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Vom Südsudan nach Bayern Mittendrin im Werberwahnsinn

Kulturschock in Deutschland: Ein Südsudanese in München Fotos
Serviceplan Campaign

In seiner Heimat entwirft Godfrey Mawadri Firmenschilder, mit Pinsel und Farbe. Eine Münchner Werbeagentur erfüllte ihm seinen größten Wunsch: mit anderen Kreativen arbeiten. Aufzugfahrten, Mittagessen, Bayern-Feiern - für den jungen Afrikaner ist alles ein Abenteuer.

Wo Deutschland liegt, wusste er nicht genau. Aber sie hatten ihm Fotos gemailt aus München. Von den schönen alten Häusern, den Biergärten, der Allianz-Arena. Auf den Bildern sah die große Stadt im fernen Deutschland aus wie ein freundlicher, sonniger und warmer Ort. Als Godfrey Mawadri, 26, dann nach einer langen Reise aus dem Flugzeug stieg, war es weder sonnig noch warm.

Als erstes fuhren seine neuen Kollegen mit ihm nicht in den Biergarten, sondern ins Kaufhaus und statteten ihn aus mit Winterjacke, Wollmütze, warmen Pullovern. Obwohl es mittlerweile wärmer ist, setzt Mawadri die graue Mütze nur selten ab. "Ich fühle mich nicht fremd", sagt er. Und klingt dabei wie jemand, der sich den Arm gebrochen hat, auf den Gips schaut und sagt: tut gar nicht weh.

"Ein Werbegrafiker im Südsudan", so war ein Interview mit ihm betitelt, das im März im Wirtschaftmagazin "Brandeins" erschien. Dort erzählte er, dass er im Monat 850 Südsudanesische Pfund verdient, etwa 217 Euro. Dass er sein Geschäft in einer fensterlosen Garage betreibt. Und dass er gern mal sehen würde, wie Werbedesigner im Ausland arbeiten. Wenige Wochen später erreichte ihn die Einladung aus Deutschland: Eine Münchner Agentur bot ihm ein dreimonatiges Praktikum an, inklusive Flug und Unterkunft.

Der Kontrast könnte kaum größer sein: vom Südsudan, mit einem jährlichen Bruttoinlandsprodukt von rund 1000 Euro pro Kopf, nach München, wo sich mit 1000 Euro kaum die Monatsmiete für eine Zweizimmerwohnung bezahlen lässt.

In Nimule ist Werbung noch echte Handarbeit

Das iPhone, das ihm die Agentur für die drei Monate in die Hand gedrückt hat, kann Godfrey Mawadri mittlerweile prima bedienen. Stolz wischt er sich mit dem Zeigefinger durch die Fotos vom letzten Wochenende. Ein Kollege hat ihn mitgenommen auf eine Messe für urbane Kunst. Mawadri hat auch Fotos von seinen eigenen Gemälden gespeichert. Die malt er abends in seinem Apartment, farbenfrohe Bilder mit afrikanischen Motiven.

Eins davon hat die Mutter eines Kollegen gekauft. Nun träumt Mawadri davon, viele weitere zu verkaufen. Auf seinem Schreibtisch in der Agentur liegt schon ein kleiner Zettel, auf dem er Preise verschiedener iPad-Varianten notiert hat.

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Doch nach seinem Praktikum wird er erst einmal in ein Leben ohne Elektrizität und fließendes Wasser zurückkehren. Im Städtchen Nimule an der Grenze zu Uganda gehört dem 26-Jährigen eine kleine, runde Hütte mit einem Dach aus Schilfgras. Er hat ein Diplom in Computergrafik, doch seit sein chinesischer Billig-PC den Geist aufgegeben hat, ist Werbung Handarbeit für ihn. Firmenschilder malt er mit Pinsel und Farbe.

Im Münchner Großraumbüro unter dem Dachspitz der Agentur Serviceplan arbeitet Godfrey an einem neuen Logo für seine Firma. Er hofft, dass ihm der wirtschaftliche Aufschwung seines jungen Landes bald viele neue Kunden bringt und er in Technik investieren kann.

Werbetexter Lorenz Langgartner und einige seiner Kollegen kümmern sich rührend um den Praktikanten aus dem Südsudan. Was sich im ersten Augenblick anhört wie ein lustiger PR-Einfall, eine nette kleine Randnotiz im Werberalltag, ist für sie ein zeitraubendes Projekt. Der normale Irrsinn in der Agentur muss schließlich weiterlaufen. "Eigentlich kann man Godfrey nicht mal allein Aufzug fahren lassen", sagt einer. "Wir haben ganz schön unterschätzt, wie aufwendig die Betreuung ist."

Fürs Kritzeln gab es Schläge vom Vater

Außer "Servus, wie geht's?" und "An Guadn" spricht Mawadri kaum ein Wort Deutsch. Jedes Mittagessen ist für ihn ein Abenteuer. Spargel, Schweinebraten, Bruschetta? Die Speisekarte ist kaum vermittelbar. Im Südsudan gibt es meist nur einen Brei aus Getreide, Bohnen und getrocknetem Fisch.

Der Praktikant wundert sich täglich, wie gut das Leben in Deutschland organisiert ist. Er staunt auf seinen Spaziergängen durch die Stadt: wie so viele Autos auf der Straße unterwegs sind, ohne dass Chaos ausbricht. Wie geordnet das Leben in der Großstadt funktioniert.

