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Kulturschock in Saudi-Arabien Bio-Knoblauch für die Scheichs

Kulturschock in Saudi-Arabien: Bio-Mangos in der Wüste Fotos

Ökoprodukte im Wüstensand? Das klingt sonderbar, aber in Supermärkten reißen sich Kunden darum. Marco Hartmann zeigt Bauern in Saudi-Arabien, wie man Obst und Gemüse mit Bio-Siegel anbaut. Kolleginnen vermisst der Agrarökologe, denn Frauen dürfen sein Büro in Riad nicht betreten.

"Die Ankunft in meiner Wohnsiedlung in Riad war ein kleiner Schock: Eine mit Stacheldraht umzäunte Anlage, streng bewacht und nur für Ausländer. Es ist ein bisschen wie im Club Med, 150 Wohneinheiten mit Pool, Fitnessraum, Supermarkt. Eine kleine Welt für sich. Seit zwei Jahren wohne ich jetzt dort.

Morgens quäle ich mich durch den Stau zum Agrarministerium, dort teile ich mir mit sieben Kollegen der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) ein Büro. Wir beraten die Regierung von Saudi-Arabien beim Aufbau eines Bio-Agrarsektors. Das ist keine Entwicklungshilfe, sondern wird von den Saudi-Arabern bezahlt. Die ersten 65 Bauern haben mit unserer Hilfe schon auf ökologischen Landbau umgestellt, 200 arbeiten daran, die Kriterien zu erfüllen. Das ist das Schöne an der Arbeit hier: Die Leute kommen auf uns zu, sie sind sehr motiviert, wollen unbedingt mitmachen.

Beim Thema Öko denkt in Saudi-Arabien erst mal niemand an Nachhaltigkeit, es geht den Menschen vor allem um ihre Gesundheit: Viel hilft viel, das ist leider die Devise vieler saudi-arabischer Bauern, was Pestizide und Dünger angeht. Und der Begriff "healthy" steht immer auf der Verpackung, egal, was drin ist.

Wüste Beschimpfungen bei Meinungsumfrage

Wir haben deshalb ein saudi-arabisches Bio-Siegel entwickelt, das in etwa dem Standard des EU-Biosiegels entspricht. Dazu gab es eine große Werbekampagne im ganzen Land. Vor ein paar Monaten haben sich unsere Ökobauern zum ersten Mal auf dem Wochenmarkt in Riad präsentiert - und in einer Viertelstunde hatten sie alles verkauft. Sie wussten selbst nicht, wie ihnen da geschieht.

Es gibt mittlerweile 30 Biosupermärkte im ganzen Land. In Riad und einigen anderen Großstädten kann man sogar eine Biokiste mit Obst und Gemüse abonnieren, auch da übersteigt die Nachfrage deutlich das Angebot. Der Bedarf ist einfach riesig. Das war am Anfang gar nicht abzusehen, denn das Kaufverhalten konnten wir leider nicht wirklich analysieren: Bei unserer Umfrage sind die Leute davongerannt, im besten Fall. Im schlimmsten Fall haben sie unsere Interviewer wüst beschimpft.

Meinungsumfragen gelten in Saudi-Arabien als Einbruch in die Intimsphäre, das macht man einfach nicht. Kinos oder Theater gibt es in Riad nicht, auch Alkohol ist verboten. Und Frauen bekommt man nie zu Gesicht, sie sind alle verschleiert. Im Agrarministerium ist ihnen sogar der Zutritt verboten. Wir hatten für unser Team mehrere Bewerbungen von qualifizierten Frauen, aber wie soll das funktionieren, wenn sie unser Büro nicht betreten dürfen?

Essen hinter Sichtschutzwänden

In Restaurants darf man in Begleitung von Frauen nur in der 'Family Section' essen. Da sitzt man dann in einer abgetrennten Kabine mit Sichtschutzwänden, so dass man die anderen Gäste zwar hören, aber nicht sehen kann. Da bleibe ich lieber gleich zu Hause und koche selbst.

In ein paar Wochen wird meine Frau zum ersten Mal zu Besuch kommen. Weil die Regierung mit unserer Arbeit sehr zufrieden ist, konnte ich ein Visum organisieren. Eigentlich ist es schwierig, ein Besuchervisum zu bekommen. Aus Deutschland hat mich deshalb in den letzten zwei Jahren auch niemand besucht.

