• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Crowdfunding fürs Studium Gebt uns Geld, wir wollen forschen

Studenten auf Geldsuche: Mit Crowdfunding zur Forschungsreise Fotos
privat

Ein Flugticket, ein WG-Zimmer und ein Laptop, oft reicht das schon für die Forschungsreise. Doch gerade für kleine Projekte lassen sich nur schwer Stipendien ergattern. Wie man trotzdem zu Geld kommt, macht die Gründerszene vor: per Schwarmfinanzierung.

Auf Stipendien können sich Studenten nur bedingt verlassen, das weiß Johann Esau aus eigener Erfahrung. Um ein Praktikum im Jemen zu finanzieren, stellte der Arabistikstudent aus Marburg 2009 einen Antrag beim Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), drei Monate vor der Reise schickte er ihn los. Der Antrag wurde abgelehnt. Als er schon wieder zurück war, kam noch einmal Post: Weil ein anderes Stipendium geplatzt war, zahlte der DAAD die Reise nun doch. "Das war schön", sagt Esau. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte er das Geld für die Reise längst anders organisieren müssen.

Esau ist inzwischen für seine Masterarbeit in der ägyptischen Hauptstadt Kairo unterwegs. In dem Land, in dem Konfessionslose offiziell nicht existieren, will er mit Atheisten sprechen. Forschung gibt es zu dem Thema kaum, deshalb führt er selbst Interviews. Diesmal ist er die Finanzierung anders angegangen: Das Geld für die Reise hat er über die Crowdfunding-Seite Sciencestarter aufgetrieben.

Unter den zwei Dutzend Spendern sind einige Freunde von ihm, aber auch zum Beispiel der Humanistische Verband Deutschlands. Für seinen größten Spender will Esau einen Vortrag halten. Und als Dankeschön veröffentlicht er seine Arbeit im Internet. Eine Spenderin kommentiert, sie finde das Projekt sehr wichtig: "Atheisten werden zu oft vergessen oder totgeschwiegen."

Fotostrecke

9  Bilder
Crowdfunding: Haste mal'n Gründungs-Euro?
1290 Euro hat er für seine vierwöchige Reise gesammelt, die er trotz der Unruhen durchzieht. "Im Nachhinein hätte ich auch mehr angeben können", sagt er im Skype-Interview vor der kahlen Wand eines WG-Zimmers in Kairo. Mit dem Betrag komme er aber schon zurecht: "Ich wollte nicht als jemand erscheinen, der das Geld am Ende in ein neues Handy steckt."

Mit einer höheren Zielsumme hätte Esau außerdem riskiert, leer auszugehen. Auf Sciencestarter gilt das Alles-oder-nichts-Prinzip: Wer nach einer bestimmten Zeit nicht die volle angepeilte Spendensumme eintreiben kann, darf nichts davon behalten.

Inspiriert von US-Seiten wie Kickstarter gibt es in Deutschland seit etwa drei Jahren Plattformen, die solche Schwarmfinanzierungen organisieren. Das Prinzip ist meist dasselbe: Wer Geld auftreiben will, stellt ein Werbevideo ins Profil und schreibt darunter, warum es sich lohnt, zu spenden. Besonders beliebt sind Filme und Musikproduktionen. Dass auch Wissenschaftler auf Spenden setzen, ist in Deutschland noch die Ausnahme.

100 Fans spenden 60 Euro

"Jeder Student schreibt eine Masterarbeit. Warum sollen die gerade mir Geld geben?", fragte sich auch Esau. Wer sich aus dem Elfenbeinturm in die Öffentlichkeit wagt, der muss auch damit rechnen, vor allen sichtbar zu scheitern. Manchmal ist selbst eine hohe Zahl von Unterstützern keine Garantie dafür, dass es klappt. Das erleben gerade zwei Doktorandinnen, die den Deutschunterricht in China wissenschaftlich untersuchen wollen. Über 105 Fans haben sie zum Zeitpunkt der Recherche, das ist viel. Gespendet haben die aber nur 90 Euro. Da hilft selbst das Versprechen nicht, dass chinesische Studenten den großzügigsten Sponsoren ein Ständchen singen werden.

"Wir haben vor allem freundliche Antworten bekommen", sagt Johanna Varuzza, 29. Dabei haben sie und ihre Kollegin eigentlich alles richtig gemacht: ein ausführliches Profil erstellt, ein Video produziert, den Link an Freunde und Verwandte geschickt, bei Kulturvereinen und Institutionen angerufen. Woran hakt es also? Vielleicht ist ihr Thema zu spezifisch, vermutet Varuzza. Vielleicht haben ihre Fans nicht so viel Geld. Vielleicht liegt es auch daran, dass die beiden Wissenschaftlerinnen auf der Seite schreiben, dass sie schon die Zusage für ein ziemlich üppiges DAAD-Stipendium haben.

