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Dienstreise in den Irak Ich bin auf dem Weg zum Wesir

Irak-Trip: Ich bin auf dem Weg zum Wesir Fotos
DAAD

4. Teil: Vierter Tag - Der Wesir ist ein hohes Tier

Der Wesir, also der Minister, ist ein hohes Tier. Denn er ist nicht nur Gebieter über die irakischen Hochschulen und Berufsbildungseinrichtungen, sondern auch der zweite Mann im Politbüro der Daawa-Partei von Premierminister al-Maliki. Wie alle gewichtigen Politiker im heutigen Irak war er jahrzehntelang im Exil, denn Opposition unter Saddam bedeutete Tod. Und wie für viele der einflussreichen, schiitischen Daawa-Politiker war sein Exil im Iran. Dies löst nun bei mir allerdings keine Berührungsängste, sondern freundliche Neugier aus, bin ich doch im DAAD auch für Iran zuständig und von unseren iranischen Stipendiaten ganz angetan.

Unsere Delegation führt der deutsche Botschafter in Bagdad an, Christian Berger. Mit dabei ist auch ein Wirtschaftsvertreter, der Industriekunden, aber auch Hochschulen mit deutschen Anlagen und Gerät ausstatten kann: Verschiedene Hersteller, aber alles aus einer Hand, Ausbildung am Gerät inklusive. "Wie können wir den Preis drücken?", fragt der Minister auf Arabisch seinen Abteilungsleiter. Kaum möglich, erwidert dieser, die Preise seien internationale Listenpreise. "Wer sind die Mitbewerber?" "Einige spanische und chinesische Firmen", kommt die Antwort. Der Minister weist an: "Mitbewerber aus Deutschland suchen, vom selben Kaliber, aber nur erstklassiges Gerät, dann runterhandeln. Aber keine Kompromisse bei der Qualität!"

Nur selten verirrt sich ein ausländischer Professor in den Irak

Na, denke ich, da sind wir ja an den richtigen geraten. Nun haben die Produkte des DAAD leider keine Preisschilder. Master- und Doktorandenausbildung für junge Iraker haben wir im Angebot. Dank begrenzter oder qua Landesgesetz ganz untersagter Studiengebühren quasi umsonst. Noch dazu mit Stipendien zu 50 Prozent durch den DAAD kofinanziert, dafür aber auf hundert Neustipendien pro Jahr gedeckelt. Die Zulassung oder Betreuung durch den Doktorvater muss sich der Stipendiat selbst besorgen, soviel Selbständigkeit müsse man schon verlangen können, ist herrschende Meinung im DAAD.

Doch offensichtlich ist es für die irakischen Verhältnisse zuviel verlangt. Die wissenschaftlichen Zeitschriften sind verbrannt oder die Sammlung unterbrochen, internationale Konferenzen finden im Land nicht statt, aufgrund der Sicherheitslage verirrt sich nur selten ein ausländischer Professor in den Irak. In der Kommunikation mit internationalen Ansprechpartnern sind sogar die Dozenten ungeübt. Wie also in Kontakt kommen mit potentiellen Betreuern?

Haben die irakischen DAAD-Stipendiaten jedoch einmal die Hürden überwunden, werden sie von vielen Kommilitonen, auch solchen, die selbst im Ausland studieren, beneidet, nämlich für die gute Betreuung durch die Sachbearbeiterinnen im DAAD. Jeder Student hat einen Ansprechpartner, der den Stipendiaten betreut. Bei der Bewerbung und im Auswahlverfahren, bei Visum, Wohnungssuche, Zulassung, Lebenskrisen und bis zum erfolgreichen Abschluss. Ein schönes Produkt, aber leider sperrig in dieser Welt.

Die Australier machen es attraktiver

Attraktiver erscheint hier zum Beispiel das australische Produkt: Zulassungen im Paket, einen schönen Rabatt auf die enormen Studiengebühren, die sich der verhandelnde Abteilungsleiter gegenüber dem Chef zugute halten kann. Dazu noch eine attraktive Reise inklusive.

Was der Minister im Moment vor allem benötigt, sind Erfolgsmeldungen. 10.000 neue Stipendien für Iraker für Studien im Ausland hat er verkündet, nur: Welche Länder nehmen sie auf? Die Regierung ist in Bedrängnis, sie fürchtet die arabischen Frühlingsgefühle, deshalb braucht sie schnell Erfolg.

