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Jungunternehmer in Sibirien Komm doch morgen wieder vorbei

Unternehmer in Sibirien: Komm doch morgen wieder vorbei Fotos
sagaan

Er kam zum Zivildienst, blieb fürs Studium und verkauft jetzt Birkenrinde. Einheimische grübelten: Ist der verrückt oder ein Spion? Tim Mergelsberg fühlt sich in Sibirien wie auf dem Flohmarkt. Nie bekommt er, was er will. Und geht trotzdem nicht mit leeren Händen.

"Warum geht ein Deutscher freiwillig in die sibirische Einöde, um ein fast vergessenes Handwerk zu lernen? Das haben sich nicht nur meine Freunde und Verwandte gefragt, sondern auch meine russischen Geschäftspartner. Spion nannten sie mich halb im Scherz, halb misstrauisch.

Neun Jahre und unzählige Tassen Tee später darf ich zum ersten Mal mit zur jährlichen Birkenrindenernte. Mit Steigeisen klettere ich auf eine Birke und löse die Rinde ab - tief in der Taiga, wo Wölfe heulen, Bären um die Zelte schleichen, der Morast von oben in die Gummistiefel quillt und nur Spezialanzüge vor den Moskitoschwärmen schützen. Das kommt einer rituellen Einweihung gleich. Eineinhalb Tonnen Rinde ernten wir zu siebt in zwei Tagen, mein Geschäft fürs nächste Jahr ist gerettet.

Ich bin Chef einer kleinen Firma, die sich auf Produkte aus Birkenrinde spezialisiert hat: Tee- und Zuckerdosen, Bastelsets, Brotkörbe. Geerntet und produziert wird vor Ort, der Verkauf läuft über das Internet. Das ist nicht ideal, weil sich die Besonderheit des Materials erst durchs Anfassen erschließt. Aber ich stehe noch am Anfang meiner Gründerkarriere und bin froh, überhaupt so weit gekommen zu sein.

Hier gilt ein Handschlag noch

Ein Unternehmen in Sibirien zu führen, ist ein bisschen wie auf den Flohmarkt zu gehen: Wenn man einen genauen Plan hat, was man abends nach Hause mitbringen will, kommt man enttäuscht zurück. Stürzt man sich aber in das Gewusel, kann man die größten Schätze entdecken. Dann wird man auf einmal von Fremden zum Grillen eingeladen, lernt dort neue Geschäftspartner kennen oder findet eine Lösung für ein Problem, das man fast schon wieder vergessen hatte.

Am Anfang habe ich mich schwergetan, mich auf den Lebensstil der Einheimischen einzulassen: Will man etwas Geschäftliches besprechen, trinkt man erst einmal Tee zusammen und schwätzt ein bisschen. Wenn man Glück hat, kommt das eigentliche Thema zur Sprache, und der Vertrag wird mit Handschlag besiegelt. Das gilt mehr als jede Unterschrift.

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Bauingenieur in Moskau: Wo haben die bloß das Geld her?

Wenn man Pech hat, heißt es: Komm doch morgen wieder vorbei. Wenn im Herbst die Pilze reif sind, bleibt die Arbeit einfach liegen und alle gehen zusammen Pilze sammeln. Ob in der Zwischenzeit ein Abgabetermin verstreicht, ist egal. Wirtschaftlich gesehen ist das eine Katastrophe, aber mit etwas Abstand betrachtet gar nicht so schlecht: Wollen wir nicht alle ein stressfreies Leben? Und ist es wirklich so schlimm, wenn mal etwas eine Woche später fertig wird?

Meine russische Wahlheimat ist Istok, ein kleines Dorf unweit der Stadt Irkutsk am Baikalsee. Ich war noch Schüler, als ich das erste Mal von dem Ort in der Zeitung las. Im Artikel ging es um ein sozialtherapeutisches Behindertenprojekt: 15 Pflegebedürftige leben und arbeiten in Istok zusammen mit ihren Betreuern. Aus dem Bauch heraus entschied ich, dass ich dort meinen Zivildienst leisten wollte. Ins Ausland zu gehen hatte ich ohnehin vorgehabt, und der Osten schien mir damals besonders aufregend.

Birken wachsen in Sibirien wie Unkraut

Tatsächlich war schon das Organisieren der nötigen Papiere ein Abenteuer. Gleich an meinem ersten Tag wurde ich zum Leiter der Holzwerkstatt ernannt. Das war erst mal ein kleiner Schock, aber im Rückblick das Beste, was mir passieren konnte. Ich war sofort integriert. Jeder Tag begann mit dem Melken der Kühe - und dem Lernen eines neuen russischen Wortes. Das hatte sich einer meiner Schützlinge überlegt.

