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Nachrufe auf Helmut Schmidt German Hair Force One

Helmut Schmidt (1974): "Big Mouth" oder "Schmidt the lip"? Zur Großansicht
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Helmut Schmidt (1974): "Big Mouth" oder "Schmidt the lip"?

Nicht nur in Deutschland hatte Helmut Schmidt einen Ruf wie Donnerhall. Auch die Presse in den USA und Großbritannien beeindruckte er mit seinem Charisma und Wortwitz - das zeigen die Nachrufe internationaler Medien.

Helmut Schmidt war für mich vor allem eins: The most English of all German Chancellors. Obwohl er nie in England oder in den USA gelebt hat (anders als etwa Richard von Weizsäcker), beherrschte er unsere Lieblingsfremdsprache so gut wie kaum ein anderer seiner Generation und besser als die meisten deutschen Politiker heute.

Schmidt beschrieb sich einst selbst auf Englisch treffend so: "I'm a lifetime politician and good pretender" - ein Berufspolitiker und guter … ja was? Pretender bedeutet ja nicht bloß Schauspieler, es kann auch ein Angeber oder Heuchler sein, ebenso ein Anwärter auf eine höhere Position. Und manche Deutsche scheinen wirklich an Schmidts Anwartschaft auf einen imaginierten deutschen Thron zu glauben.

Es war ausgerechnet ein Redakteur der von Schmidt herausgegebenen "Zeit", der in einem Gastartikel in der "New York Times" der Weltöffentlichkeit unterjubelte: "The public surely would have voted him king." In solchen Momenten möchte ich Märchenerzählern aus Hamburg entgegnen: Quit dreaming. Oder: Dream on! Oder: Surely - not!

Zum Posten des US-Außenministers indes hätte es vielleicht gereicht, sogar im direkten sprachlichen Vergleich mit dem früheren Amtsinhaber und gebürtigen Fürther Henry Kissinger. In ihrem Nachruf schrieb die "Washington Post" jedenfalls: "Helmut Schmidt spoke fluent English, 'better than Kissinger', some American diplomats joked."

Big Mouth strikes again

Neben seiner guten Aussprache zeichneten Witz und Schlagfertigkeit das Englisch des fünften Bundeskanzlers aus, wie ein Ausschnitt aus seiner Rede vor der Labour-Partei 1975 zeigt. Selbst wenn die Angelegenheit noch so ernst und kompliziert war, blieb Schmidt auch im Englischen stets wendig und verständlich. Noch vor drei Jahren stellte er seine sprachlichen Finessen in einer Diskussion über die Finanzmärkte unter Beweis.

Helmut Schmidt formte auch immer wieder schöne Anglizismen. Unvergessen ist etwa sein flotter Spruch von der "German Hair Force". Damit kommentierte er als Verteidigungsminister (mit flotter Frisur) den Trend zu langen Haaren in der Bundeswehr, zugleich eine Kritik an der bröckelnden Disziplin der Truppe.

"Willen braucht man. Und Zigaretten"

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Was Schmidt besonders englisch machte und auch viele Deutsche faszinierte, war sein einmaliger Stil zu streiten. Seine Unverfrorenheit. Seine Pointen. Seine Direktheit, ohne plump zu sein. Seine Indirektheit, ohne zu labern. Und seine Ironie, ohne ins Sinnleere abzudriften. Es war eine ihm eigene und untypisch deutsche Art zu kritisieren, zu provozieren, zu sticheln, anzuecken, zu überraschen - und trotzdem eine steile politische und publizistische Karriere zu machen.

Genannt wurde er ja auch "Schmidt Schnauze" - wenngleich das ziemlich großmäulig klingt, wie auch die direkte Übersetzung "Big Mouth Schmidt" der BBC. Doch Helmut Schmidt wusste, wie man eine Lippe riskiert. Und damit durchkommt. Die englische Bezeichnung "Schmidt the lip" gefällt mir viel besser.

Oh yes, I'm the great pretender

Seine Form der verbalen Streitkultur ist sonst eher in den Parlamenten von London oder Washington zu Hause als im Bundestag. Man sagt: "He was outspoken", oder: "He didn't mince words". Solche Meinungsfreude und Urteilslust macht Politiker (und uns Normalos) in Deutschland sonst eher verhaltensauffällig als erfolgreich.

Wie er auch wortlos punktete, zeigt eine Anekdote aus dem Jahr 1979: Bei einem EG-Gipfeltreffen in Dublin stellte sich Schmidt demonstrativ schlafend, als Margaret Thatcher nicht aufhörte, ihre Zuhörer mit den ewig gleichen Forderungen zu nerven. Da war er wirklich "a good pretender" - as he pretended to sleep.

