Dänen im Schaufenster "Hier sitzt ein verfügbarer Akademiker"
In Amsterdamer Schaufenstern bieten Prostituierte ihre Dienste an - in Kopenhagen arbeitslose Juristen oder Politologen. Um bei der Jobsuche aufzufallen, stellten einige Dänen sich selbst aus. Denn für junge Akademiker läuft es auf dem Arbeitsmarkt derzeit nicht rund.
Zehn Monate lang war Christel Werenskiold, 47, auf der Suche nach einem neuen Job. Unzählige Bewerbungen schrieb sie - und bekam nur Absagen, "eine harte Zeit". Aber so schnell gibt die blonde Dänin mit einem Master in öffentlicher Verwaltung und mehr als 20 Jahren Berufserfahrung nicht auf. Für die Stellensuche war sie zu einer ungewöhnlichen Aktion bereit.
An einem Morgen Ende April nahm sie an einem Schreibtisch Platz - mitten in einem Schaufenster. Auf der belebten Straße unweit des malerischen Hafens von Kopenhagen machte ein Schild auf die Frau hinter der Glasscheibe aufmerksam: "Hier sitzt ein verfügbarer Akademiker." Und weiter: "Ausgestellt? Zu klug, um in einem Fenster zu sitzen." Verdutzte Passanten blieben stehen und machten Fotos. Christel Werenskiold lächelte ihnen freundlich zu, um sich dann wieder auf den Bildschirm zu konzentrieren. Die Stunden im Schaufenster nutzte sie, um ihr LinkedIn-Profil zu pflegen und online nach Stellenanzeigen zu suchen.
Sie war die erste von insgesamt 15 Akademikern auf Jobsuche, die mit dem Schaufensterplatz potentielle Arbeitgeber auf sich aufmerksam machen wollten. "Ich fand die Vorstellung lustig, in einem Schaufenster zu sitzen wie die Damen im Amsterdamer Rotlichtviertel", sagt Werenskiold. Unangenehm sei ihr das nicht gewesen: "Ich bin ein extrovertierter Mensch. Mir hat es Spaß gemacht, im Mittelpunkt zu stehen."
"Mit klassischen Bewerbungen kommt man nicht weiter"
Gut einen Monat lief das Projekt und endete vor einigen Tagen. Es entstand aus einer Zusammenarbeit zwischen der Gewerkschaft Djøf und der Kommunikationsagentur Reputation, die für die Aktion auch die Schaufenster ihrer Kopenhagener Zentrale zur Verfügung stellte. Djøf vertritt in Dänemark die Interessen von Akademikern, zu den Mitgliedern zählen vor allem Juristen, Betriebswirte, Politologen oder Soziologen.
Mit 7,4 Prozent liegt die Arbeitslosenquote in Dänemark zwar etwas höher als in Deutschland, aber unter EU-Durchschnitt. Mehr als 13.000 Akademiker sind nach Angaben der Gewerkschaft derzeit auf der Suche nach einem Job. Besonders schwer sei es für junge Absolventen: Gut 41 Prozent aller Master-Studenten haben nach Djøf -Schätzungen auch ein Jahr nach ihrem Abschluss noch keine feste Arbeit. Es fehle schlicht an Stellen für die vielen gut ausgebildeten Dänen.
Christoph Burmester, 33, ist einer von ihnen. Politikwissenschaften hat er studiert, knapp vier Jahre als Projektleiter im Wissenschaftsministerium gearbeitet, dann als Lehrer an einem Gymnasium. Als freier Journalist war er eine Zeit lang in Berlin und den USA, seit Dezember ist er arbeitslos.
"Mit klassischen Bewerbungen kommt man nicht weiter", sagt Burmester. Stattdessen setzt er auf Networking und Fortbildungen. Der Staat hat ihm Anfang des Jahres einen sechswöchigen Kursus in strategischer Kommunikation finanziert. Im Mai saß auch er einige Male im Schaufenster. "Ich habe nicht damit gerechnet, auf diese Weise einen Job zu finden", so Burmester. "Aber wir haben viel Aufmerksamkeit erregt, und ich habe neue Leute kennengelernt."
Schnell geheuert, schnell gefeuert
Der dänische Arbeitsmarkt gilt als einer der flexibelsten der Welt, im Schnitt wechseln Dänen alle vier Jahre ihren Job. Ein lockerer Kündigungsschutz macht es Unternehmen leicht, Mitarbeiter einzustellen - und sie ebenso schnell wieder zu entlassen. Das Programm "Løntilskud" soll Arbeitslosen die Tür öffnen: Bis zu einem Jahr lang bezuschusst der Staat dabei die Lohnkosten oder übernimmt sie sogar ganz. Kritiker befürchten jedoch, dass dieses Subventionsprogramm Unternehmen davon abhält, Stellen dauerhaft zu besetzen. Kürzungen im öffentlichen Dienst haben die Jobsituation in den letzten Jahren zusätzlich verschärft.
Darum ermutigt die Gewerkschaft ihre Mitglieder, die Jobsuche aggressiver anzugehen. Genau das hat sich Karabi Bergmann, 36, zu Herzen genommen. Selbstbewusst zählt sie in einem Café in Kopenhagen ihre Stärken auf. Leider werde man in Dänemark schnell schief angesehen, wenn man sich offensiv vermarkte. "Bescheidenheit gilt hier als große Tugend", so Bergmann. Nach dem Psychologie- und Soziologiestudium arbeitete sie mehrere Jahre im Wirtschaftsministerium. Im Oktober verlor sie ihre Stelle als Analystin bei einem Technologie-Institut, ein Hüftleiden setzte sie in den Monaten danach außer Gefecht. Dabei hasst Karabi Bergmann nichts mehr als Stillstand: "Ich will unbedingt einen neuen Job."
Ihre Erfahrungen im Schaufenster sind eher ernüchternd. Kaum jemand sei stehen geblieben, um eine der Broschüren über sie mitzunehmen. Doch den Austausch mit den anderen Jobsuchern sieht Bergmann positiv: "Ich mache mich jetzt nicht mehr so verrückt, weil ich keine Arbeit habe."
Die schönste Erfolgsgeschichte hat Christel Werenskiold zu erzählen: Binnen einer Woche meldeten sich sieben Headhunter bei ihr, die Zugriffe auf ihr LinkedIn-Profil haben sich mehr als vervierfacht. Sie ist eine von zwei Schaufenster-Sitzern, die inzwischen einen Job gefunden haben. Seit dem 1. Mai arbeitet sie als Beraterin für Schulen und Kindergärten. Mit der öffentlichkeitswirksamen Aktion hat das allerdings nichts zu tun - auf die Stelle beworben hatte sie sich schon vorher.
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