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Kulturschock Schweiz "Mach das mal speditiv"

Deutscher in Basel: "Ich will nicht so bald dislozieren" Fotos
Steve Przybilla

Schwyzerdütsch ist wie Deutsch plus Akzent - dachte Markus Renner. Dann zog er nach Basel und war überrascht, dass er eine Fremdsprache lernen muss. Manche Fehler macht er, weil die Schweizer so höflich sind.

"Wenn ich in Deutschland erzähle, dass ich in Basel arbeite, ist das für die meisten nichts Besonderes. Ich könnte genauso gut von Hamburg oder Berlin sprechen - ist doch fast das Gleiche, schließlich wird ja auch Deutsch gesprochen. Und ich muss zugeben: Als ich 2004 mit meiner Frau und meinem Sohn von Köln in die Schweiz gezogen bin, habe ich auch so gedacht. Dass das ein ganz anderes Land mit einer ganz anderen Sprache ist, habe ich total unterschätzt.

Am Anfang sind mir die Unterschiede kaum aufgefallen. Beim Pharmakonzern Novartis, bei dem ich die ersten vier Jahre als Leiter der globalen Markenführung gearbeitet habe, ist die Belegschaft so international, dass fast nur Englisch gesprochen wird. Nach Feierabend wurde es natürlich schwieriger. Mein Nachbar sprach mit mir übers Zügeln und Dislozieren. Ich habe erst mal nur Bahnhof verstanden, dabei sind das die gebräuchlichsten Begriffe fürs Umziehen. Nachzufragen wäre mir aber unangenehm gewesen, also habe ich hinterher ins Wörterbuch geschaut.

Am Anfang war es nicht leicht. Schwyzerdütsch ist kein deutscher Dialekt, wie Deutsche oft glauben, sondern eine Sprache mit eigenen Vokabeln und eigenen Regeln. Die Schweizer sind sehr zuvorkommend, viel höflicher als die Deutschen. Sie haben sofort mit mir Hochdeutsch gesprochen. Für Schweizer ist das vergleichbar mit einer Fremdsprache.

Mit Anke auf dem Töff

Umgekehrt wusste ich mit vielen Begriffen nichts anzufangen. Als die Kollegen in der Kantine vom Abwart sprachen, dachte ich an Fußball. In Wahrheit ging es um den Hausmeister. Ein anderes Mal war jemand über viel zu viel Stutz empört: Geld im Sinne von Kohle oder Knete.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Wenn Sie in der Schweiz gefragt werden, ob Sie betrieben werden, sagen Sie besser nicht Ja. Denn das heißt, dass Sie Schulden haben, das Thema kommt beim ersten Bankbesuch zur Sprache. Auch für Alltagsgegenstände gibt es oft andere Bezeichnungen als im Hochdeutschen: Töff für Motorrad, Anke für Butter, Leidzirkular für eine Traueranzeige.

Mit der Zeit klappt es natürlich besser. Inzwischen reden die Leute Schweizerdeutsch mit mir. Ich antworte immer auf Hochdeutsch, schon aus Höflichkeit. Ich würde mir nie anmaßen so zu tun, als könnte ich Schwyzerdütsch.

Wahrscheinlich mache ich immer noch ständig Fehler. Die Schweizer sind einfach zu höflich, um mich zu verbessern. Mein Sohn, der bei unserem Umzug gerade einmal sechs Monate war, spricht wie ein Einheimischer. Wenn er mit seinen Freunden loslegt, muss ich zweimal hinhören. 'Papa, du verstehst mich doch eh nicht', sagt er dann.

Zackzack? Besser, man formuliert es als Frage

Neben dem reinen Vokabular gibt es auch kulturelle Unterschiede. In der Schweiz ist man zurückhaltender, mehr auf Ausgleich bedacht. Wenn im Job etwas schiefläuft, geht es nicht in erster Stelle darum, den Schuldigen zu präsentieren, sondern im Team eine Lösung zu finden. Man redet weniger Tacheles. Das typisch deutsche Zackzack, die forsche und direkte Art, kann sehr unhöflich und befremdlich auf Schweizer wirken.

Auch ich musste lernen, mich zurückzuhalten. Wenn ein Schweizer sagt: 'Ich bin mir nicht sicher', kann man davon ausgehen, dass er massive Zweifel hat. Ich rede nun öfter im Konjunktiv: könnte, würde, sollte. Statt 'Wir machen das jetzt so' ist es oft besser, eine Frage zu stellen: 'Wie wäre es…?'

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Kleiner Grenzverkehr: SPIEGEL ONLINE schickt Sie ins alpine Basis- und Höhenlager. Man spricht Dütsch: Von Cüpli über Zeltli bis zum Gipfeli - ein Sprachtest mit 13 Helvetismen, die nicht jeder versteht.
Ich bin mir bewusst, dass ich hier der Einwanderer bin und mich entsprechend anpassen muss. Ablehnung oder gar Deutschen-Feindlichkeit habe ich nie erlebt; es kommt immer darauf an, wie man sich selbst verhält.

Manchmal kommt der Deutsche trotzdem noch in mir durch: Wenn's an der Kasse nicht schnell genug geht, beschwere ich mich schon mal - typisch Deutsch. Ein Schweizer würde so etwas Barsches nie tun.

