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Chinas Karrieretöchter Frauen tragen die Hälfte des Himmels

Karriere-Frauen: Chinas Amazonen Fotos
Lu Yen Roloff

Einst fanden Chinas Frauen nur mickrige Jobs als Näherinnen. Heute ist der Boom des Riesenreiches auch eine Erfolgsgeschichte der Frauen. Viele junge Chinesinnen sind gebildet und heiß auf Höchstleistung - wie Sichen Shang, die neben dem MBA-Studium einen künftigen Weltmarktführer aufbauen will.

Mittag im Oriental Plaza, einem modernen Geschäftsgebäude in Pekinger Top-Lage. Mit schnellen Schritten durchquert eine schlanke 34-Jährige in kurzen Jeans und flatteriger Leopardenbluse das großzügige Foyer. Sichen Shang, die sich Ausländern gegenüber "Eva" nennt, kommt gerade von einer Vorlesung des MBA-Programms der renommierten Cheung Kong Graduate School of Business. Andere gehen jetzt essen - Shang geht arbeiten.

Shang hat in Hong Kong und Harvard Biologie studiert, mehrere Jahre eine Chemiefirma geleitet und dann ihr Unternehmen "Jinwu Neomaterial Technologies" gegründet. 150 Mitarbeiter produzieren patentierte Nano-Folien und Beschichtungen für Autofenster und Bildschirme. Es sollen mehr werden, Shang stellt gerade ein: "Mein Traum ist, mit meiner Firma Weltmarktführer zu werden. Wir sind die ersten, die mit diesem Patent auf den chinesischen Markt gekommen sind. Also haben wir gute Chancen."

Sie lässt sich in einen Sessel in der Ecke eines Cafés fallen, zückt ihr Smartphone und telefoniert sie der Reihe nach ab: Finanzmanager, Marketingchef, Vertriebsleiter. Vorbereitungen für die Automesse in Las Vegas im November. Dort will Shang ihre Firma einem internationalen Publikum präsentieren. Dafür arbeitet sie sechs Tage pro Woche, 14 Stunden am Tag: Tagsüber bereitet sich Shang mit dem MBA-Programm auf ihre Führungsrolle in einem internationalen Unternehmen vor. In den Pausen und abends erarbeitet sie die Strategie für ihre Firma.

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Shang ist es gewohnt, hart zu arbeiten - und wie viele junge Chinesinnen sehr ambitioniert: "Meine Mutter hatte durch die Kulturrevolution keine Möglichkeit, ihre Träume zu verwirklichen. Sie hat viele Jahre verloren und konnte erst mit dem Studium beginnen, als sie um die 30 war. Ich bin die einzige Tochter, sie hat ihre Hoffnungen auf mich übertragen - ich denke, deswegen bin ich so ehrgeizig."

Chinas Ein-Kind-Politik hat eine Generation von Töchtern hervorgebracht, deren Familien sie zu Höchstleistungen antreiben. Waren in den später achtziger Jahren Frauen noch eine Minderheit an den chinesischen Universitäten, stellen sie heute die Hälfte der Studenten. Drei Millionen Frauen graduieren jedes Jahr in China. Drei Viertel der Absolventinnen streben eine Führungsposition an, fand das New Yorker Center for Work-Life Policy heraus. In den USA will das nur die Hälfte aller Studentinnen.

Kinderbetreuung ist Familiensache

"Ein Grund ist die wirtschaftliche Entwicklung in China", so Shang. "Es gibt wahnsinnig viel Kapital im Land, günstige Arbeitskräfte, es sind gute Zeiten für Unternehmer. Warum sollen nur Männer davon profitieren? Wir Frauen können das auch. Hausfrau zu sein reicht uns schon lange nicht mehr."

Dass ihre Mütter arbeiten gehen, sind Chinesinnen seit Generationen gewöhnt. Der wichtigste Grund sind wirtschaftliche Notwendigkeiten. Schon bei Gründung der Volksrepublik China galt Maos Parole, dass "Frauen die Hälfte des Himmels tragen". Die kommunistische Planwirtschaft setzte Frauen in allen Wirtschaftsbereichen ein. Heute ist in China fast die Hälfte aller Angestellten weiblich. In einem Drittel der Staatsunternehmen haben sie es sogar in Führungsjobs geschafft.

Frauen leiten selbst als männlich geltende Betriebe wie Bergbauminen oder Kohlekraftwerke. Laut dem Grant Thornton Business Report schafft es in China insgesamt ein Fünftel aller Managerinnen, CEO zu werden, zehn Prozent mehr als in Europa. Und während die Zahl weiblicher CEOs im Rest der Welt schrumpfte, wurden es in China mehr - in den letzten zwei Jahren wieder zusätzliche drei Prozent.

