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Kulturschock in China Im Gleichschritt über den Campus

Kulturschock: Als Deutschlehrer in China Fotos
Martin Linkohr

Leise reden, dann überhört der Lehrer alle Fehler! Das hofften chinesische Studenten, denen Martin Linkohr Deutsch beibrachte. Was er in der Millionenstadt Hefei lernte: dass Studenten an der Uni marschieren üben und manche einen Diktator namens "Schitteler" bewundern.

"Als Deutscher muss man im Ausland ja immer damit rechnen, auf unsere Vergangenheit angesprochen zu werden. Gleich in meiner ersten Unterrichtsstunde in Hefei meldete sich eine Studentin und sagte: 'Ich bewundere Herrn Schitteler, er war ein sehr mächtiger Mann!'

Herr Schitteler?

Ich habe einen Moment gebraucht, bis ich verstanden habe, dass sie Adolf Hitler meinte. Und schon stand ich vor dem Spagat, einerseits die Verherrlichung des Diktators nicht einfach so im Raum stehen lassen zu können, andererseits wollte ich der Studentin keinen Gesichtsverlust vor ihren Kommilitonen zufügen. Daher stimmte ich ihr zunächst zu, dass Hitler sehr wohl ein mächtiger Mann gewesen sei, dass er seine Macht aber leider auch für furchtbare Dinge missbraucht habe.

Mit einem wahrscheinlich auf viel Unwissenheit beruhenden Hitler-Kult wurde ich in China noch häufiger konfrontiert. Ich bin Lehrer für Deutsch als Fremdsprache. Insgesamt ein Jahr lang habe ich chinesischen Studenten Deutsch beigebracht. Mit ihren Sprachkenntnissen sollen sie ab Anfang nächsten Jahres ein Logistikstudium bewältigen, das in großen Teilen auf Deutsch unterrichtet wird. Der Bachelor-Studiengang heißt 'LOGinCHINA', ein Kooperationsprogramm der Hochschule Osnabrück und ihrer Partner-Universität in Hefei.

Hefei hat fünf Millionen Einwohner, aus deutscher Sicht riesig, für chinesische Verhältnisse eher klein. Die Stadt wächst und bietet grundsätzlich auch die Vorzüge einer Millionenstadt, aber noch ist hier vieles nicht selbstverständlich.

Der Lehrer, eine Respektsperson

Zum Beispiel Ausländer. Als ich zusammen mit Kollegen in den ersten Tagen auf dem Campus unterwegs war, wurden wir von Dutzenden chinesischen Studenten umringt, die uns mit ihren Handys filmten und fotografierten. Im Gegenzug haben wir sie gefilmt. Das Video wirkt ein wenig bizarr, denn die Chinesen tragen alle Armeekleidung.

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Kulturschock: Arbeiten in fremden Welten
Im ersten Semester müssen alle Studenten an einem einmonatigen Militärdienst teilnehmen und auf dem Uni-Gelände das Marschieren im Gleichschritt einüben. Da kann es schon mal vorkommen, dass während des Unterrichts eine Einheit draußen am Klassenraum vorbeimarschiert. Meine Studenten waren aufgrund einer Sondergenehmigung von den Militärübungen freigestellt. Vermutlich waren aber nicht alle darüber glücklich - schließlich mussten sie stattdessen die ganze Zeit in einem stickigen Seminarraum sitzen.

Gemeinhin denkt man ja, Japaner und Chinesen wären grundsätzlich vom Arbeitseifer besessen. Als meine Studenten schon 20 Minuten vor Unterrichtsbeginn auf ihren Plätzen saßen und im Deutschbuch gelesen haben, dachte ich das auch. Ein paar Wochen später wurde mir aber klar, dass es sich dabei um ein zeitlich begrenztes Phänomen handelte - so wie in Deutschland auch. Bald trudelten viele meiner Studenten erst mit dem Klingelzeichen ein, Teigtaschen kauend und Sojamilch schlürfend.

Für mich war es vor allem eine Herausforderung, ihnen klarzumachen, dass sie nur für sich selbst lernen. Vor diesem Problem stehen Lehrer und Dozenten auch in Deutschland, aber in China hat es ein ganz anderes Ausmaß. Der Lehrer ist hier eine so große Respekts- und Vertrauensperson, dass die Studenten oft total unselbständig und unsicher sind.

Studentenmotto: Bloß nicht auffallen

Einmal haben zwei Studentinnen eine hervorragende Präsentation gehalten, für die ich sie sehr gelobt habe. Trotzdem baten sie mich darum, das Referat noch einmal zu überarbeiten, weil sie nur Stichpunkte verwendet hatten - und keine ausformulierten Sätze. Ich habe ihnen gesagt, genau so sei es doch richtig. Das Referat war super, und sie könnten ruhig mal stolz auf ihre Leistung sein!