Ich bin oft auf Dienstreise, in Deutschland und der Schweiz, aber auch in Indien oder den Arabischen Emiraten. Ich weiß nicht, ob ich sonst so lange in Saudi-Arabien geblieben wäre. Länger als eine Woche Urlaub zu nehmen, ist kaum möglich. Unsere Auftraggeber achten sehr darauf, dass es bei unserer Arbeit auch ordentlich vorwärts geht. Im Agrarministerium arbeiten die meisten von 8 Uhr morgens bis 14 Uhr mittags, mit Pausen zum Beten und Essen. Von uns wird erwartet, dass wir permanent ansprechbar sind.

Giraffe am Straßenrand

Mittlerweile sind auch schon die Nachbarländer auf unsere Arbeit aufmerksam geworden: Wir haben Anfragen aus Kuwait, Oman, Katar und den Arabischen Emiraten. Das schmeichelt den Saudi-Arabern. Sie sind sehr stolz darauf, ökologische Vorreiter zu sein, und haben jetzt sogar einen Exportstopp für ihr Gemüse verhängt.

Das Wasser holen die saudi-arabischen Landwirte aus eigenen Brunnen und versprühen es mit sogenannten Beregnern, wegen der großen Hitze verdunstet dabei rund die Hälfte. Die Tröpfchenbewässerung ist viel effektiver. Sie wird mittlerweile von der saudi-arabischen Regierung subventioniert und soll auch Voraussetzung werden, um das Bio-Siegel zu erhalten. Staatliche Subventionen für Öko-Betriebe gibt es noch nicht. Doch vielleicht kommt das bald - bis 2017 soll der Bio-Anteil an der saudi-arabischen Landwirtschaft fünf Prozent erreichen.

Der König von Saudi-Arabien ist von der ökologischen Landwirtschaft begeistert, auch die Prinzen sind sehr angetan. Eine königliche Obst- und eine königliche Gemüsefarm haben wir schon auf biologische Landwirtschaft umgestellt. Die königlichen Farmen sind riesig, man fährt auf einem eigenen Highway hindurch. Ich dachte, ich sehe nicht richtig, als am Straßenrand auf einmal eine Giraffe stand. Es stellte sich heraus, dass sie zum Privatzoo des Prinzen gehört."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Verena Töpper