Seit Deng Xiaoping das chinesische Wirtschaftswunder entfesselte, haben sich auch immer mehr Frauen selbständig gemacht. Elf der zwanzig reichsten Selfmade-Milliardärinnen weltweit stammen inzwischen aus China, darunter Yajun Wu, 47, Vorsitzende des Immobilienkonzerns Longhu Property, und Yin Zhang, Gründerin der Recycling-Papierfabrik "Nine Dragons Paper". Beide haben ein Vermögen von über vier Milliarden Euro erwirtschaftet. Rund 30 Millionen Unternehmerinnen eifern ihnen nach - ein Fünftel aller Unternehmer im Land.

Die Fernsehmoderatorin Lifen Wang gründete 2006 für diese Zielgruppe die Reality-Show "Ying Zai Zhongguo" ("Gewinne in China"). Millionen sahen im Fernsehen zu, wie Gründerinnen in spe mit ihren Geschäftskonzepten um die Gunst der Juroren warben - und sich erfolgreich gegen die männliche Konkurrenz durchsetzten.

Networking bei der Maniküre

Sichen Shang ist Mutter einer dreijährigen Tochter. Doch während sich ihre deutschen Altersgenossinnen nach Geburt ihres ersten Kindes zwischen Kindergarten und Meetings aufreiben, kann sich Shang voll auf die Arbeit konzentrieren. "Durch die Ein-Kind-Politik kommen bei uns auf ein Kind meist vier Großeltern, die gern die Betreuung übernehmen", sagt sie. Und selbst wenn nicht: "Im Vergleich zu den USA kostet ein Kindermädchen in Peking viel weniger. Wir zahlen hier 2600 Yuan im Monat" - umgerechnet rund 300 Euro.

Eine solche Vollzeitbetreuung wird zudem sozial nicht stigmatisiert - von wem auch: Millionen Chinesen lassen aus ökonomischer Notwendigkeit ihre Kinder auf dem Land zurück, um in den Städten zu arbeiten. Mit ihrer Familie im Rücken steigen die meisten Frauen nach der Geburt schnell wieder in den Vollzeitjob ein - trotz hoher Arbeitsbelastung von durchschnittlich 71 Wochenstunden.

Dennoch müssen sich Chinesinnen wie überall in der Welt noch beweisen, sagt Sichen Shang: "Frauen müssen einfach härter kämpfen. Ich muss mehr als Männer mit dem gleichen Erfahrung tun."

Konfuzianische Traditionen erschweren es Frauen immer noch, allein auf Geschäftsreisen zu gehen. Während sie in den Firmen zurückbleiben, betreiben Chinas Männer ihr Networking unterwegs - oft verbunden mit hohem Schnapskonsum und "Entspannungsmethoden" wie intimen Massagen.

Shang hat als Antwort einen Women Business Club an ihrer Schule gegründet - ein Netzwerk, das auf die typischen Bedürfnisse von Frauen in der Geschäftswelt eingeht. Die angehenden Geschäftsfrauen treffen sich zu Lunchtalks mit erfolgreichen Vorbildern oder organisieren Charity-Events mit Schulkindern. "Manchmal gehen wir auch einfach shoppen oder zur Maniküre", sagt Shang und lächelt. "Dort kann man ebenso gut über das Business diskutieren."

  • Lu Yen Roloff arbeitet als trimediale Journalistin in Hamburg. Aktuell berichtet sie als Medienbotschafterin der Robert-Bosch-Stiftung aus China. Ihr Artikel erschien im Rahmen dieser Tätigkeit zuvor in der "Beijing Rundschau".

