Von Benjamin Dürr
Morgens nach dem Aufstehen rettet Jippe Kreuning, 19, immer ein Stück Kulturerbe. Wie ein Matrose klettert er an den vier Flügeln der Strijk-Mühle D in Alkmaar die Sprossen der Gitter hinauf, knotet mit drei fixen Handgriffen die Seile fest, rollt die Tücher wie Segel aus. "Manches ist wie bei einem alten Schiff", sagt Kreuning. Das knarzende Holz, die Leinentücher, die Behäbigkeit.
Jippe Kreuning ist einer von Hollands jüngsten Müllern und ein Hoffnungsträger der Branche: Die meisten Müller in den Niederlanden sind über 60, viele können die schweren Arbeiten nicht mehr verrichten und hören auf. Weil es kaum Nachwuchs gibt, stirbt der Beruf langsam aus - und vielen Windmühlen drohen Stillstand und Verfall.
Kreuning ist eigentlich Biologiestudent. Die Prüfung der Müller-Zunft hat er im letzten Herbst bestanden, 600 Stunden lang hat er dafür mit einem erfahrenen Müller geübt, Seile geknotet, Zahnräder gedreht, Wetterkarten studiert. Wie der Wind morgen wird, war eine seiner Prüfungsfragen. "Als Müller ist man halber Meteorologe", sagt Kreuning. "Schließlich kann man ohne Wind alles vergessen."
Heute drehen sich in Holland noch etwa 1100 Mühlen. Viele stammen aus dem Goldenen Zeitalter im 17. Jahrhundert, als die Niederlande eine große Handelsmacht waren - mit einer riesigen Schiffsflotte. Auch die Alkmaarer Strijk-Mühle D stammt aus dieser Zeit, sie wurde 1628 gebaut. Auf ihrem Dachboden dreht ein riesiges hölzernes Zahnrad eine Achse, die früher die Drehbewegung nach unten übersetzte. Die Kraft wurde genutzt, um Wasser zu schöpfen. In anderen Mühlen nutzte man die Mechanik, um zum Beispiel Holz für Schiffe zu sägen oder Kanonenlöcher zu bohren.
Heute dreht sich das Rad ins Leere. Es knarzt und knackt, der Wind pfeift leise durch die Ritzen zwischen den Brettern. Jede Mühle sei anders, sagt Kreuning, wie alte Damen hätten sie ihre Eigenheiten.
Vom Beruf des Müllers leben in Holland heute nur noch rund 50 Menschen. Sie mahlen Getreide, produzieren Senf oder führen ihre Arbeit Touristen vor. Die Zunft der Müller hat deutlich mehr Mitglieder: 2300 Menschen kümmern sich ehrenamtlich um die Windmühlen, reparieren, schmieren, tauschen Teile aus. Manche jeden Tag, andere nur am Wochenende.
Wohnen in der Windmühle
Eine Mühle zu betreiben, braucht Zeit. Die gewaltigen Mühlräder muss man dem drehenden Wind nachführen, so dass dieser immer im rechten Winkel auf die Flügel trifft. Die meisten Zunftmitglieder sind Rentner, immer mehr scheiden aus. Bas de Deugd von der Müllerzunft warnt schon vor dem Verfall der Nationalsymbole: "Wenn man ein altes Auto nicht fährt, fällt es langsam in sich zusammen. Das Gleiche passiert mit Windmühlen."
Die Gilde versucht deshalb, neue ehrenamtliche Müller - und Müllerinnen - zu werben. Jeder könne mitmachen, sagt de Deugd. 75 Euro kostet die Ausbildung mit 150 Unterrichtsstunden, nach bestandener Prüfung wird man automatisch Mitglied der Zunft. 30 Euro kostet die Mitgliedschaft im Jahr, inklusive Versicherung.
Eine Mühle zu drehen, ist gar nicht so leicht: Kreuning löst eine handgeschmiedete 400 Jahre alte Eisenkette, greift nach einem riesigen Steuerrad an der Rückseite des Zahnrades und hängt sein ganzes Körpergewicht daran. Zentimeterweise dreht sich das Dach - und mit ihm die Flügel außen.
"Es ist faszinierend, wie die Technik nach 400 Jahren noch funktioniert", sagt Kreuning. Die lange Geschichte, die Aura all der alten Dinge, das mache für ihn den Reiz der Arbeit aus. Schon früh habe er seinem Vater in der Mühle geholfen. Er ist Arzt und Hobby-Müller - und hat die Strijk-Mühle D umgebaut zum Wohnhaus. Jippe Kreuning ist in der Windmühle aufgewachsen. Die Räume zu Ferienwohnungen umzubauen, wie einige Müller das getan haben, kann er sich nicht vorstellen. Er will hier wohnen bleiben - und so oft es geht, die Flügel in Bewegung setzen.
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