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Auswandererkurs in Istanbul Deutschland sucht das Sprachtalent

Kurs in Istanbul: Vorbereitung auf Kültürschock in Deutschland Fotos
Friederike Ott

Sie hatte schon eine Hauptrolle bei Fatih Akin, jetzt spielt sie mit Sprachschülern Theater. Sükriye Dönmez bereitet Türken auf ihre Auswanderung nach Deutschland vor. Und findet, dass auch traurige Lieder über das Mittagessen dabei sehr helfen.

Sükriye Dönmez steht auf der Bühne des kleinen, dunklen Theaterraums im Keller des Goethe-Instituts in Istanbul, um sie herum neun Schüler. Sie streckt den Arm aus, zeigt auf einen Mann. "Woher kommen Sie?", fragt sie. "Aus der Türkei, aus Istanbul", sagt er. "Wie alt sind Sie?" "82." Dönmez lacht ein schepperndes, heiseres Lachen. "In Deutschland werden die Zahlen von hinten nach vorne gelesen", erklärt sie. "Es muss heißen: Ich bin 28." Der Mann grinst. "Was wollen Sie in Deutschland?", fragt sie weiter. "Meine Verlobte lebt dort."

Deutschlehrerin Sükriye Dönmez kennt sich aus mit ungeraden Biografien. Sie ist Schauspielerin und hat schon in Filmen des Regisseurs Fatih Akin gespielt. In der Türkei geboren, kam sie als Baby nach Deutschland und wuchs in Berlin auf. Vor drei Jahren ging sie nach Istanbul zurück. Nun bereitet sie ihre Schüler auf Deutschland vor, aber nicht mit sturem Vokabellernen, sondern mit Theaterspiel.

In ihrem Kurs sind junge Menschen zwischen 20 und 40 Jahren, die zu ihren Partnern nach Deutschland ziehen wollen - sogenannte Ehegattennachzügler. Die sieben Männer und zwei Frauen pauken elf Wochen für 750 Lira, umgerechnet knapp 320 Euro. An vier Tagen in der Woche haben sie vier Stunden klassischen Sprachunterricht. Wer möchte, kann zusätzlich einmal pro Woche den Theaterworkshop besuchen.

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Und den nehmen viele wahr, denn sie alle haben eine Hürde zu überwinden: das Goethe-Zertifikat A1: Start Deutsch 1. Um es zu erhalten, müssen sie öffentliche Hinweise und Kleinanzeigen verstehen, die Ansagen auf Anrufbeantwortern kapieren, Zahlen und Uhrzeiten kennen, so steht es in der Kursbeschreibung.

"Ich fühle mich behandelt wie der letzte Mensch"

Seit 2007 schreiben deutsche Gesetze grundlegende Sprachkenntnisse vor, wenn Türken dauerhaft zu ihren Ehepartnern nach Deutschland ziehen wollen. Trotz einer Stellungnahme der Europäischen Kommission 2011, dass solche Sprachtests nicht vorausgesetzt werden dürfen, hält Deutschland daran fest. Die Teilnehmer finden die Regeln ungerecht: Zwar müssen auch Russen und Kosovaren den Test bestehen, nicht aber EU-Ausländer, Israelis, US-Amerikaner oder Japaner.

"Dass wir die Prüfung machen müssen, gibt mir das Gefühl von einem Klassenunterschied", sagt Mutlu Tasdemir, einer der Kursteilnehmer. Er möchte zu seiner Verlobten, die er vor drei Jahren bei einem Besuch in Istanbul kennenlernte, nach Bayern ziehen. "Ich fühle mich behandelt wie der letzte Mensch, weil ich diesen Test machen muss", sagt ein anderer. "Warum muss ein Spanier kein Deutsch lernen?"

Nach ersten Improvisationsübungen, in denen zum Beispiel die Show "Das Supertalent" nachgespielt wird, beginnt Dönmez, kleine Theaterstücke zu erfinden, um auf den deutschen Alltag vorzubereiten. Die Schüler lernen, im Supermarkt nach der Fleischsorte zu fragen, denn die meisten Türken wollen als Muslime nicht aus Versehen Schweinefleisch einkaufen. Sie lernen, dass Busfahrer in Deutschland nicht aus Boshaftigkeit losfahren, wenn noch ein Fahrgast angerannt kommt, und dass Pünktlichkeit eine wichtige Tugend ist. Und sie lernen, dass Frauen, die nackt im Park liegen, nicht zwangsläufig auf Sex aus sind.

"Sie müssen die Sprache fühlen"

"Ich überspitze in meinen Stücken deutsche Alltagssituationen und dann werden häufig Sketche daraus", sagt sie. Zum Beispiel handelt ein Stück davon, dass ein Türke an der Supermarktkasse Geld für eine Tüte bezahlen soll, das aber nicht versteht und an der Tür festgehalten wird. Oder dass im Krankenhaus die ganze Familie mit ins Arztzimmer kommt, obwohl sich jemand nur den Fuß verstaucht hat.

