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Firmenarchitektur Wenn das Büro zum Wohnzimmer wird

Arbeitsarchitektur: Bin ich schon zu Hause oder noch im Büro? Fotos
Leslie Williamson

Programmiert wird auf der Couch, die Frage ist nur: auf der aus Bali oder Amsterdam? Das Reiseportal Airbnb hat für seine Mitarbeiter Wohnzimmer aus aller Welt nachbauen lassen, samt Häkelkissen und Keramikschwein. Deutsche Werber haben es vorgemacht.

In der Küche hängen Töpfe, Pfannen, ein Sieb und eine Kartoffelreibe von der Decke. Praktisch für eine Köchin, schmerzhaft für einen Informatiker. Schon wieder hat sich einer beim Kaffeeholen den Kopf gestoßen. Als Anna Arnadottir in Island ihre Küche einrichtete, konnte sie nicht ahnen, dass diese einmal 7000 Kilometer von ihrem Haus entfernt nachgebaut werden würde. Die bunten Kacheln an der Wand hinter der Spüle, die geflochtenen Weidekörbchen im Regal, der wuchtige Tresen in der Mitte - ihre Küche gibt es mit allen Details ein zweites Mal, nur gekocht wird hier nie.

Die Gründer des Reiseportals Airbnb haben in ihrer neuen Firmen-Zentrale in einem Industriegebiet von San Francisco Zimmer aus aller Welt nachbauen lassen. Ihre Mitarbeiter programmieren nun zwischen Häkelkissen und Keramikschweinchen, schaukeln während der Arbeit auf Schaukelstühlen, fläzen sich auf Sofas, und wenn sie von den Bildschirmen ihrer Laptops aufschauen, sehen sie all das Zeug, das sich in einem Hausboot in Amsterdam, einem Loft in Mailand oder einem Häuschen in Island eben so ansammelt. Die Fotos der Originalzimmer hatten die Besitzer selbst bei Airbnb hochgeladen, allerdings nicht, um sie als Büros für Programmierer zu empfehlen, sondern um sie an Feriengäste zu vermieten.

"Wir wollten das Gefühl des Reisens ins Büro bringen", erklärt Airbnb-Chef Brian Chesky, 32, das Konzept. "Fotos ferner Länder an die Wand zu hängen, war uns nicht genug. Man soll das Gefühl haben, wirklich dort zu sein. Unser Büro soll physisch repräsentieren, wer wir sind und was wir glauben."

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Willkommen bei Familie Müller: Deutschlands häufigstes Wohnzimmer

Wie wichtig es ist, Mitarbeiter auf die eigene Marke einzuschwören, darüber wurden schon Dutzende Marketing-Wälzer geschrieben. "Ein Verkäufer kann in fünf Minuten mehr zerstören, als jede Werbekampagne aufbauen kann", soll Starbucks-Chef Howard Schultz einmal gesagt haben. Doch wie macht man eine Marke für seine Mitarbeiter greifbar, wenn sich noch nicht mal das eigene Produkt anfassen lässt?

Nicht nur im Silicon Valley überlässt man die Lösung dieses Problems gerne den Innenarchitekten - und setzt das Ergebnis sogleich medienwirksam in Szene. Ein Mobilfunkanbieter möchte dynamischer wirken? Durchs Großraumbüro führt jetzt eine Joggingstrecke. Eine Online-Bank will ein kreativeres Image? Es werden Tische, Stühle und Sitzecken in knallgelb geordert. Bürospielplätze eignen sich hervorragend zum Protzen vor Kunden und Konkurrenten. Schaut alle her und seht, wie hip wir sind! Aber kann man dort auch arbeiten?

Bunt und dämmrig macht kreativ

Dass sich die Arbeitsumgebung auf die Leistung der Mitarbeiter auswirkt, gilt mittlerweile als wissenschaftlich erwiesen. Psychologen der Universität Hohenheim und Bauphysiker der Universität Stuttgart haben in Experimenten herausgefunden, dass farbige Akzente und dämmriges Licht im Raum die Kreativität fördern. Beachtet werden ihre Erkenntnisse bislang kaum. Im Interview mit dem KarriereSPIEGEL berichtete Lioba Werth von der Forschungsgruppe "Menschen in Räumen", dass ihr Themengebiet selbst innerhalb der Psychologie von einigen Kollegen noch belächelt wird.

Anders in der Werbeindustrie: Die Kreativdirektoren von Jung von Matt setzen schon seit zehn Jahren auf nachgebaute Wohnzimmer als Inspirationsquelle. Sie haben aus den Daten des Statistischen Bundesamtes eine deutsche Durchschnittsfamilie errechnet und für sie mitten in ihrem Büro das passende Wohnzimmer eingerichtet, mit Ecksofa, Veloursteppich und Schrankwand mit Porzellankatze. Hier treffen sich die Werber zum Brainstorming - und inhalieren ganz nebenbei die Lebenswelt ihrer Zielgruppe.

Um das Erlebnis noch authentischer zu machen, gießt jeden Tag ein Mitarbeiter der Werbeagentur die Blumen im Musterzimmer, legt die aktuelle Lokalzeitung auf den Couchtisch und blättert die Fernsehzeitschrift um. Die Resonanz auf das Projekt war so gewaltig, dass die Werber 2011 auch noch ein Jugendzimmer nachbauen ließen. In dem Bett soll mittags schon der ein oder andere Agenturkollege gesichtet worden sein.

Bei Airbnb hat man wohlweislich nur Wohnzimmer und Küchen, aber keine Schlafzimmer nachbauen lassen. In welchem Raum die besten Geschäftsideen entstehen, steht jetzt schon fest: Brian Chesky und Joe Gebbia, die beiden Mitgründer des Reiseportals, haben das Wohnzimmer ihrer Studentenbude eins zu eins nachbilden lassen. Das kann nun jeder Mitarbeiter für sich allein reservieren, ein iPad neben der Eingangstür nimmt die Wünsche entgegen. Sind alle Wohnzimmer besetzt, bleibt nur ein Weg - zurück ins Großraumbüro. Dort hat jeder Mitarbeiter seinen festen Arbeitsplatz. Mit Rollcontainer statt Häkelkissen.

  • Autorin Verena Töpper (Jahrgang 1982) ist KarriereSPIEGEL-Redakteurin.

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insgesamt 3 Beiträge
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    Seite 1    
1. Witzige Idee...
earl grey 05.03.2014
Zitat von sysopLeslie WilliamsonProgrammiert wird auf der Couch, die Frage ist nur: auf der aus Bali oder Amsterdam? Das Reiseportal Airbnb hat für seine Mitarbeiter Wohnzimmer aus aller Welt nachbauen lassen, samt Häkelkissen und Keramikschwein. Deutsche Werber haben es vorgemacht. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/firmenarchitektur-airbnb-baut-wohnzimmer-als-bueros-nach-a-956683.html
Witzige Idee, muss man erst Mal drauf kommen...
2. Neu? Mein Wohnzimmer
josefinebutzenmacher 05.03.2014
ist schon lange mein Büro. Wahlweise auch das Schlafzimmer, die Terrasse , der Fitnessraum , der Baggersee oder der XC90. Heutzutage völlig normal.
3. Oder das Büro zum Wohnzimmer
mcvitus 07.03.2014
Für viele ist das Büro längst zum Wohnzimmer geworden, das nur noch für lästige Pflichten wie z. B. Familie etc. verlassen wird.
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