Besonders wichtig seien die ersten Spender, sagt Thorsten Witt von Sciencestarter: "Wenn es schon Unterstützer gibt, ziehen andere eher nach." Bevor ein Projekt auf die Seite geht, wird es von Mitarbeitern gelesen. Ist die Darstellung ansprechend? Die Sprache verständlich? Mit der Gegenkontrolle will Sciencestarter den Spendensammlern helfen, aber auch Pseudowissenschaftler ausschließen. Betrugsfälle seien ihm keine bekannt, sagt Witt, aber es hätten sich auch schon Leute gemeldet, die göttliche Wellen messen wollten.

Eine Mischkalkulation erhöht die Chancen auf Erfolg

Vor allem für kleinere Beträge empfiehlt Witt die Schwarmfinanzierung. Wer eine Reise für weniger als 2000 Euro finanzieren wolle, brauche es oft nicht erst bei einer Einrichtung wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft versuchen, sagt er. Die Fristen seien zu lang, der Aufwand zu groß.

Viel spricht dafür, es über mehrere Kanäle zu versuchen. So wie die sechs Skandinavistikstudenten aus Berlin, die auf der Suche nach der kulturellen Identität Norwegens gerade den westlichen Teil des Landes durchqueren. "Wanderstudenten" nennen sie sich. Unterwegs dokumentieren sie christlich-heidnische Spuren wie alte Inschriften und Kunstwerke. Ein Teil der Gruppe wandert, ein anderer ist mit dem Auto unterwegs, führt Interviews und dreht einen Film über die Recherchen.

Knapp 1000 Euro gibt ihnen eine norwegische Stiftung für die Expedition, auch die Humboldt-Universität zahlt mehrere hundert Euro. Etwa gleichzeitig mit den Förderanträgen starteten die Wanderstudenten ein Projekt auf der Crowdfunding-Seite Inkubato. Die Ansage: Je mehr ihr uns gebt, desto länger können wir wandern. Am Ende kamen 1250 Euro zusammen, ein Viertel mehr als geplant.

  • Jonas Nonnenmann (Jahrgang 1986) ist Redakteur in der digitalen Redaktion der Frankfurter Rundschau. Zuvor besuchte er die Zeitenspiegel-Reportageschule.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. cool
doppelpost123 29.08.2013
Sehr interessant. Solche Leute und ihre solidarischen Unterstützer braucht das Land.
2. Sinnvolles Projekt
Scientist 29.08.2013
Hallo, anbei ein Link zu einem sehr bemerkenswerten Crowdfunding Project: https://www.microryza.com/projects/can-anle138b-delay-the-onset-of-genetic-prion-disease Die Wissenschaft dahinter und der Kontext werden in diesem Youtube-Video sehr gut erklärt: https://www.youtube.com/watch?v=pA5xUT4Nq3o Ich habe schon gespendet - es werden noch Spender für die letzten 40% der Summe gesucht. Danke für Ihr Interesse.
3. Crowdfunding - noch so ein Mist aus der....
pm40 29.08.2013
.....aus der Social Network Ecke. Bald hat (fast) jeder Internetuser mal ein Paar € an einen Crowdfounder gespendet (sagt amn eigentlich gespendet?). Dann ist auch dieser Trend wieder tot, weil jeder Schlaumeier denkt:"Cool, mach' ich in Crowdfunding, warum noch selber sparen". Anderer Leute Geld gibt sich halt immer leichter aus. Und warum sollte ich eigentlich mein sauer verdientes Geld irgenwelchen Selbstverwirklichungsspinnern hinterherwerfen?
4. Gab es nicht schon einmal...
juergw. 29.08.2013
Zitat von sysopEin Flugticket, ein WG-Zimmer und ein Laptop, oft reicht das schon für die Forschungsreise. Doch gerade für kleine Projekte lassen sich nur schwer Stipendien ergattern. Wie man trotzdem zu Geld kommt, macht die Gründerszene vor: per Schwarmfinanzierung. Crowdfunding statt Stipendium: Sammeln für die Forschungsreise - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/crowdfunding-statt-stipendium-sammeln-fuer-die-forschungsreise-a-918825.html)
einen "Neuen Markt" wo Millionen verbrandt wurden.Wieviel von 10 Start Ups leben noch nach einem Jahr ?Zwei? Auf der anderen Seite :Eh man sein überflüssiges Geld im Casino verspielt.....
5. Und, BTW, die "Forschungsprojekte".....
pm40 29.08.2013
..."Kulturelle Identität Norwegens" & "Atheisten in Ägypten" sind ja mal echt der Hammer. Gehts nicht noch lächerlicher?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Studieren & Arbeiten querweltein - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Akademiker-Karriere: Forscher ohne Perspektive
Verwandte Themen

Fotostrecke
Übersicht: Wer verdient wie viel an der Uni?

Fotostrecke
Junge deutsche Wissenschaftler: Karriere an US-Unis

  • Corbis
    Wer arbeitet, macht auch Fehler. Kleine und größere Fehlschläge sind immer drin - aber man kann das Risiko senken oder wenigstens klug damit umgehen. Ob Ihre Ziele realistisch sind, wann Ehrgeiz in Verbissenheit umschlägt:
  • Der Selbsttest hilft bei der Einschätzung. mehr...

Social Networks