Ich kam im September 1988 an, es war kühl, regnerisch und neblig. Über die Westautobahn bin ich in den neunten Bezirk gefahren. Modrige, verfallene Häuser und Prostituierte auf der Straße - das hatte ich nicht erwartet. Meine Notunterkunft am Institut für Personalmangement der Wirtschaftsuniversität Wien, wo ich als Projektmitarbeiterin anfangen sollte, war auch nicht so toll. Abends hatte kein einziges Restaurant mehr offen - heute unvorstellbar. Damals dachte ich: Oh mein Gott, willst du nicht gleich zurückfahren?
Neuer Arbeitsvertrag mit 60
Zusammen mit meinem deutschen Kollegen forschte ich zu Gruppenarbeit und Beteiligung von Mitarbeitern in Unternehmen. Da ich aber nur auf einer halben Stelle entlohnt wurde und davon nicht wirklich leben konnte, brauchte ich noch einen Job. Ich habe mit Coaching begonnen. Das schlug so gut ein, dass ich mich bald davon ernähren konnte. Coaching und Unternehmensberatung mache ich bis heute freiberuflich. Und gerade wurde ich gefragt, ob ich an der Uni weiterarbeiten will, also habe ich mit 60 Jahren einen neuen Arbeitsvertrag unterschrieben.
Was ich besonders am Arbeitsleben hier mag, ist das Leichte: Es ist alles nicht so schlimm und nicht so wichtig. Was wir Deutschen immer tun, dieses 'zack, zack' und 'wir müssen', das gibt es hier nicht. Österreicher sagen da einen schönen Satz: 'Es geht sich aus.' Und das schätze ich sehr, dass man hier Mensch bleiben darf.
Allerdings werde ich als Deutsche mit ein bisschen Ehrfurcht wahrgenommen. Im Berufsleben ist das wunderbar, da wird uns Deutschen Kompetenz zugesprochen. Privat ist das aber oft ganz schwer. Das Tüchtige und Klare macht Männern offenbar Angst. Ich habe immer erzählt, dass ich Lehrerin bin und nicht Hochschullehrerin. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Männer sonst Reißaus nehmen.
Treffen zu Hause? Lieber im Kaffeehaus
Seit 24 Jahren lebe ich schon hier, habe aber politisch kein Mitbestimmungsrecht. Gerne würde ich die Geschicke der Stadt Wien mitgestalten, doch dafür müsste ich die deutsche Staatsbürgerschaft abgeben. Es ist nicht so, dass ich sie unbedingt brauche, aber sie ist mein einziger Anker in Deutschland.
Für mich ist Wien die Traumstadt: die vielen Möglichkeiten, die Topografie, das warme, trockene Klima, dazu Menschen, Kulturen und Musik aus aller Welt. Wien hat ein exzellentes öffentliches Verkehrsnetz, zu Preisen, die man nirgends sonst in Europa findet. Das einzige, was ich wirklich sehr vermisse, ist der Grünkohl, den habe ich mir von meiner letzten Reise aus Deutschland mitgebracht.
Mit Freunden trifft man sich hier im Heurigen oder im Kaffeehaus. Ganz selten hat mich mal jemand in seine private Wohnung eingeladen. Ich habe mich gefragt, woran das liegt. Ein Wiener sagte mir, die beengte Wohnsituation sei wohl der Grund. Inzwischen lade ich auch lieber in den Heurigen ein, weil ich nicht den Platz habe, so viele Leute zu verköstigen."
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