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Deutsche Bäcker in London Eine Delikatesse namens Pig Ears

Deutsche Bäcker in London: Pig Ears und Kraut Burger Fotos
SPIEGEL ONLINE

Wenn Deutsche im Ausland etwas vermissen, dann Krustenbrot. Im selben Londoner Viertel buhlen "Backhaus" und "Hansel and Pretzel" um deutsche wie englische Kundschaft. Beide Deutschbäcker bieten das ganze Programm von Kürbiskernbrot bis Bienenstich. Besonders beliebt: Spinat mit Blubb.

Ham ist eine ruhige Ecke von London. Auf der einen Seite schlängelt sich die Themse durch grüne Wiesen, auf der anderen Seite erstreckt sich der weitläufige Richmond Park mit seinen Hirschen. In dem beschaulichen Vorort wohnen viele deutsche Familien, deren Kinder auf die benachbarte deutsche Schule gehen.

Gerd Kusche und Carola Hesse mussten daher nicht lange überlegen, als sie vor 15 Jahren einen Standort für ihre deutsche Bäckerei in London suchten. "Backhaus - German Bakers" steht über dem kleinen Laden in der Ashburnham Road. Dunkle Krustenbrote, Brezeln und Schrippen gibt es hier, regionale Spezialitäten von Hamburger Franzbrötchen bis Leipziger Lerchen - und echte "Pig Ears", wie sie die Schweineohren aus Blätterteig hier nennen.

Die beiden gelernten Bäcker sind ein Ost-West-Paar. Kusche, 68, kommt aus dem hessischen Frankenberg, Hesse, 48, aus Leipzig. Kennengelernt haben sie sich, als Kusche nach der Wende in Leipzig die Bäckerei "Brotkörble" eröffnete. Sie lieferten die Bord-Brötchen für die Lufthansa, und als die Fluggesellschaft das Catering-Geschäft nach London verlegte, zogen sie 1997 auf die Insel.

Please try to say... Kürbiskernbrot

"Es war schon ein Schock", erinnert sich Hesse. "Auf Englisch konnte ich nur 'I love you'. Ich hatte ja Russisch in der Schule." Inzwischen hat sie keine Verständigungsprobleme mehr. Viele englische Kunden praktizieren auch gern ihre Deutschkenntnisse beim Einkaufen. "Kürbiskern ist natürlich schwer auszusprechen", sagt sie. "Aber Bienenstich können sie."

Die meisten Kunden sind allerdings Deutsche aus dem Viertel. "Es ist wie im Dorf", sagt Ronnie Wollenhaupt, 27, einer der sechs Angestellten der Bäckerei, "man kennt sich und hat ein entspanntes Leben." Die Mitarbeiter wohnen auch alle in der Gegend. Wegen der hohen Mieten haben drei eine WG gegründet, einer der jungen Bäckermeister ist bei den Chefs untergekommen.

Die Nachfrage nach vertrautem Essen ist groß, daher verkauft die Bäckerei in einem zweiten Laden drei Türen weiter auch importierte Lebensmittel: Der "Backhaus Deli-Shop" ist eine Art Tante-Emma-Laden mit Wursttheke und Kaffeeausschank. In den Regalen stehen Nutella-Gläser, Bahlsen-Kekse, Dosensuppen und Bionade, alles aus Deutschland importiert. "Wir haben das normale Grundsortiment eines kleinen Supermarkts", sagt Hesse. Sogar Fertigpizza von Dr. Oetker gibt es, original mit deutscher Beschriftung.

"Der Hit ist der Rahmspinat mit dem Blubb", sagt Hesse. "Was meinen Sie, was los ist, wenn der mal ausverkauft ist." Sie rollt mit den Augen und ahmt die Stimme einer aufgeregten Mutter nach. "Was koche ich denn bloß heute?" Die Kunden, sagt sie, hätten nicht immer Verständnis dafür, wenn mal etwas nicht vorrätig sei. "Man muss sie dann daran erinnern, dass wir hier auf einer Insel leben." Es dauert einige Tage, bis die Lieferung aus Deutschland da ist.