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
nordschaf 12.04.2012
Man kann nur hoffen, dass der Job nicht nur interessant, sondern auch extrem gut bezahlt ist, denn nach der Beschreibung handelt es sich um eine temporäre Leibeigenschaft, die da zu akzeptieren ist. Ich persönlich glaube nicht, dass ich mich auf ein Leben ohne Familie und Besuch aus Deutschland einlassen würde, aber ich dürfte das Landwirtschaftsministerium ja eh nicht mal betreten. ;-) Übrigens erscheint es mir durchaus als Zeichen beginnenden Änderungsbedarfs bei der Bevölkerung, dass sich auch Frauen auf ausgeschriebene Jobs beworben haben, obwohl die Aussichtslosigkeit klar gewesen sein muss. Was für eine Verschwendung, gut ausgebildete Frauen gar nicht erst nicht zuzulassen. Man kann natürlich auch daraus folgern, dass bereits die Ausbildung der Frauen Verschwendung war. Mal schauen, was das in der Zukunft gibt..
2. Unglaubwürdig
ditor 12.04.2012
Zitat von sysopKolleginnen vermisst der Agrarökologe, denn Frauen dürfen sein Büro in Riad nicht betreten. Kulturschock in Saudi-Arabien: Bio-Knoblauch für die Scheichs - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/0,1518,825786,00.html)
Ich denke nicht dass der Herr Agrarökologe auch nur im Geringsten Frauen bei seiner Arbeit vermisst. Wenn ihm das auch nur ein bisschen wichtig wäre hätte er einen anderen Ort für sein Schaffen gewählt. Wäre ich seine Frau, ich würde ihn dort sicher nicht besuchen - aber die Kohle dürfte stimmen, da ist ein bisschen Unterdrückung anderer auch den Frauen egal.
3.
Krefey 12.04.2012
Zitat von nordschafÜbrigens erscheint es mir durchaus als Zeichen beginnenden Änderungsbedarfs bei der Bevölkerung, dass sich auch Frauen auf ausgeschriebene Jobs beworben haben, obwohl die Aussichtslosigkeit klar gewesen sein muss.
Der gute Mann redet von deutschen Frauen, die sich beim GIZ für die Arbeit in Saudi beworben haben. Ich hab sechs Jahre einen Reisejob für einen von Deutschlands größten Konzernen gemacht, ich war insgesamt 4 Jahre in Arabien, davon fast eines in Saudi. Es gab da unten Kollegen, die 10 und mehr Jahre in Saudi gearbeitet haben. Sie dürfen mir glauben: Man vermisst die Frauen durchaus sehr. Kaum einer will nach Saudi. Das Leben ist in diesem Land auf Leerlauf gestellt. Wir haben nicht die üblichen 40 bis 50 Stunden gearbeitet sondern 70 bis 90 und hätten gern noch mehr gemacht. Auf der Baustelle ist es immerhin manchmal lustig, nach Feierabend kann man nur im Zimmer sitzen und warten, dass man wieder arbeiten darf. Aber wenn man sich für so einen Job entscheidet, dann kann man nicht nur in die Länder reisen, in denen es nett ist. Da will jeder hin. Wer einen Reisejob antritt kommt mal nach Thailand, Dubai, Spanien oder Norwegen, hat danach aber eben nach Kuwait, Saudi oder nach Nigeria zu gehen. Die Leute in solchen Jobs sind übrigens meistens unverheiratet oder geschieden oder haben eine Frau, die selber keine Karriere machen will und darum mit dem Mann stets mitreist. Und das geht auch nach Saudi. In den Compounds, über die hier berichtet wird leben hinter hohen Mauern mit Stacheldraht oben drauf eben nicht nur einsame Kerle. Da leben zu 80% Familien. In diesen abgeschotteten Bereichen mit Schwimmbad und Sportplatz und Supermarkt und Restaurant ist das leben fast wie daheim. Nur halt leider eng begrenzt. Und warum machen die Kerle das? Und warum gibt es Frauen, die den Job aufgeben und mit den Kerlen, die sowas machen mitreisen? Weil die Kohle natürlich stimmt. Gerade wenn Sie entweder ungebunden sind oder Ihre Familie mitreist ist die Bezahlung super. Keine Wohnung in Deutschland, kein Auto in Deutschland. Im Ausland zahlt die Firma Unterkunft und Auto und dazu hat man ungefähr anderthalb bis zwei mal so viel Geld netto raus wie Leute mit gleicher Berufserfahrung in Deutschland brutto verdienen. Ist doch ein recht passabler Anreiz. Keine Kosten und viel Geld. Ich hab bei null angefangen, sechs Jahre gearbeitet und bin nun Eigentümer einer schuldenfreien 100qm-Wohnung in guter LAge. Noch zwei oder drei Jahre und es wäre ein Haus gewesen. Aber wer nicht irgendwann abspringt, der schafft es nie. Und mir reicht meine Wohnung und das Wissen, dass es sich auch ansonsten gelohnt hat. Man lernt viel. Z.B. wie unendlich gut es uns geht. Jeder deutsche Arbeitslose ist ein reicher Mann verglichen mit einem durchschnittlichen pakistanischen Arbeiter, der 70h die Woche schuftet. Ich kann nur jedem, ob Mann oder Frau raten, für ein paar Jahre einen Job anzutreten, der einen durch die Welt führt, bodenständig kann man auch mit 30 oder 35 noch werden.
4.
ajf00 12.04.2012
Zitat von KrefeyUnd warum machen die Kerle das? Und warum gibt es Frauen, die den Job aufgeben und mit den Kerlen, die sowas machen mitreisen? Weil die Kohle natürlich stimmt.
Klar, wenn man keine moralischen Skrupel hat fuer Verbrecher zu arbeiten, kann man das natuerlich machen. Naja, immer noch besser ihnen Landwirtschaft beizubringen, als ihnen Panzer zu verkaufen.
5.
SpitzensteuersatzZahler 13.04.2012
Zitat von ditoraber die Kohle dürfte stimmen, da ist ein bisschen Unterdrückung anderer auch den Frauen egal.
Ohne Menschen wie ihn, werden die Änderungsprozesse in derartigen Ländern noch viel länger dauert. Daher ist es gut, dass er da hin geht. Außerdem stellt sich mir die Frage, warum wir uns ein Urteil darüber erlauben, ob es in Ordnung ist, dass die Saudis Ihre Frauen so behandeln - das war in Deutschland bis vor garnicht allzu langer Zeit nicht viel anders. Jedes Land hat eben seine Geschwindigkeit in der es sich entwickelt - wäre da kein Öl gefunden worden, wüsste ja kaum wer, was Saudi Arabien ist...
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Zur Person
  • Andreas Wolf
    Marco Hartmann (Jahrgang 1973) hat in Berlin über Internationale Agrarentwicklung promoviert. Nach drei Jahren als Projektleiter in einem ländlichen Entwicklungsprojekt auf den Philippinen und Beratungsaufträgen in Südostasien arbeitete er von 2006 bis 2009 als Dozent für Entwicklungs- und Projektplanung an der Berliner Humboldt-Uni. Seit 2010 leitet er im Auftrag des saudi-arabischen Agrarministeriums das GIZ-Projekt zur Einführung ökologischer Landwirtschaft in Saudi-Arabien.
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