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Fotograf in Rio de Janeiro Karriere eines Favelakindes

Fotograf in Rio de Janeiro: Karriere eines Favelakindes Fotos
Sonja Peteranderl

Für seine erste Kompaktkamera musste er jahrelang Autos schrubben, jetzt bittet ihn sogar die brasilianische Präsidentin um Fotos: Bruno Itan hat sich aus Rios Armenviertel hochfotografiert. Der Bilderbuchaufsteiger gilt als neues Gesicht der Favelas - und ist zum Liebling der Prominenten geworden.

Bruno Itan trägt jetzt Hemd und Anzug, er fliegt mit Helikoptern und übernachtet in Sterne-Hotels, er bewegt sich zwischen Brasiliens Politikern und Wirtschaftsbossen - nur sein Slang verrät, dass er aus einer Favela kommt. Fragt man den schlaksigen 24-Jährigen mit den kurz rasierten dunklen Haaren nach seinem Traum, sagt er, der habe sich schon erfüllt: "Ich wollte immer Fotograf werden."

Seine Geschichte erinnert an den brasilianischen Kultfilm "City of God": Ein junger Mann fotografiert in seinem Armenviertel den täglichen Kampf rivalisierender Drogenbanden und korrupter Cops und wird am Ende von einer Zeitung angestellt. Itan ist neun Jahre alt, als er mit seiner Mutter aus Recife im Nordosten Brasiliens in die Armensiedlung Complexo do Alemão im Norden von Rio de Janeiro kommt. Die 16 zusammengewachsenen Favelas ziehen sich über Berge und Täler, rötliche Ziegelhäuschen so weit das Auge reicht, eine Parallelgesellschaft, die von Drogenbanden regiert wird. Itans Mutter zieht weiter, ihn lässt sie bei Verwandten zurück.

Die Fotografie, sagt Bruno Itan, habe ihn schon immer fasziniert: "Mit einer Kamera bekommt man eine ganz neue Perspektive, sie verändert die Art zu sehen." Er schrubbt Autos, spart sein Geld. Mit 19 Jahren hält er seine erste Sony-Kamera in der Hand, von ihr schwärmt er heute wie von seiner ersten Liebe: "Sie war toll, hat wunderbare Fotos gemacht. Als ich sie hatte, habe ich meinen Job gekündigt und nur noch fotografiert." Seine Kollegen in der Autowäscherei halten ihn für verrückt, denken, er kommt bald zurück. Bruno Itan lacht, wenn er das erzählt.

Fotostrecke

22  Bilder
Müllmänner als Fotografen: Schwarzweißbilder aus der Tonne
Er wurde zum Fotograf der Favela, fotografierte bei Hochzeiten und Partys, verdiente so ein bisschen Geld. Und er hielt den Alltag im Complexo do Alemão fest. Wo die brasilianischen Medien nur einen der größten Hauptumschlagplätze für Drogen in Rio de Janeiro sahen, erkundete Bruno Itan mit seiner Kamera die Gesichter der Menschen, das Leben in den verwinkelten Gassen - Kinder beim Drachen steigen lassen oder alte Frauen, in deren Gesicht sich das harte Leben im Armenviertel eingegraben hat.

"Es gibt so tolle, hilfsbereite Menschen im Complexo do Alemão", sagt Itan. "Aber nur die Menschen, die hier leben, haben gewusst, dass dieser Ort so viel mehr ist, als die Gewalt und das Elend, das die Medien zeigen." Mit seinen Fotos wollte Itan die Schönheit der Favelas festhalten, die kleinen Momente. Er sparte sich eine professionellere Kamera zusammen, absolvierte 2008 einen Fotokurs bei einer sozialen Organisation.

