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Kulturschock in Finnland Der Tonangeber von Helsinki

Kulturschock in Finnland: Als Dirigent in Helsinki Fotos
Ralf Kircher

Klassik ist den Finnen fast genauso lieb wie der tägliche Saunagang. Das gefällt Ralf Kircher, 43: Er arbeitet als Dirigent in Helsinki. Weniger Freude hat er an der Gemütlichkeit unter Musikern. Auch die finsteren Wintermonate machten ihm zu schaffen - doch er fand ein eiskaltes Mittel gegen die Tristesse.

"In meiner Familie musste jeder ein Instrument lernen. Meine Eltern waren selbst sehr musikalisch: Sie waren in den örtlichen Gesangsvereinen engagiert, mein Vater spielte Geige und meine Mutter Klavier. Einmal im Monat sind wir in die Stadt zu einem 'richtigen' Konzert gefahren - meine Kindheit und Jugend in Kärnten war von Musik geprägt.

Am Ende meiner Schulzeit war ich noch unentschlossen, ob ich die Naturwissenschaften weiter verfolgen sollte, oder die Musik. Ich meldete mich an der Musikhochschule Wien für die Aufnahmeprüfung an - und ließ das Schicksal entscheiden. Nachdem ich am Klavier vorgespielt, vom Blatt gesungen, Fugen geschrieben, vordirigiert und gewusst hatte, wie viele Sinfonien von Felix Mendelssohn stammen, war mein weiterer Weg entschieden: Ich wurde aufgenommen.

Nach meinem Abschluss lebte ich einige Jahre lang in Wien, schließlich ging ich 1998 nach Helsinki: Ich erhielt die Möglichkeit, unter Leif Segerstam das Dirigieren zu studieren.

2001 machte ich mein Diplom, seither arbeite ich in Helsinki als freischaffender Dirigent. Engagiert werde ich von Orchestern und Opernhäusern vor allem in Finnland und in den anderen skandinavischen Ländern. Manchmal führt mich meine Arbeit auch in meine Heimat Österreich, und oft gastiere ich in Sarajevo.

Diskutiert wird gerne, um eine Lösung geht es selten

Klassische Musik hat in Finnland einen hohen Stellenwert. Hier leben zwar nur rund 5,3 Millionen Menschen, dafür gibt es eine wahre Masse an Konzerten und Festivals. Und die finden im Sommer vor allem auf dem Land statt: Dann spielt sich das Leben nämlich dort ab, viele Stadtbewohner besitzen ein Haus in der Natur. Auf Kultur wollen sie auch dort nicht verzichten.

Für einen Musiker ist das Leben hier eigentlich vergleichweise entspannt: In Wien habe ich viel öfter geprobt, hier, in diesem kleinen Land, gibt es rund 20 professionelle Orchester, die brauchen dann nicht so häufig zu spielen. Wenn man es also gemütlich haben will, ist man hier richtig. Ich habe es allerdings nicht so gern gemütlich, und das wird einmal Grund genug sein, das Land wieder zu verlassen.

Die Mentalität der Musiker ist in Finnland recht speziell: In Wien war der Austausch untereinander intensiv, stets waren mindestens drei Kollegen zur Stelle, die besser wussten, wie ein Einsatz gespielt werden sollte. Hier konzentriert sich jeder in erster Linie auf seinen Part und lässt den anderen in Ruhe. In meiner Arbeit mit den Orchestern dränge ich immer darauf, dass wir uns gegenseitig korrigieren und helfen.

Insgesamt aber diskutieren die Finnen im Beruf viel und gerne. Nur geht es dabei oft nicht darum, eine Lösung zu finden, sondern dass jeder einmal zu Wort kommt. Das ist natürlich sehr demokratisch, bringt die Sache aber meist nicht weiter.

Verträge werden schon mal in der Sauna geschlossen

Privat treffen sich die Finnen vor allem in kleinem Kreis, am liebsten mit der Verwandtschaft. Meine Frau, die Finnin ist, war anfangs ganz überrascht, als ich immer wieder zu Kollegen nach Hause eingeladen wurde. Das ist nicht so üblich.

