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Bürodesign Schreibtische hoch, Discokugel runter

Benjamin Dürr

Vom Büro zum Club in fünf Minuten - diesen Rekord hält eine Werbeagentur aus den Niederlanden. Auf Knopfdruck können die Mitarbeiter ihre Schreibtische unter die Decke ziehen lassen. Und dann zusammen mit den Nachbarn tanzen, meditieren oder kochen.

Auf Knopfdruck lässt Sander Veenendaal seinen Schreibtisch in die Luft gehen. Es surrt, die Holzplatte hebt sich. Nach gut einer Minute ist von Monitor, Papierstapeln, Stiften und Wassergläsern nichts mehr zu sehen. Der DJ kann kommen.

Veenendaal betreibt in Haarlem, unweit von Amsterdam, eine Werbeagentur. Die Schreibtische der Mitarbeiter hängen an Drahtseilen, die Schränke stehen auf Rädchen. Mittags werden die massiven Tischplatten gewöhnlich in der Decke versenkt, dann sitzt das Team um einen großen Esstisch und macht gemeinsam Mittagspause. Abends werden die Tische an die Decke gezogen und die Schränke zur Seite gerollt, so entsteht aus dem etwa zweihundert Quadratmeter großen Büro eine Veranstaltungsfläche, die auch von Außenstehenden genutzt werden kann - für Partys, Yoga-Kurse oder Kunstworkshops, Modenschauen oder Festessen. Nachbarn und Leute aus dem Viertel kommen regelmäßig, auch die Mitarbeiter machen mit.

"Für uns war der Gedanke befremdlich, dass überall abends die Lichter ausgehen und alle Büros leer stehen, bis am nächsten Tag der Erste wieder reinkommt", sagt Sander Veenendaal, Chef der Agentur Heldergroen. Das sei doch Platz- und Energieverschwendung. Mit diesem Gedanken knüpft er an eine größere Idee an: Arbeit müsse einen Sinn haben, Mitarbeiter sollten nicht ausschließlich für die Maximierung des Gewinns schuften. "Die Leute müssen gerne zur Arbeit kommen", sagt Veenendaal. "Die Balance aus Arbeit und Beruf muss stimmen."

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Wandelbares Büro: Der Letzte zieht die Tische hoch
Aber tut sie das, wenn die Mitarbeiter sogar nach Feierabend noch im Büro bleiben? Ist das nicht nur ein Trick des Arbeitgebers, um seine Angestellten zum Längerbleiben zu verführen? Nein, sagt Veenendaal. Seine Mitarbeiter hätten sogar zwei Wochen länger frei als üblich in Holland, 35 statt 25 Tage im Jahr. Außerdem: "Es gibt doch heute, vor allem in der Kreativbranche, für viele keinen festen Feierabend mehr. Gerade deshalb sollten wir die Abende so angenehm wie möglich gestalten."

Seine Werbeagentur trägt ihr Anliegen schon im Namen. "Heldergroen" ist niederländisch für hellgrün. Veenendaals Büro entwirft die Kampagnen vor allem für kleinere Unternehmen, die sich für Nachhaltigkeit engagieren, aber auch für eine ethische Bank und das Tourismusbüro Südafrikas, das umwelt- und sozialverträgliche Reisen anbietet. Auch das Büro selbst ist ein Recyclingprodukt: Ursprünglich war es das Silo einer Schokoladenfabrik. Eine Wand haben Sander Veenendaal und sein Team aus platt gedrückten Autotüren gebaut, fast alle Einrichtungsgegenstände haben sie gebraucht gekauft.

Verrückte Architektur für ein besseres Arbeitsklima

Bürodesigner und Innenarchitekt Michael Stoz erkennt in dem Büro der schwebenden Schreibtische einen Trend: "Gerade weil man sich dort, wo man viel Zeit verbringt, auch wohl fühlen will, gibt es die Tendenz, Büros in wohnlichere Welten zu verwandeln." Wenn Corporate Identity und Büroarchitektur übereinstimmen, könne dies sogar das Arbeitsklima verbessern, so Stoz.

Ähnlich argumentiert auch Designer Lee Penson, der für Google die neue London-Zentrale gestaltet hat - mit riesigen Sofasitzecken, plüschigen Separees, U-Boot-Türen und einem Garten zum gemeinsamen Unkrautjäten. "Wenn die Leute entspannt sind, arbeiten sie besser", sagt Penson. Er geht davon aus, dass in wenigen Jahren zum Arbeiten gar keine Schreibtische mehr gebraucht werden.

