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Englisch im Alltag Warum wir ständig "sorry" sagen

Inflation der Entschuldigung: Ernst gemeint oder chronisches Leiden? Zur Großansicht
Corbis

Inflation der Entschuldigung: Ernst gemeint oder chronisches Leiden?

Können wir uns jemals so gut entschuldigen wie die Engländer? Sie sagen andauernd "sorry" - weil sie Probleme haben, die wir uns beim besten Willen nicht vorstellen können.

Die Invasion von Anglizismen in den deutschen Sprachraum stört mich kaum - it doesn't bother me much. Wer sich unbedingt mit englischen Worten aushelfen oder schmücken möchte, soll es tun. Keine Sprache war jemals rein und abgeschottet von fremden Einflüssen - the concept of a pure and sealed-off language is a fallacy - ein Trugschluss!

Allerdings gibt es einen kleinen englischen Einwanderer, der nervt. Weil er mir oft niederträchtig erscheint - it often seems infamous, mean, malicious. Und den ich im nächsten Augenblick überhaupt nicht ernst nehmen kann, weil er doch bloß ein Tick ist - say, it's a "fad" or a "quirk". Sorry, falls ich jetzt jemanden beleidige: Ich spreche über das Wörtchen "sorry". Leute, die es ständig sagen, halte ich für ein bisschen affig.

Leider muss ich an sehr viele Zeitgenossen denken. Höhepunkte sind immer die besonders kaltschnäuzigen Momente - the most callous moments, not to say the clinical ones! Situationen, in denen man entweder eine aufrichtige Entschuldigung oder am liebsten eine bessere Tat erleben möchte. Zum Beispiel, als mir mein deutscher Chef einmal die Kündigung aussprach und dabei sagte: "Sorry. Wirklich sorry." Gemeiner war nur die Krankenschwester, die ich nach einer kleinen Operation um eine Liege bat, weil ich mich hinlegen wollte. Da antwortete sie: "Wir haben keine Liege frei. Ein anderes Mal gerne. Sorry."

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Auch im Englischen ist "sorry" oft eine Zumutung. Und es ist dort noch viel verbreiteter. Mit anderen Worten: eine echte Plage! Wer verstehen möchte, wie es verwendet und verstanden wird, der sollte sich das Lied über den "Vollendeten Bankier" anhören: "The Complete Banker". Gedichtet hat es Neil Hannon, der geistreich sarkastische Sänger von "The Divine Comedy" - a witty man who writes lyrics that are brilliantly sardonic:

"Can anyone lend me ten billion quid?
Why do you look so glum, was it something I did?
So I caused the second great depression, what can I say?
I guess I got a bit carried away.
If I say I'm sorry, will you give me the money?"

Was den Briten das "Sorry" ist, war Deutschen und Österreichern früher einmal der "Blankoscheck": Es ist Kriegserklärung und Kapitulation in einem. Ein Streit, den man selbst auslöst und, rein vorsorglich, gleich wieder für beendet erklärt. Eine Haltung, die gar nicht mehr in unsere Zeit passt! Rein vorsorglich deshalb gleich meine Entschuldigung: "Sorry for mentioning the war!"

Dass auch die Engländer mit "sorry" hadern, brachte John Cleese schon im Jahr 1988 zum Ausdruck - he expressed how much the English are at odds with that nasty little word. Cleese, der in den Sechzigerjahren die Komikertruppe Monty Python mitgegründet hatte, verbreitete im amerikanischen Fernsehen die Legende von einem britischen "Nationalen Entschuldigungstag": "We have a national apology day where everyone apologises to everyone they have not apologised to in the previous twelve months or to everyone they haven't apologised to sufficiently in the previous twelve months."

Um das Krankhafte am ewig wiederkehrenden "Sorry" zu unterstreichen, holte John Cleese noch etwas aus: "When you grow up as a baby, everyone is very embarrassed the whole time. Everyone is apologising and saying 'sorry' the whole time. It gets a condition." Wir sprechen hier also über ein chronisches Leiden! Das ist der entscheidende Hinweis für alle Nachäffer - that goes to anyone who indulges in apery: Man muss krank sein, um richtig "sorry" sagen zu können!

