Aus New York berichtet Christine Mattauch
Mit dem Stipendium erfüllte sich für Melanie Wurm ein Traum. Zwei Jahre durfte die promovierte Veterinärmedizinerin in Seattle arbeiten, am Fred Hutchinson Cancer Research Center - eine Top-Adresse weltweit, mit besten Bedingungen für junge Spitzenforscher. Bleiben jedoch wollte die 33-Jährige nicht. Nach Ablauf der Zeit bewarb sie sich ausschließlich jenseits des Atlantiks, der Vertrag mit einem deutschen Arbeitgeber ist so gut wie unterschrieben. "Ich bin keine Ausnahme", sagt Wurm. "Das Gros meiner deutschen Kollegen will zurück."
Freiwillig zurück nach Deutschland - das war noch vor 10, 15 Jahren für die Wissenschaftselite kaum denkbar. Wer es geschafft hatte, eine internationale Spitzenposition zu ergattern, der blieb im Ausland, wissend, dass er ähnlich gute Bedingungen in Deutschland nicht vorfinden würde.
Der "Brain Drain" machte Schlagzeilen: Vom Schwund des intellektuellen Kapitals war die Rede, vom Verlust der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Doch nun müssen die USA, das beliebteste Auswandererland, um ihre Spitzenleute fürchten. Immer mehr von ihnen zieht es in die Ferne - und die Deutschen machen sich dabei oft auf den Heimweg.
"Wenn man vor einigen Jahren das Thema Rückkehr ansprach, war die Standardreaktion: Was wollt ihr von uns? Ihr habt doch nichts zu bieten", sagt Irmintraud Jost, die in New York die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg vertritt. "Das hat sich ganz deutlich geändert." Auf einer jährlichen Veranstaltung für Rückkehrwillige des German Academic International Network (GAIN) fanden sich im vergangenen Jahr über 300 Wissenschaftler ein, dreimal so viel wie vor zehn Jahren.
Die hochverschuldeten USA haben weniger Mittel zur Verfügung
Auch an anderer Stelle haben die USA zunehmend Probleme. Tausende Einwanderer arbeiten in den USA und sorgen zwar weiterhin für Wachstum. Doch hoch qualifizierte Kräfte drohen dem Land den Rücken zu kehren. Viele dieser Einwanderer zieht es vor allem nach Asien.
Das hat viel mit der Situation nach der Wirtschaftskrise zu tun. Sie sorgte für hohe Ertragseinbrüche bei den Stiftungsfonds, die in den USA die Finanzierung der privaten Hochschulen sichern. Die Folge: Budgetkürzungen. Selbst die berühmte Ivy League setzte den Rotstift an - Dartmouth in Hanover (New Hampshire) kürzte zum Beispiel ihren 700-Millionen-Dollar-Etat im Jahr 2009 um mehr als 10 Prozent. An der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät in Yale wurde im vergangenen Jahr kaum eine Stelle neu besetzt.
Auch die öffentlichen Hochschulen sparen, weil der hoch verschuldete Staat weniger Mittel zur Verfügung stellt. Immer häufiger passiert in Amerika das, was man bis heute deutschen Hochschulen vorwirft: Stellen für Jungakademiker werden, wenn überhaupt, befristet und ohne vorgezeichneten Karriereweg (Tenure Track, siehe Infokasten) ausgeschrieben.
Ein engmaschiges Netz
Deutschland hingegen ist aufgewacht und wirbt aktiv um die Auslandselite. Sie ist begehrt, weil sie mit einem Zuwachs an fachlichem Wissen und kulturellem Verständnis ebenso wie mit internationalen Kontakten aufwarten kann. Auf 5400 Hochqualifizierte schätzt das Institute of International Education die Zahl der promovierten Deutschen an US-Hochschulen, hinzu kommen Hunderte an privaten Forschungseinrichtungen und Labors. Auch in Unternehmen arbeiten Tausende potentielle Rückkehrer.
In New York existiert ein engmaschiges Netz, um die ausgebüxten Akademiker wieder einzufangen. Verbindungsbüros einzelner Hochschulen, Ländervertreter und Repräsentanten von Forschungseinrichtungen belegen im Deutschen Haus in Manhattan, das auch das Generalkonsulat beherbergt, die komplette 15. Etage. Hinzu kommen Initiativen wie das vor zwei Jahren gegründete German Center for Research & Innovation (GCRI), das atlantikübergreifende Diskussionsforen organisiert.
Ein eigener Kosmos ist da entstanden, mit dem German Academic International Network (GAIN) als Mittelpunkt. Die vor zehn Jahren gegründete Organisation koordiniert Treffen und Tagungen, auf denen die Wissenschaftler und Hochschulvertreter Kontakte knüpfen. Über ein Online-Verzeichnis vernetzt sie die Nordamerika-Deutschen auch untereinander und hält sie in einem monatlichen Newsletter über Stellenausschreibungen, Rückkehrstipendien und Veranstaltungen auf dem Laufenden. "Keiner kann heute mehr sagen, es werde sich nicht um ihn gekümmert", sagt Katja Simons, Leiterin von GAIN in New York.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Karriere an der Uni - KarriereSPIEGEL | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH