• Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Zuwanderung von IT-Fachkräften Deutschland? Muss nicht sein

Indische IT-Experten: Deutschland ist ja schön, aber... Fotos
Katharina Finke

Greencard, Blue Card: Immer wieder versucht Deutschland, Programmierer aus Indien auf seinen Arbeitsmarkt zu locken. Doch denen ist das zunehmend wurscht. Die Branche boomt in ihrer Heimat. Die "Buschzulage", die sie für Projekte in Deutschland bekommen, wiegt die Nachteile des Umzugs nicht auf.

Zum ersten Mal kam Ashwani Shahi 2004 nach Deutschland, für eineinhalb Jahre. Der IT-Ingenieur aus Neu-Delhi hatte eine Greencard. Das Dokument war vier Jahre zuvor eingeführt worden, um die Zuwanderung von indischen Computerspezialisten in Deutschland anzuheizen. Vor drei Jahren kam er erneut, diesmal nach Frankfurt am Main, für seinen Arbeitgeber Tata Consultancy Services.

Das Einzige, was Shahi nicht so gerne mag, ist die gelegentliche Reserviertheit der Deutschen. Dennoch fühlte er sich wohl, besuchte zwei Deutschkurse, obwohl man auch mit Englisch gut zurechtkommt. Er lobt den hohen Lebensstandard, die gute Infrastruktur und die Work-Life-Balance. "Deutsche trauen sich im Gegensatz zu Indern, auch mal nein zu sagen", sagt er, "sie machen nicht so viele Überstunden und haben einen privaten Ausgleich, wie Sport".

Für die deutsche IT-Industrie stellen Shahi und seine Landsleute die größte Gruppe zugewanderter Fachkräfte. Nach Einschätzung des Branchenverbands Bitkom müsste die Bundesrepublik ein attraktives Ziel sein, denn es gibt hier zahlreiche IT-Konzerne mit Internationalisierungsstrategie. Gemessen an indischen Verhältnissen aber kommen wenige: Nur knapp zehn Prozent aller ausgewanderten indischen IT-Experten zieht es hierher. Indische Unternehmen zahlen ihren Mitarbeitern für solch einen Auslandsaufenthalt eine "Buschzulage".

Blue Card statt Greencard

Dabei werden deutsche Politiker wie Wirtschaftsbosse nicht müde zu betonen, wie wichtig Zuwanderung gerade für die IT-Industrie ist: Stichwort Fachkräftemangel. Gerade hat die Regierung die Voraussetzungen gelockert, unter denen Menschen aus Nicht-EU-Staaten einwandern dürfen. Um eine Aufenthaltsgenehmigung - diesmal heißt sie Blue Card - zu bekommen, müssen IT-Fachleute nicht mehr mindestens 66.000 Euro im Jahr verdienen, es reichen nun 33.000 Euro. In anderen Branchen, in denen man nicht von einem Mangel ausgeht, sind es 44.000 Euro. Außerdem entfällt die Vorrangprüfung, in der ein Arbeitgeber bisher erst nachweisen musste, dass er im Inland keinen geeigneten Arbeitnehmer für die Stelle findet.

Gewerkschaften sehen die Neuregelung als Einladung zum Lohndumping. Deutsche Einstiegsgehälter liegen deutlich über 33.000 Euro, erfahrene Software-Entwickler können leicht 60.000 Euro im Jahr verdienen. Die bayerische Arbeitsministerin Christine Haderthauer (CSU) nennt die Neuregelung "zynisch", solange nicht alles versucht werde, in Deutschland lebende Arbeitslose für den Arbeitsmarkt fit zu machen.

"Kinder statt Inder"

Schon die Greencard, mit der Shahi kommen durfte, war heiß umstritten. Jürgen Rüttgers (CDU), damals Oppositionsführer im nordrhein-westfälischen Landtag, bekämpfte sie mit dem Spruch "Kinder statt Inder": Deutschland solle lieber den eigenen Nachwuchs ausbilden, statt auf fremde Expertise zu bauen. Knapp 18.000 Menschen nutzten die Greencard in vier Jahren; als großer Erfolg gilt sie nicht.

"Deutschland ist im Vergleich nicht so attraktiv für Inder", sagt Himanshu Joshi. Der Mittdreißiger aus Bangalore hat unter anderem für die Vereinten Nationen programmiert und war mehrmals kurz in Deutschland. "Es gibt einfach zu viele Barrieren." Dazu gehören die Sprache, Essgewohnheiten und kulturelle Unterschiede. "Die Deutschen sind sehr pünktlich und effizient", erklärt er, "dafür aber nicht so herzlich. Sie gelten als ich-bezogen."

