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02. Februar 2012, 06:45 Uhr

Karriere bei der EU

"Kommen Sie nicht in Badehose"

Rund 40.000 Beamte arbeiten für die Europäische Union, viele gehen bald in Rente. Für Nachschub sorgt David Bearfield, Leiter der EU-Personalbehörde. Im Interview verrät er, was Bewerbern Pluspunkte für eine Karriere in Brüssel bringt - und warum Beziehungen nichts nützen.

KarriereSPIEGEL: Herr Bearfield, wenn Sie Ihren Job beschreiben, klingt das ziemlich dramatisch: Vom Krieg um die besten Köpfe sprechen Sie gern. Ist die Auswahl künftiger EU-Beamter so spektakulär?

Bearfield: Ja, wir brauchen für die Zukunft gut ausgebildete, engagierte junge Leute - und um die müssen wir kämpfen. Wir konkurrieren beim Personal mit internationalen Organisationen und Unternehmen. Die suchen überall nach den Besten. Das tun wir jetzt auch.

KarriereSPIEGEL: Wie viele Leute brauchen Sie?

Bearfield: Für die EU-Institutionen arbeiten etwa 40.000 Beamte, viele werden in den kommenden Jahren in Rente gehen, allein in der Kommission ungefähr jeder dritte Beamte. Wir müssen diese Leute ersetzen.

KarriereSPIEGEL: EU-Beamter, das hört sich trist an. Was bieten Sie Hochschulabsolventen?

Bearfield: Unser Image scheint in der Tat nicht immer der Realität zu entsprechen. Das kann ich als Brite bestätigen. Zu Hause kommt es nicht immer gut an, wenn ich mich als EU-Beamter vorstelle. Manche Leute denken: Wir sitzen in Brüssel herum, tun nichts und bekommen dafür viel Geld. Diese Vorurteile sind falsch! Die Möglichkeiten in den europäischen Institutionen sind vielfältig und die Herausforderungen groß: Sie können von einer Generaldirektion in die andere wechseln, in verschiedenen Politikbereichen arbeiten - Landwirtschaft, Umwelt, Industrie. Oder Sie machen Karriere in der Finanzverwaltung, im Personalwesen, bei den Computerfachleuten. Und Sie haben bei uns die Chance herumzukommen, mittlerweile haben wir Delegationen in fast allen Ländern der Welt.

KarriereSPIEGEL: Was verdient ein Einsteiger bei Ihnen?

Bearfield: Die Bezahlung ist sehr gut, man bekommt monatlich etwa 4000 Euro netto.

KarriereSPIEGEL: Früher ließ es die EU eher gemächlich angehen im Wettbewerb um die besten Köpfe - bis zu zwei Jahre mussten Absolventen warten, die sich bei Ihnen beworben haben.

Bearfield: Das stimmt, aber wir haben das radikal verkürzt. Unser vorletztes Auswahlverfahren haben wir innerhalb von zehn Monaten durchgezogen, bei immerhin 50.000 Bewerbern.

KarriereSPIEGEL: Was haben Sie geändert?

Bearfield: Wir fragen zum Beispiel bei der Vorauswahl kein Faktenwissen mehr ab. Ein engagierter EU-Beamter muss nicht unbedingt wissen, wer 1985 Präsident der Kommission war. Solche Tests hatten wir früher, die Kandidaten haben sich lange vorbereitet und viel unnützes Wissen angehäuft.

KarriereSPIEGEL: Mittlerweile machen Sie es den Bewerbern leichter?

Bearfield: Schwierig ist es immer noch, aber wir testen jetzt sinnvoller. Es geht um Kompetenz, weniger um das Abklopfen von Wissen. Unser Verfahren ist in der Regel zweistufig: Zunächst werden kognitive Fähigkeiten getestet. Die besten Bewerber werden dann in ein Assesmentcenter eingeladen, wo unter anderem ihre Fähigkeit getestet wird, komplexe Situationen zu analysieren und mit Menschen aus anderen Kulturen zu kommunizieren.

