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Deutsche Designer in China Gebt uns ruhig die Abstellkammer

Designer in China: Zwischen Eiffelturm und Kölner Dom Fotos
AFP

Selbst eine Luxuswohnung ist wenig attraktiv, wenn acht Zentimeter große Kakerlaken darin herumkrabbeln. Zwei Münchner Designer lockten trotzdem ihre ehemaligen Kommilitonen zu sich ins chinesische Shenzhen - mit lukrativen Jobs und dem Eiffelturm.

"Als wir in Shenzhen ankamen, war die Stimmung eher surreal. Vom Hotelbalkon aus guckten wir auf den Eiffelturm, die Freiheitsstatue und den Kölner Dom. Die Attrappen gehören zum Themenpark 'Window of the World', eine Grünanlage vollgepackt mit westlichen Wahrzeichen. In unserem Hotel standen in der Lobby Gondoliere in ihren Booten. Das sollte wohl zum Namen passen: Das Hotel gehört zu einer Kette und trägt den Zusatz 'Venice'.

Unser Ankunftstag war St. Patricks Day, und nach dem Abendessen landeten wir in einem Irish Pub. Alle hatten grüne Perücken auf und sprachen Englisch. Kein Wunder: In Shenzhen haben fast alle internationalen Firmen ihren Sitz. Und wir, zwei Manager der Design- und Innovationsagentur Designit aus München, sollten hier für einen großen amerikanischen Audiotechnologie-Konzern ein Designbüro aufbauen, in dem zum Beispiel Kopfhörer, Lautsprecher und Soundsysteme entwickelt werden. Zwölf Monate hatten wir dafür Zeit.

Zu Beginn gab es weder Räume noch Mitarbeiter. Und wir mussten erst mal eine Wohnung finden. Dabei half uns Alice, eine chinesische Maklerin. Im Nachhinein betrachtet war unsere Bleibe ein wenig zu luxuriös für uns: 21. Stock, 120 Quadratmeter, Meerblick. Zwei Balkone und Badezimmer. Und eine große Terrasse, die bei Monsun knöchelhoch unter Wasser stand. Der Quadratmeterpreis war von Münchner Preisen nicht weit entfernt. Dazu gab es in der Wohnanlage ein Fitnesscenter, Tennisplätze, ein Restaurant und einen kleinen Supermarkt - und viele Kakerlaken. Manche bis zu acht Zentimeter groß.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Wir fuhren täglich in einen Hightech-Park namens Nanshan, in einem der neueren Stadtviertel von Shenzhen. Unser Kunde hatte dort zwei Stockwerke in einem Bürogebäude einer Software-Firma. Von außen wirkte das Haus ein wenig wie ein Sternenzerstörer aus 'Star Wars'.

Am Ende eines Ganges fanden wir eine Abstellkammer, die wir umbauen durften. Wir machten eine Skizze, kümmerten uns um Beleuchtung, Parkettboden und Einrichtung. Schon wenige Wochen später waren wir startklar. Überhaupt scheint in China alles wahnsinnig schnell zu gehen. In Deutschland hatten wir uns die neueste Ausgabe des 'Lonely Planet' besorgt, wenige Wochen alt. Darin war von drei U-Bahn-Linien die Rede. Als wir in Shenzhen ankamen, gab es schon sechs Linien.

In den ersten Wochen versuchten wir erst einmal, ein Team zusammenzustellen. Wir aktivierten unsere Netzwerke, schrieben unsere ehemaligen Unis in Graz, München und Umeå an. Und posteten das Gesuch in Portalen wie coroflot.com und behance.net. Schon bald trudelten diverse Antworten ein. In den kommenden Wochen und Monaten führten wir zahlreiche Bewerbungsgespräche via Skype. Unsere ersten Mitarbeiter waren ein Schwede, ein Kanadier, ein Koreaner, ein Taiwaner, ein Russe und ein deutschstämmiger Pole - allesamt junge Designer, weltoffen und relativ ungebunden. Fast alle künftigen Kollegen kamen erst einmal bei uns in der großen Wohnung unter, bis sie eine Bleibe gefunden hatten.

Rauchen in der Indoor-Skihalle

Mit den Einheimischen hatten wir vor allem Kontakt beim Taxifahren, Einkaufen und Essengehen. Hilfreich waren da die bilderreichen Speisekarten. Wir wussten nach kurzer Zeit, was schmeckt und von welchen Eingeweiden und Knorpeln wir eher die Finger lassen sollten. Taxifahren war die größere Herausforderung: Adressen werden in Shenzhen nicht mit Straßenname und Hausnummer beschrieben, sondern eher narrativ. Unsere Adresse 'Hongshu Xi'an' - oder auf Englisch: 'Mangrove West Coast' - wurde von Taxifahrern nur in einem von zwei Fällen richtig verstanden. Wir wussten nie, ob es an unserer schlechten chinesischen Aussprache lag oder ob der Taxifahrer schlichtweg die Adresse nicht kannte. Meistens kamen wir aber irgendwie ans Ziel.

