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Deutsche Bäckerei in Kirgisien Berliner mit Hackfleischfüllung

Deutsche Bäckerei in Kirgisien: Verkauft wird im Schwarzwalddirndl Fotos
Klaus Lehrke

Aidai Sarbagishewas Bäckerei ist in einem alten Sowjet-Kombinat, an den Wänden hängen Poster vom Titisee. Mit Brot nach Schwarzwälder Rezept lockt sie ihre kirgisischen Landsleute, die ein Vermögen für die Spezialitäten ausgeben. Ihre Berliner füllt sie lieber mit Hack als mit Marmelade.

Das Wurzelbrot muss nach oben. Ins höchste Regalfach, da schauen die Kunden zuerst hin. Sie kommen herein und legen den Kopf in den Nacken. Das wusste Aidai Sarbagishewa, 32, bevor sie in Bishkek, der Hauptstadt von Kirgisien, ihre Schwarzwald-Bäckerei eröffnete - sie schaut selbst immer nach oben, wenn sie einen Laden betritt.

Schwieriger zu lösen war die Frage mit den Zutaten. Für eine Schwarzwälder Kirschtorte braucht man Schlagsahne mit mindestens 33 Prozent Fett, für ein Bauernbrot Roggenmehl, für Tiramisu Biskuit. In kirgisischen Supermärkten sucht man danach vergeblich.

Sarbagischewa recherchierte, rechnete, telefonierte. Und fand für jede Zutat eine Lösung. Die Schlagsahne importiert sie aus Russland, das Roggenmehl aus Kasachstan, den Biskuit aus Offenburg, der Heimat ihres Mannes Klaus Lehrke, 64.

8000 Euro kostet es, einen Container mit Backzutaten von Offenburg nach Bishkek zu schaffen. Rechnet man die Kosten für den Inhalt dazu, kommen schnell 20.000 bis 30.000 Euro zusammen, plus 12 Prozent Einfuhrsteuer. Eine Summe, für die man viele Brötchen verkaufen muss.

80 Kuchen für den Botschafter von Japan

Sarbagishewa verkauft viele Brötchen. Und Torten. Und Brote. Der japanische Botschafter ordert für seinen Geburtstag 80 Kuchen. Die Amerikanische Universität bestellt regelmäßig belegte Brötchen, Quarkschnitten und Apfeltaschen. Und 200 Brezeln gehen jede Woche an das US-Militär, das in Bishkek einen Luftwaffenstützpunkt betreibt, in dem alle amerikanischen Soldaten auf dem Weg nach Afghanistan Station machen.

30 Som ist der Preis für eine Brezel, umgerechnet 66 Cent. Ein Roggen-Vollkornbrot kostet 150 Som, rund 3,30 Euro - das Fünfzehnfache von einem traditionellen Fladenbrot aus der Gegend.

Kirgisien ist ein armes Land. Die Weltbank beziffert das Bruttonationaleinkommen pro Kopf und Jahr mit 840 US-Dollar, das entspricht einem Monatsverdienst von 2400 Som. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt das Bruttonationaleinkommen 43.110 US-Dollar. Die Schwarzwald-Bäckerei ist trotzdem nicht nur bei ausländischen Diplomaten beliebt. "Jeder zweite Kunde ist Kirgise", sagt Klaus Lehrke.

Titisee und Schwarzwald-Tracht

In der Schwarzwald-Bäckerei werden die Waren nicht, wie in Kirgisien üblich, in Plastik-, sondern in Papiertüten gepackt, darauf ist ein Fichtenwald gedruckt und der deutsche Slogan "Qualität & Frische aus der Region". Die Verkäuferinnen tragen bei der Arbeit ein Schwarzwalddirndl, genäht in Bishkek nach dem Muster der Original-Tracht. An den Wänden hängen Fotos vom Titisee. "Der Schwarzwald ist eine tolle Marke", sagt Sarbagishewa.

Die Diplom-Dolmetscherin für Russisch und Englisch hat sich erst in den Mann verliebt, dann in die Region - und das Brot. Lehrke und sie haben sich vor acht Jahren in Bishkek kennengelernt, beim Tanzen. Lehrke war im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und des Deutschen Genossenschafts- und Raiffeisenverbands da, er sollte in den Dörfern Genossenschaftsbanken gründen: Mit einer Mindesteinzahlung von 1000 Som kann jeder Kirgise Mitglied werden, das eingezahlte Geld ist das Grundkapital der Bank, aus dem dann Kredite vergeben werden - um Maschinen oder Samen zu kaufen, Schneidereien oder Restaurants zu eröffnen.

Mehr als 200 kleine Banken wurden inzwischen gegründet, Tausende Kredite vergeben. Das Projekt ist offiziell abgeschlossen. Lehrke ist geblieben. Er baut jetzt einen Dachverband für die Banken auf und unterstützt seine Frau in der Bäckerei.

