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Deutsche in den USA "Mein Schwiegervater findet Trump richtig gut"

Mit verbalen Entgleisungen dominiert Donald Trump den Vorwahlkampf der Republikaner. Wie erleben Deutsche in den USA das Ringen um Amerikas Zukunft? Sieben Erfahrungsberichte.

Er spricht sich für Folter aus, will keine Muslime ins Land lassen, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer bauen: Die Parolen von Donald Trump sind schrill - und finden in breiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung Zuspruch.

Zusammen mit Ted Cruz, der sich von ihm eher im Stil als in der Sache unterscheidet, holte Trump bei der Vorwahl in Iowa mehr als die Hälfte der republikanischen Stimmen. Seither ist klar: Die Wahl 2016 hat das Potenzial, die USA fundamental zu verändern.

Wie erleben Deutsche, die in den USA leben und arbeiten, den Kulturkampf um die Zukunft Amerikas? Können Sie die Begeisterung für Trump verstehen? Wie reagieren ihre amerikanischen Freunde? Und welche Konsequenzen würden sie ziehen, wenn Trump tatsächlich Präsident werden sollte?

Stephan Millies, Texas: "Jeder glaubt das, was er glauben will"

Stephan Millies lebt seit 2011 in Austin. Er ist Produktdirektor in einer Softwarefirma. Zur Großansicht
Stephan Millies

Stephan Millies lebt seit 2011 in Austin. Er ist Produktdirektor in einer Softwarefirma.

"Mir scheint, dass sich das politische Klima radikalisiert hat. Das hat wohl mit den sozialen Medien zu tun: Viele Amerikaner graben sich dort einen Tunnel, aus dem sie kaum noch herausschauen. Sie haben nur noch Freunde, die die gleiche Meinung haben wie sie selbst und leben in einer Echokammer, in der Gerüchte ungeprüft weiterverbreitet werden und jeder das glaubt, was er glauben will. Davon profitiert besonders Trump. Er findet eine klare, oft grobe Sprache, die alles übertönt. Das kommt bei vielen gut an, so unsachlich oder falsch diese Statements auch sein mögen.

Austin ist eine liberale Hochburg in dem sonst stramm konservativen Texas. Unter meinen Freunden nimmt Trump niemand ernst. Ich glaube nicht, dass er letztlich kandidieren wird: In Umfragen schneidet er gut ab, weil er bekannt ist und weil vielen gefällt, wie er den Wahlkampf aufmischt. Aber wirklich mehrheitsfähig ist er selbst unter Republikanern nicht. Eine Trump-Präsidentschaft kann - nein: will - ich mir nicht vorstellen."

Katharina Hoy, Virginia: "Mein Schwiegervater findet Trump richtig gut"

Katharina Hoy, 27, lebt seit August in Fredericksburg Zur Großansicht
Katharina Hoy

Katharina Hoy, 27, lebt seit August in Fredericksburg

"Mein Mann ist Amerikaner. Wir haben uns in Deutschland kennengelernt, und ich bin seinetwegen nach Virginia gezogen. Wir leben in einem kleinen Kaff, hier gibt es viele Konservative. Mein Schwiegervater findet Trump richtig gut. Er kann aber meistens keine Fakten nennen, die Trumps Positionen stützen. Diskussionen mit ihm sind deshalb ziemlich zwecklos.

Auch unter den Freunden meines Mannes gibt es Trump-Fans. Das sind in der Regel Leute, die hier geboren und aufgewachsen sind und außerhalb dieser Gegend nichts kennen. Die Schwester meines Mannes lebt in einem deutlich vielfältigeren Umfeld. Sie und ihre Freunde sind für Bernie Sanders. Auch ich finde Trump schrecklich. Alle illegalen Einwanderer im Land mit Verbrechern gleichzusetzen, das geht gar nicht."

Sabina Ndakorerwa, Kalifornien: "Meine muslimischen Freunde sind beunruhigt"

Sabina Ndakorerwa, 25, arbeitet in San Francisco als Unternehmensberaterin Zur Großansicht
Sabina Ndakorerwa

Sabina Ndakorerwa, 25, arbeitet in San Francisco als Unternehmensberaterin

"In meinem persönlichen Umfeld gibt es nicht einen einzigen Trump-Fan. Meinen amerikanischen Freunden ist es eher peinlich, dass durch den Wirbel um Trump ein negatives, fast schon lachhaftes Bild von den USA im Ausland entsteht. Meine muslimischen Freunde sind beunruhigt. Nicht etwa, weil sie denken, dass er Präsident werden wird, sondern wegen des Klimas, das er mit seiner Rhetorik schafft.