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insgesamt 63 Beiträge
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1. Naja ...
shovelbolle 24.10.2011
... man darf 2 Dinge nicht vergessen: 1. Werden die Kinder von "Bossen" protegiert bis zum geht-nicht-mehr. Keines dieser Wunderkinder die mit 25, 30 einen MBA haben und schon eine Firma leiten haben sich tatsächlich hocharbeiten müssen. Die sind alle mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden ... 2. Während andere neugegründede Unternehmen an allen Enden sparen müssen und sich die Füße plattlaufen müssen kommen Firmen von diesen "Wunderkindern" viel einfacher an Aufträge da sie durch die Eltern einen unschlagbaren Heimvorteil haben. Ich habe meine erste Firma auch mit 21 gegründet mit einem Startkapital von 900 Mark und einer 80 Stunden Woche. Nach fast 7 Jahren hatte ich erstmal den Kanal voll und bin für ein großes Unternehmen nach Singapore und China gegangen und da durfte ich diese Wunderkinder bewundern ... Also: Nicht vor Ehrfurcht auf die Knie fallen ! Inzwischen habe ich wieder meine eigene Firma mit fast 60 Beschäftigten und muß mir jeden Tag den Arsch aufreisen um neue Aufträge an Land zu bringen. Nehmen sie mein Wort darauf: Das muß von diesen "Wunderkindern" niemand tun. Denen werden die Aufträge hinterher geworfen. Und jetzt im Moment habe ich weiteres, neues Unternehmen fast abgeschlossen: Die Umsiedelung nach Kanada. Mit Frau, Kids und Ersparnissen. Natürlich kümmere ich mich schon seit Jahren um dieses Unterfangen und ich garantiere Ihnen daß ich auf dem freien Markt im fairen Wettbewerb jede chinesische Firma schlagen kann. Mein Wort darauf.
2. ...
brain_in_a_tank, 24.10.2011
Und das ganz ohne Frauenquote ... Ein wichtiger Aspekt ist in der Tat die enge Familiengemeinschaft in China, durch die viel Last abgefangen wird. So etwas ist in Deutschland verloren gegangen.
3. Chinas Karrieretöchter
alexos1976 24.10.2011
Ich lebe derzeit in China. Die Gelder, die zur Finanzierung des Studiums im Ausland verwendet werden, sind alles Korruptionsgelder. Es braucht keiner glauben, dass die Tochter einer Näherin in Havard studiert. Das sind alles Kinder von Parteibonzen welche mit Korruptionsgelden nur noch so zugestopft werden. Deshalb sollte keine dieser Kinder auf deren Erfolg stolz sein. Unter dem Erfolg leiden Millionen von Menschen in China. Im Gegenteil. Eigentlich sollte man auf diese Kinder spucken !
4. Ermutigender Artikel zum Abschauen für Deutschland
olli0816 24.10.2011
Wenn ich mir anschaue, das wir hier in Deutschland über Frauenquoten in DAX-Konzernen diskutieren, frage ich mich, wer hier bei der Emanzipation weiter ist? Erst wenn wir nicht über diese Sonderrechte von Frauen diskutieren müssen, sind wir bei einer Gleichberechtigung angelangt. Gut, Chinesen sind von der Mentalität ganz anders als wir "Langnasen". Ich denke, es gibt wenige Frauen, die freiwillig eine 70-Stunden-Woche aufzunehmen bereit sind und es ist die Frage, ob dies erstrebenswert ist. Trotzdem ist es so: Bei einer Firmengründung ist halt eine 40 Stunden Woche meist zu wenig, wenn man etwas erreichen möchte. Was mir speziell in Deutschland auffällt: Die Frauen sind sehr gut ausgebildet und haben ein hohes Fachwissen, wenn sie die Unis verlassen. Das Problem ist, dass sie sehr häufig viel zu wenig daraus machen. Viele gehen doch den reinen Familienweg, weil sie für sich entdecken, dass dies eine höhere Prio für sie hat. Das ist auch verständlich, aber die Ausbildung wird halt wertlos, wenn eine jahrelange Pause dazwischen ist. Das ist nicht ganz so tragisch, da diese Frauen genau diesen Weg gewählt haben. Tragischer ist es bei denen, die gut ausgebildet sind und sich regelmässig als Assistentin einstellen lassen. Frauen machen das sehr gerne, obwohl sie gut qualifiziert sind. Das ist häufig auch ein Thema des sich Nichtzutrauens oder Vermeidung von Übernahme der Verantwortung. Auch sind hier viele Frauen dem Sicherheitsdenken viel zu sehr verhaftet. Wieviele Unternehmensgründerinnen gibt es in Deutschland? Dann zählen wir davon die Beschäftigungstherapien wie die defizitären Boutiquen und Geschenkartikelläden ab. Ab da wirds dann ganz dünn. Wenn man ein Gründungsforum besucht, dann sieht man bei den wirklich interessanten Ideen leider fast nur Männer. Das ist sehr schade, denn genau hier hätte auch die Frau die Möglichkeit, sich selber zu verwirklichen. Und genau bei diesem Thema ist uns China und die umliegenden Staaten mit Ausnahme Japan überlegen. Und das ist etwas, woran die Frauen hier arbeiten müssen und eben nicht nur Extrawürste fordern.
5. Es gibt Reis Baby!
pappnose 24.10.2011
In China scheint ja alles besser zu sein als hier, nur komisch, dass mein Onkel nach 4 Jahren Chinaaufenthalt (auswärtiges Amt, 60 J. alt) sagte, dass er noch nie in einem so versifften, korrupten und unfreien Staat erlebt hat
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