"The sorriest of all countries"

Mir fällt auf, dass die Briten systematisch Anlässe schaffen, um "sorry" zu sagen. Anlässe, die von vornherein überflüssig sind und für die sie sich danach entschuldigen.

Zum Beispiel neulich vor einem Flug der British Airways von Birmingham nach Frankfurt. Nachdem wir fast eine halbe Stunde nicht abgehoben hatten, meldete sich der Kapitän zu Wort: "I am sorry that we are not taking off. There was a slight problem with the jetty - mit der Landungsbrücke. It wasn't working. We thought it wasn't working. But in fact, it is working. There wasn't a problem. We very much apologise for the delay..." Wie bitte?

Schon mein Lieblingslehrer Werner Lansburgh nannte England "the sorriest of all countries". Und er erzählte die Geschichte vom Klo eines Pubs in London, in dem es unmöglich war, die Klotür nicht ins Gesäß zu bekommen, wenn man am Waschbecken stand: "There must have been some twenty people coming and going behind my back, bumping that door as many times against my bottom. Twenty or more times I heard that word:

"Oh, sorry."
"Awfully sorry, sir."
"Terribly sorry."
"Sorry." (This was a gentle one.)
"I am so sorry."
"Sorry, terribly sorry. Did I hurt you?"

Nach dieser letzten Frage konnte sich Lansburgh nicht mehr halten: "'Not at all', I said, 'I actually enjoyed it.'"

Der interessanteste Teil der Geschichte folgte allerdings noch: Denn nachdem der Mann "Did I hurt you?" gefragt hatte, schwätzte er auf einmal unschuldig vom Wetter: "Chilly day today, isn't it?"

Für Lansburgh war das kein Problem: Hauptsache, man hatte sich gegenseitig zur Kenntnis genommen. "Sorry" sei schließlich eine Art, ins Gespräch zu kommen. Für jeden, der sich einsam fühlt!

Da ich viel Zeit in Großbritannien verbringe, weiß ich aus eigener Erfahrung zu berichten, dass die Briten ein wirklich bemerkenswertes Verhältnis zu Entschuldigungen haben. Wenn man ihnen (genau) zuhört, bemerkt man, dass sie sich eigentlich ständig entschuldigen. Angeblich sagen sie bis zu siebzig Mal am Tag "sorry". Das wären rund zwei Millionen Male in einem durchschnittlichen Leben.

Werner Lansburgh beschrieb den Nachteil - the downside of saying "sorry" all the time: Es lässt den Zauber des menschlichen Mitgefühls oft gar nicht erst aufkommen. Es banalisiert jedes Problem.

Henry Hitchings hat in seinem Buch "Sorry. The English and Their Manners" erklärt, warum das so ist. Höflichkeit werde in Großbritannien traditionell mit Distanziertheit gleichgesetzt. Im 19. Jahrhundert wurde der Satz "I am sorry" einfach auf das Wort "sorry" verkürzt. Seitdem kann sich jeder unpersönlich aus der Affäre stehlen, ohne Teil eines Problems zu werden und ohne irgendeinen Anteil an den Problemen anderer nehmen zu müssen.

Es ist ja allgemein bekannt, dass wir es im britischen Kulturraum mit geschulten Konfrontationsvermeidern zu tun haben, die selbst das größte Desaster noch als "Unannehmlichkeit" ("inconvenience") bezeichnen und die jede Grausamkeit verschleiern und verkleinern können, während der Rest des Kontinents zuversichtlich nickt. Sie sagen zum Beispiel:

  • Sorry. There was a tiny problem at the heart of your presentation.
    Damit wollen sie sagen: Das ging gar nicht.
  • Sorry. We are slightly concerned about your decision.
    Damit wollen sie sagen: Das geht gar nicht!
  • I almost agree. Sorry.
    Das bedeutet schlicht: I don't agree at all. Deshalb steht "sorry" auch hinten!

Ähnlich schockierend sind die Wahrheiten über Bemerkungen wie "That's a very brave proposal", "very interesting" oder "I'm sure it's my fault". Was das tatsächlich bedeutet? Die Auflösungen finden Sie in einer Übersicht, die seit einiger Zeit im Internet kursiert. Sie zählt zu den wichtigsten Übersetzungsutensilien von Diplomaten in Europa.

