Aus San Francisco berichtet Klaus Werle
Rajat Dixit, 25, ist einer von ihnen. Einer, um den sich die Headhunter prügeln. Die Twitters, die Airbnbs, die Ciscos. Und natürlich die zahllosen Start-ups in der Bay Area rund um San Francisco und im Silicon Valley, wo der Kampf um die Tech-Talente derzeit wieder besonders heftig tobt. "Der Recruiting-Markt ist derzeit äußerst aggressiv", sagt Joe Kosakowski, Gründer und CEO der Personalberatung QuestGroups, spezialisiert auf die Internet- und Technikbranche. "Gute Programmierer und Web-Ingenieure sind schon seit langem knapp." Doch der Erfolg von Firmen wie Zynga, LinkedIn oder Airbnb hat die Lage noch mal verschärft.
Die Unternehmen haben es inzwischen aufgegeben, die begehrten Nerds mit Gratis-Cocktail-Orgien, Trips nach Las Vegas oder Louis-Vuitton-Täschchen für die Freundin (so vorhanden) an sich zu binden. Nicht etwa, weil sich die Lage entspannt hätte: "Sie haben gemerkt, dass es nichts bringt - solche Events sind zwar witzig, aber nicht zielgerichtet", sagt Kosakowski.
Jemandem wie Rajat Dixit jedenfalls sind ein paar Mai Tais für lau noch nie so verlockend vorgekommen, dass er dafür den Job gewechselt hätte. Wer wie er im Monat mindestens zehn seriöse Jobangebote über LinkedIn bekommt, schaut genau hin - und verhandelt dann. Dixit hat in Indien seinen Bachelor in Computer Science gemacht, dann an der New Yorker Columbia University Ende 2009 den Master draufgesattelt. Mit diesem Abschluss konnte er schon zwischen drei Jobs wählen und zog nach San Francisco: "Ich wollte dahin, wo das Herz der Internetbranche schlägt, ich wollte etwas machen, das direkt das Leben der Konsumenten verändert."
Zunächst hatte Dixit trotzdem Pech: Sein erster Arbeitgeber machte das Büro in San Francisco nach sechs Monaten dicht - doch zwei Wochen später hatte Dixit schon wieder drei neue Offerten. Er handelte sein Gehalt weiter hoch, auf knapp 90.000 Dollar im Jahr, bekam noch einen Willkommensbonus von 5000 Dollar und fing bei Blackboard an. Die Firma hat sich auf Lernsoftware für Schulen und Universitäten spezialisiert.
Sogar um Kantinenköche balgen sich die Firmen
Dixit hat es beim Verhandeln nicht übertrieben. Wichtiger war ihm, dass Blackboard ihm ein Arbeitsvisum beschaffte. Andere Bewerber sind gieriger - und Unternehmen beweisen bemerkenswerte Kreativität, um die Techniker bei Laune zu halten. Freies Essen und Getränke, Mitgliedschaft im Fitnessclub, Tickets für den öffentlichen Nahverkehr, Krankenversicherung: Das ist meist Standard. Der Online-Marktplatz Airbnb etwa listet die Benefits trotzdem akribisch auf der Website auf, darunter "die neuesten Apple-Geräte, Happy Hour jeden Freitagnachmittag" und sogar die Lage mitten in San Francisco - ein zunehmend wichtiger Faktor für Jobinteressenten.
Dazu zahlen viele Firmen vier- oder fünfstellige Sign-on-Boni, legen iPads, iPhones oder Laptops drauf, manchmal sogar einen VW Beetle. Größere Unternehmen siedeln gern in Bürokomplexen mit einer Mall im Erdgeschoss: Restaurants, Friseur, Reinigung, Läden für den täglichen Bedarf - alles gratis für die Beschäftigten. Facebook warb für seine Firmen-Cafeteria sogar eigens den Chefkoch von Google ab.
Nach dem Einbruch der New Economy schreckten viele vor einem Technikstudium zurück, hochqualifizierte Ausländer kehrten den USA den Rücken. "Das rächt sich jetzt, der Markt ist leergefegt", sagt Jeff Winter, Gründer und CEO der renommierten Personalberatung Gravity. Während die Arbeitslosenquote in den USA bei 8,6 Prozent liegt, sind von den Tech-Arbeitern nur 4,2 Prozent ohne Beschäftigung - und das meist nicht lange. Sobald eine Firma erste Anzeichen von Problemen erkennen lässt, kreisen die Headhunter wie Geier um die Noch-Angestellten.