Lange blieb Bruno Itan der einzige Favela-Fotograf: Reporter oder Touristen verirrten sich nur selten in das Viertel, Anwohner trauten sich aus Angst vor den Drogengangstern nicht, zu fotografieren. "Die Dealer haben mich nie vom Fotografieren abgehalten, weil ich immer die guten Seiten zeigen wollte", sagt Itan. "Nur mit der Polizei habe ich Probleme bekommen."

Der einzige Fotograf, der sich auskennt

Itan war mit seiner Kamera mittendrin, als Militär und Polizei im November 2010 das Complexo do Alemão stürmten, um mit Maschinengewehren und Panzern die Drogenbanden zu vertreiben. Die Aktion war Teil des Plans, vor der Fußball-WM 2014 und Olympia 2016 die strategisch wichtigsten der fast tausend Favelas von Rio de Janeiro zurückzuerobern.

Als Bruno Itan aus seinem Haus lief, kamen ihm Panzer, Hunderte Soldaten und Polizisten entgegen, begleitet von einem Tross brasilianischer und internationaler Reporter. Er war der einzige Fotograf, der sich auskannte. Zum ersten Mal war er, der Favela-Bewohner, im Vorteil. Und er nutzte seine Chance, schoss Fotos, während das Militär die Drogengangster verfolgte, Autos brannten, Militär-Helikopter dröhnend über den Siedlungen kreisten. In Hunderten Fotos hielt Bruno Itan die Übernahme der Favelas durch das Militär fest. Doch ein Polizist zwang ihn, die meisten Fotos zu löschen.

Itan fotografierte weiter, später schaffte er es, 30 der gelöschten Bilder wiederherzustellen. Auch die Entwicklungen in den Monaten nach der Besetzung hielt er fest: die bewaffneten Soldaten an allen Ecken, den Bau der Seilbahn, die heute zwischen den Bergen des Complexo do Alemão über das Meer aus Ziegelhäusern schwebt. Zur Eröffnung im Sommer 2011 durfte Itan seine Fotos in der Seilbahnstation präsentieren - und die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff wurde auf ihn aufmerksam. Sie wollte wissen, wer die Fotos geschossen hat.

Prominente zeigen sich gern mit dem Aufsteiger

"Das war ein Wahnsinnsmoment", sagt Bruno Itan und er wirkt noch immer euphorisch, wenn er davon spricht. "Unsere Präsidentin hat meine Fotos geliebt, sie wollte eines als Geschenk haben und hat mich gefragt, ob ich für ihr Fotografenteam arbeiten will." Dazu kam es nicht, denn Sérgio Cabral, der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, bot Itan einen Job in seiner Pressestelle - ein PR-Coup, um die Sympathie der Favelabewohner zu gewinnen.

Bruno Itan, der früher kaum das Viertel verließ, kommt heute in ganz Brasilien herum. Er begleitet den Gouverneur zu Terminen, fotografiert die Bauarbeiten vor der Fußball-WM, Fußballspiele oder Theaterstücke. In den brasilianischen Medien wird er als eines der neuen Gesichter der Favela präsentiert, Kreativität statt Brutalität. Itan gefällt der Ruhm. Seine Facebook-Chronik ist eine Bildergalerie von Brasiliens Prominenten: Präsidentin Dilma Rousseff, Star-Moderator Luciano Huck, sein Arbeitgeber Sérgio Cabral - alle präsentieren sich gerne mit dem Aufsteiger aus dem Armenviertel.

Werden die anderen Favelabewohner da nicht neidisch? Nein, glaubt Itan: "Sie wissen, dass ich kein Politiker bin, sondern einfach nur Fotograf sein wollte. Ich bin für sie immer noch der Junge aus der Favela." Er wohnt auch noch immer dort, in einem Ziegelhäuschen. Das Viertel ist sein Lieblingsmotiv geblieben, jetzt will er andere Favelabewohner für Fotografie begeistern. In Shorts und ausgetretenen Flip-Flops läuft er mit Jugendlichen durch die rutschigen Gänge zwischen den Häuschen, sie fotografieren Frauen, die sich die Nägel lackieren, Katzen, die Seilbahn, sich selbst. Itan gibt Tipps, wie sie die richtige Schärfe einstellen, ein Motiv besser zur Geltung bringen. Die Jungfotografen knipsen auch die Tätowierung auf Bruno Itans Arm: eine Kamera.