Wenn aus Kunden Konkurrenten werden

Fertigpizza und Nutella könnte man natürlich auch günstiger in einem englischen Supermarkt kaufen. "Aber die schmecken anders", sagt Hesse. "Die englische Nutella ist süßer als die deutsche."

Die Kunden scheinen das ähnlich zu sehen, der Umsatz des Backhauses steigt seit 15 Jahren stetig. Backwaren und Lebensmittel machen je die Hälfte des Umsatzes aus. In den vergangenen Jahren sei das Geschäft schwieriger geworden, sagt Hesse. Das Pfund ist deutlich schwächer als damals, als sie angefangen haben. Das verteuert die Lieferung aus Deutschland und drückt die Gewinnmargen. Zuletzt hat sich auch die Rezession bemerkbar gemacht.

Obendrein hat das Backhaus, das lange ein Monopol genoss, vor drei Jahren Konkurrenz bekommen. Nur wenige hundert Meter entfernt hat 2009 die deutsche Bäckerei "Hansel and Pretzel" aufgemacht. Die Inhaber Peter Wengerodt und Petra Braun, seit 2004 in London, waren langjährige Kunden im Backhaus. Er ist eigentlich Klempner und sie Stadtplanerin, doch ihnen gefiel die Idee eines deutschen Delikatessengeschäfts. Zusammen mit einem der damaligen Backhaus-Bäcker machten sie sich selbständig und bieten seither ebenfalls Backwaren und ausgewählte Produkte aus Deutschland an.

"Es macht Spaß, sich seinen eigenen Laden einzurichten", sagt Wengerodt. Während er als Klempner weiterarbeitete, renovierte er mit seiner Frau den früheren Zeitungskiosk, in dem sie nun Brot, Thüringer und Rothaus-Bier verkaufen. "Die Möbel sind von Ikea oder Ebay", sagt Braun. Die Holzregale, auf denen nun die Brote lagern, stammten von einer Bio-Bäckerei im Ruhrgebiet.

Heute Fish 'n' Chips oder mal Deutschbrot?

Die Backhaus-Gründer waren über die neuen Nachbarn nicht erfreut. Bis heute ist man nicht gut aufeinander zu sprechen. Aber für zwei Bäcker sei das Viertel allemal groß genug, finden beide Seiten.

Ein dritter deutscher Bäcker hat seit dem Jahresende eine längere Pause eingelegt. Er hatte in den vergangenen drei Jahren sein Brot aus einem fahrenden Laden heraus verkauft. Der Mobil-Bäcker schnappte sich die Kunden direkt an der Quelle: Er parkte seinen Transporter mit dem Schriftzug "GB - German Bakers" jeden Tag vor der deutschen Schule und der deutschen Botschaft. Dann nahm er aus privaten Gründen eine Auszeit.

"Backhaus" und "Hansel and Pretzel" hingegen florieren - trotz ihrer vergleichsweise hohen Preise. Wengerodt und Braun würden gern noch einen zweiten Laden nebenan anmieten, um mehr Platz für Lebensmittel zu haben. Der kleine Verkaufsraum platzt aus allen Nähten, und die Kunden verlangen nach immer mehr Produkten. "Es läuft sehr rund", sagt Wengerodt.

Auch bei "Hansel and Pretzel" kaufen vor allem Deutsche ein. Die Schüler der gegenüberliegenden englischen Schule seien noch etwas scheu, sagt Wengerodt. "Sie kennen die Produkte nicht." Statt zu den Laugenstangen greifen sie lieber zu den Fritten in den Fast-Food-Läden nebenan. Doch Wengerodt sieht hier eine neue Kundschaft heranwachsen: "Es kommen immer mehr."

