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25. Mai 2012, 16:36 Uhr

Bachelor-Abschlüsse in Europa

"Master-Abgänger haben mehr Biss"

Protokolle: Britta Mersch

Der Slowake Juraj vermisst beim Bachelor den Bezug zur Praxis. Alma aus Lettland dagegen würde im Traum nicht auf Master studieren. 47 Staaten reformieren ihre Unis, ähnlich wie Deutschland. Fünf internationale Bologna-Absolventen berichten.

Diploma Supplement, ECTS-Punkte oder Mobilitätsfenster - noch vor ein paar Jahren waren das Fremdwörter für Professoren und Verwaltungsangestellte von Universitäten und Fachhochschulen. Heute helfen diese Neuerungen dabei, Studieninhalte europaweit vergleichbar zu machen. So sieht es der Bologna-Prozess vor, der seit 1999 läuft. Damals verabredeten die Bildungsminister von 29 europäischen Staaten, einen einheitlichen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Inzwischen machen 47 Staaten mit.

In Deutschland lief die Reform lange schleppend, die meisten Studiengänge sind inzwischen umgestellt. Reibungslos klappt das Studieren jedoch noch lange nicht. Studenten berichten von zu vielen Prüfungen, zu vollen Stundenplänen und finden zu wenig Zeit, um ins Ausland zu gehen. Studentenvertreter fordern deshalb schon lange, dass die Hochschulen nachbessern müssen.

Vor allem um den Jobeinstieg machen sich viele Sorgen. Sie fragen sich, ob sie die Personalchefs auch mit dem Bachelor überzeugen können. Denn so war es ja eigentlich geplant: Die Studenten machen den Bachelor, starten also nach sechs Semestern in den Beruf und hängen vielleicht später noch den Master dran, um sich weiterzuqualifizieren.

Ob Bachelor oder Master: Viele spüren die Krise

Doch die Rechnung geht nicht auf. Ein Problem, mit dem deutsche Studenten nicht allein dastehen. Auch in vielen anderen Ländern fordern Unternehmen den Master-Abschluss, ein problemloser Einstieg mit Bachelor gelingt nur selten. Viel mehr sorgen sich die Absolventen aber wegen der Wirtschaftskrise. Denn in vielen Ländern ist unsicher, ob Akademiker im Moment überhaupt einen Job finden.

KarriereSPIEGEL hat bei Studentenvertretern aus unterschiedlichen europäischen Ländern nachgefragt, wie sie die Situation in ihren Ländern beurteilen. Welche Jobchancen haben Absolventen mit dem Bachelor? Wollen Studenten - wie in Deutschland - am liebsten noch den Master machen? Und wie steht es generell um die Jobchancen von Akademikern?

Von ihren Einschätzungen berichten drei Mitarbeiter des europäischen Studentennetzwerks AEGEE, die aus Lettland, Spanien und Estland stammen. Die Vertreter aus den Niederlanden und der Slowakei studieren noch und beobachten den Bologna-Prozess. Sie gehörten zur Delegation ihres Landes bei der letzten Bologna-Konferenz, die dieses Jahr im April in Bukarest stattgefunden hat.

Alma aus Lettland sparte sich die Ostseeregionen

Alma Mozgovaja, 26, Lettland

"Im Moment leiden wir unter der Finanzkrise, deshalb ist es im Moment generell nicht leicht, einen Job zu finden. Bei Bewerbungen reicht der Bachelor aber aus. Manche machen zwar noch den Master, um sich fachlich weiterzuqualifizieren. Aber ich habe den Eindruck, dass das gar nicht unbedingt notwendig ist.

Mein eigener Weg zeigt, wie es laufen kann: Ich habe in Riga Kommunikationswissenschaft studiert mit dem Schwerpunkt Journalismus. Eigentlich wollte ich noch einen Master im Fach Ostseeregionen machen. Aber dann wurde ich in dem Marktforschungsunternehmen, in dem ich schon als Studentin gearbeitet hatte, übernommen und habe den Master nach einem Semester abgebrochen. Ich habe dann für ganz unterschiedliche Firmen gearbeitet, für Henkel oder L'Oreal, immer ging es um Marketing. Seit 2011 bin ich Generalsekretärin der European Students Association.

Man sieht also: Der Einstieg mit Bachelor kann funktionieren. Die Unternehmen interessieren sich mehr dafür, welche Erfahrungen Absolventen mitbringen und ob sie Ehrgeiz und Leidenschaft zeigen, um sich für ihren Beruf zu engagieren. Der eigentliche Abschluss ist dann gar nicht mehr so wichtig."

Guillermo aus Spanien fragt sich, ob der Master ausreicht

Guillermo García Tabarés, 24, Spanien

"In Spanien ist der Master-Abschluss sehr wichtig, denn es gibt nur wenige Stellen für Absolventen. Die Frage ist eher, ob überhaupt ein Master ausreicht oder ob die Bewerber nicht noch viel mehr Qualifikationen mitbringen müssen.

