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Kulturschock in Saudi-Arabien Mein geheimes und mein offizielles Leben

Restaurantmanager in Saudi-Arabien: Beliebt wie ein BMW Fotos

Fünfmal am Tag steht das Land zum Gebet still, gegessen wird hinter Sichtschutzwänden, gefeiert nur hinter Mauern. Trotzdem möchte Toni Riethmaier, 34, aus Saudi-Arabien nicht mehr weg. Der Hotelfachmann leitet in Dschidda ein italienisches Restaurant - als Trinkgeld gibt es schon mal 100 Euro.

"Dass ich heute ein italienisches Restaurant in Saudi-Arabien leite, habe ich dem Anruf eines kanadischen Headhunters zu verdanken. Ein Bekannter aus Singapur hatte ihm meine Kontaktdaten gegeben. Ich suchte damals zwar wieder eine Stelle im Ausland, aber die Aussicht auf ein Leben in Saudi-Arabien löste bei mir gar keine Begeisterung aus. Das ist das schlimmste überhaupt, war mein erster Gedanke.

Mir hatte schon die Arbeit in Dubai nicht gefallen. Ich war dort Outlet Manager für ein Restaurant und ein Café und hatte das Gefühl, dass alles mehr Schein als Sein ist, irgendwie unpersönlich, künstlich. Dubai war meine zweite Station im Ausland, davor habe ich im Paulaner Brauhaus in Singapur gearbeitet, danach auf den Malediven und in China. Gelernt habe ich Hotelfachmann im Grand Hotel in Garmisch-Partenkirchen. Ich war gerade wieder in Deutschland, als der Headhunter anrief.

Er sollte im Auftrag einer saudi-arabischen Familie ein Team zusammenstellen, das in der Großstadt Dschidda ein italienischen Restaurant aufziehen würde. Ich wollte erst nicht, aber sein Angebot war am Ende zu reizvoll, um es abzulehnen. Der Vertrag war befristet auf zwei Jahre. Das ist nicht allzu lang, dachte ich. Drei Monate später zog ich um.

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Kulturschock in Saudi-Arabien: Bio-Mangos in der Wüste
Ich fing als Assistent des Direktors an, eines Schweizers. Ein italienischer Küchenchef war der dritte in unserem Team. Fünf Monate lang rekrutierten wir Mitarbeiter, trainierten das Personal, erstellten die Speisekarte, wählten Lieferanten aus und kümmerten uns um die Werbung. Diese Vorbereitungsphase war so intensiv, dass mir kaum Zeit blieb, das Land kennenzulernen - die strengen Regeln lernte ich allerdings schnell:

Fünfmal am Tag wird in Saudi-Arabien gebetet und in dieser Gebetszeit, die jeweils etwa eine halbe Stunde dauert, darf man keinen Handel treiben und nicht arbeiten. Alle Geschäfte sind geschlossen, und wir als Restaurantbetreiber müssen darauf achten, dass in dieser Zeit niemand das Lokal verlässt oder hineinkommt. Drinnen dürfen wir zwar weiter arbeiten und die Gäste dürfen essen, aber alle müssen die Ruhe während des Gebets beachten.

Es hat lange gedauert, bis ich mich an diese unfreiwilligen Unterbrechungen gewöhnt hatte. Anfangs stand ich oft vor den verschlossenen Türen des Supermarkts. Mittlerweile habe ich gelernt, das Beste daraus zu machen: Wenn ich einkaufen gehe, achte ich darauf, fünf Minuten vor Beginn der Gebetszeit am Supermarkt anzukommen und nutze dann die halbe Stunde, um in Ruhe einzukaufen.

100 Euro Trinkgeld

Speziell ist auch der Fastenmonat Ramadan. Dann herrscht für uns im Restaurant eine verkehrte Welt: Wir arbeiten von Sonnenuntergang bis -aufgang. Nur in dieser Zeit dürfen gläubige Muslims essen und trinken. Das heißt, dass ich tagsüber schlafe und bis um vier Uhr morgens arbeite. Es ist üblich, während des Ramadan großzügige Buffets anzubieten. Bei uns sind Pizza und Nudeln sehr beliebt, aber auch italienische Grillgerichte, Salate oder Risotto.

