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Selbständig in Kambodscha Täglich grüßt der Hausgeist

Auswanderer in Kambodscha: Geister beschwören, Heuschrecken knabbern Fotos

Wohnung und Job kündigen, Hausrat und Winterklamotten verschenken, ab in den Flieger - Tanja Smolinski hat's getan. Seit drei Jahren führt die gelernte Druckerin mit ihrem Mann eine Pension in Kambodscha. Das klappt gut, nur zum Arzt traut sie sich nicht mehr.

"Ihr seid ja bekloppt, haben Freunde und Verwandte zu uns gesagt, als sie hörten, dass wir nach Kambodscha auswandern wollen. Manche dachten, hier wäre noch Krieg. Erst als wir die ersten Fotos geschickt haben und sie gesehen haben, dass es Häuser und Strom und fließendes Wasser gibt, hat sich die Aufregung gelegt.

Mein Mann und ich sind schon seit langem Asien-Fans. Es war unser Traum, in einem asiatischen Land eine Bar, ein Restaurant oder ein Guesthouse zu eröffnen. Aber Thailand war uns einfach zu überlaufen. In Kambodscha hatten wir 2007 drei Wochen lang Urlaub gemacht und uns sofort in das Land verliebt. Außerdem sind hier Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis leicht zu bekommen.

Zwei Jahre lang haben wir Geld gespart, 2009 war es dann soweit: Wir haben unsere Jobs gekündigt, ich als Offset-Druckerin, mein Mann als CNC-Maschinenbediener bei einem VW-Zulieferer. Unsere Wohnung in Emmerke haben wir aufgelöst, alle Sachen verschenkt oder verkauft. Mit nur 20 Kilogramm Gepäck auf dem Rücken sind wir nach Kambodscha geflogen.

Wir hatten uns eine Frist von vier Monaten gesetzt - wenn es in dieser Zeit nicht geklappt hätte, wären wir zurück nach Deutschland. Aber schon einen Monat nach unserer Ankunft haben wir in Siem Reap ein passendes Guesthouse mit fünf Zimmern gefunden. Eigentlich wollten wir gern in einen Ort am Meer, aber wir haben schnell gemerkt, dass dort in der Nebensaison gar keine Gäste hinkommen. Die Hauptattraktion von Kambodscha ist die Tempelanlage von Angkor - und die liegt eben bei Siem Reap im Landesinneren.

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29  Bilder
Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Wohnungsanzeigen in der Zeitung gibt es in Kambodscha nicht. Man läuft einfach durch die Straßen und hält nach Verkaufsschildern Ausschau. Wir hatten Glück: Chantea, die Vermieterin unseres Guesthouses, arbeitet als Tourguide und spricht fließend Deutsch. Wir konnten uns schnell einigen auf eine Monatsmiete von 800 Dollar. Im Haus war alles fertig, wir mussten nur noch putzen und einziehen. Zwei Monate nach unserer Ankunft haben wir schon die ersten Gäste empfangen.

Chantea hat uns auch bei allen Behördengängen unterstützt. Mit Englisch kommt man in Kambodscha zwar im Alltag problemlos weiter, aber wenn es um Anträge und Genehmigungen geht, ist die Landessprache Khmer schon hilfreich - zusammen mit einem Zehn-Dollar-Schein. Korruption ist hier leider ein großes Thema.

Freie Tage gibt's nicht mehr

Mein Mann und ich haben auch einen Sprachkurs besucht, allerdings reicht es bislang nur zum Einkaufen. Direkt neben unserem Haus gibt es einen kleinen Tante-Emma-Laden, ohne Tür oder Schaufenster, eher wie eine Garage. In den richtigen Supermärkten bekommt man alles, was es in Deutschland gibt, allerdings zu horrenden Preisen.