Ich glaube nicht, dass er sich am Ende bei den Republikanern durchsetzen wird. Die Aufmerksamkeit, die er in den Medien bekommt, ist sicher größer als sein Rückhalt in der Bevölkerung.

Ich habe die USA bis jetzt als eine sehr offene Gesellschaft erlebt. Wenn Trump tatsächlich Präsident werden sollte, würde das meine Meinung vom Land ganz sicher negativ beeinflussen. Ich glaube aber nicht, dass ich allein deshalb Amerika verlassen würde. Dafür müsste ich auch im Alltag merken, dass sich die Dinge zum Schlechten ändern."

Ralf Meermeier, Massachusetts: "Trump spricht aus, was viele denken"

Ralf Meermeier, 41, ist Softwareentwickler und lebt seit 14 Jahren in Boston Zur Großansicht
Ralf Meermeier

Ralf Meermeier, 41, ist Softwareentwickler und lebt seit 14 Jahren in Boston

"Weite Teile der weißen Mittelschicht fühlen sich heute an die Wand gedrängt. Ich glaube, dass die Angst dieser Menschen ein wichtiger Grund für Trumps Umfragewerte ist. Er spricht das aus, was sie seit längerer Zeit denken.

Hier in Boston gibt es nicht so viele Trump-Unterstützer. Ich bin aber beruflich viel im Land unterwegs, da sieht man schon Autos mit Trump-Aufklebern. Vor den ersten Vorwahlen in Iowa hätte ich seine Chancen, republikanischer Präsidentschaftskandidat zu werden, noch höher eingeschätzt. Heute sagt mir mein Bauchgefühl, dass Trumps Stern langsam sinkt.

Selbst wenn Trump Präsident werden sollte, würde ich mir erst einmal anschauen, in welche Richtung sich das Land entwickelt. Ich fühle mich hier sehr wohl und habe mittlerweile die doppelte Staatsangehörigkeit. Ich würde also fürs Erste nicht auswandern wollen. Aber für den Fall, dass es mit den USA völlig den Bach runtergeht, habe ich ja noch meinen deutschen Pass."

Thilo Rattay, Michigan: "Amerikaner tun in der Regel das Richtige"

Thilo Rattay, 26, studiert seit eineinhalb Jahren in Ann Arbor Zur Großansicht
Thilo Rattay

Thilo Rattay, 26, studiert seit eineinhalb Jahren in Ann Arbor

"Trump hat auf jeden Fall das Klima im Land verändert. Eigentlich geht es den Menschen in den USA heute wieder ganz gut. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, mehr Leute sind krankenversichert. Trump sagt ihnen aber: Uns geht es allen schlecht. Wir müssen alle Mexikaner abschieben und eine Mauer an der Grenze bauen.

Ann Arbor ist mehrheitlich eine linksliberale Stadt. Persönlich kenne ich niemanden, der Trump unterstützt. Selbst die Republikaner, die ich kenne, sind gegen Trump. In ihren Augen wären seine Ideen, Muslime aus dem Land auszusperren und Mexikaner abzuschieben, eine Katastrophe für die Wirtschaft.

Ich kann Trumps Aufstieg überhaupt nicht nachvollziehen. Er bestätigt negative Vorurteile, die manche Deutsche gegenüber den USA haben. Ich glaube aber nicht, dass er es ins Weiße Haus schaffen wird. Die Amerikaner kommen zwischenzeitlich vom rechten Weg ab, tun am Ende in der Regel aber das Richtige."

Franziska Schwarzmann, Massachusetts: "Cruz halten viele für gefährlicher als Trump"

Franziska Schwarzmann, 30, ist Produktmarketing-Managerin und lebt seit 2013 in Boston Zur Großansicht
Franziska Schwarzmann

Franziska Schwarzmann, 30, ist Produktmarketing-Managerin und lebt seit 2013 in Boston

"Der Erfolg von Trump und Cruz schockiert viele Amerikaner. Cruz halten viele für noch gefährlicher als Trump. Es gibt aber auch Leute, die es ganz gut finden, dass jemand deutliche Worte findet und Bewegung in eine festgefahrene politische Landschaft bringt.

