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Start-up-Wunder Israel "In Tel Aviv lacht dich keiner aus"

Gründerboom in Tel Aviv: Computer-Kids am Mittelmeer Fotos
Lissy Kaufmann

Welcher Ort der Welt ist für junge Gründer am besten geeignet? Das Silicon Valley. Und dann? Tel Aviv! Rund 600 Start-ups gibt es schon in der israelischen Mittelmeer-Metropole. Ein Entrepreneur-Visum soll noch mehr Talente in die Stadt locken.

Zuerst war da dieses Hirngespinst. So nennt es Matan Vered, 32, heute. "Ich kann nicht mehr genau sagen, wann das auftauchte, geboren wurde ich damit sicherlich nicht." Doch nachdem er mehr als fünf Jahre lang als Angestellter in Unternehmen gearbeitet hatte, war das Gefühl irgendwann da: Matan wollte keinen Chef mehr haben. Er wollte selbst Entscheidungen treffen. Eine Firma gründen.

Jetzt ist sein Unternehmen namens Iqurio zehn Monate alt. Matan, der nebenher noch seinen Master in Betriebswirtschaftslehre macht, und seine Mitgründer Uri Katz, 35, und Eyal Gershon, 32, entwickeln im Herzen von Tel Aviv Lern-Apps für Kinder, seit Dezember ist die zweite App mit Sing- und Lernspielen auf dem Markt. "Ich könnte niemals so zufrieden sein, wenn ich für jemand anderen arbeiten würde", sagt Matan. So wie ihm geht es vielen jungen Menschen in Tel Aviv. Sie wollen hier ihren Traum verwirklichen. Und das Gefühl von Unabhängigkeit gehört dabei offenbar genauso zu ihrem Leben in der israelischen Mittelmeer-Metropole wie Mode, Strand und Sonne.

Rund 600 Start-up-Unternehmen in der Hightech-Branche gibt es in Tel Aviv. Die Szene ist so attraktiv, dass immer wieder ausländische Investoren und Unternehmer, auch aus Deutschland, kommen, um zu sehen, was hier auf die Beine gestellt wird. "Bislang sind sie wieder abgereist. Wir wollen, dass sie künftig bleiben", erklärt Avner Warner, Wirtschaftsdirektor der Kampagne Global City Tel Aviv. So soll in den kommenden Monaten sogar ein neues Start-up-Visum entwickelt werden, um es ausländischen Talenten einfacher zu machen, Teil der Szene zu werden. Der Startup Ecosystem Report 2012 kürte Tel Aviv gar zur weltweit zweitbesten Region, um ein Unternehmen zu gründen - nur das berühmte Silicon Valley in Kalifornien liegt noch vor der israelischen Stadt.

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Gründer im Zweifel: Soll ich dafür meinen Job kündigen?
Doch was macht Tel Aviv zu einem Magneten für junge Unternehmer? "Das ist die Millionenfrage, auf die andere Städte weltweit gerne eine Antwort hätten", sagt Warner. Einfach ist sie nicht. "Israel ist ein sehr junges Land. Wir haben keine alteingesessene Industrie wie die Autoindustrie. Israel hat die neuen Chancen genutzt." Und dann ist da diese besondere Stimmung. "Die Tel Aviver sind sehr locker drauf, treffen sich in Cafés, tauschen Ideen aus. Das ist ein sehr kreatives Umfeld. Du kannst eine noch so verrückte Idee haben, keiner wird dich auslachen."

Angestellte verdienen in Israel zu wenig

Im Gegenteil: Die Gesellschaft unterstützt ihre jungen Gründer, vor allem die Hightech-Veteranen investieren gern in ihre Nachfolger. "Viele Unternehmer, die in den neunziger Jahren Erfolg hatten, investieren heute in Start-ups", sagt Warner. Einer der Veteranen ist Yossi Vardi, der vor vielen Jahren mit dem Chat-Programm ICQ seinen größten Erfolg feierte. "Nach ICQ habe ich in mehr als 80 Start-ups investiert", sagt der 70-Jährige. Für Vardi steht fest, dass ein kulturelles Phänomen hinter dem Boom steckt: "Es fängt damit an, welche Werte Kindern vermittelt werden. Hier werden Menschen geschätzt, die versuchen, Grenzen zu überwinden und Neues zu schaffen."

Ein israelischer Angestellter arbeitet mehr und verdient weniger als der OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig ist das Leben sehr teuer. Vielleicht sorgen auch diese Umstände für die hohe Risikobereitschaft unter den Tel Avivern. Denn so einfach wie es klingen mag, ist es nicht, hier selbständig zu werden. Die Mieten sind hoch, ein Büro können sich die wenigsten leisten.