Die Nachbarn haben uns sehr freundlich aufgenommen. Für sie waren wir zunächst die reichen Ausländer, die Arbeitsplätze schaffen. Mittlerweile haben wir uns aber richtig angefreundet und waren zum Beispiel auch auf der Hochzeit eines unserer Zimmermädchen. Wir haben drei Festangestellte und arbeiten mit fünf Tuk-Tuk-Fahrern zusammen. Weil wir keinen Nachtportier haben, sind wir immer so lange wach, bis der letzte Gast ins Bett gegangen ist - und stehen natürlich morgens als Erste auf. Das ist auf Dauer schon anstrengend, in der Hochsaison gibt es für uns überhaupt keine freien Tage.

Ich war bisher zweimal für drei Wochen in Deutschland, mein Mann hat noch gar keinen Urlaub gemacht, seit wir in Kambodscha wohnen. Aber wenn man sich selbständig macht und Erfolg haben will, muss man eben mehr arbeiten als in einem 39-Stunden-Job.

Im letzten Herbst hat unsere Vermieterin das zweite Haus auf dem Grundstück renovieren und umbauen lassen. Die Bauarbeiten waren spektakulär: Unfallverhütungsvorschriften? Gibt es nicht. Sicherheitsschuhe? Flipflops kann man immer tragen. Werkzeuge? Was man nicht hat, wird improvisiert. Baugerüste? Aus Bambus, aber es geht auch ohne. Arbeitshelm? Ist doch als Deko für unsere Steinfiguren viel lustiger.

Steuern werden bar bezahlt

Jeden Abend bekamen die Arbeiter ihren Lohn bar auf die Hand. Ein Konto haben hier nur ganz wenige Menschen. Zu groß ist die Angst, dass der Staat alle wieder enteignen könnte, so wie zur Zeit der Roten Khmer. Auch unsere Steuern und die Telefonrechnung müssen wir jeden Monat vor Ort bar bezahlen. Es gibt hier auch keinen Briefträger. Wer Post bekommen will, muss sich ein Fach bei der Hauptpost mieten.

Wenn einem in Kambodscha etwas Schlimmes passiert, liegt es angeblich daran, dass man den Geistern nicht genug geopfert hat. Es ist üblich, den Haus- und Gartengeistern regelmäßig Obst, Reis oder andere Lebensmittel zu opfern. Auf fast jedem Grundstück steht dafür ein sogenanntes Geisterhaus. Manche stellen auch nachts eine Schale mit Reis ins Zimmer, damit der Hausgeist nicht hungern muss. Chantea war es deshalb sehr wichtig, dass der Umbau von Mönchen gesegnet wird. Die Feier solle nichts Großes werden, sagte sie - nur so circa 200 Personen… und die kamen auch alle.

In dem neuen Haus haben wir nun noch zehn Zimmer für Backpacker. Unsere Miete hat sich dadurch mehr als verdoppelt. Es wird etwas dauern, bis sich das rentiert, denn mehr als zehn Dollar pro Nacht kann man in Kambodscha für ein einfaches Zimmer nicht nehmen.

Ein großes Problem ist die medizinische Versorgung. Es gibt in Kambodscha keine Krankenversicherung; Honorar und Medikamente muss man beim Arzt sofort bar bezahlen. Auch ich habe mich deshalb nach einem Fahrradunfall nicht ins Krankenhaus getraut. Tigerbalsam aus der Apotheke musste reichen. Das sind schon die Momente, in denen mir Zweifel kommen. Mit unserem Leben in Deutschland haben wir jede soziale Absicherung hinter uns gelassen.

Trotzdem würde ich nicht tauschen wollen. Die asiatische Lebensweise, alles mit weniger Hektik und mehr Gelassenheit anzugehen, hat mich schon sehr geprägt. Wir schaffen das, egal, was in Zukunft noch alles passieren wird."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Verena Töpper