Nachtrag im November 2013: GB German Bakers ist wieder zurück im Geschäft. Nach eigenen Angaben war der Unternehmer nicht pleite, wie in einer früheren Version des Artikels stand, sondern hatte aus privaten Gründen eine längere Auszeit genommen.

Carsten Volkery (Jahrgang 1973) ist Großbritannien-Korrespondent von SPIEGEL ONLINE.

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1.
annonce 30.04.2012
Deutsche Waren im Ausland zu verkaufen, auch als "Heimweh Pflaster". Mitten in San Francisco (zwischen Broadway St/California St/Höhe ungefähr Webster St.) existiert ein Kiosk/Büdchen, der neben Nutella, Miraculi, Löwensenf auch Jever verkauft. Sehr nett und irgendwie auch witzig. Obwohl ich manchmal denke, warum Reise ich ins Ausland, wenn ich dann doch wieder Maggi, Nescafe und Schrippen auf dem Tisch liegen habe?
2.
merty 30.04.2012
Es gibt noch das Bäkehaus in Hammersmith ("Seriously German about bread"), das immer ganz gut besucht ist. Ihr Kürbiskernbrot und -brötchen sind zu empfehlen. Berlin Delicious (Filialen in Aldgate und City) scheint leider dichtgemacht zu haben, was schade wäre, denn der soll sehr gut gewesen sein. Bliebe noch Ditsch in Victoria und Hammersmith, falls man das als Bäcker zählen mag. Wollte es schon immer mal zum Backhaus schaffen, leider ist Ham doch etwas abgelegen. Hoffe aber bald mal dort hinzukommen und beide Bäcker zu besuchen.
3.
thorsten_kampe 30.04.2012
Zitat von annonceDeutsche Waren im Ausland zu verkaufen, auch als "Heimweh Pflaster". Mitten in San Francisco (zwischen Broadway St/California St/Höhe ungefähr Webster St.) existiert ein Kiosk/Büdchen, der neben Nutella, Miraculi, Löwensenf auch Jever verkauft. Sehr nett und irgendwie auch witzig. Obwohl ich manchmal denke, warum Reise ich ins Ausland, wenn ich dann doch wieder Maggi, Nescafe und Schrippen auf dem Tisch liegen habe?
Weil sie nicht dorthin "reisen" sondern dort leben...?
4.
LH526 30.04.2012
Zitat von annonceDeutsche Waren im Ausland zu verkaufen, auch als "Heimweh Pflaster". Mitten in San Francisco (zwischen Broadway St/California St/Höhe ungefähr Webster St.) existiert ein Kiosk/Büdchen, der neben Nutella, Miraculi, Löwensenf auch Jever verkauft. Sehr nett und irgendwie auch witzig. Obwohl ich manchmal denke, warum Reise ich ins Ausland, wenn ich dann doch wieder Maggi, Nescafe und Schrippen auf dem Tisch liegen habe?
Aus dem selben Grund, aus dem Sie aus dem Ausland auf Spiegel.de posten ;)
5.
thorsten_kampe 30.04.2012
Zitat von sysopWenn Deutsche im Ausland etwas vermissen, dann Krustenbrot. Im selben Londoner Viertel buhlen "Backhaus" und "Hansel and Pretzel" um deutsche wie englische Kundschaft. Beide Deutschbäcker bieten das ganze Programm von Kürbiskernbrot bis Bienenstich. Besonders beliebt: Spinat mit Blubb. Deutsche Bäcker in London: Eine Delikatesse namens Pig Ears - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/0,1518,827157,00.html)
Für mich sind das alles "arme Schweine". Versucht 'mal ein paar Jahre ohne Brot oder mit dem angelsaechsischen "Surrogat-Extrat" zu leben, dann wisst ihr was ich meine. Ich erinnere mich noch deutlich, wie ein deutscher Kollege selbst-gebackenes Brot im Büro verteilte als sei es Kuchen. Und ja, es schmeckte "wie Kuchen"...
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