Restaurants gibt es in Saudi-Arabien wie Sand am Meer. Essen gehen ist eines der beliebtesten Freizeitvergnügen. Das liegt auch daran, dass man nur Verwandte oder ganz enge Freunde zu sich nach Hause einlädt. Unser Restaurant hat je nach Bestuhlung 450 bis 500 Sitzplätze in sechs voneinander abgetrennten Bereichen, zwei sind sogenannte Single-Sections, in einem dürfen nur unverheiratete Männer essen, in dem anderen nur unverheiratete Frauen. Die anderen vier Bereiche sind Family-Sections.

Es kann vorkommen, dass ein Kellner als Trinkgeld zwanzig Prozent des Rechnungsbetrags erhält - oder gar nichts. Die höchste Summe kam bisher von einem Prinzen, der zur engeren Königsfamilie gehört. Nach dem Essen drückte sein Adjutant jedem Mitarbeiter 500 Saudi-Rials in die Hand - umgerechnet 100 Euro.

Kellner und Koch sind keine anerkannten Berufe

Aus den zwei Jahren, die ich hierbleiben wollte, sind inzwischen sechs geworden. Mittlerweile leite ich das Restaurant, mein früherer Chef arbeitet in der Karibik. Dass mir sehr viel an dem Restaurant liegt, hat wohl damit zu tun, dass ich an der Eröffnung beteiligt war.

Ich habe 60 Mitarbeiter, sie kommen aus den verschiedensten Ländern der Erde, natürlich aus Italien, aber auch aus Indien oder von den Philippinen. Saudi-arabisches Personal haben wir fast gar nicht, denn die Berufe Kellner und Koch sind hier noch nicht sehr anerkannt. Die Einheimischen arbeiten lieber in der Bank, im Büro, als Arzt, Rechtsanwalt oder Unternehmer. Mittlerweile bin ich auch mit einigen befreundet. Die jungen Saudis, die viel Zeit im Ausland verbracht haben, sind sehr offen und interessiert an uns Europäern. Deutsche sind hier ohnehin sehr beliebt - so beliebt wie Mercedes und BMW.

Auch nach sechs Jahren finde ich vieles hier noch merkwürdig, zum Beispiel den Umgang mit dem Valentinstag. Der ist in Saudi-Arabien ein absolutes Tabu. Offiziell existiert er gar nicht, aber es gibt natürlich Leute, die ihn zelebrieren möchten. Damit das nicht passiert, kommt es vor, dass man eine Woche vor Valentinstag in der ganzen Stadt keine roten Rosen und keine Grußkarten mehr findet. Sie werden aus den Geschäften verbannt.

Geheime Partys hinter Mauern

Um solche westlichen Feiertage zelebrieren zu können, ziehen wir uns zurück in die sogenannten Compounds, abgetrennte Wohnsiedlungen in der Größe von mehreren Fußballfeldern. Hinter den Mauern gibt es Schwimmbäder, Supermärkte, Friseure, Tennisplätze und Restaurants ohne Geschlechtertrennung. Außerdem werden dort geheime Partys veranstaltet, wie sie anderswo in Saudi-Arabien niemals stattfinden könnten. Öffentliche Clubs und Bars gibt es nämlich gar nicht, offiziell darf kein Alkohol ausgeschenkt werden. Wer an den Partys teilnehmen möchte, muss auf einer Gästeliste eingetragen sein, um die strengen Sicherheitskontrollen passieren zu können.