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Sehr schöner Bericht
zeitmax 10.09.2012
und mit meinen Thailand-Erfahrungen ebenfalls übereinstimmend. Nur scheint mir die Preiskalkiulation ziemlich wacklig: Allein für die Mehrmiete muss eine ca. einwöchige Vollauslastung oder eine 25%-Auslastung/Monat ganzjährig gegeben sein. Die sind da anscheinend auf eine echte (deutchsprechende) Kapitalistin gestossen...
2. Ich staune immer wieder
Bolligru 10.09.2012
wie von Auswanderern über solche "Kleinigkeiten" wie z. B. die hier erwähnte Korruption und andere gesellschaftliche und politische - nennen wir es mal "Unzulänglichkeiten" hinweggesehen wird. Hier in Deutschland wäre dies Anlass für grosse Empörung...und ein Grund auszuwandern... Aber man ist dort ja nur Gast und trägt keine Mitverantwortung für die Verhältnisse.
3. in Bar und ohne Quittung
earl grey 10.09.2012
Zitat von Bolligruwie von Auswanderern über solche "Kleinigkeiten" wie z. B. die hier erwähnte Korruption und andere gesellschaftliche und politische - nennen wir es mal "Unzulänglichkeiten" hinweggesehen wird. Hier in Deutschland wäre dies Anlass für grosse Empörung...und ein Grund auszuwandern... Aber man ist dort ja nur Gast und trägt keine Mitverantwortung für die Verhältnisse.
Meinen sie, das es in Deutschland keine Korruption gibt? Hier nennt sich das Lobbyismus und ist teuerer als 10 $... oder wie würden sie es nennen, wenn ein Bausenator in einer deutschen Großstadt für fast 1/4 Mill. seine Wohnung renoviert bekommt, der Bauunternehmer ihm das offiziell schenkt und dafür erhält der fast alle staatlichen Großaufträge, manchmal auch ohne vorgeschriebene Ausschreibung? Da halte ich das System in solchen Staaten für ehrlicher. Man bekommt, was man bezahlt. Das ist berechenbar. Außerdem darf man dabei eins nicht vergessen: wenn hier ein Beamter bestochen wird, so hat er es doch eigentlich nicht nötig; er verdient genug für seinen Lebensunterhalt. Wenn in Asien ein Beamter bestochen wird, ist das oft für ihn überlebenswichtig; die machen das da aus reiner Not weil sie nicht genug verdienen. Perfide ist nur, dass das bei der Entlohnung dort gleich mit berücksichtigt wird...aber da kann der kleine Polizist auf der Straße nichts für, der eine Verkehrsünde in Bar und ohne Quittung eintreibt...
4. Der Unterschied liegt darin
Bolligru 10.09.2012
dass man als Normalbürger absolut notwendige Dinge und staatliche Dienstleistungen, wie Zulassungen, Bescheinigungen etc. wie auch in dem Bericht erwähnt, nur gegen einen Extra-Obolus bekommt. Das heißt, wer das Geld nicht hat, sieht alt aus. Je mehr man hat, desto besser flutscht es. Aber das muss man doch nicht wirklich erklären, oder? So weit sind wir hierzulande noch lange nicht. Bei uns kriegt jeder seinen Perso noch zum gleichen Preis, egal ob arm oder reich. Im Übrigen ist das Thema Korruption nur eines von vielen möglichen Beispielen und der Kernpunkt meines Beitrags ist die Beobachtung, dass sich Auswanderer bisweilen anderswo mit Verhältnissen arrangieren, die sie hier zu Recht übelst anprangern würden....
5. 25% reicht nicht
blaubärt 10.09.2012
Zitat von zeitmaxund mit meinen Thailand-Erfahrungen ebenfalls übereinstimmend. Nur scheint mir die Preiskalkiulation ziemlich wacklig: Allein für die Mehrmiete muss eine ca. einwöchige Vollauslastung oder eine 25%-Auslastung/Monat ganzjährig gegeben sein. Die sind da anscheinend auf eine echte (deutchsprechende) Kapitalistin gestossen...
25% reicht sicher nicht, ich schätze eher 50%. Neben der Miete fallen ja noch Kosten für Zimmermädchen, Provision für die Tuk-Tuk-Fahrer und Steuern an. Und die eigene Arbeit soll ja irgendwann auch bezahlt werden, + Rücklagen für Krankheitsfall, Rente usw. Wünsche trotzdem viel Glück.
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