Langgartner findet es dennoch blöd, nur über die Unterschiede beim Essen, Wohnen oder Arbeiten zu reden. "Vieles ist doch gleich", sagt er. "Wie wir mit Stress umgehen, wie wir uns entspannen, wie wir Ideen entwickeln." Mawadri sagt, er freue sich am meisten darüber, dass er endlich mit anderen Kreativen über seine Ideen sprechen könne. In seiner Heimat seien Kreativität und Kunst nicht angesehen. Vom Vater gab es Schläge, weil er die Schulbücher mit Zeichnungen vollkritzelte.

"Was die hier machen, ist wirklich super", sagt er, "einzigartig". Alle seien wahnsinnig professionell. Aber sie arbeiteten auch wahnsinnig viel, würden ständig telefonieren und seien überall online. In Nimule führt der Weg ins World Wide Web nur über das Internetcafé, die Verbindung ist langsam und kostet eine Menge Geld.

Trotzdem wollen sie in Kontakt bleiben, der Werbetexter aus München und der Reklamezeichner aus Nimule. Der afrikanische Praktikant hat den Kölner Dom gesehen, das Bayern-Triple auf dem Münchner Marienplatz gefeiert und in der BMW-Welt am Steuer eines Mini Cabrio gesessen, fürs Foto. Nur die Alpen hat er noch nicht gesehen, das Wetter war zu schlecht. Er möchte zurückkommen, sagt er: "Ich würde sehr gern im Ausland leben. Am liebsten in Deutschland."

Kulturschock

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Julia Graven (Jahrgang 1972) ist freie Wirtschaftsjournalistin in München.

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Am liebsten in Deutschland leben.
marypastor 18.06.2013
Zitat von sysopServiceplan CampaignIn seiner Heimat entwirft Godfrey Mawadri Firmenschilder, mit Pinsel und Farbe. Eine Münchner Werbeagentur erfüllte ihm seinen größten Wunsch: mit anderen Kreativen arbeiten. Aufzugfahrten, Mittagessen, Bayern-Feiern - für den jungen Afrikaner ist alles ein Abenteuer. http://www.spiegel.de/karriere/ausland/kulturschock-in-deutschland-ein-suedsudanese-in-muenchen-a-905310.html
Das wollen sie alle. Ist aber nicht der Sinn der Sache. In Deutschland gibt es Tausende gute Graphik-Designer. Im Suedsudan nicht. Es ist daher wichtig, dass er dorthin zurueckkehrt und bei Aufbau des Landes hilft.
2.
Ponce 18.06.2013
War ja klar, dass gleich als erstes so ein Kommentar kommt.
3.
Alm Öhi 18.06.2013
Aus dem ersten Eintrag ist eindeutig zu ersehen das wir viel mehr Einwanderung benoetigen um den latenten Rassimus aus Deutschland zu verbannen.
4. Wie infantiel
Mein_wille 18.06.2013
Zitat von marypastorDas wollen sie alle. Ist aber nicht der Sinn der Sache. In Deutschland gibt es Tausende gute Graphik-Designer. Im Suedsudan nicht. Es ist daher wichtig, dass er dorthin zurueckkehrt und bei Aufbau des Landes hilft.
Ich möchte auf Ihren Post im Jahr 2010 hinweisen... dort schrieben Sie: 2247. Ja, was wollen die Leute denn ? marypastor 30.08.2010 [Zitat von sysopanzeigen...] "Meine ERrfahrungen mit der Bahn sind gut. Aber scheinbar versuchen jetzt Politiker, sich an dem Problem hochzuangeln. Das Kuehlsystem der Bahn ist auf "normale" Tempaturen in unseren Breitengraden ausgelegt. Auf extreme, die vielleicht alle 100 Jahre mal vorkommen, eben nicht. Was soll jetzt der ganze Zirkus ?" Heute also wieder? Das kann nach Ihrer logik nicht sein. Oder war das heute ein Jahrtausendtag? Den Jahrhundertsommer hatten wir ja nach Ihrer Aussage schon. (Was war Sommer 2003?) Und zum aktuellen Thema, lassen Sie ihn doch zurrück kommen. Gute Leute können wir immer gebrauchen.
5. Was wollte uns der Artikel nochmal sagen
blackpride 18.06.2013
abgesehen davon, dass einem Afrikaner in Deutschland alles so wunderbar und toll vorkommen muss. Wie auch anders, wenn man aus einem Land kommt in dem das Pro-Kopf-BIP kaum für eine ordentliche Wohnung in München reicht, man einen Brei aus Getreide, Bohnen und getrocknetem Fisch isst (und zwar jeden Tag) und Papa einen haut, wenn man malt. Dagegen die Wunder der Zivilisation in Deutschland. Man kann sich fast ausmalen, wie der kleine Afrikaner mit offenem Mund staunend durch München geht, wo alles so gut funktioniert und alles durchgeplant ist, wo sich Afrikaner täglich wundern, wie gut alles organisiert ist in Deutschland. Wow!!! Das kann schonmal überwältigen, der Kleine kann ja noch nicht einmal alleine Fahrstuhl fahren. Sollte das der Tenor des Artikels sein: Afrika total doof, Afrikaner n bischen beschränkt und in Deutschland alles so spitze, da kriegen Afrikaner große Augen?
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