Am beliebtesten sind englischsprachige Länder. Pallavi Dyhani kann es an der eigenen Vita zeigen. Die Programmiererin und Businessanalytikerin beim indischen Software-Konzern NIIT reiste nach Asien, Afrika, Europa, Lateinamerika und gleich mehrfach in die USA.

In den USA sind die meisten indischen IT-Experten tätig. Die Ausgangslage ist allerdings völlig anders als in Deutschland. Die größten Player der Software-Branche sitzen dort: Google, Microsoft, Apple, Facebook. Die Nachfrage nach Fachpersonal ist anhaltend riesig. In Europa bevorzugen viele Inder Großbritannien, der Sprache wegen, und weil es eine große indischstämmige Community gibt.

Erleichterungen, die kaum jemand bemerkt

Auch die institutionellen Hürden werden in Deutschland nach wie vor als hoch empfunden. Jeder Inder, der nach Deutschland kommen will, braucht ein Visum, dessen Bearbeitungszeit im Durchschnitt eineinhalb Monate dauert. Danach muss zusätzlich die Arbeitserlaubnis beantragt werden. Immerhin hat das Bundesarbeitsministerium einen vereinfachten Online-Fragebogen eingeführt. Im Frühjahr nun kam die neue Blue Card, die auf eine EU-Richtlinie zurückgeht.

Doch in Indien hat bisher kaum jemand die Erleichterungen mitbekommen. Die Abwerbung wird nicht durch großangelegte öffentliche Kampagnen begleitet, wie es beispielsweise Großbritannien oder Australien vormachen. Stattdessen konzentriert sich die zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) des Bundesarbeitsministeriums derzeit "bei der Personalrekrutierung auf die Länder der EU".

Allmählich wird Deutschland als Migrationsziel uninteressant für Inder. Laut Bitkom kamen 2010 nur noch 1800 indische IT-Fachkräfte nach Deutschland, rund 25 Prozent weniger als vor fünf Jahren. Allerdings liegen dafür die Gründe nicht ausschließlich in Deutschland. Die Motivation für einen Auslandsaufenthalt hat sich bei den indischen IT-Experten verändert.

"Die Eltern sind gegen Auswanderung"

"Vor dem Jahr 2000 wollten viele ins Ausland gehen, da es in Indien nicht so viele Möglichkeiten gab", erklärt Joshi, der inzwischen Dozent für Informationstechnologie ist, "doch heute ist Indien selbst ein Global Player." Statt dauerhaft auszuwandern, planen die meisten indischen Software-Fachkräfte ihren Auslandsaufenthalt strategisch. Sie verlassen ihr Land für begrenzte Zeit, um Erfahrungen zu sammeln und Kundenkontakte aufzubauen, die sie später in ein indisches Unternehmen einbringen wollen. Praktisch jedes der führenden Software-Unternehmen in Indien hat mindestens einen Heimkehrer in der Geschäftsleitung, meist mit Erfahrung in den USA.

Für alle, die noch in der Fremde leben, ist das Heimatland auf Dauer am attraktivsten. Laut Nasscom, der für Software zuständigen Handelskammer, haben sich die indischen IT-Unternehmen zu wettbewerbsfähigen Vollanbietern entwickelt. Auch wenn die klassischen Software-Anwendungen immer noch den größten Teil ihres Geschäfts ausmachen, bieten sie mittlerweile hochklassige Leistungen wie Beratung und Systemintegration an. IT-Dienstleistungen sind einer der wichtigsten Arbeitsmärkte in Indien. Insgesamt haben die IT-Firmen des Landes 2011 etwas mehr als 100 Milliarden US-Dollar umgesetzt. Die Nachfrage nach IT-Experten wächst stetig.

Und es geht nicht nur Wirtschaftsdaten. "Immer wenn ich unterwegs war, hatte ich Heimweh und wollte zurück", sagt Dhyani. Und Shahi ergänzt: "Die meisten Eltern wollen nicht, dass ihre Kinder auswandern." Beide hängen sehr an ihren Heimatorten und sind sich einig: "In Indien verdiene ich zwar minimal weniger als woanders auf der Welt, doch für meine Heimat nehme ich das gerne in Kauf."

