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Deutscher Stadionbauer in Rio Ein Dach für die Weltmeister

Deutscher Architekt in Rio: Der Stadionbauer Fotos
Marcus Bredt/ sbp

Wir sind schon im Finale: Ein Stuttgarter Ingenieur hat das legendäre Maracanã umgebaut, in dem das deutsche WM-Team an diesem Freitag spielt. Knut Stockhusen übers Pendeln nach Brasilien, sein soziales Gewissen und deutsche Pingeligkeit.

"Jedes Mal, wenn ich im Fernsehen ein WM-Spiel anschaue und die Aufnahmen aus der Luft sehe, denke ich: Wir Dachplaner haben's gut - unser Werk sieht man immer als erstes. Unser Stadionteam hat schon Stadien für die Fußballweltmeisterschaften in Japan/Korea, Deutschland und Südafrika geplant - und natürlich wollten wir dabei sein, wenn das Maracanã in Rio renoviert wird. Das ist schließlich die Mutter aller Stadien! Menschen kommen aus der ganzen Welt, nur um diesen Ort zu besuchen: eine Ikone unter Denkmalschutz.

Im Zuge der Modernisierung sollten mehr Sitzplätze vor Sonne und Regen geschützt sein als vorher, außerdem sollten Solarzellen montiert werden. Aber es war auch klar: Das Maracanã muss auch nach dem Umbau seinem Mythos gerecht werden.

Der Bau von 1950 konnte nicht viel zusätzliches Gewicht aushalten, also mussten wir uns etwas einfallen lassen. Den Trick schauten wir uns vom Fahrrad ab: Wenn man ein Rad ausbaut und es waagerecht hinlegt, ist es noch genau so stabil wie beim Fahren. Das liegt an der Vorspannung der Speichen, die Nabe und Felge zusammenhalten. Das haben wir repliziert, mit Stahlseilen, einem Druckring für außen und jener weiß strahlenden Dachmembran, die aus Glasfasern gewoben wurde.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Über 68 Meter weit ragt das Dach nun ins Innere. Der Aufbau zog sich ein Jahr hin. Es dauerte allein sechs Monate, bis alle Materialien und Bauteile angefertigt und vor Ort waren, die Seile wurden aus Deutschland und der Schweiz geliefert, der Außenring entstand in Brasilien.

Schlaich Bergermann und Partner haben längst ein eigenes Büro vor Ort. Die Hälfte unserer Mitarbeiter sind Brasilianer, der Rest kommt aus der ganzen Welt. Aber man braucht ein Bindeglied zwischen den Kulturen, deswegen bin ich oft im Land: Einmal im Monat bin ich Berufspendler, sonntags fliege ich nach Brasilien, freitags bin ich wieder bei meiner Familie in Stuttgart. In der Woche vor Beginn der Weltmeisterschaft war ich zum letzten Mal drüben. Momentan sitzen wir an zukünftigen Projekten in und um Brasilien, unter anderem planen wir die Tennisanlage und Schwimmhalle für Olympia 2016.

Die Details bestimmt der Deutsche

Die größte Hürde liegt sicher in der Kommunikation mit Bauherren und Baufirmen. Natürlich verstehe ich Portugiesisch, das lernte ich quasi nebenbei, auch wenn ich selbst meist Englisch rede, weil ich mich mit der technischen Fachsprache auf Portugiesisch noch nicht so sicher fühle. Aber in Brasilien ist es eher untypisch, dass sich Planer so sehr in Details einmischen wie wir - Baufirmen sind es gewohnt, Details selbst zu entscheiden. Wenn man in Deutschland etwa den Korrosionsschutz technisch spezifiziert, wird das einfach so gemacht, in Brasilien kann man mit dieser deutschen Gründlichkeit Unruhe provozieren. Aber wir haben uns in unseren Arbeitsweisen aneinander gewöhnt.

Wir haben übrigens auch die drei neuen Stadien in Belo Horizonte, Brasília und Manaus geplant . Manaus ist ein sehr umstrittener Standort, weil es dort keine Mannschaft gibt, die das Stadion nach der WM nutzen könnte. Wir sind ja nicht blind, wir wissen, es gibt große Missstände, und Geldverschwendung oder persönliche Bereicherung finden wir absolut indiskutabel. Dennoch: Im Laufe der Jahre, die wir nun in Brasilien arbeiten, hat sich das Gefühl eingestellt, dass die WM dem Land gut tun kann. Zwischen meinem ersten Besuch in Manaus 2008 bis zur letzten Minute im April, als wir dort am Stadion arbeiteten, hat sich die Stadt total gewandelt. Wo früher Müll und Treibgut am Ufer lagen, picknicken heute Familien. Natürlich hat die Stadt noch viele Probleme, aber endlich schaut die Welt mal auf diese Region! Die WM ist eine Art Standortmarketing.