Aber auch hier erhalten die jungen Kreativen originelle Unterstützung: Die Stadt eröffnete vor einem Jahr die sogenannte Library, einen Co-Working-Space für Start-ups, hoch oben im Shalom Tower mit Blick auf das Mittelmeer. "Die meisten Start-ups verdienen noch kein Geld. Aber sie brauchen eine ruhige Umgebung, in der sie ihr Produkt entwickeln können", erklärt Yael Noi Suchman, die Leiterin der Library. Knapp zehn Stunden arbeiten die Gründer einer Studie zufolge pro Tag. Bis zu zehn Start-ups können gleichzeitig für rund 150 Euro pro Person und Monat einen Schreibtisch mieten. Nach vier Monaten ist allerdings Schluss, dann beginnt eine neue Runde. Schließlich soll die Library nur Starthilfe geben.

Auch die Gründer von Iqurio hatten zunächst einen Arbeitsplatz in der Library ergattert. Mittlerweile nehmen sie an dem kostenlosen viermonatigen Mentorenprogramm IDC Elevator teil, das junge Unternehmer auf dem Weg nach oben unterstützt und Büroräume zur Verfügung stellt.

Eine Armee von Gründern

Klein angefangen haben auch Zohar Dayan, 28, und Yotam Cohen, 30. Die Gründer von Wibbitz haben zunächst in Cafés gearbeitet. "Wir haben einen Kaffee bestellt und den ganzen Tag dort verbracht", erzählt Yotam. Heute, nicht mal zwei Jahre später, sieht die Situation schon ganz anders aus: Vor einem halben Jahr investierte ein Geschäftsmann aus Hongkong 2,3 Millionen Dollar. Mittlerweile hat Wibbitz ein zwölfköpfiges Team und zog kürzlich in frisch renovierte Büroräume. Dort verwandelt Wibbitz innerhalb von 20 Sekunden Texte in Videos: Es erscheinen Zahlen, Grafiken, Karten und Bilder, eine Stimme liest den Text. Auf mehr als 50.000 Webseiten sind die Videos zu sehen. An der Universität wurde den beiden klar, dass sie selbständig werden wollten.

Yotam glaubt, dass die Zeit in der Armee ihn für das Unternehmen starkgemacht hat. In Israel müssen Männer drei, Frauen zwei Jahre dienen. "In der Armee lernst du, dass du alles schaffen kannst, was du willst." Zohar weiß, dass viele seiner Freunde eine Firma gründen wollen. "In Israel will eben keiner einen Chef haben."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Lissy Kaufmann (Jahrgang 1986) lebt und arbeitet seit November 2012 in Tel Aviv.

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insgesamt 12 Beiträge
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1.
ordnungsamt 20.02.2013
Diese Aussage ist der reine Wahnsinn. Leute, eine Armee ist zum Zerstören da, nicht zum Erschaffen. Auf jeden Fall ist es interessant, dass genau wie im Silicon Valley, auch hier eine örtliche Nachbarschaft zu einer sehr starken Militär und Waffenbranche die High-Tech Branche in einer Art symbiotischem Austausch zu befruchten und inspirieren scheint.
2.
alfredoneuman 20.02.2013
Es lässt sich durchaus nachvollziehen, dass es zu massiven Frustrationsschüben führen kann, wenn bösartige Vorurteile und Ignoranz sich mit der Realität so gar nicht in Übereinstimmung bringen lassen.
3. Dynamische Stadt
nordlichtx 20.02.2013
Gräberstimmung in Tel Aviv? Was für ein Unfug. Eine sehr lebensfrohe, offene und dynamische Stadt. Das Land hat sicher so einige Probleme, aber es ist wirklich beeindruckend, was die Menschen unter den Bedingungen aufgebaut haben. Von der Risikofreude, dem Optimismus und dem Selbstbewusstsein der Menschen dort können Europäer einiges lernen,
4. Tel Aviv
großonkel 20.02.2013
Tel AViv ist nicht Israel. Genaugenommen ist es sogar fast so etwas wie ein autonomer Staat im Staat. Wer von Tel Aviv nur 20 km landeinwärts fährt, merkt fast körperlich die Änderung von Mentalität und Stimmungslage. Darum: schnell wieder umdrehen und zurück zum hedonistischen, jungen, wilden Tel AViv an den Strand. Für mich absolut nachvollziehbar, dass hier die Kreativität zuhause ist.
5. Passt wohl nicht in Ihr Schwarz-Weiß-Bild von Israel?
Dongabo 20.02.2013
Ein App zur Erweiterung des Friedensbewusstseins, tolle Idee! Und den dann bitte kostenlos den ach so friedliebenden islamischen Nachbarländern zur Verfügung stellen :-) Vielleicht klappt's dann ja mal mit der Akzeptanz des Staates Israel. Wenn man Israel schon mal bereist hat, kann man sich das Start-up-Wunder sehr gut erklären. Schade, dass solche positiven Nachrichten nicht auch mal aus den Ländern des "arabischen Frühlings" kommen. Oh, ich vergaß ... dort kennen die meisten ja nur ein ganz bestimmtes Buch...
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