Von Verena Töpper
Goldman Sachs ist schuld an dem Schlamassel. Diese Aussage hat die amerikanische Großbank sogar schriftlich. Der US-Senat nennt sie im Untersuchungsbericht zu den Ursachen der Banken- und Finanzkrise als besonders übles Beispiel für verwerfliche Finanzprodukte und Geschäftspraktiken. Wie zynisch die Banker an ihre Arbeit herangehen, wurde deutlich, als 2010 die US-Börsenaufsicht SEC interne E-Mails und Memos veröffentlichte.
Die Bank ist seitdem der Lieblingsgegner aller Wall-Street-Kritiker, wird gern als Seifenblasenmaschine tituliert. Neue Munition gab es, als Goldman-Sachs-Manager Greg Smith Mitte März in einem wütenden Abschiedsbrief schrieb, dass Bankkollegen ihre Kunden gern abfällig als "Muppets" bezeichnen. Goldman Sachs-Chef Lloyd Blankfein wird seitdem im Netz von Kermit dem Frosch verfolgt.
So taumelt die Großbank von einer medialen Krise in die nächste. Das muss ein Ende haben, hat der Vorstand erkannt. Aber was tun? Sich aufs Kerngeschäft konzentrieren, seriöse Beratung bieten, das Beste für die Kunden herausholen? Arg mühsam wäre das und der Erfolg im Sinne der eigenen Boni ungewiss - dann lieber ein wenig am Image der Bank herumfummeln.
Es muss einfach mal jemand einen virtuellen Regenschirm aufspannen, auf dem all die wüsten Beschimpfungen im bösen Internet abtropfen. Nach dem Shitstorm flink den Schirm ausschütteln, schon scheint die Sonne wieder. Wer sich der Aufgabe stellen möchte, bekommt auch einen schmucken Titel dazu: Community Manager/Social Media Stratege. Die Stelle ist auf der Internetseite von Goldman Sachs ausgeschrieben. KarriereSPIEGEL zitiert aus der Anzeige und erläutert die wichtigsten Punkte:
Eine positive Online-Präsenz für Goldman Sachs zu schaffen ist so, wie von Hamburg nach New York zu schwimmen: theoretisch möglich, praktisch aussichts- und auch ziemlich sinnlos. Bei Facebook hat Goldman Sachs 17.700 Fans - das entspricht etwa der Hälfte der Angestellten. Bei Twitter hat die Bank ganze 3500 Follower. Mehr als 70 Mal so viele Menschen haben aber auf Twitter den neuesten Klatsch aus den Goldman-Sachs-Fahrstühlen abonniert und folgen dem satirischen Twitter-Account GS Elevator Gossip. Unter dem Konterfei von Bankchef Lloyd Blankfein gibt es dort angebliche Gesprächsfetzen aus den Aufzügen der Bank. Kleine Kostprobe: "Frauen bekommen 75 Cent, wenn Männer einen Dollar kriegen. Mathematisch gesehen hört sich das richtig an, wenn nicht sogar großzügig."
Als Profilbild bei Facebook und Twitter ist Kermit der Frosch untersagt. Wer bei Google "Goldman Sachs" und "Muppets" eingibt, bekommt mehr als eine Million Treffer angezeigt. Seit dem Brandbrief von Greg Smith ist Kermit zu einem Synonym für Bankchef Lloyd Blankfein geworden. Lachen kann er darüber nicht. Auch nicht über Miss Piggy oder Gonzo. Und nein, das Spottvideo der amerikanischen Internetseite "Funny or Die" dürfen Sie als Social-Media-Spezialist der Bank ganz sicher nicht verlinken. Falls Sie es witzig finden, wie sich Kyle MacLachlan ("Sex and the City") und Neal McDonough ("Desperate Housewives") als geldgeile Goldman Sachs-Banker mit einer Gruppe Muppets schlagen, sollten Sie das beim Bewerbungsgespräch ohnehin lieber verschweigen.
Außerdem: Sie sollen zwar neue Facebookfans rekrutieren, aber bitte nicht im eigenen Hause. Die Mitarbeiter sollen schließlich Kohle machen und nicht ihre Zeit mit Surfen oder Netzwerken vertrödeln. Auf Firmencomputern ist deshalb der Zugang zu Facebook gesperrt. Facebook-Finanzvorstand David Ebersman erklärte den Goldman-Sachs-Mitarbeitern im Büro in San Francisco deshalb persönlich die Funktionen der Seite, nachdem die Bank 450 Millionen Dollar in Facebook investiert hatte - aber bei seinem Vortrag musste er laut Finanzdient Bloomberg mit einer Offline-Version hantieren.
Ende 2009 hat Bankchef Lloyd Blankfein am Rande eines Interviews die Arbeit eines Investmentbankers mit "Gottes Werk" in Zusammenhang gebracht. Kam nicht so gut an. Auch die Ausrede nach dem Muppet-Brief von Greg Smith brachte wenig ein: Er ist nur ein frustrierter Kollege, dem der Aufstieg verweigert wurde - hört sich gut an, hat nur keiner geglaubt.
Als Social-Media-Stratege einer der verhasstesten Banken der Welt müssen Sie die Wutattacken im Web aushalten. Dafür zahlt Goldman Sachs Schmerzensgeld: Sie scheffeln in kürzester Zeit, so viel Sie können, werden gefeuert, kassieren eine gigantische Abfindung. So läuft das bei Investmentbanken.
Es ist egal, was Sie studiert haben. Hauptsache, Sie sind drin in den wichtigsten Netzwerken. Sind wir nicht alle irgendwie Social-Media-Manager?
Hier zählt vor allem der letzte Punkt: unter Druck arbeiten. Den werden Sie haben. Die Netzgemeinde wird Sie behandeln, als hätten Sie Ihre Seele an den Teufel verkauft. Der Chef wird Ihre internen Berichte nicht verstehen. Ihre Kollegen werden auf Sie herabschauen wie auf eine Putzfrau. Das sind Sie ja in gewisser Weise auch.
Wegen Ihrer Nerdbrille wird man Sie trotzdem auslachen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Berufe | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH