinreichende Bedingung mehr, um aufzufallen."

"Die Arbeitskultur hat sich ja nicht verschlechtert"

Die USA zu vernachlässigen würde Ariane Kristof für einen Riesenfehler halten. "Die Wahrnehmung der USA hat sich vielleicht ein wenig geändert", sagt sie. Teilweise sei das eine Mode, "die Firmen in den USA und ihre Arbeitskultur haben sich ja nicht verschlechtert. Und das weiß man in der Wirtschaft auch." Deshalb empfiehlt sie allen, die mit ihrem Lebenslauf interkulturelle Kompetenz nachweisen möchten, in jedem Fall in die USA zu gehen - und dann einen zweiten Auslandsaufenthalt hinzuzufügen, zum Beispiel in China.

Ein offensichtlicher Grund spricht besonders für eine Zeit in einem amerikanischen Unternehmen: die Sprache. Christine Wichert, Geschäftsführerin der schweizerischen Branding-Firma Logi-Brand, hat in den USA studiert. "Ich profitiere noch heute von meinem 'near native English' und werde bei Konzernpräsentationen immer gelobt", sagt sie. Wer die Sprache fast wie ein Einheimischer beherrsche, sei der Liebling der US-Töchter. "In den Filialen ist immer die Sorge groß, dass deutschsprachige Headquarters sie nicht verstehen. So aber funken wir schnell auf einer Wellenlänge."

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Deutsche auf Glückssuche: New York? New York!
Als Argument für einen Arbeitsaufenthalt in den USA kommt hinzu, dass amerikanische Geschäftsgepflogenheiten und Managementstrukturen ein Vorbild für Unternehmen weltweit sind. Jens Döbbelin etwa hat schon nach zwei Monaten gelernt, "bedingungslos problemlösungsorientiert zu arbeiten". Das kannte er von Deutschland her ebenso wenig wie die offene Kommunikation über Hierarchieschranken hinweg und das enge Teamwork - "alles ganz anders als bei uns".

Excuse me, what means "Ich bin in die Lehre gegangen"?

Wer ein USA-Praktikum absolvieren oder einige Berufsjahre bei einem amerikanischen Konzern arbeiten will, muss sich allerdings anstrengen. Deutsche sind für US-Unternehmen Außenseiter. Die Schwierigkeiten beginnen damit, dass Amerikaner mit den Namen von deutschen Hochschulen und den Noten wenig verbinden. Deutsche Zeugnisse und Empfehlungen sagen ihnen wenig, selbst wenn Übersetzungen vorliegen. Mit einer Lehre etwa kann ein amerikanischer Personaler in der Regel überhaupt nichts anfangen, das duale Bildungssystem ist in den USA unbekannt.

Vor allem aber muss man einen US-Betrieb davon überzeugen, dass es sich lohnt, den bürokratischen Aufwand zu betreiben, einem Deutschen ein Visum zu beschaffen. Eine Aufenthaltsgenehmigung bekommt als Deutscher nur, wer man einen Arbeitgeber vorweisen kann, der einen unterstützt.

Für Praktika können Organisationen wie die Agentur CDS einspringen. Für die Bearbeitung des sogenannten J-1-Visumsantrages erheben sie aber eine beträchtliche Gebühr. In den 725 Dollar bei CDS ist immerhin ein Sprachkurs, eine erste Orientierung bei der Ankunft und eine rudimentäre Krankenversicherung schon mit drin.

Deutsche: Exoten, aber ausgezeichnete Techniker

Der Außenseiterstatus von Deutschen auf dem US-Arbeitsmarkt wird zumindest teilweise dadurch aufgewogen, dass sie einen guten Ruf genießen. Deutsche gelten dort als zuverlässig, fleißig, verantwortungsbewusst. Und die deutsche Ausbildung, insbesondere in technischen Berufen, gilt als erstklassig.

