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Denglisch in der Politik There will not be a Sprachbankrott

Minister Wolfgang Schäuble: Insistieren auf Englisch Zur Großansicht
AFP

Minister Wolfgang Schäuble: Insistieren auf Englisch

Fürchtet euch nicht - die frohe Botschaft zum Wahlkampffinale: Bei TV-Duellen, Reden oder auf Plakaten verzichten Deutschlands Politiker auf denglische Wortklopse. Fast immer. Ein paar unschöne Ausnahmen gibt es aber doch. Peter Littger hat sie aufgespürt.

Wer Anglizismen für bedrohlich hält, darf aufatmen: Die Spitzenkandidaten sind wählbar! Im TV-Studio duellierten sich Angela Merkel und Peer Steinbrück ohne ein einziges englisches Wort. Auch ihre Plakate und ihre Programme - fast alles astrein. Wäre da nicht das unangenehme "Ehegattensplitting", das nach Ehepartnern klingt, die einander zerteilen wollen oder wenigstens eine Scheidung in Erwägung ziehen. Es ist fast so abscheulich wie die "Antibabypille".

Englische Worte sollten vor allem dann in der Öffentlichkeit vermieden werden, wenn sie Missverständnisse hervorrufen können, wie zum Beispiel der Werbeslogan "Stimulate your senses" (Loewe). Was mag das bedeuten, vielleicht "Schärfe deine Sensen"? In einer Befragung hielt eine Mehrheit der Deutschen den Spruch für eine Aufforderung zur Selbstbefriedigung.

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Wunderbare Welt der Werbung: Die skurrilsten Denglisch-Kapriolen
Einige jüngere Politiker setzen sich dennoch notorisch über das Volk hinweg. So rät die Junge Union: "Cool bleiben und Kanzlerin wählen". Was wird hier tatsächlich geraten? Da "Coolness" das Gegenteil von Begeisterung ist, kann ich mir kaum vorstellen, wie jemand in diesem Aggregatzustand motiviert den Mantel überwirft und wählen geht. "Cool bleiben und nicht wählen" oder "Cool bleiben und Kanzlerin glotzen" - beides wäre besser. Aber vielleicht kein guter Rat.

"Stick with Mutti" hat nun ausgerechnet das britische Magazin "The Economist" empfohlen. Merkel sei für uns eine Behüterin und Krankenschwester ("caregiver"), keine Zuchtmeisterin ("taskmaster") - sie bediene die Sehnsucht nach Normalität und Verlangsamung einer heiß gelaufenen Welt. Womöglich plant die Junge Union bereits einen coolen CDU-Shop mit zahlreichen Lifestyle-Produkten, die mit der Phrase bedruckt sind.

"Austerität" ist ein schlimmes Wortungetüm

Im Juni mokierte sich die Bundeskanzlerin bei einer Rede in Berlin höchstselbst über ein englisches Wort, das durch die Finanzkrise in den deutschen Wortschatz einzuwandern droht. Nicht, dass Frau Merkel mit dem "Haircut" Schwierigkeiten hatte. Vielmehr klagte sie über "Austerität": Diesen Begriff habe sie "vor drei, vier Jahren noch nicht gehört", sagte sie. "Wir haben das früher immer Haushaltskonsolidierung oder solide Finanzen oder so ähnlich genannt. Der Begriff Austerität aber klingt ja schon, als ob man es mit einem Ungeheuer zu tun hätte."

Auch ich halte "Austerity" für ein Ungetüm. Es erinnert an die "Nonproliferation nuklearer Waffen" - ein seltsames Wortkonstrukt, das Ende der sechziger Jahre in Mode kam; zum Glück prägten Redakteure des SPIEGEL dafür später das deutsche Wort "Atomwaffensperrvertrag". Statt von "Austerität" sollten wir alle heute besser von "Sparzwang", "Sparauflagen" oder schlicht von "Kürzungen" sprechen - all das ist viel anschaulicher (und leichter auszusprechen).

Viele Deutsche, gerade in höheren Positionen, tun leider derlei sprachliche Reflexionen als überflüssig und geradezu esoterisch ab. Ihnen scheint nicht bewusst zu sein, was sie damit riskieren: Die Gründung einer weiteren Alternative für Deutschland, diesmal zur Rettung der Sprachkultur und unter Führung des Vereins Deutsche Sprache (VDS).

Dass der VDS Ende der neunziger Jahre entstand, ist kein Zufall. Es war die Zeit, als Gerhard Schröder regierte und den banalen Kurzduktus amerikanischer Politiker - das stilistische Denglisch - in die deutsche Politik einführte, was er später an sein sprachliches Double Frank-Walter Steinmeier weitergab:

  • "Ich freue mich, hier zu sein."
  • "Es ist schön, dass Sie so zahlreich erschienen sind."
  • "Es war gut, mit Ihnen zu sprechen."

Auch Edmund Stoiber leistete seinen Beitrag: Er lieh sich gern englische Floskeln wie "last but not least" oder "step by step". Auch bediente er sich häufiger des Geschäftsdenglischs, wohl um Machergeist im Freistaat von "Laptop und Lederhose" zu markieren. Er sagte "Benchmark", "Outsourcing" oder "Commitment". Und er sprach wie andere Business-Kasper viel vom "Einchecken" - so in seiner legendär wirren Transrapid-Rede (auch schön in der Vertonung durch den Schlagzeuger Jonny König).

Pöbeleien gegen "Sprachpanscher"

So repräsentierten die politischen Antipoden Schröder und Stoiber die erste Hochkonjunktur des Denglischen. Und ausgerechnet die "Queen of Less" landete als erste auf dem Schafott: Der VDS erklärte Modeschöpferin Jil Sander 1997 zur "Sprachpanscherin", weil sie nach vielen Jahren im Ausland das gefaselt hatte, was manche Deutsche schon nach einem Jahr auf einer Highschool fertigbringen:

"Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das future-Denken haben muss […]. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported […]. Wer Ladiysches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muss Sinn haben für effortless, das magic meines Stils."