Für Sightseeing, Ausgehen oder Sport blieb uns wenig Zeit. Öffentliche Parks sind in der Stadt rar. So landeten auch wir zwangsläufig im 'Window of the World'-Park. Der Eintritt kostet rund zehn Euro, und man kann dort sogar in 'The Alps' Skifahren. Bei 40 Grad Außentemperatur schlittert man in einer stark verrauchten Indoor-Skihalle eine hundert Meter lange Piste hinunter. Gemeinsam mit kleinen chinesischen Kindern, die dort Skifahren lernen oder auf einer Eislaufbahn Pirouetten drehen.

Mit einer Monorail ist der Park mit einem weiteren Themenpark verbunden: 'Splendid China - Welcome to our World!'. Hier sind etwa die Chinesische Mauer und die Verbotene Stadt nachgebaut. Befremdlich fanden wir den 'Forest of Fame', ein Weg gesäumt von Bäumen, die angeblich von den bekanntesten Menschen der Welt gepflanzt wurden. Wir erkannten aber beim Durchgehen nicht viele Prominente - abgesehen von ein paar afrikanischen Despoten.

Kellnerinnen im Stewardessen-Kostüm

Das Nachtleben in Shenzhen ist schnell erklärt: Geschäftsmänner und -frauen aus der Expatriates-Community gehen in westlich angehauchte Nachtclubs, Pubs oder Discotheken. Das 'chinesische Ausgehen' kommt sehr pubertär daher: Ein Türsteher in Militärkluft steht am Eingang. Es ist laut. Man mietet einen Tisch. Und trinkt.

Meist werden Unmengen von Bier und eine Flasche harter Alkohol bestellt. Frauen im Stewardessen-Kostüm bringen die Getränke, und eine weibliche, eher leichtbekleidete 'Fake-DJane' legt fürchterlich laute Musik auf, die eigentlich von DJs im Hintergrund kommt. Irgendwann tanzen Russinnen Samba, und alle Chinesen spielen irgendein Trink-Würfelspiel an den Tischen. Reihenweise fliegen die Leute aus der Kurve. Es ist grotesk, aber auch wir spielten wir das Spiel ab und zu mit.

Unser Job in China war uns zunächst wie ein Paradoxon vorgekommen: Bei einem erfolgreichen Aufbau des Büros machen wir uns als Designagentur mittelfristig vielleicht überflüssig. Sind wir nicht erfolgreich, könnten wir unseren Kunden ganz verlieren. Doch da kein Erfolg auch keine Lösung ist, legten wir los: In 50 Wochen haben wir mit unserem neuen Team 25 Produkte konzipiert, gestaltet und entwickelt. Und 22 internationale Design- und Innovationspreise gewonnen.

Als wir wieder in Deutschland ankamen, waren wir stolz. 'Unserem Baby' hatten wir die ersten Schritte beigebracht. Und im Rahmen eines neuen Beratungsmandats können wir weiter mit unseren Kollegen zusammenarbeiten und nach China reisen. So ist Shenzhen immer noch ganz nah. Und doch weit weg."

Kulturschock

  • Matthias Schmiedbauer (Jahrgang 1983) hat in München und Umeå Produkt- und Industriedesign studiert. Seit seinem Abschluss 2009 arbeitet er bei Designit in München. Manuel Gattinger (Jahrgang 1982) hat in Graz und Umeå Produkt- und Industriedesign studiert. Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst als Produktdesigner bei Nokia in London. 2009 wechselte er zu Designit nach München.

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insgesamt 25 Beiträge
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1. Kultur
derauskenner 11.07.2013
Hier wäre doch die Nachfrage angebracht gewesen, ob sich die besoffenen Chinesen denn benehmen können oder nicht. Und wer sich nicht benimmt bekommt von der Polizei welche auf den Latz. Eigentlich normal. Nur bei uns nicht (vgl. Bremen), hier kann jeder Wilde Sau spielen, sich zu koksen und besaufen und wenn dann die Polizei erscheint auch noch ausfallend werden. Aber hinterher ne RIESEN (Bild-)Welle machen wenn so einer mal einen zu viel mitbekommt. Verkehrte Welt.......!
2. Interessant und sehr mutig!
rybap 11.07.2013
Hätte gern noch mehr gelesen! Viel Glück!
3. Riesenkakerlaken
bertholdalfredrosswag 11.07.2013
Ich kenne vier cm. große Kakerlaken in Südamerika. und in den Slams von Rio. In China sind sie acht cm. groß. Es ist eben doch ein Riesenreich und entsprechend kann man riesig übertreiben
4. Ist das nun Werbung..
chinsa 11.07.2013
für 22 Designpreise oder ein pubertärer Erguß über 50 Wochen in China? Mit der Wirklichkeit in Shenzhen hat das kaum etwas zu tun, eher mit der Hochnäsigkeit junger deutscher "Expats".
5. Shenzhen, meine Heimat,
cekay1 11.07.2013
hat viel Parkanlagen, vorallem die entlang Shenzhen Bay ca 15 km lang. Richtig ist, die Stadt entwickelt sich noch immer sehr schnell.
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