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Planet Brüssel Ich mach was mit Europa

Karriere bei der EU: Arbeiten auf dem Planeten Brüssel Fotos
TMN

Eine große Idee droht zu bersten, Europa gerät aus den Fugen. Aber die EU bleibt ein erstklassiger, begehrter Arbeitgeber. Jobs in Brüssel sind gut bezahlt und hart umkämpft. Fast alle Bewerber durchlaufen den gleichen Test - gut, wenn man schon das Studium auf Europa ausrichtet.

Auch wenn die Brüsseler Behörden vielen weit weg erscheinen - die Europäische Union berührt alle Lebensbereiche der Bürger. Entsprechend groß ist ihr Verwaltungsapparat. Etwa 40.000 Menschen sind direkt bei den Institutionen der EU angestellt. Einer davon ist Constantin Gissler. Den Einstieg fand er über ein Praktikum und arbeitet heute als Parlamentarischer Referent im Büro eines Abgeordneten des Europäischen Parlaments.

Gissler hat in Oldenburg und Bremen ein Bachelor-Studium in Vergleichendem und Europäischen Recht absolviert. "Ich hätte mit dem Master weitermachen und dann auch das Staatsexamen ablegen können", sagt er. Nach einem Pflichtpraktikum im Europäischen Parlament entschied er sich aber für einen anderen Weg und absolvierte das einjährige Master-Programm am College of Europe in Brügge: "Während meines Praktikums habe ich gehört, dass Leute von dort hier ziemlich gut ankommen."

Das Europakolleg bietet einjährige Intensiv-Master-Programme an und ist so etwas wie die Kaderschmiede der EU. Gissler entschied sich trotz Jura-Bachelor für einen Master im Bereich Politik. In Brügge traf er auf ein buntes Studienumfeld. "Wir waren etwa 300 Studierende aus 53 Ländern", erzählt er. Auch der Unterrichtsstil sei besonders. "Es gibt nur einen festen Professor pro Fachbereich. Die anderen Professoren werden aus ganz Europa für die Kurse eingeflogen." Oft sind die Lehrenden auch für die Europäische Union tätig.

Das sehr stark international geprägte Lernumfeld und die Praxisnähe sieht Gissler als größte Vorteile des Masters am College of Europe. Sie würden auch den harten Auswahlprozess und Studiengebühren bis zu 22.000 Euro rechtfertigen. "Die Studieninhalte mögen anderswo vergleichbar sein, wahrscheinlich arbeitet man sogar mit den gleichen Büchern." Doch wer in Brügge studiert habe, profitiert von einem starken Netzwerk.

Alle Bewerber machen den gleichen Test

Es gibt kaum einen Job, den es bei der EU nicht gibt. "Natürlich ist die Nachfrage nach Juristen aber deutlich größer als nach Veterinärmedizinern", sagt Heinz-Rudolf Miko von der Regionalvertretung der Europäischen Kommission in Bonn. Neben Juristen seien vor allem Wirtschafts-, Sozial- und Kommunikationswissenschaftler gefragt - und "nicht zu vergessen auch alle, die etwas mit Sprachen zu tun haben."

Droht da nicht nur Beamten-Tristesse im Räderwerk der europäischen Bürokratie? Als Leiter der EU-Personalbehörde kennt David Bearfield das Imageproblem. "Manche Leute denken: Wir sitzen in Brüssel herum, tun nichts und bekommen dafür viel Geld", sagte der Brite im KarriereSPIEGEL-Interview. Völlig falsch, kontert er: In den europäische Institutionen gebe es vielfältige Möglichkeiten in ganz verschiedenen Politikbereichen, immer mit der Möglichkeit, in der Welt herumzukommen.

Der direkte Weg zum Job bei der EU führt immer über das European Personal Selection Office (EPSO). "Es ist die unumgängliche Eintrittsschleuse für alle, die eine lebenslängliche Beamtenlaufbahn bei der Europäischen Union anstreben", so Miko. Das EPSO führt den sogenannten Concours durch, das zentrale Auswahlverfahren für alle Institutionen. Um die Chancengleichheit zu wahren, müssen alle Bewerber den gleichen Test machen. Es geht nicht um Fachwissen zur Europäischen Union. Bewerber müssen vielmehr beweisen, dass sie analytisch denken und Probleme lösen können sowie kommunikativ und belastbar sind.

Trotzdem glaubt Miko, dass es für eine Anstellung sehr wichtig ist, sich bereits im Studium Hintergrundwissen anzueignen. "Denn wer in die engere Auswahl für eine bestimmte Stelle kommt, sollte eine gewisse Europakompetenz nachweisen können." Vor allem aber sollten Bewerber ein internationales Profil haben, einen Teil des Studiums oder Praktika im Ausland verbracht haben, "egal ob bei einer europäischen Institution oder sonstigen internationalen Organisation", so Miko.