So weit will Michael Stoz nicht gehen. Er findet das Büro aus Haarlem aber noch aus einem anderen Grund interessant: In Zeiten steigender Mietpreise sind Mehrfachnutzungen sinnvoll. Auch eine Kombination, beispielsweise aus Café und Büro, sei denkbar. Projekten, bei denen sich mehrere Mitarbeiter einen Schreibtisch teilen, steht er dagegen skeptisch gegenüber: "Im Alltag ist das für die meisten zu umständlich." Die schwebenden Tische hält er allerdings für eine gute Idee: "Weil ein bloßes Büro nicht so sexy ist wie Disco, Bar und Büro."

Aber wollen die Mitarbeiter überhaupt einen sexy Arbeitsplatz? Veenendaal jedenfalls ist von seiner Idee begeistert. Er selbst hat auch schon bei den Yoga-Stunden mitgemacht: "Danach habe ich die Augen geöffnet und gedacht: Wow, ich bin im Büro."

  • Benjamin Dürr (Jahrgang 1988) ist freier Journalist. Er berichtet aus den Niederlanden und aus Südafrika unter anderem für SPIEGEL ONLINE. Vorher arbeitete er als Reporter in Afrika und als Journalist in Süddeutschland.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
_muskote 11.02.2013
„Danach habe ich die Augen geöffnet und gedacht: Wow, ich bin im Büro.“ Ein Hoch auf die neue, subtile Ausbeutung. Da wird die Kette am Knöchel doch gleich noch ein Stück unsichtbarer. :)
2. Hmm
MartinK. 11.02.2013
Zitat von sysopVom Büro zum Club in fünf Minuten - diesen Rekord hält eine Werbeagentur aus den Niederlanden. Auf Knopfdruck können die Mitarbeiter ihre Schreibtische unter die Decke ziehen lassen. Und dann zusammen mit den Nachbarn tanzen, meditieren oder kochen. Büroarchitektur in Holland: Werbeagentur lässt sich in Club verwandeln - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/bueroarchitektur-in-holland-werbeagentur-laesst-sich-in-club-verwandeln-a-881435.html)
Für ich wäre das nix. Ich mag zwar meine Kollegen, aber 8-9h mit denen reichen dann auch. Das ist, in der Woche, mehr Zeit als ich mit meiner Freundin (im wachen Zustand) verbringe.
3. Wer Gleiches in Deutschland versucht,
byxelkrok 11.02.2013
bekommt vermutlich Ärger mit dem Finanzamt, da die Grenze zwischen gewerblicher und privater Nutzung verwischt wird. Am Ende "dürfen" es die Beschäftigten noch als geldwerten Vorteil versteuern, armes Deutschland!"
4. Hm...
Jonny_C 11.02.2013
..."so ganz neu" ist das aber nicht. Vielleicht halten die den Rekord im Aus- und Umräumen, aber ein Freund von mir, Innenarchitekt hatte sowas schon vor 35 Jahren in seiner Wohnung/Büro Kombination. - ein Fallschirm, mit eingenähtem Bleiband kommt von der Decke (4.80 Höhe) legt sich sauber im ganzen Zimmer aus. - Danach wird der Tisch abgesenkt, keine Stahlseile sondern Teleskopstangen damit der Tisch nicht wackelt. - 3 leere Schränke nehmen die stapelbaren, aber bequemen Stühle auf, die bei Nichtgebrauch auf einer rollbaren Platte gestapelt werden. Über seine Büro/Wohnungskombi gab es damals sogar einen Artikel mit Bildern in einer "Wohnzeitschrift". Ich möchte NICHT nach Arbeitsende (10-12 Stunden täglich reichen mir !) noch dumm im Büro "abhängen". Irgendwann MUSS auch mal Schluss sein........
5. Deutschland deine Skeptiker
allerlei 11.02.2013
Eine tolle Idee, neue kreative Ansätze, arbeiten angenehm gemacht... Alles wird direkt schlecht gemacht. Äh ne Kollegen will ich abends nicht mehr sehen... Oh man, das gibt steuerliche Probleme... Bla bla bla!!!! Ich würde mich freuen in so einem Büro arbeiten zu dürfen! Der Feierabend ist gefixt, denn irgendwas startet im Anschluss. Man kann mitmachen oder gehen, denn es sind auch Externe die dort kommen. Was ich wirklich schade finde ist, dass es nur im kreativen Sektor (google bspw. oder Kreativagenturen) möglich scheint. Begrüßen würde ich diese Konzepte auch in anderen Bereichen. Sie sind eine Bereicherung in vielerlei Hinsicht! Bitte, nachmachen!
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