"Mein Freund hatte mich auf Deutschland vorbereitet: Es sei kühl in Berlin, sauber und organisiert. Ich war gespannt und vor allem aufgeregt, zum ersten Mal würde ich Kuba verlassen. Die nötigen Papiere zu organisieren war ganz schön schwierig - und teuer. Rund 400 Dollar kostete allein der Reiseantrag, ohne Garantie, dass die Reise tatsächlich genehmigt werden würde.
Mein Arbeitgeber, das kubanische Landesinstitut für Agrarwissenschaft, musste bestätigen, dass man mich für die Zeit meiner Reise entbehren könne. Mein Freund bürgte für Unterkunft und Krankenversicherung. Und in der deutschen Botschaft musste ich genau erklären, wie und wo wir uns kennengelernt hatten: an der Uni in Havanna. Ich habe dort Übersetzen studiert, allerdings Englisch, nicht Deutsch. Das habe ich erst später gelernt.
Die Missverständnisse zwischen dem Kapitalismus und mir fingen schon im Flieger an: Als die Stewardess mit Essen und Trinken kam, winkte ich freundlich ab - ich hatte nämlich kein Geld dabei, nicht mal einen Peso. Dann sah ich, dass niemand für sein Essen bezahlte. Ich war ganz schön erleichtert. In der Schule hatte man uns beigebracht, wie ungerecht der Kapitalismus ist - keine Sozialleistungen, niemand kümmert sich, wenn du nichts zu essen hast, und eigentlich bist du nur jemand, wenn du reich bist.
Welch ein Kontrast dazu war meine Zwischenlandung in Paris: überall Schilder, wo es langgeht, blitzsaubere Glasfassaden, funktionierende Rolltreppen, unzählige Läden voll mit bunten Lebensmitteln und die Auswahl so groß, dass ich mich gar nicht hätte entscheiden können zwischen all den Sandwiches, Säften und Süßigkeiten. Dass ich kein Geld dabei hatte, fand ich angesichts dieses Überangebots gar nicht so schlimm.
Bin ich hier im Haifischbecken?
In Berlin wartete mein Freund am Flughafenausgang auf mich, und ich hatte das Gefühl, in einer fremden Welt nach Hause zu kommen. Schon auf dem Weg zum Parkhaus sah ich so viele Autos, wie ich sie in Havanna in der ganzen Stadt vermuten würde. Die Fahrt zur Wohnung meines Freundes erschien mir unglaublich rasant - mehr als 60 Stundenkilometer sind wir in Havanna einfach nicht gewohnt.
Es gibt viele Erlebnisse, auf die ich heute mit einem Lächeln zurückblicke. Inzwischen lebe ich seit zehn Jahren in Deutschland, bin mit meinem Freund verheiratet und arbeite in einem Hamburger Übersetzungsbüro. Die Lieblingsgeschichte meiner Kollegen ist, als ich im Bus das Schild las 'Schwarzfahrer zahlen 40 Euro'. Da dachte ich wirklich, dass der Kapitalismus böse ist: Wie kann man einen so teuren Fahrpreis verlangen, nur weil der Fahrgast eine andere Hautfarbe hat?
Auch meine ersten Einkäufe steckten voller Überraschungen. Einmal kaufte ich Klamotten in einem Second-Hand-Laden, den ich für ein ganz normales Modegeschäft hielt. Ein anderes Mal landete Thunfischpastete statt Mortadella in meinem Einkaufskorb. Lieber nicht erwähnen möchte ich die vielen Dinge, die ich in der Mikrowelle zerstört habe
Zuteilung statt Bewerbung
Schneller und besser sein zu müssen, das habe ich aus dem kubanischen Berufsleben so nicht gekannt. Wer in einem bestimmten Beruf ausgebildet wird, für den gibt es anschließend auch Bedarf. Bevor man in die Verlegenheit kommt, sich zu bewerben, wird man einfach zugeteilt.
Meine erste deutsche Festanstellung bekam ich bei einem Hamburger Konzern, wo ich internationale Gäste in Empfang nahm. Übersetzen blieb aber meine Leidenschaft, und so habe ich mich weiter beworben. 2010 hat es bei 24translate im Projektmanagement geklappt: Ich habe endlich ein Unternehmen gefunden, bei dem meine Kenntnisse und Erfahrungen zählen - auch ohne anerkanntes Zeugnis.
Wenn heute meine Eltern zu Besuch sind, merke ich, wie europäisch ich geworden bin. Ich laufe zum Beispiel dem Bus hinterher, weil der nächste erst in zehn Minuten kommt - meine Eltern schütteln darüber nur fassungslos den Kopf. Außerhalb Havannas hat man Glück, überhaupt einen Bus zu erwischen. Fahrpläne gibt es nicht, und jeder wartet geduldig, bis er sich in einen vollen Bus zwängen darf. Das gehört zu den Dingen, die ich auf keinen Fall vermisse.
Was mir fehlt, ist die Spontaneität und das Temperament der Kubaner. Ich musste mich zum Beispiel erst daran gewöhnen anzurufen, bevor ich jemanden besuche, oder bei der Lautstärke der Musik auf die Nachbarn Rücksicht zu nehmen. Was den Kapitalismus betrifft, so haben sogar meine Eltern einige Vorurteile abgebaut. Sie kommen gern her, fahren aber auch gern nach Kuba zurück. Sie haben Spaß daran, von unserem Überfluss zu kosten, wissen aber auch, dass er sie nicht glücklicher macht."
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