Katharina Finke (Jahrgang 1985) ist freie Journalistin in New York. Sie berichtet aus den USA und anderen Ecken der Welt für Zeitungen, Magazine, Online-Medien und deutschsprachiges Fernsehen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Hört dieser Schwachsinn denn niemals auf?
eigene_meinung 11.05.2012
Wir haben mehr als genug qualifizierte Programmierer, Informatiker und Ingenieure in Deutschland - sowohl junge Hochschulabsolventen als auch erfahrene, aber aufgrund von Managementirrsinn arbeitslose ältere Leute. Wir brauchen keine Inder! (Ich erinnere mich an den alten CDU- oder CSU-Wahlspruch "Kinder statt Inder".) Lasst euch nicht vor den Karren unfähiger geldgieriger Manager spannen!
2. Überschrift
n+1 11.05.2012
Zitat von eigene_meinungWir haben mehr als genug qualifizierte Programmierer, Informatiker und Ingenieure in Deutschland - sowohl junge Hochschulabsolventen als auch erfahrene, aber aufgrund von Managementirrsinn arbeitslose ältere Leute. Wir brauchen keine Inder! (Ich erinnere mich an den alten CDU- oder CSU-Wahlspruch "Kinder statt Inder".) Lasst euch nicht vor den Karren unfähiger geldgieriger Manager spannen!
es ist sogar eher noch schlimmer. Noch nie gab es einen solchen Fachkräfteüberschuss wie derzeit. Bei den Facharbeitern ist er so hoch, dass immer mehr Stellen an Zeitarbeitskräfte oder Werkvertragler ausgelagert werden. Qualifizierungsmaßnahmen für die eigenen Leute gibt es kaum noch. Bei Ingenieuren und Softwareentwicklern, die extern beauftragt werden, gibt es einen steigenden Trend, die Honorare in Grund und Boden zu verhandeln. Man will exzellente Ingenieure, aber sie sollen max. EUR 450 am Tag kosten. Natürlich gibt es einen starken Trend der Großindustrie, noch mehr Lohndrücker zu importieren. Der sog. Fachkräftemangel ist eine Erfindung der Leyendarstellerin um vom eigenen Versagen abzulenken. Transportiert wird dieser Unsinn von strunzdummen Medienleuten, die außer Nachplappern nichts auf die Reihe kriegen.
3. Zu hohe Erwartungen
Lemmi42 11.05.2012
Ich habe die Inder in München bei einer Firma erlebt,sie erfüllten nicht im Mindesten die Erwartungen die in sie gesetzt wurde,d.h.höchstens die Hälfte der Leistung die deutsche IT-Kräfte brachten.
4. Konkurrenz
qoderrat 11.05.2012
Zitat von sysopKatharina FinkeGreencard, Blue Card: Immer wieder versucht Deutschland, Programmierer aus Indien auf seinen Arbeitsmarkt zu locken. Doch denen ist das zunehmend wurscht. Die Branche boomt in ihrer Heimat. Die "Buschzulage", die sie für Projekte in Deutschland bekommen, wiegt die Nachteile des Umzugs nicht auf. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/0,1518,832090,00.html
Ich habe keine Angst vor der Konkurrenz der indischen Kollegen. Für das Geld, was sich unsere Wirtschaftslenker vorstellen, können sie auch in Indien arbeiten, in angenehmerer Situtation mit deutlich geringeren Lebenshaltungskosten. Bei von uns betreuten Kunden gehen die mühsam angeworbenen indischen Ingenieure zunehmend wieder zurück in ihr Heimatland, aus den genannten Gründen. Interessanterweise haben wir inzwischen sogar schon die ersten indischen Kunden, weil wir bei hochqualifizierten Aufgaben billiger sind wie die Kollegen vor Ort...
5. Inder in Deutschland?
ekel-alfred 11.05.2012
Zitat von sysopKatharina FinkeGreencard, Blue Card: Immer wieder versucht Deutschland, Programmierer aus Indien auf seinen Arbeitsmarkt zu locken. Doch denen ist das zunehmend wurscht. Die Branche boomt in ihrer Heimat. Die "Buschzulage", die sie für Projekte in Deutschland bekommen, wiegt die Nachteile des Umzugs nicht auf. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/0,1518,832090,00.html
Wer Inder nach Deutschland holen will hat IT noch nicht verstanden. Das ist doch viel zu teuer! Da gründet man lieber einen Ableger in Indien und lässt dort programmieren. Software kann man schnell um die Welt schicken, da muss der Inder nicht hier sitzen........
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema IT-Berufe - KarriereSPIEGEL
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
IT-Arbeitsmarkt: Daten für die Datenschubser

Fotostrecke
Laptop-Arbeiter auf Tour: Vor- und Nachteile der beliebtesten Arbeitsorte
Verwandte Themen

Fläche: 3.166.414 km²

Bevölkerung: 1213,370 Mio.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Narendra Modi

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Indien-Reiseseite


Social Networks