"Ein Netzwerk hilft enorm"

Viele Hochschulen in Deutschland bieten inzwischen Programme an, um sich europäisches Wissen anzueignen. Meist werden European Studies als Master angeboten, vereinzelt ist die Spezialisierung auch schon im Bachelor möglich. Ein Beispiel ist der Studiengang Public Administration an der Universität Münster. Das Programm wird gemeinsam mit der Universität Twente im niederländischen Enschede angeboten. "Man macht parallel zwei Abschlüsse", erläutert Anton Basic, Studienberater des Instituts für Politikwissenschaft in Münster. "In Münster bekommt man den Bachelor of Arts verliehen, in den Niederlanden einen Bachelor of Science."

Kurse in den Bereichen Politik, Recht und Wirtschaft bilden den klassischen verwaltungswissenschaftlichen Fächerkanon. Im dritten Studienjahr werden sie auf den Schwerpunkt Europastudien angewendet. Gute Kontakte zu EU-Akteuren der Praxis, Gastdozenten und Exkursionen runden das Angebot ab. "Durch das Concours-Verfahren bietet aber auch dieses Studium keine Garantie auf einen Arbeitsplatz bei der EU", warnt Basic. Das sollte Studienanfängern bewusst sein. Allerdings gibt es noch andere Wege, um früher oder später für die Europäische Union zu arbeiten. "Viele unserer Studierenden versuchen es über ein Praktikum."

Als Praktikant sammelte auch Constantin Gissler erste EU-Erfahrungen. Im Zuge seines Master-Studiums wurde er dann schon vor seinem Abschluss von einer Anwaltskanzlei angeworben, für die er mehrere Jahre politische Lobbyarbeit in Brüssel machte. Den Job hatte bereits vor ihm eine Absolventin des College of Europe in Brügge gehabt.

Auch an seine aktuelle Stelle im Europäischen Parlament kam Gissler über einen ehemaligen Kommilitonen. Anders als bei den EU-Beamten auf Lebenszeit läuft die Vergabe der Jobs in den Abgeordnetenbüros nämlich nicht über das EPSO. "Ich bin zwar formal bei der EU angestellt, wurde aber vom Abgeordneten selbst ausgewählt. Um an solche Jobs zu kommen, hilft das Netzwerk enorm", erklärt Gissler.

Christian Vey/dpa/jol

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insgesamt 83 Beiträge
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1. Die armen überarbeiteten EU-Beamten!
kritiker111 21.10.2012
Nein, sie sitzen nicht herum und arbeiten nichts und bekommen dafür viel Geld! Es sind arme, unterbezahlte und sehr schlecht versorgte, total überarbeitete, arme Kreaturen, die von ihren Vorgesetzten ausgenutzt und gemobbt werden! Vorher müssen sie auch nioch die einjährige Gehirnwäsche zum Master am College of Europe durchlaufen, damit in ihnen ja kein falscher Gedanke in Zusammenhang mit dieser immer dubioser werdenden EU aufkommt! Es sind schon sehr geschundene Kreaturen, diese armen EU-Beamten! Und es gibt schon viel zu viele davon! Die nichts anderes mehr zu tun haben, als sich tagtäglich zu überlegen, wie sie unser Leben schwerer und teurer machen und uns noch besser überwachen und "lenken" können! Big Brother´s watching you... since 1984
2. die ziehen die besten Köpfe ab
sportsman_g 21.10.2012
und dann werden sie im langsam mahlenden vor allem dem Selbsterhalt bestimmten Getriebe bei guter Bezahlung eingellullt. Aber das gilt für alle Beamtenapparate. Wer aktiv arbeiten will, schnell umsetzen und Ergebnisse sehen will, sollte dort nicht hingehen.
3.
troon_guy 21.10.2012
Zitat von sportsman_gund dann werden sie im langsam mahlenden vor allem dem Selbsterhalt bestimmten Getriebe bei guter Bezahlung eingellullt. Aber das gilt für alle Beamtenapparate. Wer aktiv arbeiten will, schnell umsetzen und Ergebnisse sehen will, sollte dort nicht hingehen.
Schon dort gearbeitet?
4. Gleich Praxiswissen und Zeitsparen
anjariebell 21.10.2012
Traue keinen EU-Masters etc. auf Anhieb. In vielen Studiengängen werden praxisferne Stereotypen über die EU gelehrt (Multilevel Governance wie auch der europäische Parlamentarismus und die angebliche europäische Gewaltenteilung). Kostet dann Jahre, um die tatsächliche Realität in Brüssel zu durchschauen, mit Lobbys, Staatsgeheimnis, Sprachgruppen, Kuhhandel und Brüsseler Befindlichkeiten. Einfacher ist es, gleich mit einem Selbstudium im Internet zu beginnen, auch zu den brisanten, aber realitätsnahen Themen und Akteuren wie Polykratie, Jens Peter Bonde (Europäisches Parlament), Tillack (zensierter Stern-Reporter) und auch Guido Strack (Whistleblower bei der EU-Kommission).
5. Europa
trader_07 21.10.2012
"Ich mach' was mit Europa" Oh! Gibt es jetzt tatsächlich was Neues für die Unentschlossenen und Planlosen? In den letzten zehn Jahren hieß es doch immer: Ich mach was mit Medien.
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