Eines Tages kam ein deutscher Unternehmensberater vorbei, der Tee aus Sibirien in Deutschland verkaufen wollte: Ob wir bei uns in der Behindertenwerkstatt Teedosen aus Birkenrinde herstellen könnten? Ich hatte mich noch nie mit Birkenrinde beschäftigt, fand die Idee aber spannend, denn Birken wachsen in Sibirien wie Unkraut, und ihre Rinde gilt als das Plastik des Mittelalters.

Das russische Zentrum der Birkenverarbeitung sind die umliegenden Gemeinden von Tomsk. Dorthin reiste ich, um mir zeigen zu lassen, wie man Dosen herstellt. In das Material verliebte ich mich sofort: Birkenrinde ist so elastisch wie Leder. Man kann daraus fast alles herstellen, ganz ohne Leim.

Probieren statt planen

Der Tee-Export scheiterte schließlich an den Vorgaben der deutschen Lebensmittelbehörde, doch in der Istok-Werkstatt war die Birkendosen-Produktion schon in vollem Gange. Die Stückzahlen reichten nicht, um eine eigene Firma aufzubauen, aber in der Zwischenzeit hatte ich genug Kontakte zu Birkenrindenverarbeitern. Also borgte ich mir Geld bei Freunden und Bekannten und gründete 'Sagaan'. Ein glückliches Studium lang war meine Firma ein Spielfeld der Erfahrungen. Statt mich mit Businessplänen zu quälen, setzte ich einfach auf das Trial-and-Error-Prinzip.

Ich hatte mich nach dem Zivildienst für Sprachen, Wirtschafts- und Kulturraumstudien für Osteuropa an der Universität Passau eingeschrieben - so konnte ich sofort wieder nach Russland reisen. Am liebsten mache ich das noch heute mit der Bahn, denn nirgendwo sonst lernt man so schnell so viele Menschen kennen. Drei Tage dauert die Reise von Moskau nach Istok, und bis man dort ist, kennt man von allen Mitreisenden die Lebensgeschichte.

Je nach gebuchter Kategorie teilt man sich sein Abteil mit vier oder mehr Personen. In jedem Waggon gibt es zwei Schaffner, die nicht nur die Fahrkarten kontrollieren, sondern auch putzen, frisches Wasser in den Samowar füllen und Lebensmittel verkaufen. Günstig ist die Fahrt nicht gerade, umgerechnet 150 bis 200 Euro muss man für das Ticket hinlegen.

Seit eineinhalb Jahren bin ich mit dem Studium fertig. Zeit habe ich seither reichlich, vom Geld kann man das leider nicht sagen. Um meine Lebenskosten zu finanzieren, arbeite ich nebenher als Reiseleiter in St. Petersburg. Meine Entscheidung für das Unternehmen bereue ich trotzdem nicht. Ich glaube an die Zukunft der Birkenrinde."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Verena Töpper

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insgesamt 13 Beiträge
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    Seite 1    
1. Super spannend und mutig
hinterdir 09.09.2013
Zitat von sysopEr kam zum Zivildienst, blieb fürs Studium und verkauft jetzt Birkenrinde. Einheimische grübelten: Ist der verrückt oder ein Spion? Tim Mergelsberg fühlt sich in Sibirien wie auf dem Flohmarkt: Nie bekommt er, was er will. Und geht trotzdem nicht mit leeren Händen. Deutscher Unternehmer berichtet vom Leben in Sibirien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/deutscher-unternehmer-berichtet-vom-leben-in-sibirien-a-919044.html)
Nicht mein Ding, aber ich finde es toll wenn andere das einfach so machen. Hut ab und noch viel Glück. So eine Dose würde ich auch gerne mal halten.
2. Birke
kanadasirup 09.09.2013
Die Birke liefert auch noch andere Produkte, wie z. B. Birkenteer, Birkenpech und Birkensirup. Alles alte Rezepte mit interessantem Potenzial.
3. Kurze Frage
Brown_Jenkin 09.09.2013
Das ist nur die Rinde, nicht die Safttragende Schicht der Birken, oder? Die Rinde waechst also nach? Ansonsten wuerden doch die Baeume nach dem Ernten absterben
4.
Stäffelesrutscher 09.09.2013
Warum sollen 150 bis 200 Euro für 5.000 km Bahnfahrt ab Moskau (und noch ein paar mehr ab Passau) teuer sein? Okay, zu Sowjetzeiten war das billiger, da zahlten Einheimische 1983 für Moskau-Irkutsk 17 Rubel in der Holzklasse, das waren umgerechnet 60 DM, also 30 Euro (zum Vergleich: 0,75 l bulgarischer Sekt im Speisewagen: 8 Rubel = 28 DM = 14 Euro). Touristen zahlten im gepolsterten Viererabteil das Zehnfache. Die Reise war traumhaft! Die Gegend auch. ;-)
5. Prima Produkte
wip 09.09.2013
Wir haben einige dieser Dosen übers Internet bestellt. Ein bisschen teuer, aber wenn einem so etwas gefällt, ganz prima.
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