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Kurioser Job in Indonesien Von Beruf Mitfahrer

Von Beruf Mitfahrer: Ein Dollar pro Fahrt Fotos
Simone Utler

Wer mitfährt, kriegt Geld vom Fahrer. Diese sonderbare Regelung gilt in Jakarta. Zu Stoßzeiten müssen dort mindestens drei Personen im Auto sitzen, sonst gilt Fahrverbot. Die Vorschrift sollte das Verkehrschaos entschärfen - und gab stattdessen Hunderten einen neuen Job.

Sie sehen aus wie Anhalter, sind aber professionelle Mitfahrer, die sogenannten Jockeys von Jakarta. Hunderte Männer, Frauen und Kinder stehen jeden Werktag am Rand der großen Durchfahrtstraßen der indonesischen Hauptstadt und warten darauf, dass sie mitgenommen werden - damit verdienen sie ihren Lebensunterhalt.

Etwa einen Dollar berechnen Jockeys für die Mitfahrt. Die Fahrer bezahlen diesen Preis, um die vorgeschriebene Personenzahl zu erreichen: Seit 1992 gibt es in Indonesien eine Regelung, wonach während der Stoßzeiten mindestens drei Menschen in einem Wagen sitzen müssen. Die Metropole hat ein gewaltiges Verkehrsproblem. Zu den zehn Millionen Einwohnern kommen während der Woche mehr als eine Million Pendler aus den Außenbezirken, so dass täglich acht Millionen Autos die Straßen verstopfen. Und jeden Tag tauchen auf den Straßen mindestens tausend neue Fahrzeuge auf. Die Drei-Personen-Vorschrift sollte das Chaos entschärfen - und schuf stattdessen einen neuen Beruf.

Der Fahrer zahlt Schmiergeld, der Mitfahrer wird inhaftiert

Jimmy, 22, hebt sich im Getümmel am Straßenrand mit seiner silbernen Brillenfassung und dem blaukarierten Hemd von den Konkurrenten ab. "Chauffeure in BMWs und Mercedes nehmen mich oft mit, weil ich als Freund oder Verwandter ihres Arbeitgebers durchgehe", sagt er. Das minimiere das Risiko, von der Polizei geschnappt zu werden. Autofahrer können für das Mitnehmen von Jockeys mit Geldstrafen von umgerechnet bis zu 83 Euro belegt werden. Manchmal reicht allerdings schon ein Schmiergeld von 16 bis 17 Euro. Werden die Jockeys erwischt, drohen ihnen dagegen Haftstrafen von bis zu zwölf Monaten.

Herlina, 36, wurde zweimal festgenommen, einmal landete sie für sechs Wochen im Gefängnis. "Das war schrecklich. Wir waren zu 18 in einer stickigen Zelle voller Moskitos, und die Toilette stank." Warum sie den Job trotzdem weiter macht? "Ganz einfach, ich muss von etwas leben."

Jimmy kommt für fünf Fahrten täglich auf umgerechnet etwa 5,75 Euro. Das ist nicht schlecht in einem Land, in dem etwa die Hälfte der 240 Millionen Menschen von umgerechnet 1,53 Euro am Tag lebt. Jockeys halten nicht den Daumen raus wie typische Anhalter, sie halten Finger in die Höhe: Einen für einen einzelnen Mitfahrer, zwei für ein Paar, oft eine Mutter mit Baby im Tragetuch.

Für Frauen birgt der Job noch eine andere Gefahr: Sie werden oft sexuell belästigt. Nuraini, 39, arbeitet seit drei Jahren als Jockey, um das magere Einkommen ihres Mannes aufzustocken. "Als ich schwanger war, fragte mich ein Fahrer, ob ich Spaß haben will. Ich fühlte mich unbehaglich und bin schnell ausgestiegen", sagt sie.

Um rechtzeitig zur Rushhour ins Zentrum zu kommen, muss die vierfache Mutter früh aufstehen. Eine Stunde braucht sie aus dem Vorort. Danach kehrt sie nach Hause zurück, um für ihre Kinder zu kochen. Zum Feierabendverkehr steht sie wieder im Zentrum. "Es ist strapaziös", sagt sie. "Das Wetter kann umschlagen von glühender Hitze zu einem schrecklichen Sturm. An manchen Tagen verdiene ich gar nichts, auch wenn ich stundenlang warte."

afp/ric/ogo/vet

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Klasse
tedric 03.06.2012
Haha, ich find's klasse, wie sich die Leute immer wieder sehr erfinderisch sinnlose Gesetze zum eigenen Nutzen auslegen. Zeigt dieses Beispiel doch mal wieder sehr schön, wie strunzdumm Politiker sind, die meinen, mit irgendwelchen Verordnungen etwas zum Besseren zu bewegen. Gut gemeint ist halt nicht gut gemacht. Berufspolitiker abschaffen!
2. Gute Idee!
Why-not? 03.06.2012
Als älteres Semster kann ich mich noch erinnern, wie während der "Ölembargos" in den 70-ern zwischen den Autofahrern eine wunderbare Solidarität entstand: Es gab keinen Sprit bzw. nur zu horrenden Preisen. Da hat man dann am Straßenrand gestand und "schwupps" wurde man mitgenommen. Fahrgemeinschaften bildeten sich zuhauf. Es waren im Ergebnis deutlich weniger Autos auf den Straßen und alle hatten ein gutes Gefühl des Zusammenhalts, sogar bleibende Freundschaften entstanden. Deswegen finde ich das "indonesische Modell" genau richtig. Man könnte vorschreiben, dass zu Stoßzeitgen wenigstens 2 Männlein oder Weiblein in im Auto sitzen. Man könnte auch vorschreiben, dass jeder der in einer Stadt ein Auto zulässt, automatisch eine Jahreskarte für den öffentlichen Nahverkehr mitkaufen muss. Es gibt viele Ideen das stinkende Blech aus den Innenstädten herauszubekommen. Nur wollen muss man es halt.
3. wirklich?
adrianhb 03.06.2012
Zitat von tedricHaha, ich find's klasse, wie sich die Leute immer wieder sehr erfinderisch sinnlose Gesetze zum eigenen Nutzen auslegen. Zeigt dieses Beispiel doch mal wieder sehr schön, wie strunzdumm Politiker sind, die meinen, mit irgendwelchen Verordnungen etwas zum Besseren zu bewegen. Gut gemeint ist halt nicht gut gemacht. Berufspolitiker abschaffen!
Warum sollte das Gesetz sinnlos sein, nur weil es einige umgehen? Hier wird von wenigen tausend Mißbräuchen bei 16 Millionen Fahrten am Tag berichtet. Also 0,1 Prozent ... Das Gesetz dürfte weder sinnlos sein. Noch sind die Leute sonderlich erfinderisch. Nur das übliche Spielchen. Politiker sind strunzdumm? Oder vielleicht Leser hier, die reflexartig Gesetze für sinnlos erklären, weil es zu Umgehungen im Promillebereich kommt?
4.
cpt.obvious 03.06.2012
Zitat von tedricHaha, ich find's klasse, wie sich die Leute immer wieder sehr erfinderisch sinnlose Gesetze zum eigenen Nutzen auslegen. Zeigt dieses Beispiel doch mal wieder sehr schön, wie strunzdumm Politiker sind, die meinen, mit irgendwelchen Verordnungen etwas zum Besseren zu bewegen. Gut gemeint ist halt nicht gut gemacht. Berufspolitiker abschaffen!
Statt das Problem zu beheben und den ÖPNV auszubauen wird das Symptom mit Busgeldern und Haftstrafen belegt. Genau wie unsere lieben Volksvertreter. Wenn was nicht läuft wird's verboten und schon ist das Problem gelöst. Schön wie viele Gemeinsamkeiten die Dritte und die Erste Welt haben. :-)
5. der Irrsinn ist nicht zu stoppen
keksguru 03.06.2012
egal ob mit stupiden Gesetzen oder wie in Rio, da hatten sie mal tageweise wechselnde Fahrverbote für gerade und ungerade Nummernschilder.... aber es hilft nur allzuwenig. Am hilfreichsten ist das New Yorker System, wo Parken so dermaßen teuer ist daß in Manhatten und einigen anderen Vierteln praktisch nur Taxis unterwegs sind, oder wie in Ulan Bator, wo jedes Auto auch ein Taxi ist... für 30 cent/km (kommerzielle Taxis) oder 50 cent/km (Privatleute)
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