Mittlerweile hat der Verein reihenweise prominente "Sprachpanscher" ernannt, oft die Chefs der früheren Staatskonzerne Telekom, Bahn und Post - wegen zu viel Marketinggeschwurbel und "Imponier-Anglizismen". Der Präsident mahnt: "Die Menschen wollen nicht auf Denglisch anpöbelt werden."

Auch die Duden-Redaktion panscht zu viel, das Wörterbuch wurde dafür nun - gebasht. Der Vereinsvorsitzende pöbelte selbst recht heftig: "Wer in einem Wörterbuch der deutschen Sprache als Ersatz für Fußball den lächerlichen Angeber-Anglizismus 'Soccer' vorschlägt, hat es nicht besser verdient." Der Duden wurde aufgefordert, das debile Wort "Klapprechner" aufzunehmen, weil es 34.000 Treffer bei Google erziele. Seitdem zweifle ich am geistigen Zustand der Vereinsmeier: Sie schieben Suchmaschinenresultate vor, um unsere Sprache zu pflegen!

Der VDS tadelte auch Wolfgang Schäuble. Er falle "durch sein Insistieren auf Englisch selbst in Anwesenheit von Dolmetschern allen Versuchen in den Rücken, Deutsch als echte Arbeitssprache glaubhaft in der EU zu verankern".

"Ich verstehe den Wolfgang nicht"

Dass Schäuble nicht immer glänzt, wenn er Englisch spricht, sondern eher einer "loose cannon" gleicht - einer Kanone, die sich aus der Verankerung gelöst hat und unkontrolliert umherschießt -, das bewies er vergangenen Oktober in Singapur: "It will not happen that there will be a Staatsbankrott in Greece."

Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker soll schon gesagt haben: "Ich verstehe den Wolfgang nicht." Mir wurde aus seinem Umfeld berichtet, Schäuble habe auf Reisen mehrmals "hospitality" mit "hostility" verwechselt und sich somit für die "Feindseligkeit" seiner Gastgeber bedankt.

Doch unser Finanzminister ist sich seiner Unzulänglichkeit bewusst und hat sich schon entschuldigt: "Mir tut jeder leid, der mein Englisch ertragen muss." Auch sagte er in einem "FAS"-Interview: "Schlecht gesprochenes Englisch ist schließlich eine der am meisten gesprochenen Sprachen der Welt. Als Nicolas Sarkozy und ich noch Innenminister waren, hatte ich ihm mal vorgeschlagen, in den Ratssitzungen in Brüssel die Dolmetscher wegzulassen. Er hatte die Sorge, dass die Engländer dann einen großen Vorteil hätten. Ich habe ihm entgegnet, dass sie vielmehr einen großen Nachteil hätten, weil wir ihre Sprache zerstören würden."

Genau dieses neue Sprachbewusstsein in unserer Regierung gefällt mir. Thank you for your hostility, Mr Schäuble!

  • KarriereSPIEGEL-Autor Peter Littger sammelt in seiner "Fluent English"-Kolumne die schönsten Englisch-Patzer und Beispiele für sprachliche Kreativität. Ihn beschäftigt seit der Schulzeit, wie wir Deutschen im Ausland ankommen und mit fremden Sprachen und Sitten umgehen. 1990 gründete er im englischen Internat Dover College die "European Party" und erlebte erstmals, wie es sich anfühlt, den völlig falschen Ton zu treffen. Heute kennt er viele kleine Kulturschocks:
  • als Mitarbeiter einer Londoner Unternehmensberatung...
  • und als Vorsitzender der ältesten Deutsch-Britischen Stiftung.

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insgesamt 63 Beiträge
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1. Link
RobMcKenna 20.09.2013
Der "Businesskasper"-Link zu YouTube funktioniert nicht - bitte reparieren.
2. optional
peter.teilor 20.09.2013
Genauso fürchterlich ist es englische Redewendungen 1:1 ins deutsche zu übernehmen. Z.B. als Herr Steinbrück Herrn Schäuble als "lose Kanone" bezeichnet hat...
3.
tristram175 20.09.2013
Zitat von sysopFürchtet euch nicht - die frohe Botschaft zum Wahlkampffinale: Bei TV-Duellen, Reden oder auf Plakaten verzichten Deutschlands Politiker auf denglische Wortklopse. Fast immer. Ein paar unschöne Ausnahmen gibt es aber doch. Peter Littger hat sie aufgespürt. Fluent English: Schäuble als Denglisch-Sprachpanscher - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/ausland/fluent-english-schaeuble-als-denglisch-sprachpanscher-a-922890.html)
Herr Littger, "a loose cannon" ist eine Kanone (an Bord eines Segelschiffes), die sich losgerissen hat, unkontrolliert umherrollt und daher immensen Schaden anrichten kann. There, I fixed that for you
4.
querulant_99 20.09.2013
Bei solchen Fremdsprachenkenntnissen muss man sich nicht wundern, wenn bei internationalen Konferenzen nur Unsinn herauskommt. Ich würde da gerne mal Mäuschen spielen um zu hören, wie beispielsweise auf dem G20-Gipfel kommuniziert wird. Aber vielleicht ist es doch besser wenn man nicht alles weiß ;-)
5. Sale
11adrian 20.09.2013
Sagen Sie das mal Karstadt, deren "Sale"-Prospekte und Werbung voller Denglish sind - und das bei einer Kundschaft, die sicher nicht nur aus bildungsnahen Schichten kommt!
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