Eine ganz andere Episode aus Schmidts Leben hat Amerikaner und Briten fasziniert. Dem Magazin der "New York Times" vertraute er 1984 in einem noch immer sehr lesenswerten Interview an, dass sein Vater das uneheliche Kind eines jüdischen Bankiers gewesen war. Um unter Hitler Karriere machen zu können, führte Schmidt gefälschte Papiere mit sich, die ihn als Arier auswiesen. Verblüfft blickten vor allem jüdische Freunde in New York oder London auf diesen Ausschnitt seiner Biografie: Hatten falsche Papiere nicht zumeist zu einer Flucht aus Nazi-Deutschland gedient?

Von München bis Hamburg habe ich in den vergangenen Tagen etliche irreführende Charakterisierungen gehört. Talkative (geschwätzig) sei Schmidt gewesen - doch um "wortgewandt" auszudrücken, sagt man articulate, well-spoken oder glib. Auch big (dick) war Schmidt sicher nicht, sondern major, great, influential, weighty oder sogar seminal. Die "Sunday Times" in Südafrika nannte ihn auch einen strongman ("who helped bring down the Soviets").

Die Nachrufe (obituaries) der englischsprachigen Medien liefern interessante Einschätzungen. Die "New York Times" nannte Schmidt einen "magnetic speaker" und "pugnacious debater" - einen streitlustigen Redner. Doch bei aller Höflichkeit konnte er auch vernichtend auftreten, wie die "Washington Post" erklärte: "Almost always polite and correct in official public statements, Mr. Schmidt was often scathing in his private assessments and - surprisingly incautious for a head of government."

About Schmidt: "Disagreement was a sign of idiocy"

Im Nachruf des "Economist" wird Schmidt als intellektuelles Ekel beschrieben: "He was so clever, and so rude with it, that his listeners sometimes realised too late that they had been outwitted and insulted. He did not just find fools tiresome. He obliterated them. The facts were clear and the logic impeccable. So disagreement was a sign of idiocy."

Die "Financial Times" unterstrich seine "Clearheadedness"; unter allen Kanzlern habe ihm der "Mantel des Staatsmanns" am besten gepasst: "None wore the mantle of statesmanship…with more poise (Selbstsicherheit) and more trenchant professionalism (professionellem Fokus)".

Seine "genialen", "erstklassigen" und "scharfsinnigen" Eigenschaften als Kanzler oder Volkswirt, Pianist oder Autor werden häufig als "brilliant", "first-rate" und "ingenious", "astute" oder "cunning" beschrieben. Oder schlicht: "He was a shrewd Chancellor and skilled economist." Vorsichtig hingegen mit genial: Das bedeutet "zuvorkommend" wie etwa ein freundlicher Kellner - und das war er ja bei Weitem nicht.

Eine typische Stolperfalle für Deutsche ist der "Macher": Man spricht nicht von einem "maker", jedenfalls solange nicht von einer gottähnlichen Figur die Rede ist. Im Alltag ist damit der Hersteller einer Sache gemeint - a maker of goods. Schmidt war vielmehr das, was der "Guardian" einen man of action nennt, der "Economist" einen doer. Und die "Washington Post" hat es so umschrieben: "He was a dedicated pragmatist, what they call a 'macher' in German, someone who gets things done but also gives off the sense that he knows best."

Hauptsache, man verwechselt ihn nicht mit Harald Schmidt - so wie es in der vergangenen Woche der "New York Times" in einem Link passierte.

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insgesamt 15 Beiträge
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    Seite 1    
1. Schmidt war Top--
fritzausDA 23.11.2015
---- auch mit all seinen Fehlern. Lasst ihn doch bitte endlich in Frieden ruhen ! Danke!
2.
Kamillo 23.11.2015
Ich habe fasziniert in den vergangenen Zeit einige Interviews mit ihm gesehen, HS hatte eine bewundernswerte Rhetorik, ich wäre froh, wenn ich das auch so könnte. Manchmal sagt er durch Nichs sagen oder um die Antwort herum drücken mehr, als was man mit Worten sagen kan. Wir haben da einen ganz Großen verloren! Wenn ich Bilder von HS sehe, kommen mir immer ein bischen die Tränen, das war auch damals schon so bei der Machtübernahme durch "Birne".
3. Netter Artikel,
stuff 23.11.2015
flott geschrieben. Danke!
4. Er wird uns nicht nur einfach fehlen,
postit2012 23.11.2015
sondern fehlt uns schon seit Wochen.
5. Politische Unreife
stephansindern 23.11.2015
Schmidt bemerkte, dass die Deutschen politisch unreif sind. Das gilt wohl auch fuer die Kommentatoren: 'Groesse' und Charisma ziehen noch immer mehr als die Fakten. Als 'Keynesianer' angefangen und dann nicht zurueckzahlen, sondern einen Haufen Schulden hinterlassen, ja das Schuldenmachen gradezu intialisert zuhaben, kommt mir nicht grade gross und weitsichtig vor. Wie der von Ihnen zitierte Economist schreibt: "Anyone who disagreed was stupid".
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