Vor allem in der Umwelttechnologie, in den letzten Jahren in den USA immer stärker im Kommen, werden gern Deutsche eingestellt. "Deutschland hat auf diesem Gebiet gegenüber den USA mindestens fünf Jahre Vorsprung", sagt Martin Kolb, Recruitment Manager bei der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in New York.

Bewerbung in den USA - die wichtigsten Stichpunkte
Alles virtuell - die Mappe
Personalabteilungen in amerikanischen Unternehmen wollen auf den ersten Blick den Grund erkennen, warum sie sich näher mit dem Bewerber beschäftigen sollen. Darauf sollte die gesamte Bewerbung ausgerichtet sein. In der Regel geschieht dies über ein Anschreiben und einen Lebenslauf, auf Englisch "Cover Letter" und "Resume". Papierbewerbungen mit Zeugnissen und Fotos sind in den USA praktisch überhaupt nicht mehr üblich. Anschreiben und Resume werden per E-Mail verschickt.
Cover Version - das Anschreiben
Amerikanische Arbeitgeber, das hat eine Studie ergeben, schenken einer neuen Bewerbung im Durchschnitt nicht mehr als 15 Sekunden ihrer Aufmerksamkeit. Wenn die Bewerbung in diesem kurzen Zeitraum nicht ihr Interesse geweckt hat, dann landet sie im Abfall.
Kurz resümieren - der Lebenslauf
In der Regel soll das Resume nicht länger sein als ein oder maximal zwei Seiten. Es gehört nichts in diese Aufstellung, was nicht für die Stelle relevant ist. Persönliche Informationen wie Geschlecht, Größe, Gewicht, Familienstand oder ethnische Herkunft sind in den USA komplett tabu. Das Resume wird eingeleitet von einem Absatz, in dem knapp die Qualifikationen des Bewerbers zusammengefasst werden. Diese Einleitung besteht oft nur aus einem einzigen Satz. Immer wichtig: Anstatt zu schreiben, dass sie bei der Firma XY als PR-Chefin gearbeitet haben, stellt sie lieber ihre herausragende Leistung in dieser Position dar.
Im Interview - das Vorstellungsgespräch
Insbesondere bei großen Firmen gehen amerikanische Job-Interviewer sehr systematisch vor. Der zukünftige Arbeitgeber will genau wissen, ob Sie für die offene Stellung wirklich der Beste sind. Die geschickteste Vorbereitung auf das Interview ist deshalb, sich vorab genau zu informieren, was der Job beinhaltet und was von Ihnen gefordert wird. Der Dress-Code zu einem Interview ist immer förmlich. Absolute Pünktlichkeit ist eine Selbstverständlichkeit.
Um den Wettbewerbsvorteil einer speziellen Qualifikation ausnutzen zu können, sollte für Deutsche sich in den USA sehr gezielt bewerben. "Massen- und Blindbewerbungen bringen fast nie etwas", so Martin Kolb. Wer hier einen Job oder ein Praktikum sucht, sollte den konkreten Bedarf für die individuelle Qualifikation kennen. Und in der Bewerbung dann sehr zugespitzt seine besondere Qualifikation hervorheben.

Der zweite Weg, um den Ausländernachteil wett zu machen, ist das Netzwerken. Auch innerhalb der USA ist Networking bei der Jobsuche das A und O - eine Empfehlung eines Bekannten oder Kollegen lässt die Bewerbungsmail in der Inbox nach oben wandern. Für Ausländer gilt das umso mehr.

"Sagen Sie jedem in ihrem Bekanntenkreis, dass Sie vorhaben, in die USA zu gehen", empfiehlt deshalb Robert Fenstermacher von CDS. "Ihren Eltern, Ihrem Professor, Ihren Kollegen, Ihren Freunden. Verbreiten Sie es auf Xing, Facebook und LinkedIn." Jeder direkte oder indirekte Kontakt in eine US-Firma ist ein großer Schritt zu einem Vorstellungsgespräch.