Der Bologna-Prozess wird in Spanien nur langsam umgesetzt. Seit 2010 sind die Hochschulen verpflichtet, die Studiengänge nach dem europäischen Gedanken auszurichten. Vorher hatten wir ein ganz anderes Modell. Wir hatten zwar auch Zyklen wie bei Bologna, also drei plus zwei Jahre wie jetzt bei Bachelor und Master, aber nach dem ersten Zyklus konnte man die Hochschule noch nicht verlassen. Das Studium war erst nach vier oder fünf Jahren zu Ende.

Wirklich vollwertig?

Eine Ausnahme gab es bei den Ingenieuren. Die Studenten konnten entscheiden, ob sie nur drei Jahre studieren oder noch zwei weitere dranhängen. Sie waren die Einzigen, denen ein Berufseinstieg nach drei Jahren gut gelungen ist.

Im Moment bin ich nicht sicher, ob die Reform in Spanien funktionieren wird und ob Studenten wirklich nach drei Jahren mit dem Bachelor die Hochschule verlassen. Ich bin sehr skeptisch, dass er als vollwertiger Abschluss anerkannt wird."

Jüri aus Estland fürchtet die Lücke nach dem Bachelor

Jüri Kirpu, 25, Estland

"Bei uns in Estland ist die Situation kompliziert. Wir gehörten früher zur Sowjetunion, und deshalb ist bei uns noch ziemlich viel durcheinander, denn es dauert, bis ein System das andere ablöst. Früher waren bei uns die Wege vorgezeichnet. Man ging zur Schule, dann zur Uni, machte vielleicht noch ein Praktikum und fing an zu arbeiten. Das funktioniert heute nicht mehr. Es entsteht oft eine Lücke zwischen dem Studium und dem Beruf, und die Leute können nichts dagegen machen, weil kein Unternehmen Bewerber ohne Berufserfahrung einstellt.

Ob der Berufseinstieg mit Bachelor gelingt, liegt ganz an der Fachrichtung. Informatiker oder Ingenieure zum Beispiel werden oft sogar schon während ihres Bachelor-Studiums eingestellt. Trotzdem gibt es viele, die noch ihren Master machen wollen, auch in diesen Studiengängen.

Geisteswissenschaftler müssen die richtigen Leute kennen

In den Geisteswissenschaften dagegen sieht es anders aus. Die Nachfrage nach diesen Absolventen ist viel geringer. Ob man eine Stelle bekommt, hängt oft auch davon ab, ob man die richtigen Leute kennt.

Generell ist es so, dass Unternehmen Absolventen mit Master-Abschluss bevorzugen. Gerade während der Krise suchen sie Mitarbeiter, die sehr gut ausgebildet sind, viele praktische Erfahrungen mitbringen und eine hohe Leistungsbereitschaft zeigen. Doch wie soll man das alles vorweisen, wenn man nicht die Chance bekommt, sich in der Praxis zu beweisen?"

Svea aus den Niederlanden setzt auf detaillierte Studiennachweise

Svea Dalen, 26, Niederlande

"Ich mache zurzeit meinen Bachelor-Abschluss in Public Management in Den Haag und ich denke, ich werde danach auf jeden Fall noch einen Master-Abschluss machen. Für Bewerber in den Niederlanden ist der Master enorm wichtig. Unternehmensvertreter sind der Meinung, dass die Master-Absolventen mehr Erfahrungen haben und auch mehr Biss.

Die Situation bei uns ähnelt der in Deutschland. In den Niederlanden haben wir auch Fachhochschulen und Universitäten. FH-Absolventen kommen mit einem Bachelor gut unter, bei Uni-Absolventen wird der Master vorausgesetzt. Der Bachelor gilt bei ihnen nicht als vollwertiger Abschluss, weil sie früher immer fünf Jahre studiert haben. Die Unternehmen müssen sich also erst daran gewöhnen, dass sie jetzt Bewerber haben, die nur sechs Semester studiert haben.

Ich hoffe, dass Dokumente wie die Diploma Supplements helfen, denn in ihnen wird beschrieben, welche Qualifikationen Absolventen mitbringen und welche Kurse sie absolviert haben. Solche Schreiben helfen hoffentlich in Zukunft dabei, dass Bachelor-Absolventen besser unterkommen."

Juraj aus der Slowakei will mehr Praxis

Juraj Tilesch, 26, Slowakei

"Noch vor zehn Jahren dauerte das Studium bei uns fünf Jahre, in Medizin oder Kunst sogar sechs, und erst dann machten die Studenten ihren Abschluss.

Dieses Studiensystem ist in den Köpfen vieler Menschen noch sehr verankert. Sie denken, dass man das Studium abgebrochen hat, wenn man mit einem Bachelor die Uni verlässt. Drei von vier Studenten wollen deshalb auf jeden Fall noch den Master machen, alles andere ist für sie wertlos.

"Allmählich wird es besser"

Vor allem fehlt Unternehmen bei den Bachelor-Studenten die praktische Erfahrung. Die haben die meisten Hochschulen erst in den Master gelegt. An den Technischen Hochschulen wurde schon nachgebessert, sie legen im Bachelor-Studium jetzt viel Wert auf Praxis, allmählich wird es also besser.

Trotzdem ist die Lage alles andere als entspannt. Denn die Arbeitslosenquote bei Akademikern ist bei uns recht hoch. Und wenn die Unternehmen die Wahl haben, nehmen sie lieber die Bewerber mit den höheren Abschlüssen, das ist ganz klar."

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