"Our offices are in contact"

Mir selbst schrieb einmal der Botschafter Seiner Majestät in Berlin: "I know our offices are in contact." Toll, dachte ich zunächst, bis mir die Frage durch den Kopf schoss, die mich auch zu meiner Kolumne "Fluent English" bewegt hatte: Was um alles im Empire hat das zu bedeuten? Drei Möglichkeiten hielt ich für realistisch:

  • a) Sie haben eine ähnlich pompöse Infrastruktur wie ich. Sie cooler Typ!
  • b) Sie sollten jemanden haben, der diesen Kleinkram für Sie bearbeitet. Spannen Sie Ihre Ms. Moneypenny besser ein und lassen Sie uns nicht mehr auf der operativen Ebene verkehren.
  • c) Bitte melden Sie sich nie wieder. Sorry!

Um das Rätsel zu lösen, brauchte ich weder meinen Telefonjoker Richard noch meine lieben Kollegen Andrea und Patrick in London anzurufen. Nach wenigen Minuten kam ich selbst darauf, dass es unpassend war, a) für die richtige Antwort zu halten. Ich tendierte vorsichtig zu b). Fortan klammerte ich praktische Themen aus. Trotzdem schlief der Kontakt ein. Im Ergebnis traf also c) die Absicht des Botschafters. Und ich war um eine interkulturelle Erfahrung reicher.

Der Text ist ein gekürztes Kapitel aus dem Buch "The Devil lies in the Detail".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 123 Beiträge
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    Seite 1    
1. vorauseilender Gehorsam...
sok1950 20.10.2015
Selbst in einem Text über denglisch muß vermerkt werden, dass keine Sprache frei von "fremden" Einflüssen ist. Mag sein, aber auf seine Sprache, seine Kultur stolz zu sein und diese zu Pflegen, ja zu fördern und aktiv zu erhalten sollte schon möglich sein. Das der Text schlicht nicht lesbar ist, das interessiert in diesem Zusammenhang wohl gar nicht.
2.
marthaimschnee 20.10.2015
Da ist aber reichlich Interpretationsspielraum. Zunächst mal ist Sorry oder auf Deutsch ein genuscheltes "nschuldigung" eben jenes, eine Entschuldigung. Das ist recht unpräzise, denn genauer gesagt bittet man ja um Entschuldigung. Der Fluch des sorry ist, daß es an vielen Stellen gar keinen Grund gibt, sich zu entschuldigen, weil man gar nichts dafür kann, wie der Flugkapitän, der sich über Verzögerungen durch technische Pannen. Die Krankenschwester hat es dagegen ziemlich nötig, um Entschuldigung zu bitten, nicht weil keine Liege da ist, sondern für den dämlichen Spruch "Ein anderes Mal gerne". Ich selber hab festgestellt, daß ich sorry vor allem dann sage, wenn gleich ein richtig dickes Ding kommt, so quasi das Gegenüber schon mal vorsorglich um Entschudligung zu bitten, daß er sich jetzt gleich tierisch angepißt fühlen wird. Das klingt dann meist wie "Sorry, aber davon halte ich gar nichts". Hier kommt ein weiterer Knackpunkt hinzu, nämlich daß wir vielfach einfach nicht offen zueinander sein können. Oder warum werden Arbeitszeugnisse derart verschwubbelt geschrieben, daß kein normal denkender Mensch damit was anfangen kann? Da müßte eigentlich auch sorry drunter stehen, Entschuldigung für den Mist der da verzapft wird!
3. Es scheint so
sekundo 20.10.2015
als würde die englische Sprache in Deutschland neu erfunden. Nur geht das komplett daneben. Sorry!
4. Nicht dieses Wort
visionqq 20.10.2015
Sondern der schwache Artikel ist eine Zumutung. Allein über dieses Thema in einem solchen Umfang zu berichten zeugt davon, dass eine grundlegende Problematik bezüglich der Beurteilung von wichtigen Themen besteht.
5. informativ
naklar261 20.10.2015
interesanter artiklel, bisher habe ich ueber den Gebrauch des Wortes Sorry wenig nachgedacht, wobei meine Amerikanischen Kollegen staendig darueber beschweren das Japaner sich fortlaufend entschuldigen.
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