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Google-Büros in London "Den Anti-Schwerkraft-Raum konnten wir nicht bieten"

Google London: Die wunderbare Welt der Suchmaschinisten Fotos
PENSON

Rüschensofas, U-Boot-Türen und überall Union Jacks: Die Innenausstattung der renovierten London-Zentrale von Google ist ein irrwitziger Stilmix. Im Interview verrät Designer Lee Penson, was ein Schleudersitz mit Stadtrundblick über die Arbeitswelt der Zukunft verrät.

Frage: Mr. Penson, im neu ausgestatteten Londoner Google-Hauptquartier gibt es riesige Sofalandschaften und Gärten. Das wirkt alles sehr gemütlich. Aber sollten die Leute nicht eigentlich arbeiten?

Penson: Die Sofas und die selbst bewirtschafteten Gärten sind ein zentraler Bestandteil des Konzepts. Auf solche Bereiche kommt es an, wenn man eine intelligente Strategie für die Gestaltung von Arbeitsplätzen verfolgt. Im Google Headquarter in London arbeiten 1250 Leute. Jeder von denen hat einen eigenen Arbeitsplatz - und darüber hinaus gibt es 1250 gemeinsam nutzbare Plätze, also Sitzgruppen unterschiedlichster Größe, wo man sich mit Kollegen zusammensetzen kann. So viele Plätze pro Mitarbeiter gibt es nirgendwo sonst. Normalerweise haben große Unternehmen solche Gemeinschaftsplätze vielleicht für jeden vierten Mitarbeiter.

Frage: Nun ist ein Garten für ein IT-Unternehmen ja auch kein richtiger Arbeitsplatz. Auch nicht, wenn man ihn gemeinsam nutzt.

Penson: Es ist ein Platz für gemeinsame Arbeit, doch. Warum sollten Sie, wenn Sie ein Gespräch führen müssen, nicht dabei gemeinsam ein wenig Unkraut jäten? Das ist ja gerade das Kluge an dem Konzept: Wenn die Leute entspannt sind, arbeiten sie effektiver.

Frage: Gut. Aber welche Botschaft vermittelt dann der Pilotenschleudersitz, der ebenfalls dort steht? Doch sicher nicht die des entspannten, sicheren Arbeitens?

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Schreibtische im weltweiten Vergleich: Grünzeug, Kitsch und Autoschlüssel
Penson: Den lieben die Mitarbeiter ganz besonders. Vom Schleudersitz aus hat man einen spektakulären Blick über ganz London. Da kann zwar immer nur einer sitzen, aber dem macht das Arbeiten dann richtig Spaß.

Frage: Die Türen zu den Büros sehen aus wie U-Boot-Türen, und es steht "Do not turn to open" darauf. Warum denn das?

Penson: Es hat mich immer gestört, dass in so vielen Firmen keiner über Türen nachdenkt. Die werden einfach als technische Notwendigkeit betrachtet. Aber man kann doch auch aus einer Tür mehr machen. Unsere sehen aus wie Luftschleusentüren, aber das Rad ist darauf festgeschraubt, man kann es nicht drehen. Es ist ein unbeschwertes, fröhliches Hindurchgehen. Die Leute mögen diese Türen.

Frage: Google ist ja nun wahrlich kein britisches Unternehmen. Trotzdem haben Sie sich entschieden, den Fokus sehr auf typisch englische Stilelemente zu legen. Allerorten prangt der Union Jack, es gibt Schaukelstühle und Chesterfield-Sofas. Sie bezeichnen das als Hybridversion eines Londoner Townhouses. Aber passt das zu einem internationalen Suchmaschinenkonzern?

Penson: Wir haben schon früher Projekte für Google gemacht. Die waren oft sehr googlehaft: Die Unternehmensfarben, gelb, rot, blau, grün waren überall. Aber diesmal wollte Google das gerade nicht. Die wollten es lokaler. Und das ist in einem internationalen Unternehmen besonders sinnvoll. Der Union Jack, für den wir eine eigene Glitzerfarbe entwickelt haben, ist äußerst dekorativ - und bei Telefonkonferenzen sieht das Gegenüber in New York gleich, dass er mit London spricht.

