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Digitale Tagelöhner Manila oder München, Hauptsache Internet

Büro am Strand: Auf der Sonnenseite des Arbeitslebens Fotos
privat

Online-Arbeiter finden weltweit Aufträge in Jobportalen. Und begeben sich in den Preiskampf mit Fernost. Übersetzerin Irene Jaindl hat ihre attraktive Nische gefunden. Doch andere erhalten Löhne wie in Bangladesch und werden mit Schnüffelsoftware überwacht.

Den vergangenen Winter hat Irene Jaindl, 30, auf Koh Samui verbracht. Mit ihrem italienischen Freund Stefano hat sie auf der thailändischen Insel das gute Essen genossen, die Sonne, die freundlichen Menschen. Doch sie waren nicht nur zum Spaß da, auch zum Geldverdienen. Jeden Tag haben sie auf der Terrasse mit dem Laptop ein paar Stunden Webseiten übersetzt - so wie zu Hause im österreichischen Oberperfuss. Nur mit Blick auf Palmen, Sandstrand und Meer statt auf die kahle Winterlandschaft.

Arbeiten und reisen, das ist ihr Lebensprinzip. "Freelancers on the Road" nennen sich Jaindl und ihr Freund. 2011 kündigten sie ihre Angestelltenjobs und arbeiten seither als freie Online-Übersetzer. Ihre Jobs bekommen sie über Vermittlungsportale wie Odesk. Mittlerweile läuft es so gut, dass sie sich aussuchen können, wann, was und wie viel sie arbeiten. "Es ist einfach nicht so eine Belastung wie ein Nine-to-five-Job", sagt Irene Jaindl. Auch wenn ohne garantiertes Einkommen immer Unsicherheit mit im Spiel sei.

Jaindl hat in Innsbruck Betriebswirtschaft studiert und war später im Marketing tätig. Heute, sagt sie, arbeite sie nie mehr als 40 Stunden pro Woche. Trotzdem könne sie so gut davon leben wie von einem Angestelltenjob. Das doppelte Online-Einkommen reiche, um Reisen, Auto und Eigentumswohnung zu finanzieren.

Stundensätze um zehn Euro

Bei Jobportalen wie Odesk, Elance oder dem deutschen Anbieter Twago liebt man solche Geschichten. Und träumt davon, dass 2020 jeder dritte Freelancer online engagiert wird. Auf den Jobbörsen stellen Firmen Projekte ein, und Freelancer bieten ihre Dienste an. Anders als bei MyHammer, wo die Handwerker nach der Online-Vermittlung vor Ort den Gartenzaun reparieren, wird hier nur online gearbeitet. Offline-Kontakt ist unerwünscht. Die Bezahlung, Festpreis oder nach Aufwand, kann über Paypal abgewickelt werden.

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"Vier-Stunden-Woche": Jobs, die nicht wie Arbeit wirken
Mit einem Stundenlohn von 20 US-Dollar zählt Irene Jaindl allerdings schon zur Honorar-Oberklasse. Bei Übersetzungen ins Deutsche hat die asiatische Billigkonkurrenz das Nachsehen. "Zum Glück haben wir in allen deutschsprachigen Ländern ein hohes Preisniveau", sagt Jaindl. In anderen Sparten gibt der globale Wettbewerb Preise vor, die sich eher an Manila orientieren als an München.

Bei Odesk wurden im vergangenen Jahr 35 Millionen Stunden für insgesamt 350 Millionen Dollar abgerechnet. Danach liegt der durchschnittliche Stundensatz bei zehn Dollar. Zum Vergleich: Deutsche IT-Freiberufler stellen laut Jobbörse Gulp im Schnitt 79 Euro pro Stunde in Rechnung.

Überwachungssoftwareoftware auf dem Rechner

Auf den Werbefotos von Odesk sitzen junge Menschen mit ihrem Laptop an einem einsamen Bergsee in der Sonne. In Wirklichkeit hocken sie eher in einer stickigen Garage in Bangladesch. Kritik am globalen Lohndumping weist Odesk aber von sich. "Wir wollen, dass die Leute vernünftig verdienen", sagt Jaleh Bisharat, Marketingchefin von Odesk. Sie rät den Auftraggebern auch, nicht das billigste Angebot anzunehmen.