Wenn man sich trifft, ist eines beinahe Pflicht: Der Gang in die Sauna. So gut wie jeder Finne hat eine Sauna im Haus. In großen Mietshäusern sind meist im Keller Saunaräume, jeder hat dann bestimmte Zeiten, zu denen er rein kann. Es ist auch kein Gerücht, dass Unternehmer hier Verträge schon mal in der Sauna schließen. Übrigens bleiben die Geschlechter streng unter sich: Gemischte Saunarunden gibt es nur innerhalb von Familien.

Zum großen Leidwesen unserer siebenjährigen Tochter habe ich die Sauna in unserem Haus zum Abstellraum umfunktioniert - wir brauchten den Platz. Zumindest unsere Bekannten haben sich daran mittlerweile gewöhnt.

Die meisten Menschen, mit denen ich hier Freizeit verbringe, sind ohnehin Deutsche oder Österreicher. Die haben alle möglichen Berufe, viele habe ich durch die Botschaft kennengelernt, die etwa zu Weihnachten immer etwas veranstaltet.

Im Winter ist es hier schrecklich finster. Das erste Mal fand ich die Finsternis noch interessant - aber es wird immer mühsamer. Schon ab drei Uhr Nachmittags wird es dunkel. Wenn das Meer vor der Küste noch nicht zugefroren ist, kommt noch Nebel hinzu.

Mit dem Auto übers Meer

Ab Mitte Januar hat man dann das Schlimmste hinter sich: das Meer friert zu, und die Menschen strömen zu Scharen hinaus auf die riesigen Eisflächen. Da werden Spazierwege ausgetreten, Langlaufspuren gezogen, ja man legt sogar richtige Straßen an. Auf denen kann man mit dem Auto zu den umliegenden Inseln fahren, um beispielsweise überfällige Reparaturen an den Sommerhäusern vorzunehmen.

Noch fantastischer ist das Frühjahr: Schon am ersten warmen Tag sind die Cafés voll, die Leuten lachen und sind von einem Tag auf den anderen wie ausgetauscht.

Was ich aber am Winter zu schätzen gelernt habe, ist ein Volkssport der Finnen: das Eisschwimmen. Ich bin sogar in einen Verein eingetreten und habe es nach einigen Wochen üben geschafft, zehn Sekunden im Wasser zu sein. Das ist nichts gegen die Profis: Wenn die alljährlich ihre Weltmeisterschaft austragen, schwimmen sie in dem eiskalten Wasser 50 Meter hin und zurück.

Ein Freund erklärte mir mal, dass durch das kalte Wasser ein Schock ausgelöst wird, der so heftig ist, dass alle sonstigen Probleme zumindest kurzzeitig verdrängt werden. In einem finsteren Winter ist das natürlich eine willkommene Abwechslung.

Nach zwölf Jahren in dieser Gegend denke ich doch, dass es über kurz oder lang Zeit wird, die Zelte anderswo aufzuschlagen. Mein ehemaliger Lehrer an der Sibelius-Akademie, Leif Segerstam, hat einmal gesagt, Dekadenz sei ein Gespenst des Kontinents, denn alles Frische komme vom Norden. Ich kann da nur sagen: Ich fühle mich jetzt langsam frisch genug, um wieder mal auf Gespensterjagd zu gehen."


Aufgezeichnet von Birger Menke

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Kulturschock

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Fläche: 338.441 km²

Bevölkerung: 5,401 Mio.

Hauptstadt: Helsinki

Staatsoberhaupt:
Sauli Niinistö

Regierungschef:
Jyrki Katainen

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Serie "Kulturschock"
Wer im Ausland arbeitet, erst recht in exotischen Ländern, erlebt oft einen Kulturschock - und erwischt spielend die Fettnäpfe, im Berufsleben wie in der Freizeit. Was haben Sie in fernen Ländern erlebt? Schicken Sie eine E-Mail an kulturschock@spiegel.de

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