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insgesamt 18 Beiträge
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1.
sincere 24.01.2013
Nichts für ungut aber die Fotos sind wirklich sehr amateurhaft. wäre er nicht der Typ aus den favelas der sich dort frei bewegen kann dann würde ihm wohl keiner einen Job als Fotograf geben. Trotzdem: ich feiere jeden der aus dem Nichts kommt und was geschafft hat.
2. Schön
shakyamuni 24.01.2013
Wieviele Künstler, Wissenschaftler, Genies etc könnte die Welt hervorbringen, wenn es den Armen möglich wäre ihre Träume zu verwirklichen.
3.
herkurius 24.01.2013
Zitat von sincereNichts für ungut aber die Fotos sind wirklich sehr amateurhaft.
Ach ja? Keine zugeflossenen Lichter oder Schwärzen (Bild 8)? Dosierte Freistellung wie Bild 3? Blitzfotos mit ausgewogener Lichtmischung und weicher Lichtführung (Bild 9)? Bildwirksame Verfremdung wie Bild 2? Perspektive unterstreicht Aussage, wie Bild 4? Jedes Bild hat eine Aussage, die von einem gut beherrschten Repertoire an Technik unterstützt wird. Mit Verlaub, einer von uns beiden hat keine Ahnung von Fotografie und Bildgestaltung ...
4. Bei aller Liebe...
Ingsoc 24.01.2013
Zitat von herkuriusAch ja? Keine zugeflossenen Lichter oder Schwärzen (Bild 8)? Dosierte Freistellung wie Bild 3? Blitzfotos mit ausgewogener Lichtmischung und weicher Lichtführung (Bild 9)? Bildwirksame Verfremdung wie Bild 2? Perspektive unterstreicht Aussage, wie Bild 4? Jedes Bild hat eine Aussage, die von einem gut beherrschten Repertoire an Technik unterstützt wird. Mit Verlaub, einer von uns beiden hat keine Ahnung von Fotografie und Bildgestaltung ...
...so ganz unrecht hat er damit ja nicht. Fein das dieser junge Mann es mit seinem Hobby aus den Favelas geschafft hat, das gönne ich ihm von ganzem Herzen. Aber wirklich toll sind die Fotos nicht. Die Fotos ziehen ihren Reiz einzig und allein aus der für unsere Augen fremden Umgebung.Und Soldaten aus der Bodenperspektive abzulichten ist nicht wirklich kreativ, sondern absoluter Standard, da Objekte/Menschen aus dieser Perspektive einfach gößer/bedrohlicher wirken.Sicherlich nicht untalentiert aber sehr überbewertet...Meine Meinung und die müssen Sie ja nicht teilen.
5. Schön wärs...
perlentaucher2345 24.01.2013
Zitat von shakyamuniWieviele Künstler, Wissenschaftler, Genies etc könnte die Welt hervorbringen, wenn es den Armen möglich wäre ihre Träume zu verwirklichen.
Dann wären die »Armen« nicht mehr arm oder wären es womgl. nie gewesen. Es ist allerdings zu befürchten, dass auch die Armen (bzw. Armut) als »systemrelevant« - zumindest im.Sinne billigender Inkaufnahme - gesehen werden müssen, jedenfalls i. Rahmen der ggw. pol.-ökonom. »Ordnung«. Soviel potentiellen Fortschrit, der geeignet wäre, etablierte Möglichkeiten des Geldverdienens obsolet zu machen, wären profitorientierte Gesellschaft bzw. deren ranghöchste Akteure in ihrer Angewiesenheit auf partielle Rückständigkeit auszuhalten überhaupt nicht imstande.
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