Harald Flamann, 32, kennt den Horror, der in der Cloud lauern kann. Der Fremdsprachenassistent leidet an Panikattacken, normale Bürojobs sind schwierig für ihn. Obwohl er Tag und Nacht am Computer sitze und Übersetzungen mache, zum Beispiel für chinesische Spielehersteller, könne er nicht von der Online-Arbeit leben, sagt der Heilbronner. Die Preise im Internet seien verheerend. Manche Auftraggeber wollten nur 0,01 Cent pro Quellwort zahlen, erzählt Flamann. Solche Jobangebote lehne er mittlerweile ab. Trotzdem zählt Flamann sich zum "intellektuellen Prekariat" und kann am Freelancing nichts Zukunftsträchtiges entdecken. Für ihn ist es nur eine Notlösung.

Übersetzer sind oft schon offline miserabel bezahlt. Flamann machen vor allem die Jobs auf Stundenlohnbasis fertig. Um minutengenau für den Auftraggeber abzurechnen, installiert das Jobportal eine Überwachungssoftware auf dem Computer des Freelancers. Alle zehn Minuten wird ein Screenshot gemacht. Wenn Flamann ein paar Sekunden auf Facebook ist, muss er den Screenshot löschen - und bekommt zehn Minuten nicht bezahlt. "Ständig droht die digitale Peitsche", sagt er. Ohne die Unterstützung seiner Eltern wäre Flamann aufgeschmissen.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen weist auf die Risiken "digitaler Sweatshops" hin. Sie rät: "Stellen Sie nicht nur Rechnungen, sondern auch Ansprüche." Auch die Gewerkschaften warnen davor, dass Konzerne wie IBM feste Arbeitsverhältnisse auflösen und durch das Tagelöhnertum in der Wolke ablösen könnten. "In Deutschland haben IBM und andere IT-Unternehmen allerdings nach dem öffentlichen Aufschrei 2012 die Verlagerung von Arbeit an Cloudworker auf nationaler Ebene vorerst nicht mit der ursprünglich geplanten Intensität vorangetrieben", sagt Verdi-Gewerkschafter Bert Stach.

Im Winter ab in den Süden

In Deutschland sind Online-Jobs bisher nur ein Randphänomen. Es sind vor allem Start-ups und kleine Firmen, die Portale wie das deutsche Twago oder Xing Projekte nutzen. In den USA boomt die Branche. Odesk hat schon Arbeit im Wert von einer Milliarde US-Dollar vermittelt.

Für Auftraggeber macht sich die weltweite Konkurrenzsituation oft bezahlt. Zum Beispiel für Uwe Tomasi: Der Hochzeitsfotograf brauchte im Frühjahr ein Logo für seine Firma. Außerdem wollte er seine Homepage auffrischen. Als Tomasi den Logo-Job in einer Online-Stellenbörse einstellte, waren nach ein paar Stunden 30 Angebote da, einige Designer hatten sogar schon erste Entwürfe mitgeschickt. Er vergab den Auftrag gleich dreimal und zahlte insgesamt dennoch keine 100 Euro. Die Kommunikation lief komplett über das Webportal, nicht einmal ein Telefongespräch war nötig. "Wichtig ist nur, dass man die Aufträge genau beschreibt", sagt Uwe Tomasi.

Nachdem das Logo so gut geworden war, stellte Tomasi auch den Auftrag für die Homepage ein. 200 Dollar wollte er zahlen. Eine Inderin bekam den Zuschlag und baute ihm die Website zusammen. Am Ende zahlte ihr Tomasi noch einen Bonus, weil alles so reibungslos geklappt hatte. "In Deutschland hätte ich das nicht unter tausend Euro bekommen", sagt der Münchner. Einen kleinen Fehler hat die Webdesignerin Wochen später noch eigenständig entdeckt und behoben. Kostenlos.