Manch eifriger Kopfjäger wartet gar nicht so lange: Neulich erst schickte eine Recruiting-Agentur 150 individuelle Geschenkpäckchen mit Kuchen und Plätzchen an Zynga-Programmierer. Beliebt sind auch Vermittlungsprämien: Wer einen Bekannten überzeugt, in seiner Firma anzuheuern, kann sich schnell 5000 bis 10.000 Dollar dazuverdienen.
Aktienoptionen als Wette auf die Zukunft
Nette Spielereien und Zubrote sind das. Doch in Wahrheit gucken die meisten bei der Jobentscheidung auf nüchterne Zahlen: "In den letzten fünf Jahren sind die Gehälter um mindestens 25 Prozent gestiegen", so Headhunter Winter. Jemand, der direkt von der Uni kommt, erhält locker 80.000 bis 90.000 Dollar, nach fünf bis sieben Jahren Berufserfahrung dann 150.000 Dollar oder mehr.
In Zeiten höchst spezifischer Anforderungen sind indes Uni-Abschlüsse oder Berufsjahre nur noch bedingt aussagekräftig: Leicht kann etwa ein Absolvent heute aus dem Stand mehr verdienen als jemand, der seit zehn Jahren im Job ist - weil er das Web 2.0 früh inhaliert hat und eine der gerade angesagten Programmiersprachen oder -anwendungen wie "Ruby on Rails" beherrscht.
Wichtiger noch als das klassische Gehalt aber ist equity, die heißbegehrten Aktienoptionen. Viele Berufseinsteiger sehen den Job als Wette auf die Zukunft: Kommt erst der Börsengang oder der Verkauf, lohnt sich die Sache richtig. Am meisten interessiert Tech-Talente daher, wie sich das Unternehmen voraussichtlich entwickeln wird und ob sie damit wirklich am technologischen cutting edge arbeiten.
Auch für Rajat Dixit waren die Zukunftsaussichten in seinem neuen Job wichtiger als großes Benefit-Brimborium: Ende Dezember wird er beim Musikportal Pandora anfangen. Auch diesmal kam die Offerte über LinkedIn. "Bei Blackboard fehlte mir die Perspektive", sagt Dixit. Beim personalisiertem Internetradio Pandora wird er aufsteigen zum Senior Software Engineer, zuständig unter anderem für die Android-Version. Sein Gehalt schnellt auf 125.000 Dollar plus 10.000 Dollar in Aktien nach oben. Und: Pandora kümmert sich darum, dass er endlich eine Green Card bekommt. Zudem ist Dixit großer Musikfan, lange mit eigener Radioshow als DJ, und er ist seit kurzem verlobt: "Ich möchte jetzt sesshaft werden, nicht mehr so häufig wechseln. Bei Pandora will ich mindestens fünf Jahre bleiben."
Nur einer der Giganten wird in Ruhe gelassen
Pandora wird's freuen. Denn noch anstrengender und teurer, als gute Leute zu finden, ist für die Firmen nur eines: sie zu halten. Headhunter Jeff Winter hat da so seine Erfahrungen: Er wollte einen Google-Mitarbeiter für eine Position als Chief Technology Officer bei einem anderen Unternehmen begeistern. Bei Google verdiente der Mann 320.000 Dollar und hielt Aktienanteile im Wert von 450.000 Dollar. Winters Klient bot 500.000 plus nochmals 500.000 Dollar Garantiebonus für zwei Jahre, dazu einen Sign-on-Bonus über 250.000 Dollar.
Ein äußerst lukratives Angebot, doch Google konterte mit einer Beförderung und einer Bleibeprämie (retention bonus) von 750.000 Dollar. Der Mann blieb. "Die Leute kennen die Systeme und die Produkte und sind meist kaum zu ersetzen", erklärt Winter die gigantischen Summen. Seine eigene Firma verzeichnete dieses Jahr 20 Prozent Umsatzwachstum.
Als Google und Facebook kürzlich bei Aster Data zu wildern versuchten, einer Firma für Datenanalyse in San Carlos, traf sich der dortige CEO mit jedem Einzelnen der rund ein Dutzend umworbenen hochqualifizierten Mathematiker. Und bot jedem einen Bleibebonus von einer Million Dollar. Wenn erst Tech-Riesen wie Google oder Facebook, deren Rivalität um Mitarbeiter schon legendär ist, gegeneinander antreten, geht es kaum noch um die Qualifikation des umkämpften Kandidaten - "sondern nur noch darum, wer den Längsten hat", sagt Winter nüchtern.
Nur einer der Giganten ist derzeit raus aus dem Spiel: Nach dem Tod von Steve Jobs trafen Headhunter und Silicon-Valley-Rivalen eine stille Übereinkunft, die attraktive Hinterlassenschaft an Talenten nicht zu plündern. "Apple wird in Ruhe gelassen", so Winter. Es klingt, als könne er es selbst nicht glauben.
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