Die Schüler lachen viel in der Theatergruppe. Dönmez ist überzeugt davon, dass die Vokabeln so am besten hängenbleiben. "Die Türken sind ein emotionales Volk", sagt sie. "Sie müssen eine Sprache fühlen. Es ist wichtig, dass ihnen der Kurs Spaß macht. Sie lieben es, zu tanzen und zu singen." So ließ sie in einem Sketch einen Schüler ein trauriges Lied singen, weil ein deutscher Kollege ihm in der Mittagspause nichts von seinem Essen angeboten hat - in der türkischen Kultur eine Selbstverständlichkeit. Dönmez Kurs ist auch ein Lehrstück über deutsch-türkische Annäherung.

Unter ihren Schülern sind hochqualifizierte Fachkräfte wie Mutlu Tasdemir, der als Leiter im Verkaufsmanagement einer Ingenieursholding in Istanbul arbeitet und nicht daran zweifelt, dass er in Deutschland schnell Anschluss bekommen wird. Bis er richtig Deutsch kann, will der 28-Jährige einen einfachen Job in einer Fabrik machen und dann bald wieder in seinen eigentlichen Job einsteigen. "Ich bin sehr fleißig", sagt er. "In der Türkei arbeite ich 18 Stunden pro Tag und das sieben Tage die Woche." Seine Verlobte, die in der Nähe von Füssen lebt und bei einem Opel-Zulieferer arbeitet, hat türkische Eltern, ist aber in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sie haben sich über Verwandte kennengelernt, als sie zu Besuch in Istanbul war, und wollen im September heiraten.

Comedy-Serie über den "Kültürschock"

Unter den Schülern sind aber auch Menschen wie Çiçek Dalgiç, die ihrem Deutschlandaufenthalt nicht so optimistisch entgegenblicken kann. Ihr Mann, der nach Deutschland kam, als er zehn Jahre alt war, ist Metzger in Gelsenkirchen. Doch er findet keinen Vollzeitjob und verdient zurzeit nur 500 Euro im Monat. Das reicht nicht, damit der deutsche Staat Çiçek Dalgiç die Einreise erlaubt, dafür müsste ihr Lebensunterhalt gesichert sein. Sie hat keinen Beruf und musste sich das Geld für den Sprachkurs von Freunden leihen. Einmal ist sie bereits durchgefallen. Wenn sie es nach Deutschland schaffen sollte, will sie sich als Putzfrau durchschlagen. Seit drei Jahren sind Çiçek Dalgiç und ihr Mann schon verheiratet, dennoch müssen sie getrennt leben.

Sükriye Dönmez versteht die Probleme mit dem Kulturschock, auf den sie die Teilnehmer vorbereitet. Auch ihr Leben verlief nicht geradlinig. Nach einem abgebrochenen BWL-Studium hatte sie in Deutschland eine private Schauspielschule besucht. Ihre Karriere begann vielversprechend: Der heute international bekannte Regisseur Fatih Akin engagierte sie 1995 für seinen ersten Kurzfilm "Sensin - Du bist es!", in dem sie die Hauptrolle spielte. In der TV-Serie "Klinikum Berlin-Mitte - Leben in Bereitschaft" spielte sie 2001 die Oberschwester Ayfer Sükür. 2005 gewann sie einen regionalen Preis für ihren eigenen Kurzfilm "Femme Fatal". Doch irgendwann geriet ihre Karriere ins Stocken, sie war zu alt für die Rolle des Mädchens, zu jung für die der Mutter. Sie ging nach Istanbul, um ein neues Leben anzufangen. Sie selbst hatte die Idee, mit den Ehegattennachzüglern Theater zu spielen. Das Goethe-Institut stellte sie als theaterpädagogische Mitarbeiterin für das "Zusatzprojekt Szenisches Spiel" ein. "Ich bin ein Zusatzprojekt", sagt Dönmez und lacht.

Nicht nur die Schüler profitieren von Dönmez Theatergruppe. Auch sie selbst ist durch ihre Arbeit auf eine neue Idee gekommen: Sie schreibt gerade an einer Sitcom, die sie gerne im deutschen Fernsehen unterbringen würde. 25 Folgen hat sie schon fertig, es geht um Mentalitätsunterschiede von Deutschen und Türken. Die Serie soll "Kültürschock in Istanbul" heißen.

  • Friederike Ott ist freie Journalistin und lebt in Berlin.