Frage: Was wollte Google sonst noch haben?

Penson: Das wussten die selbst nicht so genau. Wir haben alle Mitarbeitergruppen gefragt, was sie für Wünsche und Bedürfnisse haben. Und dann hat jeder sieben Google+1-Sticker bekommen und konnte darüber abstimmen, was ihm wichtig war. Der Entwurf des Doppeldeckerbusses zum Beispiel war am Ende bedeckt mit diesen Aufklebern. Und die Schrebergärten waren der absolute Hit. Aber es gab auch ein paar Wünsche, die wir nicht verwirklichen konnten.

Frage: Zum Beispiel?

Penson: Einen Bereich mit Anti-Schwerkraft-Funktion. Das hätte mancher gerne gesehen, aber das konnten wir nicht bieten.

Frage: Das fertige Design könnte so oder ähnlich auch ein Hotel schmücken. Die Grenzen zwischen Bürogestaltung und Hotelinnenarchitektur scheinen durchlässiger zu werden. Es sieht fast aus wie eine private Umgebung, die dazu einlädt, doch gern noch etwas länger zu verweilen - gut für den Arbeitgeber. Ist das die Idee?

Penson: Diese Unterstellung war auch in etlichen Kommentaren im Internet zu lesen, die Leute zu dem neuen Design abgegeben haben. Das finde ich traurig, und es macht mich auch wütend. Nein, das war ganz und gar nicht die Idee. Der Abstand zwischen Hoteldesign und Arbeitsplatzgestaltung verringert sich in der Tat - aber nicht, weil man die Leute dazu bringen will, länger zu bleiben, sondern weil man möchte, dass die Zeit, die sie im Büro verbringen, eine erfreuliche und produktive Zeit ist. Die meisten Arbeitsplätze sind einfach viel zu langweilig.

Frage: Bei Ihrer Umfrage unter den Mitarbeitern - haben Männer und Frauen da unterschiedliche Bedürfnisse geäußert?

Penson: Nur in einem einzigen Detail. Einige Frauen hätten gern ein Nagelstudio gehabt. Das haben wir dann aber nicht eingebaut.

Frage: Irgendwann nutzt sich ja jedes Design ab. Wenn man mal zehn Jahre durch eine Tür mit der Aufschrift "Do not turn to open" gegangen ist, findet man das wahrscheinlich nicht mehr so inspirierend. Wie lange wird das Design des neuen Headquarters Bestand haben?

Penson: Wir haben die Gestaltung auf fünf Jahre angelegt. Einige Elemente, wie die Holzfußböden, können aber deutlich länger halten und werden mit der Zeit eine wundervolle Patina bekommen. Aber wie lange ein Bürodesign hält, hängt natürlich auch von der Branche ab. Ein Softwareunternehmen muss sich schneller wandeln als etwa eine Rechtsanwaltskanzlei. Da können die Möbel schon mal 25 Jahre stehen bleiben.

Frage: Ein Blick in die Zukunft: Wie werden wir in fünf Jahren arbeiten? Wird sich das grundlegend wandeln?

Penson: Ich gehe davon aus, dass es sich schon in zwei Jahren grundlegend ändert, wie unsere Arbeitsplätze aussehen. Ich erledige einen Großteil meiner Arbeit schon heute vom iPhone aus. Und bald werden Tablets die Desktop-PCs und Laptops fast völlig verdrängt haben. Dann braucht man eigentlich gar keinen Schreibtisch mehr und ist viel freier in der Gestaltung seines Arbeitsplatzes.

Frage: Das könnte dann auch nur noch ein Sessel oder ein Stückchen Garten sein?

Penson: Ganz genau. Leute werden immer ihren eigenen persönlichen Bereich haben wollen. Aber nicht für jeden muss das ein Tisch sein.

  • Das Interview führte Maren Hoffmann, Redakteurin bei manager magazin Online. Dort erschien ihr Beitrag zuerst.

