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Ex-Abgeordnete Anna Lührmann Einmal Sudan und zurück

Anna Lührmanns Fotoalbum: Einmal Sudan und zurück Fotos
privat

Mit 19 ging sie für die Grünen in den Bundestag, als jüngste Abgeordnete aller Zeiten. Für zwei Jahre hat Anna Lührmann mit ihrem Mann, deutscher Botschafter, in Khartum gelebt und ist jetzt zurück in Deutschland. Hier erzählt sie über ihre Erfahrungen als Studentin, Politikerin, Diplomatengattin im Sudan.

"Als ich 2002 das erste Mal in den Bundestag gewählt wurde, habe ich mir vorgenommen, maximal zwei Legislaturperioden zu bleiben. Ich wollte nicht abhängig werden von der Politik. Dass ich nach meiner Zeit als Abgeordnete in den Sudan gehen würde, konnte ich damals allerdings noch nicht ahnen.

Gut zwei Jahren habe ich in Khartum gelebt, der Hauptstadt des Sudans. Mein Mann war dort deutscher Botschafter, ich bin mitgegangen. Diese Entscheidung konnte nicht jeder nachvollziehen. Manche dachte, ich hänge meine Karriere an den Nagel. Was für eine absurde Vorstellung!

Als wir ankamen, habe ich mich erst einmal an der Ahfad-Universität eingeschrieben, eine der größten Frauen-Hochschulen Afrikas. 5000 Frauen studieren dort. Ich habe 'Gender and Peace'- Studies belegt. Dass man das im Sudan studieren kann, hat viele meiner Freunde und Bekannten überrascht. Schließlich gelten sudanesische Frauen nicht gerade als emanzipiert. Mich hat die Offenheit und Unvoreingenommenheit überrascht, mit der an dieser Hochschule diskutiert wird.

Das Studium hat mir eine viel differenzierte Sichtweise auf den Islam eröffnet. In den Vorlesungen habe ich mit voll verschleierten Frauen über Geschlechtergerechtigkeit diskutiert. Meine beste Freundin an der Uni, eine sehr gläubige Muslima, belegt ihre feministische Weltanschauung mit Koran-Suren.

Studium, Praktikum, Vollzeit-Job bei der Uno

Daran zeigt sich, dass die Rollenmuster muslimischer Frauen nicht nur von der Religion, sondern mindestens ebenso sehr von kulturellen Normen und Sitten geprägt sind. In manchen muslimischen Ländern wie Pakistan tragen Muslimas lange weite Oberteile über weiten Hosen. Im Sudan dagegen können muslimische Frauen, die Hosen tragen, von der Sittenpolizei verhaftet werden. Junge muslimische Sudanesinnen tragen meist einen langen, engen Rock, einen locker um den Kopf geschlagenen Schal und ein knackig enges Oberteil.

Ich selbst hatte auch immer einen Schal dabei, um den Oberkörper zu umhüllen, nur in Ausnahmen den Kopf. Zudem muss man immer darauf achten, dass Arme und Beine bedeckt sind.

Im April habe ich mein Studium abgeschlossen und mich in meiner Masterarbeit mit den Wahlen im April 2010 beschäftigt, den ersten im Sudan seit über 20 Jahren. Im Zuge dessen habe ich beim Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen hospitiert. Die zentrale Forschungsfrage war, inwiefern die Wahlen den Demokratisierungsprozess beeinflusst haben.

Das Praktikum mündete in einen Vollzeit-Job bei der Uno. Gemeinsam mit einer sudanesischen Partnerorganisation habe ich Workshops für Abgeordnete in den neu konstituierten Länderparlamenten geleitet. Ein großer Teil der Abgeordneten war zum ersten Mal Parlamentarier. In den Workshops ging es darum, was grundlegende Funktionen eines Parlamentes sind und welche Instrumente Abgeordnete haben, um die Regierung zu kontrollieren.

Dabei habe ich von meinen Erfahrungen in der deutschen Politik profitiert: Ich kann ja glaubwürdig aus dem Nähkästchen plaudern. Wenn ich mich vorgestellt habe, habe ich oft von meinem Studium im Sudan erzählt. Das hat Vertrauen geschafft und gezeigt, dass ich das Land kenne und den Menschen auf Augenhöhe begegne. Ich hatte im Studium vieles gelernt, das ich in meiner Arbeit nutzen konnte. Meine Eröffnungsrede begann auf Arabisch, da hatte ich die Lacher auf meiner Seite. Für viel mehr als ein paar Sätze reichen meine Arabischkenntnisse leider nicht.

Morgens vom Muezzin und Hahnenschrei geweckt

In dem Job war ich viel unterwegs. Auf dem Programm standen die Landeshauptstädte des Nord-Sudan. Kürzlich war ich in Dongola im äußersten Norden des Sudans. Das liegt wie eine Oase mitten in der Wüste am Nil. Auf dem Rückweg haben wir in einem kleinen Dorf von Dattelfarmern übernachtet, Internet gab es nicht.

Häufig mussten wir den ganzen Tag mit dem Auto über schlechte Straßen holpern. Dann bei über 40 Grad Celsius einen Vortrag über die Budgethoheit des Parlamentes zu halten, das ist sehr anstrengend. Auch die Unterkünfte entsprachen nicht immer dem Standard deutscher Jugendherbergen.

Dennoch möchte ich diese Erfahrung nicht missen. Morgens wurde man vom Ruf des Muezzin und dem Hahnenschrei geweckt. Durch diese Reisen habe ich ein Gefühl dafür bekommen, wie die Leute im Sudan wirklich leben und wie groß der Unterschied zwischen der reichen Hauptstadt und dem armen Rest des Landes ist.

Wenn ich nicht unterwegs war, habe ich tagsüber im Uno-Büro in der Innenstadt gesessen. Mein Mann oder ich haben unsere zweijährige Tochter vorher noch in den Kindergarten gebracht, wo sie den Vormittag verbrachte. Nachmittags wurde sie von einer Kinderfrau aus Eritrea betreut. Nach der Arbeit bin ich häufig noch kurz über den Markt gehetzt und habe eingekauft. Abends habe mal ich, mal hat mein Mann gekocht. Mein Lieblingsgericht waren Okraschoten mit Tomaten. Die Spezialität meines Mannes war ein "Jirjir"-Salat - schmeckt so ähnlich wie Rucola.

Bloß keine Charity-Lady

Von Charity-Veranstaltungen, Malkursen und Kaffeekränzchen, an denen manche Ehefrauen von Botschaftern Freude haben, habe ich mich eher ferngehalten. Mittlerweile entsprechen aber auch viele Partnerinnen und Partner von Diplomaten nicht mehr dem gängigen Klischee. Viele sind berufstätig oder studieren.

Es ist aber keineswegs so, dass ich aus Prinzip abgelehnt habe und ablehne, was üblicherweise mit dem Rollenklischee der Frau des deutschen Botschafters verbunden wird. Ich habe meinen Mann gern mal zu Empfängen begleitet, denn dort trifft man häufig auf interessante Menschen.

Ein richtiges Zuhause ist der Sudan nicht geworden. Unser Aufenthalt war ja von Anfang an auf Zeit angelegt. Was mir bis zum Ende zu schaffen machte, war die Hitze; meist sind es dort tagsüber deutlich über 40 Grad. Wegen dieser Temperaturen konnte ich mich auch fast nur mit dem Auto fortbewegen. Kein Fahrradfahren, kein täglicher Gang zur U-Bahn, und an Joggen war überhaupt nicht zu denken. Dieser Bewegungsmangel hat genervt. Dafür habe ich Yoga für mich entdeckt.

Die Zeit im Sudan war sehr inspirierend für mich. Ich habe viel Neues gelernt und viele tolle Menschen kennen gelernt. Daher finde ich es auch schade, dass es schon wieder vorbei ist. Ende Juni sind wir nach Berlin zurückgekehrt und werden hier ein knappes Jahr Zwischenstation machen. Ich will eine Promotion über die arabischen Demokratiebewegungen beginnen. Dann geht es erst mal wieder für ein paar Jahre ins Ausland - hoffentlich in die arabische Welt. Ob ich irgendwann in die deutsche Politik zurückkehre? Gut möglich."

Kulturschock

Protokoll von Annick Eimer, freie Journalistin in Hamburg.

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insgesamt 22 Beiträge
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    Seite 1    
1. Die 22jährige Botschaftergattin
regierungs4tel 06.07.2011
.. passt gewiss blendend ins Bild in Afrika, dem Kontinent, auf dem Frauen in der Regel schamlos sexuell ausgebeutet werden.
2. .
RosaHasi 06.07.2011
wer hat sie gewählt? indirekte demokratische strukturen die in der mini diktatur enden. schönes deutschland
3. wie alt?
jakovsaal 06.07.2011
Die 22jährige Botschaftergattin ->mit 19 Jahren im Jahr 2002 in den Bundestag gewählt...na, wie alt ist sie dann heute?
4. ...
qvoice 06.07.2011
Ein sehr vorsichtiges und politisch korrekter Beitrag. Ein paar Themen würden mich noch interessieren: Braucht man Bodygards, wo kann man sich frei bewegen, wo ist es gefährlich? Welche Rolle spielt die Korruption? Wie ist das Verhältnis der Spitzenpolitiker zu Volk? Wie ist die Krankenversorgung, wer hungert? Wie gross ist die Rolle der Scharia? Aber die Berichte aus der Uni und UNO sind ja auch interessant...
5. Ach, die Frau Lührmann
glacis 06.07.2011
...ist auch wieder zurück. Hab ich nicht gestern erst auf SPON ein Interview mit ihr gelesen... kurz vor ihrer Abreise in den Sudan?? Wie die Zeit vergeht. http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,651137,00.html Zitate daraus: Über UN-Leute: "Die kommen manchmal ganz schön arrogant daher, sind gerade drei Tage im Land und erklären dann den Leuten, was zu tun ist", frotzelt sie - "wie manche Unternehmensberater" Immer schwieriger wurde Lührmanns Zeitmanagement - Bundestag, Studium, Freunde, Mann und die kleine Tochter. Außerdem lernte sie Arabisch und schrieb ihre Bachelorarbeit über den Darfur-Konflikt. Irgendwie schaffte sie das alles. Und manche landen wohl doch eher auf der angenehmeren Seite der Stadt... Bundestagsmandat, Studium nebenbei, Diplomaten heiraten, unter annehmbaren Bedingungen im Sudan leben, Geld auf die Seite legen, niemals mehr finanzielle Sorgen, UNO-Job, nicht als Kellnerin Nächte um die Ohren schlagen für 7 € die Stunde... man könnte glatt neidisch werden.
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Zur Person
ddp
Anna Lührmann (Jahrgang 1983) war schon als Jugendliche für Greenpeace und die Grünen engagiert. 2002 zog sie für die Partei in den Bundestag ein und wurde 2005 wiedergewählt. Sie ist mit dem deutschen Botschafter Rainer Eberle verheiratet und ging mit ihm 2009 in den Sudan.
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