Wir sollten das Projekt sistieren

Seit 2008 bin ich Mitinhaber einer Schweizer Unternehmensberatung für Marken- und Reputationsmanagement, wodurch ich verstärkt mit eidgenössischen Kunden zu tun habe. Wenn ich mit ihnen spreche, baue ich inzwischen automatisch Schweizer Begriffe ins Gespräch ein. Das passiert mir sogar in Deutschland. Ab und zu sage ich: 'Wir sollten das Projekt sistieren' (auf Eis legen) oder rufe einem Freund zu: 'Mach das mal speditiv!' (schnell). Klar, dass die Leute da erst mal stutzen.

Auch mir geht es manchmal noch heute so. Der Basler Dialekt ist mir mittlerweile vertraut, aber wenn jemand in breitem Bern-Deutsch etwas erzählt, muss ich immer noch bestimmte Wörter nachschlagen. Das finde ich gar nicht schlimm, nur so lernt man schließlich eine andere Sprache.

Ich fühle mich wohl in der Schweiz und werde mit meiner Familie wohl länger hier bleiben, vielleicht für immer. Wenn mich mein Nachbar heute fragen würde, ob ich bald wieder disloziere, wäre die Antwort klar: 'Vom Zügeln habe ich erst mal genug.'"

Protokolliert von Steve Przybilla

Kulturschock

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 211 Beiträge
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    Seite 1    
1. Vielen Dank, Herr Renner!
riedlinger 01.05.2015
Ich habe ja so gelacht! Zog vorletztes Jahr von London in die Schweiz (Luzern) und habe mich in dem wunderbaren Renner-Text sofort wiedergefunden. Manche Deutsche in der Schweiz meinen zu erkennen, dass die Schweizer reserviert seien, aber das ist nicht richtig. Richtig ist, dass man als Deutscher zunächst ganz aus Versehen in Fettnäpfchen tappen kann, von deren Existenz man in Deutschland nicht zu träumen wagte! Aber mit der Zeit gibt sich das. Danke, Herr Renner!
2.
Seraphan 01.05.2015
Vom Nachschlagen lernt man keine Sprache, sondern vom Sprechen. "Ich spreche kein Schwyzerdütsch, weil ich mir nicht anmaßen möchte, so zu tun als könnte ich es." So einen Quatsch habe ich noch nie gehört. Einheimische sind immer glücklicher, wenn sie die Bemühung spüren, deren Sprache sprechen zu wollen. Ich nehme an, er spricht kein natives Englisch, maßt sich dennoch an, es zu sprechen. Wo ist der Unterschied?
3. Die Botschaft hör ich wohl
rickmarten 01.05.2015
In der deutschsprachigen Schweiz will man oft der bessere, effektivere Deutsche sein. In der Westschweiz sieht man viele Dinge lockerer. Aber insgesamt ist es eine kalte und glatte Gesellschaft. Vieles hängt von der konkreten Arbeits- und Wohnumgebung ab. Wie sagte ein deutscher Schriftsteller einst Es ist schön, in der Schweiz geboren zu werden; es ist schön, in der Schweiz zu sterben. Aber was macht man dazwischen?
4. Ständerlampe
pr8kerl 01.05.2015
Wenn eine Frau erzählt, dass sie eine Ständerlampe sucht, werden Sie bitte nicht anzüglich. Es geht nur um eine Stehlampe. Und eine Stange ist eine Maßeinheit für ein Bier. Wenn Sie mit dem Auto zu schnell fahren werden Sie gebüsst (bei uns büßen Sie für Ihr Delikt) und das übrigens nicht zu knapp in der Schweiz. 14 km/h zu schnell kosten 250 Franken = 240 Euro. In Österreich bekommen Sie bei so einem Vergehen übrigens ein Organmandat, wobei Sie sich nicht das Organ des Polizisten aussuchen können. Das schlimmste Fettnäpfchen, in das Deutsche in der Schweiz treten können, ist übrigens, mit Überheblichkeit und Rechthaberei aufzutreten.
5. Er wird sich das gut überlegt haben.
postit2012 01.05.2015
Zitat von SeraphanVom Nachschlagen lernt man keine Sprache, sondern vom Sprechen. "Ich spreche kein Schwyzerdütsch, weil ich mir nicht anmaßen möchte, so zu tun als könnte ich es." So einen Quatsch habe ich noch nie gehört. Einheimische sind immer glücklicher, wenn sie die Bemühung spüren, deren Sprache sprechen zu wollen. Ich nehme an, er spricht kein natives Englisch, maßt sich dennoch an, es zu sprechen. Wo ist der Unterschied?
"Schwyzerdüütsch" kann man erst dann, wenn man den Unterschied zwischen Zürich und Basel (besser noch zwischen Basel und Kleinbasel) aus einem Nebensatz heraushört und darauf richtig reagiert... Wer nur so tut als ob, macht sich einfach lächerlich oder setzt sich dem Verdacht des Anschleimens aus. Beides wäre unangemessen. "Standarddeutsch" hat den großen Vorteil, dass es praktisch von jedem Dialektsprecher verstanden wird.
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Wer im Ausland arbeitet, erst recht in exotischen Ländern, erlebt oft einen Kulturschock - und erwischt spielend die Fettnäpfe, im Berufsleben wie in der Freizeit. Was haben Sie in fernen Ländern erlebt? Schicken Sie eine E-Mail an kulturschock@spiegel.de

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