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Englische Sprachfallen Bitte melden Sie sich nie wieder!

Wachsoldat in London: "That's a very brave proposal" Zur Großansicht
AP/dpa

Wachsoldat in London: "That's a very brave proposal"

Schlechtes Englisch ist längst Weltsprache, da brauchen Deutsche sich nicht zu verstecken. Dennoch rät Kolumnist Peter Littger zur Vorsicht: Fallen lauern überall. Wenn ein Brite "slightly concerned" ist, ein "tiny problem" sieht oder "I almost agree" sagt - dann droht oft richtig Ärger.

Sollte jemand besorgt darüber sein, nur "Pidgin English" zu sprechen, also Englisch eher hölzern und ungelenk als geschliffen wie ein Brite oder lässig wie ein Amerikaner, dann besteht zunächst kein Grund zur Sorge: Mag das Englisch der Engländer und Amerikaner eine Weltsprache sein, so ist Behelfs-Englisch längst die Weltsprache. Sprachforscher und Lehrer nennen es "English as a Foreign Language" oder kurz: EFL. Und manchmal auch boshaft BSE (für "Bad Simple English").

Dass dieses EFL nicht immer viel mit dem Original gemein hat, zeigte mir diese knappe Unterhaltung an einem Hotelempfang in Bangkok:

Besucher: "Have room?"
Rezeptionist: "No room."
Besucher: "Nebbelei."

Nebbelei?

Für mich klingt das stark nach einer Variation auf "never mind", die Asiaten häufig verwenden; einiges spricht aber auch für die Redewendung "mai ben lai" aus dem Thailändischen. Beides bedeutet etwa das Gleiche ("kein Problem", "halb so schlimm", "macht nichts") - aber englische Muttersprachler steigen begriffsstutzig aus, jedenfalls wenn sie Nebbelei zum ersten Mal hören. In ihren Ohren ist es sinnloses Kauderwelsch, ein lautmalerisches Wortgebilde. Vielleicht so, als wäre für uns Deutsche der lustige Verhörer "Anneliese Braun" ("All the leaves are brown") aus dem Lied "California Dreamin'" ein gängiger Ausdruck für "Herbst":

"What's your fave season, mate?"
"Anneliese Braun."
"Smashing!"

Ein aktuelles Bespiel für real existierendes Kauderwelsch in unserem denglischen Sprachraum ist übrigens der Name des Duschkopfs, den Stefan Raab erfunden hat: Er heißt "Doosh" - und jeder, der nicht Deutsch spricht, wird "Douche" (von "Douchebag") verstehen. Es bedeutet: "Trottel".

Nebbelei!

Vor wenigen Tagen fragte der britische Journalist Michael Skapinker in der "Financial Times": "Wem gehört Englisch in der globalen Welt?" Gestützt auf die Aussagen von Wissenschaftlern, die sich mit EFL beschäftigen, formulierte er den "Glaubensatz" ("orthodoxy") an den linguistischen Fakultäten: "Englisch gehört allen - nicht mehr nur den Engländern oder Amerikanern." Also gehört Englisch jetzt auch uns.

"A very brave proposal", das bedeutet: Du hast 'nen Knall

Wenn das stimmt, bedeutet es, dass Denglisch ein weltweit anerkannter Dialekt des Englischen ist, den zwar nicht auf Anhieb jeder in Bangkok, London oder New York versteht, aber dafür umso mehr Menschen in Tübingen, Gera - und unsere lieben Hamburger. Viele denglische Konnotationen sind in keinem offiziellen englischen Wörterbuch verzeichnet, aber dafür in unserem geistigen Sprachzentrum. Ich nenne sie "Denglizismen":

  • "Public Viewing" - außerhalb Deutschlands eine "Leichenaufbahrung"
  • "Oldtimer" - anstelle von "Classic car" oder "Antique car"
  • "Shakehands" - statt "Handshakes"
  • "Gin Tonic" - statt "Gin and Tonic"

Und es stimmt, was die Forscher sagen: Die meisten Denglizismen versperren nicht den Weg für eine reibungslose Kommunikation - vor allem dann nicht, wenn EFLer unter sich sind.

Problematisch wird es erst, wenn echte Engländer, Amerikaner und ihre muttersprachlichen Verbündeten anfangen zu senden. Das nämlich fordert von uns zu verstehen - und schon beginnt das große Rätselraten, was eigentlich genau gemeint ist. Dazwischen können so viele Meilen liegen, dass sich bereits Beamte der EU mit dem Phänomen beschäftigen.

Es kann nämlich die Zusammenarbeit empfindlich stören, wenn etwa ein Brite sagt: "I almost agree", aber "I don't agree at all" meint - während der Rest des Kontinents zuversichtlich nickt. Ähnlich schockierend sind die Wahrheiten über Bemerkungen wie "That's a very brave proposal", "Very interesting" oder "I am sure it's my fault". Was das tatsächlich bedeutet? Die Auflösungen finden Sie hier.

Wann wird Boris Elvis finden?