Das Gefühl, nicht gut genug zu sein, und die Angst davor, Fehler zu machen - das hat den Unterricht in China manchmal erschwert. Am Anfang haben meine Studenten so leise geredet, dass ich sie kaum verstehen konnte. Und genau das wollten sie auch. Denn wenn der Lehrer sie nicht richtig versteht, bekommt er auch ihre Fehler nicht mit.

Selbst auf einfache Fragen hat sich oft niemand gemeldet - obwohl die meisten die Antwort wussten. Es kostete sie offenbar eine wahnsinnige Überwindung, sich zu Wort zu melden. Das Motto: bloß nicht auffallen. Wenn es darum ging, bei Grammatik- oder Wortschatzübungen Lückentexte auszufüllen oder Modelldialoge aus dem Lehrbuch zu verwenden, klappte das super. Sollten aber Dialoge geübt und eigene Sätze formuliert werden, hielt sich die Begeisterung in Grenzen.

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Architekt in China: Graue Suppe vor dem Bürofenster
Schwierig gestaltete sich der Unterricht vor allem im Winter bei Außentemperaturen von knapp über null Grad. Hefei liegt im Süden Chinas - und dort gibt es keine installierten Heizungen. Deshalb saßen die Studenten in dicken Winterjacken und mit Wärmflaschen vor mir. So gemütlich eingepackt, nickten manche auch mal ein. Im Unterricht habe ich das nicht durchgehen lassen, in den Pausen schon. Schlafen gehört in China als Ergebnis harter Arbeit einfach zum Tagesablauf.

Ein Häschen im Klassenzimmer

Wirklich überrascht war ich, als einmal ein Hase durch den Klassenraum hoppelte. Ein Student hatte einfach sein Haustier mitgebracht, samt Möhre und Grünzeug; ein anderes Mal war es eine Katze. Besonders anstrengend waren Geburtstage: Alle setzen sich Partyhüte auf und schmissen mit Sahnetorte um sich. Einmal ließ sich die Plastikblume mit der Happy-Birthday-Melodie gar nicht mehr abstellen. Damit der Unterricht nicht ganz ausfällt, habe ich die Geburtstagszeremonie immer ans Ende der Stunde gelegt.

Viel Geld verdient man aus deutscher Sicht in China nicht. Für mich gab es nur 500 Euro im Monat. Aber die Lebenshaltungskosten in Hefei waren ehr niedrig, ich bin mit dem Geld gut ausgekommen. Und die vielen Erfahrungen sind ohnehin unbezahlbar. Ich bin jeden Tag mit guter Laune zum Unterricht gegangen. Die Menschen waren ungeheuer freundlich, es gab nie Ärger.

Obwohl ich erst seit ein paar Wochen aus China zurück bin, vermisse ich schon jetzt die vielen kleinen Restaurants und Garküchen rund um den Uni-Campus. Das Essen war wirklich hervorragend.

Allerdings ist vielleicht auch mal ein Haustier dabei gewesen: Jemand hat meinem Kollegen und mir erzählt, dass das Lamm auf den würzigen Spießen bei unserem Lieblingsimbiss auch Katze gewesen sein könnte. Nun ja, wenn es wirklich Katze gewesen ist, dann war sie zumindest ziemlich lecker."

Kulturschock

Aufgezeichnet von Hendrik Steinkuhl

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Nett
mrright82 07.11.2012
Sehr schöner Beitrag. Gefällt mir sehr, bitte mehr davon.
2. Nett
mrright82 07.11.2012
Sehr schöner Beitrag. Gefällt mir sehr, bitte mehr davon.
3. Katze am Spieß?
muttisbester 07.11.2012
Neee, glaube ich nicht - wie groß soll die Katze gewesen sein? So groß wie ein Lamm? Manchmal machen sich die Chinesen auch über Ausländer lustig und veralbern die dann... Katze am Spieß - tztztz
4. optional
radbab 07.11.2012
genauso wie in der schule sind die jungen akademiker dann auch beim ersten job. Da dauert's auch mit der ueberwindung bis endlich jemand fragen stellt und nicht mehr alle so passiv sind. Aber vielleicht wollen chineische bosse (und die partei?) das auch so. Bezahlung ist generell aber nicht schlecht wenn man nicht gerade als sprachlehrer arbeitet. Die bekommen fast alle chinesische loehne, dafuer aber oft auch kost und logis gratis
5. Schitteler
xtbi 07.11.2012
Schitteler wird dort wohl niemand gesagt haben. Viel mehr 希特勒 (Xītèlè), die phonetische Übersetzung von Hitler, die man dann doch ein wenig anders ausspricht...
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Zur Person
  • Martin Linkohr stammt aus Köthen in Sachsen-Anhalt. Er studierte Deutsch als Fremdsprache in Holland, unterrichtete Deutsch bei Eindhoven und dann für ein Jahr an der Universität Hefei im Osten Chinas.
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