Mein Kontaktmann holt mich in der Botschaft ab. Um 7 Uhr morgens, um dem heftigen Stau ein Schnippchen zu schlagen. Ich steige in seinen privaten PKW, bemühe mich, ganz entspannt zu gucken und lege vor allem keinen Gurt an, das wäre verräterisch! Low Profile heißt die Strategie, und abgesehen davon, dass ich keine andere Wahl habe, ist diese Strategie nicht schlecht, vorausgesetzt man kann von seinem Äußeren her irgendwie als Iraker durchgehen.
Wir sprechen über die politischen Verhältnisse im Jahr acht nach dem Sturz von Saddam. "Früher hatten wir einen Dieb als Regierung, jetzt haben wir viele", sagt der Kollege am Steuer. Ich spaße zurück: "Früher Ali Baba, jetzt die 40 Räuber?" Er:"Häng noch ein paar Nullen dran!" Wir kommen in der Universität an: Bagdad University of Technology.
Ein Name, der fein in meinen Ohren klingt, denn vielen Absolventen dieser Hochschule bin ich schon in Auswahlkommissionen und Universitäten begegnet. Mein Eindruck: organisiert, gutes Englisch, motiviert, gutes Benehmen. Wer etwas werden will, der wird Ingenieur, Arzt oder Apotheker. Die deutschen Hochschullehrer loben die theoretische Ausbildung der irakischen Ingenieure und Naturwissenschaftler.
Ein Mann der Industrie - und kein Akademiker
An der praktischen Ausbildung mangelt es, sagt auch der Dekan eines der fünfzehn Colleges, der seine Dozenten im Büro zusammengerufen hat, um den Gast aus Deutschland zu empfangen: "Wir wollen die Grundlage für den neuen Irak legen. Und dazu gehört auch, dass wir unsere Labore von Grund auf neu ausstatten. Und zwar mit unseren eigenen Mitteln. Ich weiß, wovon ich spreche, ich bin ein Mann der Industrie!"
Was ich an Ausstattung sehe, ähnelt einem schlecht sortierten Heimwerkerkeller. "Es war einmal alles da", fährt der Dekan fort, "aber nach 2003 wurden die Labore geplündert und gebrandschatzt". Dann verweist er auf die großen Infrastrukturprojekte, wie den Neubau des Hafen bei Basra.
Unmengen von Stahl werden dort verbaut, die Materialprüfung könne seine Abteilung übernehmen. Die Dozenten heben die Augenbrauen. Später im Flur flüstern sie, dass der Dekan vom neuen Hochschulminister frisch eingesetzt worden sei, ein Industriemanager und kein Akademiker, keiner von ihnen. Nun, was braucht das Land?
Sunniten und Schiiten wünsche frohe Weihnachten
Unten im Hof sitzen die Studierenden, lernen oder plaudern. Ausnehmend viel Frauen darunter, wahrscheinlich mehr als ich an einer deutschen Technischen Universität antreffen würde. Es ist kurz vor Weihnachten. Auch hier in Bagdad nicht zu übersehen, denn dort steht der Weihnachtsmann, mitten auf dem Campus. Zwei süße kleine Santa Claudines lassen sich gerne neben dem Baba Noël ablichten, Glückwünsche zur Geburt von Christus erhalte ich allenthalben, von Sunniten und Schiiten gleichermaßen, und es klingt nicht wie neu gelernt, sondern wie alte Sitte in einem Land, dass bis vor nicht zu langer Zeit zwar von einem Despoten drangsaliert wurde, in dem die Konfessionen untereinander aber friedlich zusammenlebten. Auf dem Schreibtisch eines anderen Dekans entdecke ich im Glasrahmen die heilige Jungfrau.
"Der Dekan ist nur noch ein paar Tage im Amt, dann wird er abgelöst." Warum, frage ich mich? Weil er Christ ist, weil er Baathist war, weil er in der falschen Partei oder gar keiner ist, weil seine Amtszeit einfach abgelaufen ist? Inzwischen habe ich es raus. Je nachdem, welche Antwort ich möchte, muss ich die Person auswählen, der ich die Frage stelle.
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