Wie kritisch solche Momente sein können, erlebte ich einmal, als mir ein hoher Beamter der englischen Königin in einer E-Mail schrieb: "I know our offices are in contact." Toll, dachte ich - bis mir die Frage durch den Kopf schoss, die mich auch zu dieser Kolumne bewegt hat: Was um alles im Empire hat das zu bedeuten? Drei Möglichkeiten hielt ich für realistisch:

a) Sie haben eine ähnlich pompöse Infrastruktur wie ich - Sie cooler Typ!

b) Sie sollten doch jemanden haben, der diesen Kleinkram für Sie bearbeitet. Spannen Sie Ihre Ms. Moneypenny besser ein, und lassen Sie uns nicht auf der operativen Ebene verkehren.

c) Bitte melden Sie sich nie wieder.

Nach drei Minuten hielt ich a) für unpassend und tendierte vorsichtig zu b). In der Kommunikation klammerte ich fortan praktische Themen aus. Trotzdem schlief der Kontakt nach wenigen Wochen ein. Im Ergebnis war das c) - und ich war um eine interkulturelle Erfahrung reicher.

EFL hin oder her, mein learning lautet: Im englischen Sprachraum haben wir es oft mit geschulten Konfrontationsvermeidern zu tun, die selbst das größte Desaster noch als "Unannehmlichkeit" ("inconvenience") bezeichnen und jede Grausamkeit verschleiern und verkleinern können. Zum Beispiel:

"We are slightly concerned about your decision." - "Das geht gar nicht."

"There was a tiny problem at the heart of your presentation." - "Das ging gar nicht."

Andrea Nahles reichte neulich übrigens ein einziger Satz, um zu demonstrieren, was unsere öffentliche Sprachkultur weiterhin von der britischen und der amerikanischen unterscheidet. Nach mehreren Stunden Sondierung mit der CDU beklagte sie schnörkellos: "Ich war 2005 bei den Koalitionsverhandlungen dabei, da gab es wenigstens Alkohol, heute war ja echt nix." Unvorstellbar, dass ähnlich offene Worte heute noch Spitzenpolitikern in Washington oder in London über die Lippen kämen.

Selbst Londons flapsiger Bürgermeister Boris Johnson spricht längst nicht mehr direkt über Alkohol, sondern nur noch über Kuchen. Früher sagte er einmal: "My policy on alcohol is pro having it and pro drinking it." Heute trägt er brav vor: "My policy on cake is pro having it and pro eating it." Vielleicht will er damit dasselbe sagen - wer weiß das schon. Wo Gedanken und Worte nicht mehr übereinstimmen, entstehen burleske Chiffren. Wie auch bei Johnson: "I have as much chance of becoming Prime Minister as of being decapitated by a frisbee or of finding Elvis."

  • KarriereSPIEGEL-Autor Peter Littger sammelt in seiner "Fluent English"-Kolumne die schönsten Englisch-Patzer und Beispiele für sprachliche Kreativität. Ihn beschäftigt seit der Schulzeit, wie wir Deutschen im Ausland ankommen und mit fremden Sprachen und Sitten umgehen. 1990 gründete er im englischen Internat Dover College die "European Party" und erlebte erstmals, wie es sich anfühlt, den völlig falschen Ton zu treffen. Heute kennt er viele kleine Kulturschocks:
  • als Mitarbeiter einer Londoner Unternehmensberatung...
  • und als Vorsitzender der ältesten Deutsch-Britischen Stiftung.

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insgesamt 227 Beiträge
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    Seite 1    
1. Danke
mc6206 24.10.2013
Zitat von sysopAP/dpaSchlechtes Englisch ist längst Weltsprache, da brauchen Deutsche sich nicht zu verstecken. Dennoch rät Kolumnist Peter Littger zur Vorsicht: Fallen lauern überall. Wenn ein Brite "slightly concerned" ist, ein "tiny problem" sieht oder "I almost agree" sagt - dann droht oft richtig Ärger. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/kolumne-fluent-english-schlechtes-englisch-als-weltsprache-a-929618.html
etwas zugelernt, auch wenn ich seit 30 Jahren englisch arbeite.
2. Schulenglisch
hugipops 24.10.2013
Schlechtes englisch fängt schon in der Schule an: Übersetze JA und NEIN" - schon erwischt ? Höflich immer: Yes please, - No thank you.
3. Zum Thema Andrea Nahles
byxelkrok 24.10.2013
Auch in Deutschland würde ein(e) Spitzenpolitiker(in) so etwas nicht sagen. Insoweit passt es wieder.
4. hahahaha
fitti.ruukismakinan 24.10.2013
So etwas kommt dabei heraus, wenn ein Intellektueller versucht, lustig zu sein! Gähn.........
5.
mcmercy 24.10.2013
Ich denke dem Briten sollten durchaus bewußt sein, dass ihre spezielle Art etwas durch die Blume zu sagen nicht bei jedem Fremdsprachler ankommt. Wenn ich mich mit einem nicht Muttersprachler auf Deutsch unterhalte versuche ich auch missdeutige Formulierungen zu vermeiden. Insofern wäre Ihr Artikel dann eher was für die Briten, da diese offensichtlich die Fremdsprachenkenntnisse der Ausländer überschätzen, was sie dann mit den Werbern gemeinsam hätten.
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