Ich selbst wohne nicht in einer Siedlung, aber ich finde sie wichtig für Familien, damit die Kinder so aufwachsen können, wie sie es auch zu Hause täten. Dass ich gerne noch ein paar Jahre hier bleiben möchte, hat auch mit den vielen wertvollen Freundschaften zu tun, die ich hier geknüpft habe. Viele meiner Freunde sind selber Expats, sie kommen aus Kanada, Mexiko, Südafrika oder Vietnam und werden alle irgendwann zurück in ihre Heimat gehen. Gehen müssen, muss ich schon sagen, denn wir fühlen uns alle sehr wohl hier. Die Umstände schweißen uns sehr zusammen. Wer hierher zum Arbeiten kommt, weiß, dass es kein ganz einfacher Weg sein wird. Wer sich für Saudi-Arabien entscheidet, muss eine starke Persönlichkeit haben und bereit zu Kompromissen sein.

Zweimal im Jahr fahre ich nach Deutschland. Besuch aus der Heimat zu bekommen, ist in Saudi-Arabien wegen des Visums schwierig. Meine Eltern waren einmal hier, allerdings auch nur für eine Woche. Sie waren positiv überrascht. Wir leben hier zwar in einer Art Parallelgesellschaft, aber als schlimm empfinde ich das nicht. Es ist auch ein gewisses Abenteuer, zwei Leben in einem Land zu führen. Das geheime hinter den Mauern und das offizielle, das man lebt, sobald man die geschützten Räume verlassen hat."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Marie-Charlotte Maas

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insgesamt 59 Beiträge
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1. Wie verkäuflich kann man denn sein?
westberliner79 15.01.2013
Frauenrechte? Gesteinigte Schwule? Abgehackte Hände? Folter und Todesstrafen? Nie gehört! Für 100 € Trinkgeld ist man also bereit das alles nicht gesehen zu haben. Und dann ist man auch noch stolz darauf Karriere in so einem "tollen" Land gemacht zu haben!
2.
bramsel 15.01.2013
Zitat von sysopFünf Mal am Tag steht das Land zum Gebet still, gegessen wird hinter Sichtschutzwänden, gefeiert hinter Mauern. Trotzdem möchte Toni Riethmaier, 34, aus Saudi-Arabien nicht mehr weg. Der Hotelfachmann leitet in Dschidda ein italienisches Restaurant - als Trinkgeld gibt es schon mal 100 Euro. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/deutscher-auswanderer-in-saudi-arabien-pizza-backen-fuer-die-scheichs-a-877444.html
Wie ich gehört habe, muss man ja auf Gäste und Ihre Religion Rücksicht nehmen, also bitte Sonntags mal die Kirchenglocken läuten und während des Gebetes weiter arbeiten, das ist ja sicher kein Problem.
3. Job ist Job
iffel1 15.01.2013
außerdem ist es gut, wenn die wenigen Ausländer ein wenig westliche Welt nach Saudi-Arabien tragen. Das ist auch dort eine Generationenfrage und einen "arabischen Frühling" kann es auch da geben. Spätestens wenn die Öleinnahmen weg sind, geht zurück in die Zelte oder in die Welt ;o)
4. Da werden Erinnerungen wach...
Deserty 15.01.2013
denn ich habe als Kind/Jugendliche selbst 10 Jahre in Saudi Arabien gelebt (allerdings in Riyadh). Ich kann mir vorstellen, dass man mit vielen dort herrschenden Bedingungen erstmal nicht klar kommt. Für mich als Kind war es ganz normal, dass ich mit meinen Eltern nicht zusammen in den Zoo gehen konnte, es keine Kinos gab oder man in Restaurants abgeschottet von den anderen saß. Ich hatte im Compound eine sehr schöne Kindheit mit vielen Freiheiten. Man wächst abgeschottet von Alkohol und Drogen auf. Klar ist es wie in einer "Glaskugel" gewesen und einige mögen denken man kommt anschließend im "richtigen" Leben nicht klar. Mit 16 wieder in Deutschland zu leben war dann bestimmt nicht immer einfach, ich musste mich an einiges erst gewöhnen. Trotzdem denke ich immer gern an diese Zeit zurück!
5. Da sieht man mal,
mimija 15.01.2013
wie gut es andere Religionen in Deutschland haben! Ein toleranteres Land als Deutschland gibt es kaum!
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