Weltmeister sollte Brasilien werden

Wir sind primär planende Ingenieure, aber den ethisch-moralischen Komponenten unserer Arbeit können und wollen wir uns nicht entziehen. Darum sind wir immer bemüht, auf Missstände und Sicherheitsmängel auf den Baustellen unserer Projekte hinzuweisen, und setzen uns für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen ein. Das haben wir immer getan und werden es auch in Russland oder Katar tun, auch wenn es oftmals alles andere als einfach ist, die Verantwortlichen damit zu konfrontieren und dazu zu bewegen.

Wir tragen mit unserer Arbeit sowieso eine große Verantwortung: für die vielen Zuschauer, die irgendwann in unseren Bauten sitzen. Sportstätten sind aus planerischer Sicht besonders reizvoll: Es müssen große Flächen überdacht werden - stützenfrei! Dazu kommt das große öffentliche Interesse an diesen Anlagen. Aber eigentlich macht das nur etwa 25 Prozent unserer Arbeit aus - Brücken, Türme, Dächer, Hochhäuser und Fassaden bilden den interessanten verbleibenden Teil.

Als ich das erste Mal im Maracanã war, bin ich durch den Spielertunnel gelaufen: Man kommt aus dem Dunkeln ins Licht, vor einem auf einmal das riesige, leere, stille Stadion. Das war ein großartiger Moment. Aber dieses Stadion wird erst lebendig, wenn es voll ist. Das habe ich beim ersten Spiel nach dem Umbau vor einem Jahr gemerkt. Da geht die Post ab, die Leute springen auf, schreien und tanzen. Und die ganze Zeit läuft Samba-Musik - der Rhythmus passt zu der brasilianischen Art, Fußball zu spielen.

Unser ganzes Büro freut sich, dass das WM-Endspiel im Maracanã ausgetragen wird. Unser Team ist damit quasi sowieso im Finale. Natürlich bin ich Fan der deutschen Nationalmannschaft, aber ehrlich: Die Brasilianer sollten Weltmeister werden. Sie spielen schönen Fußball und sollten belohnt werden - damit sie zu Recht Frieden schließen können mit der WM."

Protokolliert von Anne Haeming

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1.
Stäffelesrutscher 04.07.2014
Zitat von sysopsbpWir sind schon im Finale: Ein Stuttgarter Ingenieur hat das legendäre Maracanã umgebaut, in dem das deutsche WM-Team an diesem Freitag hoffentlich nicht zum letzten Mal spielt. Knut Stockhusen übers Pendeln nach Brasilien, sein soziales Gewissen und deutsche Pingeligkeit. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/fussball-wm-2014-deutscher-ingenieur-hat-maracana-in-rio-umgebaut-a-978997.html
Frei nach Bertolt Brecht: Hatte er nicht wenigstens einen Baggerfahrer bei sich? Der Ingenieur selbst formuliert, dass er als Planer am Umbau beteiligt war, und spricht von den Bauarbeitern und der Zusammenarbeit zwischen Planern und Baufirmen. Das hätte der Autor nicht unbedingt verfälschen müssen.
2. hach...
fessi1 04.07.2014
schön hat er das gesagt. Aber den letzten Satz nehme ich ihm nicht ab. Man(n) will es sich halt mit den Auftraggebern nicht verderben...
3. Ruhm oder Schande?
der_dolly 04.07.2014
Ich weiss nicht ob man sich damit brüsten sollte, dass man das legendäre Maracana zu einem x-beliebigen Stadion umgebaut hat. Der Mythos und Scharm des Stadion wurden vernichtet... und die Leute, die es gemacht haben, scheinen auch noch stolz zu sein... Schande.
4. Hat gebaut ?
quark@mailinator.com 04.07.2014
Nicht gegen den Ing. ... aber gebaut hat er garantiert nix, vielmehr hat er was gerechnet und gezeichnet und organisiert. Was auch alles wahnsinnig wichtig ist, aber als Bauen bezeichnet man die Handarbeit. Finde es auch immer wieder frustrierend in diversen Museen etc. auf Tafeln zu stoßen, welche stolz berichten "Hier baute König XYZ ...". Neee, die Könige bauen normalerweise nicht - Zar Peter I. vielleicht ausgenommen - die LASSEN bauen.
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