Anm. d. Red.: In einer älteren Fassung des Textes hatten wir den Übersetzungspreis pro Quellwort mit 0,001 Cent angegeben. Tatsächlich beträgt er 0,01 Cent. Der Fehler wurde korrigiert, wir bitten um Entschuldigung.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Julia Graven (Jahrgang 1972) ist freie Wirtschaftsjournalistin in München.

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1. Die Zukunft...
Boozilla 25.09.2013
...wird immer schneller, krasser, stressiger. Immer noch mehr Konkurrenz. Das wird noch richtig prima. Hätte ich Geld, würde ich in Krankenhäuser und Irrenanstalten investieren.
2. Digitales Proletariat
d.oberlaender 25.09.2013
Wer sich die Zeit nimmt einmal 20 Min. über diese Portale zu schauen, reibt sich erstaunt die Augen. Da arbeiten Texter für deutlich unter 10 USD, promovierte Akademiker/innen für knapp das doppelte. Brutto wohlgemerkt, Büro, Software, Steuern, Krankenversicherung, ... alles geht noch ab. Wenn das die Zukunft ist, werden wir hier demnächst alle nur noch Kleindung aus Kinderarbeit und Lebensmittel vom Discounter essen können. Wer soll bei solchen Löhnen eigentlich noch eine Ausbildung abzahlen können? Natürlich klingt das gut, in Asian sitzen. Allerdings zieht es natürlich viele der Freelancer in Länder, in denen die Lebenshaltung mit solchen Minilöhnen noch machbar ist. Ich kann den "begeisterten" Tenor der Autorin nicht nachvollziehen.
3. Wie immer alles eine Frage der Qualifikation...
wdiwdi 25.09.2013
Wer mit einem Abschluss "BWL/Marketing" oder "Fremdsprachenassistentin" als freier Übersetzer leben will oder muss, hat selber schuld. Es gibt weitaus angesehenere Qualifikationen von renommierten internationalen Übersetzerverbänden (bei denen die knallharten Prüfungen aber auch richtig satte Durchfallquoten haben, obwohl sich dort ohnehin nur gute Leute anmelden). Hat man das Zertifikat, kommt man dann aber auch an die Futtertöpfe, wie z.B. die Übersetzung von internationalen Verträgen. Bei den "ich kann ein bisschen eine Fremdsprache"-Typen scheitert das schon daran. dass ihnen keiner eine für solche Jobs unbedingt notwendige Berufshaftpflichtversicherung mit nicht-trivialer Deckungssumme verkauft.
4. Übersetzer, wehrt euch
Stronzz 25.09.2013
Warum sind die Preise für Übersetzungsaufträge so niedrig? Weil es genug Leute gibt, die diese Ausbeuterpreise akzeptieren. Ein guter Durchschnittspreis für Übersetzer liegt zwischen 7 und 10 Cent, je nach Thema, Erfahrung etc. Davon kann man problemlos leben. Wer wesentlich weniger akzeptiert, lässt sich freiwillig ausbeuten, drückt das Preisniveau und nimmt seriös arbeitenden Übersetzern die Arbeit weg.
5. Wer für Bruchteile von Centbeträgen arbeitet...
naja123 25.09.2013
ist wahrscheinlich kein guter Übersetzer und ein besonders schlechter Geschäftsmann. Ich habe in meiner Anfangszeit 2008/09 einiges bei Elance gemacht, auch mal ziemlich billig. Aber billig hieß bei mir: unter $0,07 pro Wort war die Grenze. Das mach ich nicht, das brauch ich nicht. Inzwischen liegt die Grenze einiges höher und Elance nutze ich nur noch, wenn mich einer meiner alten Kunden mit einer Anfrage anschreibt. Zum Ausprobieren in Richtung Schreiben von Angeboten, Umgang mit Kunden, Problemlösung usw. war Elance damals aber sicher nicht verkehrt.
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