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1. Ethnischer
Ernst Biedermann 28.01.2013
"Sie hat den Bruch, der vor ihren Schülern liegt, schon vollzogen: In der Türkei geboren, kam sie als Baby nach Deutschland und wuchs in Berlin auf. Vor drei Jahren allerdings ging sie nach Istanbul zurück." Bruch vollzogen? Als Baby? Glauben Sie wirklich, dass ein Baby einen solchen Bruch empfindet? Ging in die Türkei "zurück"? Nein, wer, seit er oder sie schon als Baby in Deutschland war, geht nicht zurück, sondern wandert aus. Diese Sprache entlarvt einen ethnischen "Deutschen"-Begriff. Wer nicht ethnisch germanisch ist, bleibt für immer Ausländer, auch wenn er oder sie schon als Baby in Deutschland war und möglicherweise nicht mal die Sprache seiner oder ihrer Ethnie beherrscht.
2. Interessant
caecilia_metella 28.01.2013
Ich warte aber immer noch auf den Artikel über die Probleme der Mitbürger aus dem südlichen Indien.
3. Ich warte auf einen Artikel
newliberal 28.01.2013
über die Probleme der Mitbürger aus Süd-Ost-Asien.
4.
Hans Klopek 29.01.2013
Zitat von caecilia_metellaIch warte aber immer noch auf den Artikel über die Probleme der Mitbürger aus dem südlichen Indien.
Welche Mitbürger aus dem südlichen Indien denn?
5.
Hans Klopek 29.01.2013
Zitat von sysopDoch er findet keinen Vollzeitjob und verdient zurzeit nur 500 Euro im Monat. Das reicht nicht, damit der deutsche Staat Çiçek Dalgiç die Einreise erlaubt, dafür müsste ihr Lebensunterhalt gesichert sein.
Bin etwas verwirrt. Für den Familiennachzug muss man also ein entsprechendes Einkommen aufweisen und somit der Lebensunterhalt gesichert sein? Wie passt das mit der Mär vom Zuzug in die Sozialsysteme zusammen?
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Das Abkommen
Schon in den späten fünfziger Jahren kamen vereinzelt türkische Arbeiter in die Bundesrepublik - eine gesetzliche Rahmenregelung zwischen Ankara und Bonn wurde erst Jahre später getroffen Am 31. Oktober 1961 wurde in Bad Godesberg das Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet. Die sogenannten "Gastarbeiter" sollten maximal zwei Jahre in Deutschland bleiben dürfen. Die Türkei erhoffte sich, dass durch das Geld, das türkische Arbeiter aus Deutschland in die Heimat überwiesen, die Wirtschaft angekurbelt würde. Deutschland suchte in den Jahren des Wirtschaftswunders billige Arbeitskräfte. Das Rotationsprinzip, nachdem die "Gastarbeiter" nach zwei Jahren ausgewechselt werden sollten, wurde 1964 auf Wunsch der Arbeitsgeber in einer Neufassung des Abkommens aufgehoben. 1973 kam es zum Anwerbestopp.

Wie viele kamen?
Von 1961 bis November 1973 bewarben sich etwa 2,66 Millionen Türken um einen Arbeitsplatz in Deutschland, nur knapp 650.000 wurden nach Angaben des "Dokumentationszentrums und Museums über die Migration aus der Türkei" (DOMIT) vermittelt. Fast jeder dritte Gastarbeiter war laut DOMIT Facharbeiter oder angelernte Arbeitskraft - die Quote war deutlich höher als etwa unter den Gastarbeitern aus Italien, Spanien, Griechenland oder Portugal. Ein Fünftel aller Angeworbenen aus der Türkei waren Frauen.
Wer durfte kommen?
Das Bewerbungs-Prozedere spielte sich wie folgt ab: Die deutschen Arbeitgeber wandten sich an die Arbeitsämter mit einem so genannten "Vermittlungsauftrag - Türkische Arbeitskräfte", die Angebote wurden weitergeleitet zur deutschen Vermittlungsstelle in Istanbul und von dort an das türkische Arbeitsamt. Es gab verschiedene Altersgrenzen: Qualifizierte männliche Bewerber durften nicht älter als 40 Jahre sein, Frauen nicht älter als 45 Jahre. Bei unqualifizierten Arbeitern lag die Grenze bei 30 Jahren.
Wie viele blieben?
Etwa die Hälfte aller zwischen 1961 und 1973 angeworbenen Arbeitskräfte aus der Türkei sind Schätzungen zufolge wieder in ihre Heimat zurückgegangen. Die andere Hälfte blieb, immer mehr Familienangehörige zogen nach. Heute haben rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland türkische Wurzeln.
Die Gesundheitsprüfungen
Alle Arbeiter, die vom türkischen Arbeitsamt ausgewählt wurden, mussten sich in Istanbul untersuchen lassen. Gruppenweise mussten die Kandidaten vor Ärzte treten - Blutdruck wurde gemessen, Blut- und Urinproben unternommen, körperliche Übungen mussten vorgeführt werden, der Körper wurde nach Operationsnarben abgesucht, Genitalien wurden abgetastet. Letzteres "war für die Menschen aus Anatolien vermutlich das Schlimmste", schreibt das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration aus der Türkei DOMIT. Zwischen 10 und 17 Prozent der Kandidaten, die das türkische Arbeitsamt als geeignet befunden hatte, wurden bei den Gesundheitsprüfungen in Istanbul aussortiert. Wer bei den Gesundheitschecks als nicht geeignet befunden wurde, musste den Traum von der Arbeit in Deutschland für immer begraben.

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