Zurück in Deutschland werde ich in Bewegung setzen, was ich kann. Und vielleicht anders als mancher Kollege werde ich wiederkommen. Denn wir haben einen verdammt langen Atem in Deutschland. Also ich werde wieder auftauchen in Bagdad. Mal schauen, wer dann noch da ist.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Recht informativer Einblick...
sniffydog1 27.02.2012
Zitat von sysopWer für den Arbeitgeber in den Irak fliegt, lässt sich auf ein Abenteuer ein: Flüge, deren Startzeit man erraten muss, Nächte im Hochsicherheitstrakt und irritierende Weihnachtsgrüße. Alexander Haridi bereiste das Land in akademischer Mission - und fand Nächstenliebe auf Sprengschutzmauern. Dienstreise in den Irak: Ich bin auf dem Weg zum Wesir - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/0,1518,817129,00.html)
Ok..mal abgesehen vom Hochlebenlassen des DAAD(was vielleicht durchaus berechtigt sein koennte)ein informativ interessanter Beitrag,den ich aus dieser Perspektive gerne oefter lesen moechte.Na mal sehen ober der Oberwesir die Sache in den Griff bekommt und dabei auch die Sunniten und Christen nicht ganz vergisst.Fuer Iraq sehe ich durchaus ein grosses Entwicklungspotential im Vergleich zu Afghanistan,so hoffe ich,das die Religionszugehoerigkeit nicht der einzige Qualifikationsfaktor bei der Einrichtung von Professuren darstellt.Vielen Dank fuer diesen gelungenen Beitrag
2. Guter Artikel
sukowsky 27.02.2012
Zitat von sysopWer für den Arbeitgeber in den Irak fliegt, lässt sich auf ein Abenteuer ein: Flüge, deren Startzeit man erraten muss, Nächte im Hochsicherheitstrakt und irritierende Weihnachtsgrüße. Alexander Haridi bereiste das Land in akademischer Mission - und fand Nächstenliebe auf Sprengschutzmauern. Dienstreise in den Irak: Ich bin auf dem Weg zum Wesir - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/0,1518,817129,00.html)
Guter Artikel, gibt profunden Einblick in irakische Verhältnisse, dem ist nichts hinzuzufügen.
3. Guter Beitrag
leser008 27.02.2012
Zitat von sysopWer für den Arbeitgeber in den Irak fliegt, lässt sich auf ein Abenteuer ein: Flüge, deren Startzeit man erraten muss, Nächte im Hochsicherheitstrakt und irritierende Weihnachtsgrüße. Alexander Haridi bereiste das Land in akademischer Mission - und fand Nächstenliebe auf Sprengschutzmauern. Dienstreise in den Irak: Ich bin auf dem Weg zum Wesir - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/0,1518,817129,00.html)
Ein gut gelungener Beitrag über die Abläufe im heutigen Irak. Natürlich im modernen Gutsprech; der DAAD wird wirklich enorm gelobt. Erschreckend finde ich die Details. Eine technische Uni ohne funktionierende Labore, der Dekan hat nichtmal studiert, religiöser und politischer Proporz überall. Unbeantwortet bleibt allerdings warum wir ein reiches Ölland finanziell derart unterstützen müssen. Herr Haridi war wohl lange an keiner deutschen Uni mehr.
4. Guter Artikel und sehr fragwürdige Mission
Suppenhahn 27.02.2012
Zitat von sysopWer für den Arbeitgeber in den Irak fliegt, lässt sich auf ein Abenteuer ein: Flüge, deren Startzeit man erraten muss, Nächte im Hochsicherheitstrakt und irritierende Weihnachtsgrüße. Alexander Haridi bereiste das Land in akademischer Mission - und fand Nächstenliebe auf Sprengschutzmauern.
Man fragt sich schon, was das für eine Zukunft haben soll, in einem Land, dessen Stabilität rein fiktiv ist (falls überhaupt), dessen Güter geplündert sind und dessen politisches System mehr Fragen aufwirft, als man beantworten könnte.
5.
Atheist_Crusader 28.02.2012
Zitat von sysopEin Thema zieht sich als roter Faden durch alle Fachgespräche: die Umweltverschmutzung. Die Verseuchung der Böden, des Wassers und der Luft durch die unkontrollierte Ölförderung, durch die vom Saddam-Regime ausgelösten Umweltkatastrophen. Im Zusammenspiel mit Unfähigkeit und Korruption in der Verwaltung führt das zu dramatisch vielen Erkrankungen, vor allem Krebs.
Viele kritische Blicke auf Saddams Herrschafft, aber über die USA schweigt man sich aus. Als wäre absolut alles die Schuld von Saddams Mißwirtschaft, und als hätten ein Jahrzehntelanges Embargo und eine Invasion überhaupt nichts zur Lage beigetragen. Wenn man schon über Verbrecher spricht, dann bitte nicht bloß auf die Einheimischen beschränken. ...und was ist mit den ganzen Landstrichen, die dank der Nutzung von Munition aus abgereichertem Uran noch aus dem Zweiten Golfkrieg chemisch und atomar verseucht sind?
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Was ist der DAAD?
Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) pflegt die internationalen Beziehungen der deutschen Hochschulen und studierenden. Gegründet 1925, ist die Hauptaufgabe des Vereins, Stipendien an Studenten im In- und Ausland zu vergeben und die Zusammenarbeit der Hochschulen im internationalen Rahmen zu unterstützen. Wie viele andere akademische Stiftungen wird der DAAD vor allem aus öffentlichen Mitteln finanziert, bereitgestellt vom Auswärtigen Amt, dem Bildungsministerium, dem Entwicklungsministerium und von der Europäischen Union. Sitz des DAAD ist Bonn.

Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 34,776 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Nuri al-Maliki

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