Zum Praktikum nach Oberkirch

Sarbagishewa ist nicht nur Dolmetscherin, sondern auch studierte Betriebswirtin. Nach mehreren Besuchen in Lehrkes Heimat wollte ihr Lepjoschka, das traditionelle Fladenbrot, nicht mehr so richtig schmecken. "Warum backst Du nicht selbst?" fragte ihr Mann. Die Idee zur eigenen Bäckerei war geboren.

Das Projekt ging Sarbagischewa ganz systematisch an: mit einer Marktanalyse. Als herauskam, dass eine deutsche Bäckerei in Bishkek Erfolgschancen hätte, suchte sich die Kirgisin eine Praktikumsstelle in einer Bäckerei in Oberkirch im Schwarzwald. Sechs Monate lang lernte sie dort, wie man Torten und Plunder, Schwarzbrot und Laugenbrötchen backt. Dann fuhr sie zurück.

Für die Suche nach geeigneten Maschinen holte sich das Paar professionelle Hilfe aus Deutschland: Dieter Peterscheck, einen pensionierten Bäcker aus Fehmarn, vermittelt vom Senior Experten Service, einer Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Sie bringt deutsche Senioren zu kleinen und mittleren Betriebe im Ausland, damit sie dort ihr Wissen weitergeben.

Ein Land, drei Namen

Die Anfrage aus Asien überraschte den Rentner: Wo soll ich hin? Und: Wie heißt das Land genau? Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung schreibt Kirgisistan, Lehrke und Sarbagischewa sagen Kirgistan, der SPIEGEL schreibt Kirgisien. Im Duden stehen alle drei Begriffe. In deutschen Nachrichten kommen sie nur selten vor und wenn, dann im Zusammenhang mit Gefangenen, die sich die Münder zunähen, verschleppten Frauen, schlecht ausgestatteten Schulen oder abgestürzten Fliegern.

Als Dieter Peterscheck in Bishkek ankam, war er erst einmal geschockt: "Alle Autofahrer fuhren Schlangenlinien, ich dachte, die sind alle besoffen." Tatsächlich versuchten sie aber nur, den vielen Schlaglöchern und offenen Abwasserschächten auszuweichen. Hier eine deutsche Bäckerei zu eröffnen, schien Peterscheck "eine blödsinnige Idee". Doch Aidai Sarbagischewa hatte ihn schnell überzeugt: "Sie hat eine so mitreißende Art, das musste einfach funktionieren."

Backstube in der Eisenbahn-Werkstatt

Selbst für die häufigen Stromausfälle fand sie eine Lösung: Die Backstube ist außerhalb der Stadt in einem Kombinat aus Sowjetzeiten untergebracht: Die ehemalige Eisenbahn-Werkstatt hat eine eigene Stromversorgung.

Gemeinsam tüftelten sie an Rezepten, bestellten Maschinen und Zutaten. Peterscheck kreierte einen Berliner mit Hackfleischfüllung. Er wurde ein Verkaufsschlager. Die von Peterscheck organisierte Fettbackmaschine schafft 48 Stück in acht Minuten.

Die Schwarzwald-Bäckerei hat im Juni 2010 eröffnet, mittlerweile beschäftigt Sarbagischewa neun Mitarbeiter. Sie zu finden, war gar nicht so einfach. Viele Bewerber wollten nachts nicht arbeiten, einer ließ Geld aus der Kasse verschwinden, ein anderer erschien einfach nicht zur Arbeit. Sarbagischewa lässt sich davon nicht einschüchtern: Sie plant schon die nächste Filiale.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. <->
silenced 30.03.2012
Kirgisien? Ich dachte, das Land heißt Kirgistan.
2.
saarstudentin 30.03.2012
Zitat von sysopAidai Sarbagishewas Bäckerei ist in einem alten Sowjet-Kombinat, an den Wänden hängen Poster vom Titisee. Mit Brot nach Schwarzwälder Rezept lockt sie ihre kirgisischen Landsleute, die ein Vermögen für die Spezialitäten ausgeben. Ihre Berliner füllt sie lieber mit Hack als mit Marmelade. Deutsche Bäckerei in Kirgisien: Berliner mit Hackfleischfüllung - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/0,1518,822875,00.html)
Überall haben solche Läden Erfolg - in GB, in New York, in Asien... warum kommen die Länder nicht mal selbst drauf, dass ihre Bürger vielleicht mal was anderes als Toastbrot essen wollen?
3.
Spieegel 30.03.2012
Zitat von saarstudentinÜberall haben solche Läden Erfolg - in GB, in New York, in Asien... warum kommen die Länder nicht mal selbst drauf, dass ihre Bürger vielleicht mal was anderes als Toastbrot essen wollen?
Na, ganz einfach; Frankreich ist das Land mit den vielen Käsesorten, während Deutschland das Land mit den vielen....? Genau. Das hat also weniger damit zu tun, dass andere Länder nicht darauf kommen, sondern vielmehr damit, dass z. B. ein kräftiges Vollkornbrot einfach nicht gemocht wird. Aber einen kleinen Markt scheint es immer zu geben. Warum kommt man in Deutschland nicht drauf, ..... ;-)
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