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Kulturschock in Shanghai Vom Bastelonkel zum Kindergarten-Erfinder

Schuhebinden in Shanghai: Als Kindergärtner an der Deutschen Schule Fotos
Saskia Aleythe

In Deutschland wurde er belächelt: Vor fast drei Jahren zog es Erzieher Martin Plewa von Dresden nach Shanghai. Ohne Auslandserfahrung und Chinesisch-Kenntnisse trat er seinen Job im Kindergarten der Deutschen Schule an. Und blieb, trotz Waschküchen-Klima und chaotischer Taxifahrten.

"China war für mich eigentlich ein Land, das mich überhaupt nicht interessiert hat. In Deutschland hatte ich bereits zwei Jahre als Erzieher in einem Kindergarten in Dresden gearbeitet und musste mir im August 2008 einen neuen Job suchen. Da habe ich mich dann gezielt nach Stellen im nichteuropäischen Ausland umgeguckt, obwohl ich bis dahin lediglich ein paar Reisen innerhalb Europas unternommen hatte.

Dass ich dann nach China gegangen bin, hat sich einfach so ergeben. Ich habe gedacht: Finde doch mal heraus, warum dich das nicht interessiert und was an deinen Vorurteilen dran ist.

Die Stelle von der Deutschen Schule in Shanghai war im Oktober in der Zeitung, besondere Fremdsprachenkenntnisse wurden nicht verlangt. Sonst hätte ich mich wohl auch nicht beworben: Ich bin sehr schlecht in Fremdsprachen. Zwei Wochen später hatte ich schon ein Gespräch mit dem Schulleiter und sofort eine Zusage.

In Deutschland als Kindergärtner zu arbeiten, hat keinen guten Ruf. Bei vielen ist noch die Vorstellung von irgendwelchen Basteltanten im Hinterkopf. In China ist der Beruf viel angesehener. Für sie ist das die Grundlage - und das stimmt ja auch. Und wenn man dann noch sagt, dass man aus Deutschland kommt, wo der Kindergarten erfunden wurde, sind sie völlig beeindruckt.

Den Kindern Heimat mitgeben

In Dresden habe ich kaum mehr als 1000 Euro netto verdient, hier in Shanghai sind es 2700 Euro. Zusätzlich wird die Miete bis zu einem bestimmten Betrag von der Schule übernommen und für die Krankenversicherung gibt es Zuschüsse. Das Geld hat bei meiner Entscheidung aber überhaupt keine Rolle gespielt.

Zusammen mit einer Kollegin bekomme ich jedes Jahr eine neue Gruppe mit fünf- bis sechsjährigen Kindern, in der Regel 20. Wir versuchen, deutsche und chinesische Traditionen zu vermitteln. Man muss den Kindern ja auch ein bisschen Heimat mitgeben. Viele kennen Deutschland nur von Bildern oder aus dem Urlaub.

Die Sprachentwicklung ist besonders wichtig. Nicht alle Kinder sind deutsch oder chinesisch, wir haben auch Kinder mit englisch-spanischer oder spanisch-russischer Herkunft. Die Kinder sind aber in Deutschland geboren, sodass die Familiensprache Deutsch ist. Wenn eine Familie wieder nach Deutschland geht, soll der Schulwechsel in Bezug auf die Sprache für das Kind problemlos sein. Deshalb entsprechen die Lehrpläne denen deutscher Bundesländer.

Die Taxifahrer haben nicht mal "Stopp" verstanden

Die Elternarbeit hier ist eine Herausforderung. Die Mütter sind meistens nicht berufstätig, den Haushalt erledigt eine Reinigungskraft. Da ist dann also viel Energie, die die Mütter zum Wohle des Kindes in den Kindergarten einfließen lassen wollen. Das kann manchmal problematisch sein.

Wenn ich gewusst hätte, was in China alles auf mich zukommt, hätte ich es mir wahrscheinlich nicht zugetraut. Einen Kulturschock gab es für mich aber nicht. Ich bin ins vermeintlich kalte Wasser gesprungen, habe gemerkt, dass es doch nur lauwarm ist, und bin dringeblieben.

Anfangs ist man sehr euphorisch. Alles ist laut und bunt. Es war sehr warm und hat ständig geregnet, das war wie in der Waschküche. Der ganze Organisationskram war anstrengend und auch die Kultur hier, das fängt schon bei der Wohnungssuche an. Das Taxifahren war anfangs schrecklich, die Fahrer haben nicht einmal "Stopp" verstanden. Innerhalb eines Jahres hat sich Shanghai aber sehr stark gewandelt, durch die Expo 2010. Plötzlich bekamen die Taxifahrer auch Uniformen und konnten ein paar Brocken Englisch.

Ich mühe mich redlich, aber die chinesische Sprache ist schon ein Problem. Ein Mal pro Woche besuche ich einen Sprachkurs. So ein Taxi-, Essen- und Kinderchinesisch kriege ich hin, aber keine großartige Konversation.

Ellenbogen raus und durch in der U-Bahn

Die Freunde in Deutschland vermisse ich natürlich. Durch die starke Zeitverschiebung von sieben Stunden schlafen Kontakte ein, egal wie sehr man sich bemüht. Es war für mich aber sehr einfach, mit Chinesen in Kontakt zu kommen. Ich hatte sehr schnell einen chinesischen Freundeskreis, das hat sich zufällig über Kollegen und eine Fotogruppe ergeben.

Wenn man Chinesen näher kennenlernt, sind sie sehr freundlich und hilfsbereit. Fremd und in der Masse geht es aber teilweise sehr rücksichtslos zu. Man könnte da fast von Schwarm-Idiotie sprechen, zum Beispiel beim Fahrstuhl- und U-Bahn-Verhalten. Ellenbogen raus und durch heißt es dann. Ansonsten haben die Chinesen Dinge wie Privatsphäre oder Persönlichkeitsrecht nicht im Bewusstsein verankert. Sie legen beispielsweise gar keinen Wert drauf, ob du ihre E-Mails lesen kannst. Oder sie rennen auf dich zu, machen ein Foto und verschwinden wieder.

Eine wertvolle Erfahrung war zu sehen, wie China funktioniert und wie gut hingegen die Lebensbedingungen in Deutschland sind. Dass eine medizinische Grundversorgung selbstverständlich ist und man weitestgehend gratis eine ordentliche Bildung bekommt. In China funktioniert die medizinische Versorgung nur mit Geld. Auch die politische Freiheit, die man in Deutschland hat, schätze ich nun mehr. Wenn einem in Deutschland etwas nicht passt, dann kann man das jedem erzählen und etwas lostreten, wenn man das will. Das ist hier ja undenkbar.

Ich werde noch einmal einen Vertrag bis Sommer 2013 unterschreiben und danach wohl wieder nach Deutschland zurückgehen, weil mir die Erfahrung hier dann reicht. Ich könnte mir vorstellen, dass ich nach ein oder zwei Jahren Arbeit in der Heimat vielleicht noch einmal so etwas mache. Aber das ist alles Zukunftsmusik."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Saskia Aleythe

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