Der Aufwand kann sich lohnen. "Wenn man in Deutschland etwas bewegen will, gibt es immer zuerst tausend Gründe, warum das nicht geht", sagt Ulrich Fluhme. Er hat bis zum vergangenen Jahr als Anwalt an der Wall Street gearbeitet und führt nun seine eigene Sportmarketing-Firma. "Hier dagegen wird man von allen Seiten ermutigt, ein Risiko einzugehen."

Krisen und Rückschläge deutet man in den USA gern als Chancen. So bleibt der sprichwörtliche amerikanische Optimismus ungebrochen. Auch, wenn Uncle Sam mal seine Konten einfrieren muss.

Sebastian Moll (Jahrgang 1964) lebt seit neun Jahren als freier Autor in New York.

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insgesamt 25 Beiträge
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    Seite 1    
1. Kein Titel
Dominik Menakker 17.05.2011
Was ist daran jetzt neu, ausser dass die Untergangspropheten auf SPON unrecht haben? USA sind noch immer das Land der unbegrenzten Möglichkeiten im Gegensatz zu good old Germany, welches das Land der unbegrenzten Nörgler ist. Alles lange bekannt.
2. Sorry aber
dieblein 17.05.2011
Amerika ist doch der Schnee von vorgestern; Vorbild und Wunderland für jene die schon einige Jahre auf dem Buckel haben und nicht mitbekommen haben wo mittlerweile die Musik spielt: In Asien und Südamerika. Und Englisch kann doch mittlerweile jeder, wer noch eine andere Fremdsprache kann, das ist doch mittlerweile wichtig...
3. Das ist richtig!
Schmockse 17.05.2011
Zitat von Dominik MenakkerUSA sind noch immer das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ...
Da wird 'mal schnell die Schuldenobergrenze angehoben und schon ziehen die Kamele wieder weiter! http://www.tagesschau.de/ausland/schuldenrekordusa100.html Aber richtig wäre: China ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - aber wer will schon Kommunist werden? http://www.focus.de/finanzen/news/reichtum-china-hat-offenbar-mehr-milliardaere-als-die-usa_aid_557609.html
4. asdf
justaguy85 17.05.2011
Zitat von Dominik MenakkerWas ist daran jetzt neu, ausser dass die Untergangspropheten auf SPON unrecht haben? USA sind noch immer das Land der unbegrenzten Möglichkeiten im Gegensatz zu good old Germany, welches das Land der unbegrenzten Nörgler ist. Alles lange bekannt.
Für Sie vielleicht, aber für die Generation die gerade am heranwachsen und in dem entsprechenden Alter ist um über solche Entscheidungen nachzudenken ein sehr interessanter Artikel.
5. meinung
amarildo 17.05.2011
Zitat von SchmockseDa wird 'mal schnell die Schuldenobergrenze angehoben und schon ziehen die Kamele wieder weiter! http://www.tagesschau.de/ausland/schuldenrekordusa100.html Aber richtig wäre: China ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten - aber wer will schon Kommunist werden? http://www.focus.de/finanzen/news/reichtum-china-hat-offenbar-mehr-milliardaere-als-die-usa_aid_557609.html
Die USA is yesterday's industrial power. China is the industrial power of the future. Das Problem das der Westen hat ist das immer darauf hingewiesen wird das die Regierung Kommunisten sind. China will nicht a clone of the West sein. Es hat das Selbstbewusstsein es selbst zu sein. To do things the Chinese way. What the West does not see is that the Chinese are beating the capitalist West at their own game. China sagt nicht zum Westen ihr sollt wie wir sein. Und China bevorzugt wenn der Westen ihnen nicht vorschreibt wie sie ihr Leben gestalten sollen. Die Chinesen haben 1300 millionen Menschen zu fuettern. Demokratie ist da nicht das wichtigste. Freiheit kann man nicht essen. Leute die einen vollen Bauch haben und deswegen die Zeit haben koennen ueber Freiheit nachdenken. Freedom means different things to different people. Sorry about the mixing of Sprache aber mein Deutsch ist nicht mehr das beste.
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