Aus deutscher Sicht ist der Zuspruch, den Trump findet, natürlich nicht nachzuvollziehen. Ob ich das Land verlassen würde, wenn er es tatsächlich schafft, Präsident zu werden, weiß ich noch nicht. Das hängt davon ab, wie viele seiner Vorhaben er am Ende durch den Kongress bringen würde. Als relativ gut verdienende, Steuern zahlende, weiße Frau gehöre ich keiner der Gruppen an, gegen die Trump hetzt. Es könnte aber sein, dass am Ende auch auf mich Visa-Restriktionen zukommen."

Thomas Rittmann, Kalifornien: "Trump wird jetzt ernst genommen"

Thomas Rittmann, 22, ist Physiker in Berkeley Zur Großansicht
Thomas Rittmann

Thomas Rittmann, 22, ist Physiker in Berkeley

"Viele Studenten begeistern sich für Bernie Sanders. Hier in Kalifornien hört man an jeder Straßenecke Spanisch. Da kommt Trumps Hetze gegen Mexikaner nicht so gut an. Muslimische Kommilitonen scherzen über seinen Erfolg. 'Dann muss ich wohl noch in Obamas Amtszeit mit meinem Projekt fertig werden', sagen sie dann. Oder: 'Mir bleibt ja noch Kanada.' Ich merke aber, dass Leute, die Trump anfangs belächelt haben, ihn mittlerweile ernst nehmen.

Generell finde ich Trump weniger gefährlich als Ted Cruz. Trump trifft seine Äußerungen aus Kalkül; Cruz ist ein erzkonservativer Fanatiker. Das Gefährliche an Trump ist die Sprache, die er salonfähig macht."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
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1. Ein
crma 08.02.2016
Mann im Kampf gegen political correctness. Ich hoffe er macht noch lange weiter.
2. Ein Freund
ewspapst 08.02.2016
Die Amerikaner sind doch unsere Freunde und haben uns doch die westlichen Werte vermittelt. Nun hat der Herr Trump sogar das Waterboarding wieder als Befragungsmittel gefordert. Na ist das nichts, über solche Freunde kann man doch nur glücklich sein, oder etwas nicht.
3. Was denn nun?
ohnefilter 08.02.2016
Gerade war noch Trump der Teufel, uns nun soll Cruz der Beelzebub sein? Es lohnt sich, Trumps Reden und seine Antworten in TV-Diskussionen anzuhören. Er klingt eloquenter als seine Neider und Hasser, das muß man ihm lassen. Kein Grüner in Schland versteht das....
4. Ferne
stinkfisch1000 08.02.2016
Es ist wohl schwer, sich von hier aus ein Bild davon zu machen, wer Trump tatsächlich ist und was eine Wahl bedeuten würde. Bei Ronald Reagan haben die Gazetten hier auch so getan, als käme ein Primitiver ins Weisse Haus, bei George W. Bush jr. ebenso. Ich erinnere nur an die vielen Bushisms ... Man muss die Agenda dieser Politiker nicht teilen, aber es war jedenfalls nicht der Weltuntergang. Den Widerstreit zwischen liberalem und konservativem Amerika gibt es schon immer. Wie man an B.Obama sehen konnte, bewegt nicht einmal mal ein Präsident mit Friedensnobelpreis im Voraus dieses Land so wahnsinnig weit in die Richtung, in die er möchte. Trotz demokratischem Präsidenten sind die USA nicht besser dran, als unter Bush. Was einen daran vielmer interessieren könnte ist, dass man in den USA wenigstens noch Konservative wählen kann, in Deutschland ist nicht mal eine konservative Partei im Parlament vertreten.
5. Ist doch schön
ugt 08.02.2016
So Freunde will man doch haben. Menschenrechte nur für US Amerikaner. Mir würde das grundsätzlich gefallen, wenn allen Amerikanern auch die Einreise in alle Staaten der Welt verboten würde. Aber vielleicht reicht es ja auch Amerika auf die Liste der Terrorstaaten zusetzen.
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