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Geld spielt keine Rolle ?
der_seher59 16.08.2012
Zitat von sysopPENSONRüschensofas, U-Boot-Türen und überall Union Jacks: Die neue London-Zentrale des Internetkonzerns Google ist ein irrwitziger Stilmix. Im Interview verrät Designer Lee Penson, was man von einem Schleudersitz mit Stadtrundblick über die Arbeitswelt der Zukunft lernen kann. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/0,1518,849773,00.html
Ich weiss nicht, mir macht das Angst: Die Internet-Platzhirsche bauen sich ihre Paläste, als ob es kein Morgen gäbe. Bitte nicht missverstehen: Ich gönne jedem Mitarbeiter einen kuscheligen Arbeitsplatz, wenn es auch manchmal ein bisschen aussieht wie das Kinderparadies bei IKEA. Man hat aber oft den Eindruck, weder für Google noch MS und wie sie alle heissen ist die teuerste, verrückteste Idee gerade gut genug. Die Geschichte lehrt aber, daß so etwas auf Dauer eben nicht gut geht. Ein bisschen Masshalten würde vielleicht nicht schaden. Oder bin ich (53) zu alt, um das zu verstehen ?
2. optional
paloo 16.08.2012
Trifft meiner Meinung nach nur auf den kreativen Bereich zu. Kann mir doch keiner erzaehlen, dass es in 5 Jahren so in einem Standard-Sachbearbeiter-Buero bei einer Versicherungsgesellschaft aussehen wird.
3.
Steuerzahler0815 16.08.2012
Zitat von der_seher59Ich weiss nicht, mir macht das Angst: Die Internet-Platzhirsche bauen sich ihre Paläste, als ob es kein Morgen gäbe. Bitte nicht missverstehen: Ich gönne jedem Mitarbeiter einen kuscheligen Arbeitsplatz, wenn es auch manchmal ein bisschen aussieht wie das Kinderparadies bei IKEA. Man hat aber oft den Eindruck, weder für Google noch MS und wie sie alle heissen ist die teuerste, verrückteste Idee gerade gut genug. Die Geschichte lehrt aber, daß so etwas auf Dauer eben nicht gut geht. Ein bisschen Masshalten würde vielleicht nicht schaden. Oder bin ich (53) zu alt, um das zu verstehen ?
Google hat halt das Geld und irgendetwas müssen sie damit machen. Ihre Mitarbeiter sind bereits extrem gut bezahlt, die Aktionäre bekommen jedes Jahr eine Dividende und das Geld einfach bunkern wie Apple ist vielleicht nicht die schlauste Idee.
4. Dividende
Stelzi 16.08.2012
Zitat von Steuerzahler0815Google hat halt das Geld und irgendetwas müssen sie damit machen. Ihre Mitarbeiter sind bereits extrem gut bezahlt, die Aktionäre bekommen jedes Jahr eine Dividende und das Geld einfach bunkern wie Apple ist vielleicht nicht die schlauste Idee.
Öhh, wie kommst du darauf das Google eine Dividende zahlt? Apple schüttet allerdings seit diesem Jahr wieder eine Dividende aus...
5. Produktivität
traurigewelt 16.08.2012
und attraktivität, dass vermittelt Google. In Einer wel in der Geld zugleich alles aber auch nichts wert ist gibt google viel Geld aus, um noch mehr davon zu bekommen. Jetzt wollen wieder die besten der besten zu google, die leute werden nicht gelangweilt bei der arbeit oder ähnliches. Meiner ansicht nach wird das dem Unternehmen extrem weiterhelfen
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Zur Person
  • Lee Penson, 39, ist der Gründer der sechs Jahre alten Penson Group, die sich mit Architektur, Innenarchitektur und Infrastruktur befasst. Zu den Kunden des Unternehmens zählen Unternehmen in aller Welt, darunter auch viele Hotels; etliche der Projekte wurden mit Architektur- und Designpreisen bedacht. Für Google war Penson schon mehrmals tätig.
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