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12. April 2012, 08:54 Uhr

Kulturschock in Saudi-Arabien

Bio-Knoblauch für die Scheichs

Ökoprodukte im Wüstensand? Das klingt sonderbar, aber in Supermärkten reißen sich Kunden darum. Marco Hartmann zeigt Bauern in Saudi-Arabien, wie man Obst und Gemüse mit Bio-Siegel anbaut. Kolleginnen vermisst der Agrarökologe, denn Frauen dürfen sein Büro in Riad nicht betreten.

"Die Ankunft in meiner Wohnsiedlung in Riad war ein kleiner Schock: Eine mit Stacheldraht umzäunte Anlage, streng bewacht und nur für Ausländer. Es ist ein bisschen wie im Club Med, 150 Wohneinheiten mit Pool, Fitnessraum, Supermarkt. Eine kleine Welt für sich. Seit zwei Jahren wohne ich jetzt dort.

Morgens quäle ich mich durch den Stau zum Agrarministerium, dort teile ich mir mit sieben Kollegen der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ein Büro. Wir beraten die Regierung von Saudi-Arabien beim Aufbau eines Bio-Agrarsektors. Das ist keine Entwicklungshilfe, sondern wird von den Saudi-Arabern bezahlt. Die ersten 65 Bauern haben mit unserer Hilfe schon auf ökologischen Landbau umgestellt, 200 arbeiten daran, die Kriterien zu erfüllen. Das ist das Schöne an der Arbeit hier: Die Leute kommen auf uns zu, sie sind sehr motiviert, wollen unbedingt mitmachen.

Beim Thema Öko denkt in Saudi-Arabien erst mal niemand an Nachhaltigkeit, es geht den Menschen vor allem um ihre Gesundheit: Viel hilft viel, das ist leider die Devise vieler saudi-arabischer Bauern, was Pestizide und Dünger angeht. Und der Begriff "healthy" steht immer auf der Verpackung, egal, was drin ist.

Wüste Beschimpfungen bei Meinungsumfrage

Wir haben deshalb ein saudi-arabisches Bio-Siegel entwickelt, das in etwa dem Standard des EU-Biosiegels entspricht. Dazu gab es eine große Werbekampagne im ganzen Land. Vor ein paar Monaten haben sich unsere Ökobauern zum ersten Mal auf dem Wochenmarkt in Riad präsentiert - und in einer Viertelstunde hatten sie alles verkauft. Sie wussten selbst nicht, wie ihnen da geschieht.

Es gibt mittlerweile 30 Biosupermärkte im ganzen Land. In Riad und einigen anderen Großstädten kann man sogar eine Biokiste mit Obst und Gemüse abonnieren, auch da übersteigt die Nachfrage deutlich das Angebot. Der Bedarf ist einfach riesig. Das war am Anfang gar nicht abzusehen, denn das Kaufverhalten konnten wir leider nicht wirklich analysieren: Bei unserer Umfrage sind die Leute davongerannt, im besten Fall. Im schlimmsten Fall haben sie unsere Interviewer wüst beschimpft.

Meinungsumfragen gelten in Saudi-Arabien als Einbruch in die Intimsphäre, das macht man einfach nicht. Kinos oder Theater gibt es in Riad nicht, auch Alkohol ist verboten. Und Frauen bekommt man nie zu Gesicht, sie sind alle verschleiert. Im Agrarministerium ist ihnen sogar der Zutritt verboten. Wir hatten für unser Team mehrere Bewerbungen von qualifizierten Frauen, aber wie soll das funktionieren, wenn sie unser Büro nicht betreten dürfen?

Essen hinter Sichtschutzwänden

In Restaurants darf man in Begleitung von Frauen nur in der 'Family Section' essen. Da sitzt man dann in einer abgetrennten Kabine mit Sichtschutzwänden, so dass man die anderen Gäste zwar hören, aber nicht sehen kann. Da bleibe ich lieber gleich zu Hause und koche selbst.

In ein paar Wochen wird meine Frau zum ersten Mal zu Besuch kommen. Weil die Regierung mit unserer Arbeit sehr zufrieden ist, konnte ich ein Visum organisieren. Eigentlich ist es schwierig, ein Besuchervisum zu bekommen. Aus Deutschland hat mich deshalb in den letzten zwei Jahren auch niemand besucht.

Ich bin oft auf Dienstreise, in Deutschland und der Schweiz, aber auch in Indien oder den Arabischen Emiraten. Ich weiß nicht, ob ich sonst so lange in Saudi-Arabien geblieben wäre. Länger als eine Woche Urlaub zu nehmen, ist kaum möglich. Unsere Auftraggeber achten sehr darauf, dass es bei unserer Arbeit auch ordentlich vorwärts geht. Im Agrarministerium arbeiten die meisten von 8 Uhr morgens bis 14 Uhr mittags, mit Pausen zum Beten und Essen. Von uns wird erwartet, dass wir permanent ansprechbar sind.

Giraffe am Straßenrand

Mittlerweile sind auch schon die Nachbarländer auf unsere Arbeit aufmerksam geworden: Wir haben Anfragen aus Kuwait, Oman, Katar und den Arabischen Emiraten. Das schmeichelt den Saudi-Arabern. Sie sind sehr stolz darauf, ökologische Vorreiter zu sein, und haben jetzt sogar einen Exportstopp für ihr Gemüse verhängt.

Das Wasser holen die saudi-arabischen Landwirte aus eigenen Brunnen und versprühen es mit sogenannten Beregnern, wegen der großen Hitze verdunstet dabei rund die Hälfte. Die Tröpfchenbewässerung ist viel effektiver. Sie wird mittlerweile von der saudi-arabischen Regierung subventioniert und soll auch Voraussetzung werden, um das Bio-Siegel zu erhalten. Staatliche Subventionen für Öko-Betriebe gibt es noch nicht. Doch vielleicht kommt das bald - bis 2017 soll der Bio-Anteil an der saudi-arabischen Landwirtschaft fünf Prozent erreichen.

Der König von Saudi-Arabien ist von der ökologischen Landwirtschaft begeistert, auch die Prinzen sind sehr angetan. Eine königliche Obst- und eine königliche Gemüsefarm haben wir schon auf biologische Landwirtschaft umgestellt. Die königlichen Farmen sind riesig, man fährt auf einem eigenen Highway hindurch. Ich dachte, ich sehe nicht richtig, als am Straßenrand auf einmal eine Giraffe stand. Es stellte sich heraus, dass sie zum Privatzoo des Prinzen gehört."

Aufgezeichnet von Verena Töpper

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