KarriereSPIEGEL: Wer kann sich bewerben?

Bearfield: Für die Verwaltungslaufbahn konnte sich bisher jeder EU-Bürger mit Hochschulabschluss bewerben. Im vergangenen Jahr haben wir den Kreis erstmals erweitert auf junge Menschen, die kurz vor ihrem Abschluss stehen. Viele beginnen mit der Jobsuche schon, während sie noch an der Uni sind, viele haben bereits ein Angebot in der Tasche. Wenn wir die Studenten nicht früh ansprechen, sind die Besten schon weg.

KarriereSPIEGEL: Wie idealistisch muss ein Bewerber sein?

Bearfield: Wir wollen intelligente Leute mit viel Sozialkompetenz, die im eigenen Fach stark sind. Aber mindestens genauso wichtig ist, dass ihr Herz für Europa schlägt, dass sie motiviert sind.

KarriereSPIEGEL: Würde es mir helfen, dass ich Sie jetzt kenne? Könnten Sie mich hineinschleusen?

Bearfield: Nein, gar nicht. Es ist ein anonymes Auswahlverfahren; eine unabhängige Jury entscheidet. Es gibt keinen Verteilungsschlüssel für die einzelnen Länder. Aus welchem Elternhaus Sie kommen oder wen Sie kennen, ist vollkommen egal. So wie bei mir: Ich komme aus einfachen Verhältnissen, habe mich beworben wie 20.000 andere auch - und den Job bekommen.

KarriereSPIEGEL: Können Sie sich noch an Ihr erstes Vorstellungsgespräch erinnern?

Bearfield: Ich hatte mich damals im öffentlichen Dienst in Großbritannien beworben und musste auch ins Assessmentcenter, für zwei Tage. Das war sehr aufregend und extrem schwierig. Am Ende war ich nicht sicher, ob ich es geschafft habe. Aber es hat mich beeindruckt: Wenn die Auswahl hart und professionell ist, muss der Job viel wert sein. So machen wir es jetzt auch.

KarriereSPIEGEL: Was muss ein Bewerber studiert haben?

Bearfield: Bei uns gibt es fast alles. Ich treffe Leute, die haben Archäologie studiert oder Griechisch. Natürlich suchen wir jedes Jahr Juristen und Wirtschaftswissenschaftler. Aber prinzipiell ist jeder willkommen, egal mit welchem Hintergrund. Ich selbst habe Fremdsprachen studiert.

KarriereSPIEGEL: Bei wem haben Sie sich Ihr neues Verfahren abgeguckt?

Bearfield: Wir haben uns vor allem bei internationalen Organisationen und im öffentlichen Dienst umgesehen, beim IWF, der Uno, der Weltbank, bei nationalen Regierungen. So mussten wir keine teuren Berater engagieren.

KarriereSPIEGEL: Wer rekrutiert am besten?

Bearfield: Am meisten beeindruckt hat uns die kanadische Regierung. Die machen das zentral in Ottawa, zweisprachig, die Assessmentcenter sind sehr professionell.

KarriereSPIEGEL: Wie wäre es mit gezieltem Headhunting?

Bearfield: Das wäre nicht anonym und widerspräche unseren Prinzipien. Mit unserem neuen Auswahlverfahren hoffen wir, die besten Kandidaten anzusprechen.

KarriereSPIEGEL: Die Standardfrage: Was zieht man beim Vorstellungsgespräch an? Muss es der Anzug mit Krawatte sein?

Bearfield: Sie kommen vielleicht nicht gerade in Badehose. Im Ernst: Die meisten Männer entscheiden sich für den Anzug, manche tragen aber auch Jeans. Ich weiß nicht, was der Jury besser gefällt.

KarriereSPIEGEL: Hat sich schon mal jemand vollkommen unpassend gekleidet?

Bearfield: Ich habe Kollegen, die sich schräg anziehen. Was die bei der Bewerbung trugen, weiß ich allerdings nicht. Aber auch die haben es irgendwie geschafft.

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